Fortsetzung von

Eine kurze Geschichte der Ökonomie (Teil 1)

Zuletzt ist die Legende oder besser das Ammenmärchen von einer angeblichen Tauschwirtschaft in früheren Zeiten bei meinem Interview mit Andreas Bangemann hier auf cashkurs.com zur Sprache gekommen. [1] Die ersten Wissenschaftler, die auf das immer noch bestehende Tauschparadigma in allen bestehenden ökonomischen Theorien hinwiesen, waren hingegen Gunnar Heinsohn und Otto Steiger. In ihrem Werk Eigentum, Zins und Geld: Ungelöste Rätsel der Wirtschaftswissenschaft (1996) [2] konnten sie eindrucksvoll nachweisen, dass es eine Tauschwirtschaft nicht nur über einen längeren Friedenszeitraum, sondern auch aus logischen Gründen niemals gegeben hat. Im Übrigen ist das Wesen des Geldes in seiner Funktion als Vorfinanzierungs-, Zahlungs- und vor allem Schuldtilgungsmittel im Zusammenhang mit dem Eigentumsbegriff zu sehen, was herzlich wenig mit dem Tauschen von Gütern und der geschichtlichen Realität zu tun hat. Auch David Graeber hat diesen Sachverhalt in seinem aktuellen Bestseller Schulden: Die ersten 5000 Jahre aufgegriffen, wobei ich dieses Buch leider noch nicht lesen, sondern nach meinem letzten Artikel aufgrund verschiedener Hinweise nur kurz überfliegen konnte.

Doch lassen Sie uns selbst recherieren und uns auf die Suche begeben nach dem ominösen Land, in dem Menschen täglich oder wöchentlich ihre überschüssigen Waren oder auch Dienstleistungen zum Austausch gegen andere Handelsgüter oder Gefälligkeiten auf den Märkten feilboten. In diesem Zusammenhang ist es auch interessant, dass es laut Wirtschaftswissenschaften schon damals den sogenannten Homo oeconomicus gegeben haben muss, dessen Handeln von Maximierung und größtmöglichen Nutzen aus seiner wirtschaftlichen Tätigkeit geprägt gewesen sein soll.

Dass allein dieses Weltbild des Menschen in der Ökonomie sehr zweifelhaft ist, da die Nutzenmaximierung ausschließlich in einem Mehrwert an Geld, Waren oder Wohlstand gesehen wird, ist schnell widerlegbar. Ein recht berühmter Test, den ich am vergangenen Wochenende selbst mit meiner 9-jährigen Tochter und ihrer gleichaltrigen Freundin durchgeführt habe, belegt, dass der Mensch ein sehr viel komplexeres Wesen ist, als es die Theorie der Wirtschaftswissenschaften überhaupt beschreiben kann. [3]

Zehn Lutscher habe ich der Freundin meiner Tochter angeboten. Vorgabe war, dass sie die Lutscher nur behalten darf, wenn sie egal wie viele der bunten Chupa-Chups mit meiner Tochter teilt, indem sie ihr ein Angebot unterbreitet. Lehnt meine Tochter das Angebot ab, verschwinden die Stielbonbons wieder in meiner Tasche und beide Kinder gehen leer aus. Die Theorie des Homo oeconomicus besagt, dass jedwedes Angebot – also auch ein Lutscher – akzeptiert werden würde, weil damit eine Nutzenmaximierung bei beiden Kindern – auch bei dem, das weniger Lutscher erhält – erzielt würde. Besser den Spatz in der Hand, als die Taube auf dem Dach, denkt man sich in der Wirtschaftswissenschaft.

Doch zeigt dieser Test – probieren sie ihn selbst aus! – immer ähnliche Ergebnisse. Der Gerechtigkeitssinn geistig gesunder und befreundeter Kinder und auch sich bekannten Erwachsenen verbietet aus sozialen Gründen ein anderes Angebot als 50:50. Unter sich fremden Personen wird in der Regel ein 60:40 noch akzeptiert. Bei Angeboten unter 40 Prozent entscheiden sich jedoch die meisten Menschen dafür, die Gier des anderen zu bestrafen, indem sie die als ungerecht empfundene Offerte ablehnen. Und natürlich spielt auch das persönliche Vermögen eine Rolle. Unter Fremden nimmt die Gewinn- und Habsucht mit wachsendem Vermögen zu und damit auch asoziales Verhalten. Dazu ein sehr interessanter Artikel von WELT ONLINE vom 27.02.2012:

Reichtum macht eben doch unmoralisch

Doch widmen wir uns wieder der kurzen Geschichte der Ökonomie. Schaut man zurück in die jüngere Historie, wird man leicht feststellen können, dass sich selbst in schlimmen Nachkriegshungerjahren sehr schnell aus der Not heraus Währungen entwickelt haben, wobei nebenbei bemerkt nur ungerauchte Zigaretten als Geld akzeptiert wurden. Nun könnte man argumentieren, ungerauchte Kippen seien schließlich eine Ware, doch sei bedacht, dass sie in ihrer Aufgabe als Geld zu dienen, ihre Funktion als Glimmstengel verloren. Die Nutzung dieses alternativen, allgemein akzeptierten Notgeldes in seiner ursprünglichen Funktion als Sargnagel also nachweislich zu einem kleinen, bedeutungs- und völlig wertlosen Aschehaufen führte. Wer rauchte, verbrannte Geld und sorgte für Deflation in einem Wirtschaftssystem, in dem nicht nur großer Mangel an Zahlungsmitteln herrschte.

Geht man zurück in die Kolonialzeit, die vom Ende des 15. Jahrhunderts bis 1945 dauerte, wurde von den Eroberern und Unterwerfern niemals ein Land entdeckt, in dem die Bewohner Waren gegen Waren auf Märkten tauschten. Stammesgesellschaften in Afrika und die Indianer Nord- und Südamerikas jagten gemeinsam oder betrieben Ackerbau, wobei nicht der persönliche Gewinn oder eine Ausweitung des eigenen Wohlstands Ziel des Handelns war, sondern das Wohl der Gemeinschaft. Natürlich bedeutet das nicht, dass niemals zwischen verschiedenen Stammesgesellschaften Ware gegen Ware getauscht wurde. Jedoch beinhaltet ein Tausch immer auch das Bewerten der zu tauschenden Dinge. Und diese Bewertung benötigt gespeicherte Information. Wobei wir beim Geld angekommen sind. Beim Tauschen von Waren befindet sich das nötige Geld auf der menschlichen Gehirnfestplatte in Form neuronaler Verknüpfungen. Ein Tausch von Waren zwischen zwei Handelspartnern würde ohne die nötigen Informationen über die Produkte niemals zustande kommen können.

Die Schlussfolgerung aus diesem Sachverhalt ist demnach eindeutig: Auch beim Tausch von Waren spielt Geld eine Rolle, auch wenn dieses Geld nicht als feste Materie, sondern nur als gespeicherte Information vorliegt. Sobald jedoch eine Ware als Geld verwendet wird – hierbei ist es völlig unerheblich, welche materielle Erscheinungsform sie hat und ob es sich um Zigaretten, Muscheln, Steine, Kerbhölzer, Gold, Silber oder bedruckte Baumwolle, etc. handelt – verliert das Material seinen ursprünglichen Wert, seine Bedeutung und seinen Nutzen, den es als Ware anderweitig haben könnte. Die Materie, aus der das Geld besteht, erhält eine neue Aufgabe und wird schlicht und einfach zu einem Informationsspeicher in Form einer Datenfestplatte mit Wertmessfunktion degradiert.

Ganz bewusst habe ich in der obigen Aufzählung das heute weitestgehend vorherschende Giralgeld, also Informationsdateien auf Computerfestplatten, ausgelassen. Mit diesem virtuellen, doch trotzdem allgemein sehr beliebten Geld – beziehungsweise Ansprüchen auf Auszahlung gesetzlicher Zahlungsmittel – möchte ich mich erst gegen Ende dieser Artikelreihe beschäftigen. Nämlich erstaunlicherweise dann, wenn wir auf unserer kleinen Zeitreise in die Geschichte des Geldes in der Steinzeit angekommen sind.

Und natürlich kamen fremde Herrscher, Okkupationsmächte und gottgläubige Besatzer während der Kolonialzeit kaum in friedlicher Absicht, um eventuell mitgeführte Waren gegen die der Einheimischen einzutauschen. Ganz im Gegenteil! Man erfand neue Geschäfts- und Wirtschaftsmodelle. Beispielsweise betrachtete man die Menschen, die in Afrika lebten eben selbst als Ware. In der Regel wurden sie von arabischen, aber auch afrikanischen Händlern gejagt und wie Vieh zusammengetrieben. Geschätzte vierzig Millionen Afrikaner verloren so ihre Heimat und wurden auf Plantagen und in die Bergwerke der neuen Welt verfrachtet, wenn sie denn Gefangennahme und Verfrachtung überlebten. Transportiert wurden die Menschen mit Schiffssonderanfertigungen, auf denen nur etwa 25 bis 35 Prozent die Überfahrt nach Amerika überlebten. [4/5]

Zunächst legte man die menschliche Ware auf den Sklavenschiffen noch angekettet auf engstem Raum in ihren Exkrementen nebeneinander, bis man seitens der Kapitäne auf die Idee kam, dass man durch das Übereinanderstapeln lebendiger Körper eine höhere Frachtrate erzielen konnte. Kranke Sklaven wurden gemeinhin getötet, indem man sie als lebendiges Fischfutter verwendete. Ab und an kam es auch zu einem Versicherungsbetrug, indem man noch gesunde Sklaven einfach über Bord warf, um die Entschädigungsprämie einzustreichen. [4]

Sklaven wurden wahlweise in Stück oder Tonnen abgerechnet. Eine Tonne entsprach drei Stück Sklaven. Ein Stück kostete im 17. Jahrhundert zwischen 15 und 90 englische Pfund und war zwischen 25 und 40 Jahren alt. Die durchschnittliche Größe eines Stücks betrug 175 cm. Einwandfreie Stücke ohne körperliche Defekte erzielten höhere Preise als heranwachsende oder mangelhafte. Das Misshandeln oder Vergewaltigen fremder Sklaven und Sklavinnen wurde als Sachbeschädigung gewertet. Der Missbrauch und das Quälen eigenen Eigentums war hingegen erlaubt und wurde nicht bestraft. [5]

Falls Ihnen beim Lesen der letzten Absätze schlecht wurde, möchte ich an dieser Stelle betonen, dass es mir beim Schreiben ebenso erging. Nichtsdestotrotz sollten wir uns daran erinnern, dass auch heute noch Tag für Tag ca. 25.000 Menschen auf diesem Planeten verhungern und jeder 7. Mensch auf diesem Planeten täglich ums Überleben kämpft und in erbärmlichen Zuständen lebt, weil angeblich das Geld – also Information auf Festplatten – fehlt, um diesen Mitbewohnern unseres Planeten ein würdiges Leben zu ermöglichen. 

Demnächst die Fortsetzung auf cashkurs.com: Die Rolle des Geldes vom Mittelalter bis zur Steinzeit.

[1] Im Gespräch mit Andreas Bangemann (Teil 1)

[2] Eigentum, Zins und Geld: Ungelöste Rätsel der Wirtschaftswissenschaft (1996)

      Das Kapitel vom Tauschparadigma ab S.39

[3] Teil 4: Die Begrenztheit des Homo oeconomicus

[4] Das Sklavenschiff: Eine Reise in die Welt des Sklavenhandels (Robert Harms)

[5] Die Geschichte der Sklaverei (R. G. Grant) 2010

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