Sicherlich haben auch Sie, liebe Leserschaft, schon viele kalte Nächte wachgelegen und sich wegen der einen großen Sorge in den Federn gewälzt. Was ist los, wenn gar nicht jeder Chinese eine Bratpfanne kaufen will? Vielleicht hat er oder sie ja bereits eine, möglich wär’s ja. Neben Kochgeschirr gibt es auch viele andere Dinge des täglichen Bedarfs, den das Milliardenvolk an jeder Ecke decken kann, falls die finanzielle Lage es hergibt. Vielerorts ist letzteres schon bei Waschmaschinen nicht der Fall, was die weit verbreitete Hoffnung, China sei der Retter der Weltkonjunktur einigermaßen absurd anmuten lässt.

Ist es nicht erstaunlich, wie oft dieses Land, sobald es kriselt, als Hort niemals endenden Wachstums dargestellt wird? Das chinesische Konjunkturpaket in Höhe von 12% des GDP wird dabei ebenso selten erwähnt wie ein teils erstaunlich stabiler bis sinkender Stromverbrauch oder Einbrüche bei Komponenten der industriellen Fertigung, die so gar nicht zu Wachstumszahlen in bestimmten Sektoren passen wollen. Mittlerweile sind Teile des Westens sogar kurz davor, eine Planbarkeit der Wirtschaft durch Menschen nicht mehr gänzlich in Abrede zu stellen. Wenn man da mal nicht von einem Trugschluss in den nächsten stolpert. Wenn der Hype noch ein wenig anwächst, ist auch der Mittelstand vor irgendwelchen chinesischen Strategien nicht mehr gefeit. Mag dies auch ökonomisch der Weg nach nirgendwo sein, vermutlich würde es der Unterhaltsamkeit dienen.

Da wir nicht wissen, was sich auf dem chinesischen Waschmaschinen- und Küchenmarkt tut, werfen wir einen kurzen Blick auf die Lage am Immobilienmarkt. Dieser wird vollkommen zu Recht genannt, wenn der Blick auf mögliche zukünftige Probleme schweift. Die Dimensionen des Marktes und die in Relation zu den verfügbaren Einkommen nur historisch zu nennende Fehlallokation wird zu einer ebenso historischen Korrektur führen. Ob das ebenfalls Teil des aktuellen zentral geplanten Mehrjahresplans ist, ist bis dato nicht überliefert.

Zur Einordnung. Wir wollen an dieser Stelle nicht davon sprechen, das China in die Steinzeit oder auch nur die Bedeutungslosigkeit zurückfällt. Es geht um eine groß angelegte Schieflage, die mit freundlicher Unterstützung der inländischen Planungseinheiten und ausländischer Investoren aus Ost und West entstanden ist. Wie bei anderen Problemen derartiger Größenordnung hilft die Hoffnung auf eine „Stabilisierung auf hohem Niveau“ durch „kontrollierte Brems- und Lenkungseffekte“ nicht. Allein Übelkeit können derartige Floskeln verursachen, geholfen ist damit aber niemanden.

Viele der Bauprojekte in China sind dem staatlichen Wunsch nach Beschäftigung und offensichtlichem Wachstum geschuldet. Die sprichwörtlichen Brücken ins Nichts finden sich im Land der Mitte reichlich, eine der wenigen Parallelen zur Europäischen Union. Wie auf anderen Feldern sind auch die Probleme, vor allem im Bausektor, von außergewöhnlichem Ausmaß. Sehr bekannt ist mittlerweile die zweitgrößte Einkaufsmall der Welt, die South China Mall, die alles hat, nur keine Kunden. Gut 500 Einkaufszentren der größeren Bauart sind über das Land verteilt gebaut worden und warten auf den chinesischen Mittelstand, der sich partout nicht in der gewünschten Zahl einstellen will. Im Werbetext heißt es zum genannten Einkaufsplaneten euphorisch:

South China Mall, the shopping heaven, amazing world, illusion city and a commercial legend of new century is expecting your presence (South China Mall).

Illusion City gefällt uns persönlich am besten, aber vielleicht handelt es sich um einen Übersetzungsfehler. Bei laut Unternehmenswebsite etwa 60 Hektar Verkaufsfläche ist jedenfalls reichlich Raum für Illusionen. Gegen Endes des vergangenen Jahres standen Presseangaben zufolge noch rund 99% der Geschäfte leer, es wäre ungewöhnlich, wenn sich daran in diesem Jahr viel geändert hätte, schließlich wurde der shopping heaven bereits 2005 eröffnet.

Vielfach bereits als eine der größten Fehlplanungen der jüngeren Geschichte bezeichnet, wird diese Oase der Ruhe allerdings von einem weiteren Fehlschlag in den Schatten gestellt. Die South China Mall dürfte sich beim Anblick der geplanten und gebauten Stadt Kangbashi im Regierungsbezirk Ordos vorkommen wie Gulliver im Land der Riesen. Diese Stadt soll, so das ursprüngliche Ziel, gut eine Million Menschen beherbergen. Bis vor kurzem war Wohnraum für etwa 300.000 Personen fertiggestellt, allerdings fanden sich bisher weniger als 10% der „nötigen Bewohner“. Viele Menschen wollen warten, bis dort mehr Menschen wohnen – das klingt nach einem Fall für Spieltheoretiker. Nun ist die Provinz gut situiert, es handelt sich um eine Bergbauregion, die auf Grund des Rohstoffbedarfs sowohl ökonomisch wie auch politisch gut dastehen sollte. So kann man dieses Projekt auch als bekannte Fehlallokation von Entscheidern mit zu vollen Taschen betrachten. Besser wird es dadurch nicht.

Nun ist dies nur einer von mehreren interessanten Einzelfällen, jeder für sich kann nicht den Anspruch erheben, repräsentativ zu sein. Die Gigantomanie erinnert in ihrer Konsequenz dennoch an Dubai, lediglich die Taschen Chinas sollten deutlich tiefer sein.

Die größten Probleme in der Folge eines ungerechtfertigten und nicht fundamental gesunden Booms zeigen sich gerade in denjenigen Regionen, in denen der Jubel und die Steakhausrechungen am größten waren. Das ist China nicht anders als in den USA. Dies sind die bekannten Regionen jenseits der Wohngebiete von Millionen Landarbeitern, die mit dem wunderbaren Fortschritt lediglich über eine Zwangsumsiedlung oder als Tagelöhner in Kontakt kommen. Selbst in denjenigen Städten, die im Westen scheinbar der Fortschrittlichkeit des „chinesischen Modells“ eine Form geben, sind die Menschen nicht auf Watte gebettet. Die enormen Preisanstiege bei den Immobilien führen dazu, dass sich die Relation der Preise zu den verfügbaren Einkommen auf erstaunliche Niveaus begeben hat.

Oft ist zu hören, die Preise in Shanghai, Peking oder anderen Städten seien billig, weil die Preise in London, New York oder Paris noch höher sind. Ein schwaches Argument und eine mögliche Denkfalle. Abgesehen davon, dass es ein Fehler der einfachen Kategorie ist, einen Immobilienmarkt mit einem anderen zu vergleichen, indem nur die Preisschilder nebeneinandergehalten werden. Klar kann ein ausländischer Investor das Geld auftreiben und für ein Zehnfamilienhaus in Peking die gleiche Summe auf den Tisch zu legen wie bei einem vergleichbaren Objekt in London. Die Mieten allerdings zahlt kein Investor, sondern jemand, der auch in Peking wohnt und ein auf dortigem Niveau liegendes Gehalt bezieht. Das jährliche pro Kopf BIP in Shanghai liegt bei rund €8.700, in Peking liegt die Kennzahl bei etwas über €7.000 – in etwa ein Sechstel des deutschen Wertes.

Im Vergleich zum verfügbaren Einkommen haben die Immobilienpreise mittlerweile jedes Maß verloren.

Ein Wert von 15 für Peking bedeutet, dass ein Haus fünfzehn Mal soviel kostet, wie sie auf aktuellem Stand an versteuertem Einkommen haben. Das bedeutet nicht Einkommen nach Lebenshaltungskosten, sondern beinhaltet alles, was am ersten des Monats auf dem Konto eingeht. Diese Kennzahl ist vor allem im internationalen Vergleich interessant. In Peking liegt der Wert bei rund 15, in Shanghai wurde die Zahl 13 erreicht, und selbst der mittlere Wert für ganz China liegt bei 8,2. Alle Werte geben den Stand zum Ende des Jahres 2009 an, sollten also derzeit etwas höher notieren. Zum Vergleich: Als der Höhepunkt des bizarren Häuserbooms in Tokyo erreicht wurde lag der entsprechende Wert für die Stadt bei neun.

Auch der Anteil der Investitionen am Immobilienmarkt im Verhältnis zum BIP ist enorm. Der Wert erreichte in 2009 gut 10%. In den USA lag die Zahl nie über 6%, Japan brachte es einst auf 9%. Wohin das führte ist bekannt.

Keine Krise ist wie die andere, aber die Muster gleichen sich. Richtig gefährlich wird es, wenn einst argwöhnisch beäugte Kennzahlen, wie etwa das Verhältnis der Preise zu den Einkommen, als „nicht mehr sinnvoll“ abgetan werden. Gerne wird auf eine handvoll Expats verwiesen, die ja mehr verdienen als Herr Li, oder aber das Wachstum wird als mindestens konstant angenommen. Zweistelliges Wachstum als neue Norm, das führt schon nach relativ kurzer Dauer zu wunderschönen Kurven.

Erinnert sei an die Projektionen der Auguren in den 80ern, als Japan schon fast die ökonomische Alleinherrschaft zugeschrieben wurde. Sehr interessant ist im Hinblick auf die aktuellen Probleme, dass bis in die Mitte der 90er Jahre hinein Bücher und Artikel erschienen, deren Autoren die Dimension des anhaltenden Niedergangs des Inselstaates offensichtlich unterschätzt hatten. So hieß es in einem Begleittext des Verlages zum Buch Blindside: Why Japan Is Still on Track to Overtake the U.S. By the Year 2000 eines Herrn Fingleton:

Although Japan is not on an ideological crusade to take over the world economically, its power structure gives it a flexibility that can make it the next global leader, asserts the author. This provocative and informed analysis is an antidote to the recent flurry of critiques that see Japan's current economic troubles as the same old omens of decline. (Reed Business Information, Inc., März 1995)

Wie auch immer die Argumente lauten, wenn es um die Ausblendung im Grunde nicht zu ignorierender, ernster Probleme geht, sind alle im Grunde auf das kleine Sätzchen this time it is different zurückzuführen. Ist es nicht.

Ganz unterhaltsam ist in diesem Zusammenhang ein Zitat von Will Rogers in Bezug auf die große Depression in den Vereinigten Staaten.

“It's almost worth the Great Depression to learn how little our big men know.”
- Will Rogers