Guten Tag liebe Leser,

sommerlich-ruhig ist es inzwischen an der Unternehmensfront, nicht jedoch an diversen Aktienmärkten. Wohl was das Handelsvolumen angeht, aber mitnichten die Bewegungen in derart dünnen Märkten. Nach einem Fall um mehrere hundert Punkte in der vergangenen Woche befindet sich der DAX auch in dieser Woche auf Konsolidierungskurs. Der Bereich um die 200-Tage-Linie (~ 10.950 Punkte) sowie der oberen Begrenzung eines seit dem Allzeithoch im April intakten Abwärtstrendkanals (~ 10.830 Punkte) wurden inzwischen nach unten durchbrochen und stellen nun neue Widerstände dar. Weitere wichtige Widerstände nach oben liegen bei etwa 11.100, 11.300 und 11.800 Punkten. Nach unten sollte der Bereich, um das alte Ausbruchsniveau vom Januar zwischen 9.950 bis 10.050 Punkten unbedingt halten. Denn bei nachhaltiger Unterschreitung dieser markanten Unterstützung könnte es wirklich hässlich werden.

Es bleibt volatil an Aktien- und Rohstoffmärkten

Volatil blieb es in dieser Woche nicht nur in China, sondern auch an den Edelmetallmärkten. Insbesondere das Silber entfernte sich vorübergehend rasch und deutlich von dem nächsten Widerstandsniveau um 16 US-Dollar pro Feinunze. Allein am Dienstag, ging es für das Edel- und Industriemetall auf Dollarbasis im Tief um über drei Prozent bergab. Gefolgt von einem Rebound. Ein Gezicke, das sich das Gold diese Woche erspart hat. Das gelbe Metall tastete sich Schritt für Schritt an seine nächste Widerstandszone um 1.150 US-Dollar heran.

Industrielle Basismetalle hingegen markierten deutlich tiefere, teils seit der großen Krise 2008/09 nicht wieder erreichte Niveaus. Der ob seiner weltwirtschaftlichen Indikationsfunktion viel beachtete Kupferpreis zum Beispiel: „Doctor Copper“ wird aktuell nur noch um rund 5.000 US-Dollar pro Tonne gehandelt. Während der letzten Zwischenerholung Anfang 2011 waren es in der Spitze noch gut 10.000 US-Dollar je Tonne. Und auch das Rohöl kennt nach einer kurzen Phase der Zwischenerholung momentan nur eine Richtung: abwärts. Schon werden die Rekordtiefs von 2009 als Kursziele gehandelt: 32 Dollar je Fass der US-Sorte WTI.

Dafür dürfte in erster Linie die nach wie vor lahme Weltkonjunktur verantwortlich sein. Insbesondere die Abkühlung in der „Werkbank der Welt“ lässt die Nachfrage nach Industrie- und Energierohstoffen weiter zurückgehen. Was sich auch an einem weiterhin absackenden Rohölpreis ablesen lässt. Zusätzliche Anbieter in aller Welt und zusätzlich weit aufgedrehte Ölförderhähne werden diesen Trend gewiss nicht umdrehen, ganz im Gegenteil. Im Reich der Mitte dürfte eine forcierte Ausrichtung auf den Dienstleistungssektor sowie eine fortschreitende Automatisierung und Digitalisierung von Produktionsprozessen den Bedarf an Rohstoffen eher senken als steigern. Nicht nur Siemens-Chef Joe Kaeser äußerte sich am vergangenen Wochenende in diese Richtung und prophezeite China einen schwierigen Übergangsprozess. Welcher von Marktturbulenzen, sozialen Verwerfungen und dem Wegfall tausender Industriearbeitsplätze begleitet sein dürfte. Dass diese Transformation in China auch an den Geschäftsaktivitäten des Hauses Siemens nicht spurlos vorübergehen dürfte, dürfen wir mal als gesetzt unterstellen.

Schwellenländer vor neuer Krise?

Doch auch weit über die Grenzen des Reiches der Mitte hinaus nimmt die Nervosität an allen Märkten deutlich zu. Insbesondere die weltwirtschaftlich „aufrückenden“ und von ihrem Haupthandelspartner China abhängigen Länder im Asien-Pazifik-Raum bekommen die kombinierten Bebenwellen aus wirtschaftlicher Abkühlung, fallender konjunktureller Erwartungen und sich umkehrenden Kapitalströme deutlich zu spüren. Aktien- und Rohstoffmärkte brechen anhaltend und auf breiter Front ein, Devisenkurse scheinen verrückt zu spielen, Anleiherenditen schießen nach oben. Der Handelsverkehr verzeichnet deutliche Abschläge, wie nicht zuletzt japanische Makrodaten sowie weiter auf dem Rückzug befindliche Seefrachtraten in dieser Woche zeigten. Ein weiterer, sich teils selbst verstärkender Abwertungswettlauf zwischen den Währungen, gepaart mit weiteren Zinssenkungen und Notenbankinterventionen, ist die Folge. Besonders auffällig in folgenden, aber bei weitem nicht einzigen Märkte, welche neben China unter Druck standen: Malaysia, Thailand, Taiwan, Vietnam und Indonesien. Dass sich auch entwickelte Staaten wie Australien, Südkorea oder Japan diesem Trend nur schwerlich entziehen können, dürfte auf der Hand liegen. Sieht so womöglich ein Vorabend einer neuen Asien- bzw. Schwellenländerkrise aus? So wie wir sie 1997/98 gesehen haben? Die Warnzeichen dürften inzwischen unübersehbar sein – was das um sich greifende Umschalten in den „risk-off“-Modus zumindest teilweise erklären könnte. Alles in allem also optimale Voraussetzungen für eine US-Zinswende im Herbst, nicht wahr…?

Was gibt es Neues aus den Unternehmen zu berichten?

Von dieser Entwicklung im großen Rahmen blieben natürlich einige Firmenbilanzen nicht unbeeinflusst. Der Rohstoffhändler Glencore beispielsweise, einer der größten seiner Branche überhaupt, verzeichnete trotz seines Cash-schonenden, da steuerbegünstigten Schweizer Unternehmenshauptsitzes, einen Halbjahresverlust in Höhe von 676 Millionen Dollar. Der Vorjahresüberschuss von 1,7 Milliarden Dollar macht den jähen Absturz in den Bilanzzahlen umso deutlicher. Der Nettoschuldenstand des Konzerns, dem stets der Ruch einer „Gelddruckmaschine“ anhaftete, belief sich zur Jahresmitte auf beachtliche 30 Milliarden Dollar. Einige rasche Verkäufe unrentabler Geschäftszweige sowie eine Reduzierung von Investitionen waren bzw. sind das Resultat.

Einen ganz anderen, vollkommen antizyklischen Weg beschreitet der österreichische Öl- und Gaskonzern OMV. Nicht nur angesichts des Starts eines neuen Förderprojektes vor der bulgarischen Schwarzmeerküste, gemeinsam mit anderen europäischen Unternehmen wie Total und Repsol. Sondern insbesondere mit Blick auf ein künftig verstärktes Engagement im Reich des „bösen Iwans“. Und zwar zu Lasten des Standortes Türkei, wo die Österreicher den Bereich Kraftwerke und andere Infrastruktur zurückfahren wollen. Der geneigte Beobachter wird sich gewiss die Augen reiben und diese Nachricht bestimmt ein zweites Mal lesen müssen. Da erlaubt es sich doch ein westliches Unternehmen mit dem sanktionsbelasteten, da politisch dem Westen nicht gewogenen Moskauer Machtzirkel strategisch gemeinsame Sache zu machen! Gar zukunftsgerichtete, langfristig wirksame Verträge zum Bau von Pipelines, Pumpstationen und Zwischenlagern zu unterschreiben und sogar bis 2020 umzusetzen! Gemeinsame Projekte mit dem russischen Rohstoffriesen Gazprom zur Erschließung westsibirischer Öl- und Gasfelder mit einem Fördervolumen von 60.000 Barrel pro Tag? Ja wo gibt es denn so etwas?! Man darf überaus darauf gespannt sein, was im neutralen Wien über eine einst erzwungene Landung einer südamerikanischen Präsidentenmaschine hinaus in den nächsten Monaten geschehen könnte…

Ebenfalls spannend bleibt es im anhaltenden Übernahmepoker zwischen dem kanadischen Kaliproduzenten Potash und der nordhessischen Kali + Salz AG. Die Kasselaner wehren sich mit allen verfügbaren Mitteln gegen diesen Unternehmenszusammenschluss, für den die Kanadier momentan noch bis zu 41 Euro pro Aktie zu zahlen bereit sind. So gelang es den Hessen in dieser Woche, mit dem US-Düngemittelhändler Koch Fertilizer einen größeren Liefervertrag abzuschließen, mit dem Kali + Salz sein Standbein im nordamerikanischen Markt ein ganzes Stück weit wird vergrößern können.

Positives gibt es auch diese Woche von der Erneuerbare-Energien-Front zu vermelden. Der dänische Windmühlenhersteller Vestas legte für das erste Halbjahr 2015 prächtige Zahlen vor. Bei kräftig wachsendem Auftragsbestand – aktuelles Rekordvolumen rund 8,8 Milliarden Euro – legte der Umsatz um satte 30 Prozent auf 1,75 Milliarden Euro zu. Der bereinigte operative Gewinn kletterte gar um 40 Prozent auf 175 Millionen Euro. Die Aktie ist in Erwartung der guten Zahlen in der jüngeren Vergangenheit übrigens schon sehr gut gelaufen. Dennoch verlor die Aktie im schwachen Markt deutlich in dieser Woche.

Auch die Windsparte von Siemens kann sich über einen Großauftrag freuen, dieses Mal von Down Under. Mit 32 neuen Windanlagen mit einer Gesamtleistung von 100 Megawatt sollen etwa 70.000 australische Haushalte mit umweltfreundlichem Strom versorgt werden. Das Gesamtprojektvolumen soll sich auf umgerechnet etwa 166 Millionen Euro belaufen.

Freuen kann sich auch die Zivilluftfahrtsparte des europäischen Airbus-Konzerns. Die indische Billigfluglinie InDigo bekundete großes Interesse an dem spritsparenden Modell A 320neo und bestätigte einen historischen Rekordauftrag für den Boeing-Konkurrenten: Trotz eingeräumter Rabatte umfasst die mehr als respektable Order im Umfang von 250 Maschinen einen Gesamtwert von knapp 24 Milliarden Euro. Dieser größte Einzelauftrag für Airbus wird u.a. im Norden Deutschlands und im Süden Frankreichs zur längerfristigen Arbeitsplatzsicherung beitragen. In Hamburg soll hierfür sogar eine dritte Produktionslinie etabliert werden.

Griechenland wurde wieder einmal gerettet – zum angeblich „letzten Mal“

Mit großem politischen und medialen Tamtam wurde am Mittwoch das sogenannte „Dritte Hilfspaket“ für Griechenland durch den Bundestag gebracht. Oder besser gesagt: abgenickt. Nur ein kleiner Teil der Opposition sowie einige Dutzend Unionsabgeordnete verweigerten sich der Fortsetzung dieser inzwischen jahrelangen „Insolvenzverschleppung“, für die in der privaten Wirtschaft übrigens ein mehrere Jahre währender Gefängnisaufenthalt strafrechtlich einschlägig wäre. Es ist immer wieder erstaunlich, wie oft und wie lange schon die Nebelmaschine zu einer fehlgeleiteten Wahrnehmung und entsprechenden Kommunikation bei diesem Dauerthema zum Einsatz gebracht werden konnte! Denn dass Hellas mindestens seit Mai 2010 pleite ist, ist klar wie Kloßbrühe. Was wir seitdem beobachten und erleben, ist nicht mehr und nicht weniger eine Schande für Europa, die europäische Idee und sämtliche europäische Werte – von Buchstaben und Geist in diversen Verträgen einmal ganz abgesehen!

Für eine offensichtliche Staatspleite, für die u.a. unfähige und korrupte Politiker im Lande in Gemeinschaft mit interessengleichen Oligarchen und einer internationalen Finanzaristokratie verantwortlich zeichnen, musste einmal mehr die ganz gewöhnliche Bevölkerung sowie die (inzwischen verbliebenen Überreste der) Realwirtschaft den Kopf hinhalten. Und dies obwohl dieses Finanzrisiko per entsprechender Zinsen und Risikoaufschläge für die damaligen Halter griechischer Staatsanleihen bereits eingepreist war. Hier wurde also mindestens zweimal durch den Steuerzahler „gerettet“. Und demzufolge wiederum mitnichten der Grieche oder die Griechin, sondern eben genau jene, die die finanziellen Risiken in allererster Linie zu tragen gehabt hätten: private und öffentliche Investoren. 86 Milliarden Euro umfasst nun also dieses dritte so genannte „Rettungspaket“. Davon fließen übrigens 36 Milliarden Euro direkt wieder zurück in den hellenischen Schuldendienst. Weitere 25 Milliarden Euro kostet die Rekapitalisierung griechischer Banken. Und noch einmal 18 Milliarden sind für Zinszahlungen des griechischen Staates fällig. Die verbleibenden sieben Milliarden Euro sind zur Deckung von bereits aufgelaufenen Zahlungsrückständen und für die Staatsreserve in Athen reserviert.

„Der Grieche“ hat also von diesem – selbstverständlich steuerzahlergedeckten – „Rettungs-“ oder „Hilfspaket“ weniger als Schmutz unter den Daumennagel des kleinen Fingers passt: gar nichts, überhaupt nichts! Doch er darf weiterhin fleißig, zusammen mit anderen zwangs-gläubigersolidarischen Steuerzahlern, die Zeche für das angerichtete Schlamassel bezahlen: Beispielsweise durch eine deutlich erhöhte Mehrwertsteuer, Rentenkürzungen, Kürzungen im Bildungs- und Gesundheitssektor, Kapitalverkehrskontrollen und und und…Alles „Reformen“ übrigens, die der griechische Souverän mit Mehrheit per Referendum bereits abgelehnt hat. Sie erinnern sich sicherlich noch daran. Und jene Regierung, die diesen wieder vorgelegten Deal mit mehr als aufgestellten Nackenhaaren unterschreiben musste, dürfte jetzt sogar unmittelbar vor dem Aus stehen. Aber damit ein Systemfehler, u.a. in Form einer falschen, viel zu schweren Währung, die jedes Potenzial für eine realwirtschaftliche Besserung erstickt, nicht korrigieren zu müssen, ist man doch überall in Europa ganz bestimmt gerne und jederzeit „solidarisch“. Wenngleich nicht mit den Griechen, sondern mit den großen Finanzplayern- und -institutionen, für die dieses wenig an human(istisch)en Werten orientierte System am Laufen gehalten wird. Und selbstverständlich gerne auch mit einem „Hilfspaket“ Numero vier, fünf oder sechs…

Obwohl der Groll über einen derart offensichtlichen Mangel an volkswirtschaftlichem und gesellschaftlichem Sachverstand durchaus noch einige weitere Seiten füllen könnte, wünschen wir Ihnen ein sonniges und erholsames Wochenende und viel Spaß beim Lesen der Beiträge!

Herzlichst

Ihre Cashkurs-Redaktion