Die Krim-Abstimmung ist ein Wendepunkt im Ukraine-Konflikt. Mit dem klaren „Ja“ zu Russland werden die Karten politisch und wirtschaftlich neu gemischt  - ganz besonders gilt das für den Energiesektor. Versteckt hinter politischen Diskussionen hat sich längst ein Energiekrieg entwickelt, der die ganze Industrie neu ordnen könnte. 

"In der internationalen Politik geht es nie um Demokratie oder Menschenrechte. Es geht um die Interessen von Staaten", so SPD-Urgestein Egon Bahr kürzlich gegenüber Heidelberger Schülern. Klare Worte, die auf den Punkt bringen, was sich derzeit im Ukraine-Konflikt abspielt.

Offiziell ging es bei der Volksabstimmung auf der Krim um den Willen des Volkes. Inoffiziell dürften auch wirtschaftliche Interessen eine entscheidende Rolle gespielt haben. Die Förderrechte an Gas- und Ölfeldern im Schwarzen Meer sind unter den Mineralöl-Konzernen aufgeteilt.  Vier Unternehmen besitzen derzeit die Förderrechte im Schwarzen Meer, dazu zählen Exxon Mobil, Royal Dutch Shell, OMV Rumänien und die ukrainische NAK Nadra. Für rund 735 Millionen Dollar wollen sie zwei Bohrbrunnen 80 Kilometer vor der Küste bauen. Doch ob sie nach dem Krim-Referendum dafür überhaupt noch die Berechtigungen haben, ist völlig unklar. Die Lizenzen wurden damals von Kiew ausgestellt, zu einem Zeitpunkt als die Öl- und Gasfelder noch zum Territorium der Ukraine gehörten, das hat sich nun geändert. Moskau hat seine Finger im Spiel - besser gesagt in der Region - und könnte das Gebiet nun für eigene Interessen nutzen. Zum Beispiel für den Bau der South Stream Pipeline.

Eine Volksabstimmung mit Milliardengewinn

Die Kosten für den Bau dieser Pipeline - die noch mehr russisches Gas nach Europa pumpen soll - könnten sich durch das neue Territorium um sieben Milliarden Euro verringern. Die bisherige Planungsroute, von Russland über den Balkan nach Italien und Österreich, verläuft zu großen Teilen durch das Schwarze Meer. Dazu müssen die Rohre unter dem starken Druck von Wassermassen in rund 2000 Metern Tiefe auf dem Meeresgrund verlegt werden – der aufwendigste, kritischste und vor allem kostenintensivste Teil des Projekts. Dieses Jahr sollte er starten. Doch jetzt durch das neue russische Territorium könnte die Planungsroute im Last-Minute-Verfahren kostengünstig verändert werden. Die Leitung könnte im niedrigen Wasser entlang der Küste verlegt werden.  

Doch ob Russland auch in den Genuss dieser Vorteile kommt, ist völlig unklar, denn die westlichen Staaten werden mit Sicherheit nicht dabei zusehen und Beifall klatschen.  Vielmehr liefert die derzeitige Politik Russlands ihnen eine hervorragende Begründung, radikale Umwälzungen im Energiesektor zu rechtfertigen. EU-Kommissar Günther Oettinger drohte vergangene Woche damit, die Verhandlungen zur South-Stream Pipeline zu stoppen.

Ganz zur Freude einiger Länder: Dass Russland nämlich Europas größter Öl- und Gaslieferant ist, gefällt einigen Ländern seit langem überhaupt nicht. In der Vergangenheit gab es bereits erste Anläufe dagegen vorzugehen.

Warnschuss in Richtung Russland

Blicken wir dazu ein paar Monate zurück: Im November 2013 unterzeichnete der amerikanische Energiekonzern Chevron mit der Ukraine einen Vertrag zur Schiefergasproduktion über zehn Milliarden Dollar. Zuvor hatte der niederländisch-britische Konzern Shell ein ähnliches Abkommen unterzeichnet. Damals feierten die Unternehmen gemeinsam mit der ukrainischen Politik, das Land könne bereits 2020 unabhängig von russischen Gaslieferungen sein: Eine offene Kampfansage an Moskau, die vergangene Woche noch einmal aufgewärmt wurde: Das amerikanische Energieministerium kündigte an,  einen Teil der strategischen Ölreserven zum Verkauf anzubieten – das erste Mal seit fast einem Vierteljahrhundert. Angeblich ist dieser Schritt schon seit Monaten als Testlauf geplant. Doch der Warnschuss in Richtung Russland ist deutlich.

Amerika demonstriert seine Stärke im Energiemarkt und fletscht die Zähne im Kampf um den wichtigsten Kunden: Europa. Die Waffe dabei heißt Flüssiggas und die Gasproduzenten und ihre Freunde im US-Kongress wittern bereits ihre Chance auf das große Geschäft. Im Repräsentantenhaus diskutierten Politiker vergangene Woche über Möglichkeiten, wie man das Genehmigungsverfahren für Flüssiggasexporte beschleunigen kann.

Doch auch andere Länder nutzen die Gunst der Stunde und äußern ihr Interesse, ein Stück von dem Energiekuchen Europas abhaben zu wollen. Vergangene Woche trafen sich die westlichen Ölmultis im Hilton in Tel Aviv zur fünften mediterranen Öl- und Gaskonferenz. Hauptthema war die Rolle Israels und Zyperns in Europas Energiepolitik und wie man diese Rolle in Zukunft stärken könne.

„Die USA wollen Krieg in der Ukraine“

Doch wie weit werden die Länder gehen, um ihre Ziele zu erreichen?  Provokationen, militärische Präsenz und Drohungen auf beiden Seiten werden immer lauter.

Paul Craig Roberts - Doktor der Ökonomie und ehemaliger Vizefinanzminister unter Präsident Ronald Reagan - erklärte vergangene Woche in einem Interview: „Die USA wollen Krieg in der Ukraine. Sie möchten die Führung übernehmen und das Land ausbeuten“.  

Tatsächlich ist der Krieg im Energiesektor bereits in vollem Gange - getarnt allerdings unter dem Deckmantel der Politik.