Heute vor 16 Jahren befand ich mich in Hamburg.

Ich erinnere mich deshalb so genau daran, weil an diesem Tage Weltgeschichte geschrieben wurde. Für einige Tage war ich nach Deutschland zurückgekehrt. Seit Anfang August lebte ich in London. Zu meiner Überraschung hatte mich das Auswärtige Amt in Berlin zum Einstellungstest für den Höheren Dienst eingeladen. Gerade als ich mich aus Deutschland verabschiedet hatte, bestand die geringe Chance auf eine Berufslaufbahn als Diplomat. Dieser Test galt damals wie heute als eines der anspruchsvollsten Auswahlverfahren der Republik. Daran hatte auch die Tatsache nichts geändert, dass der damals amtierende Außenminister und höchste Chef dieser Behörde -Joschka Fischer- nicht einmal die formalen Kriterien für den Einstellungstest erfüllt hätte.

Eigentlich ein ganz normaler Spätsommertag

In den Buchhandlungen der Innenstadt besorgte ich die empfohlene Lektüre zur Vorbereitung, der Test in Berlin sollte in wenigen Tagen stattfinden. Anschließend traf ich einen guten Freund, der auch plante an die Themse zu ziehen. Es war früher Nachmittag, bedeckter Himmel, ein typischer Spätsommertag in Hamburg eben. In New York war einige Stunden zuvor ein strahlender “Indian Summer “Day angebrochen. Doch das erfuhren wir erst später. Die Innenstadt Hamburgs war mit Wahlplakaten zugehängt. In einigen Tagen würde Roland Schill einen Erdrutschsieg erringen. Die R&B Sängerin Aaliyah war kürzlich bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen.

In Estland starben dutzende Menschen durch den Konsum gepanschten Alkohols. Bis auf die sich überstürzenden Krisenmeldungen aus Israel/Palästina, waren die Nachrichten dieser Tage von der Abwesenheit großer Krisen und Tragödien geprägt. Es schien als hätte sich die Geschichte eine kurze Auszeit genommen, eine Ruhephase vor dem großen Sturm.

Wir wollten etwas essen gehen, und betraten die McDonalds-Filiale am Gänsemarkt. Nach unserer Bestellung suchten wir im unteren Teil des Restaurants nach einem Sitzplatz. Dort waren TV-Geräte an der Wand befestigt. Für einen kurzen Augenblick fiel mein Blick auf den Bildschirm. Normalerweise liefen dort Video-Clips oder Werbespots.

Der Augenblick, der alles veränderte

Jetzt sah ich die Zwillingstürme des World Trade Centers. Aus dem einen Gebäude stieg eine dichte Rauchwolke. Zeigen die hier Spielfilme? Merkwürdig, dachte ich bei mir. Läuft da gerade Armageddon auf dem Bildschirm? Der Raum war leer, alle Plätze waren frei. Nur die Toilettenfrau saß auf einem Stuhl, vor dem Eingang zum WC. Plötzlich taucht das Gesicht von Ulrich Wickert auf dem Bildschirm auf. Der Ton war abgestellt. Wickert guckt sehr ernst. Ernster als sonst.

“Katastrophe in New York”, las ich als Schlagzeile auf dem Hintergrundbild. Auch die Toilettenfrau schaute jetzt auf den Fernseher. Genauso wie die Frau mit dem Tablett, die sich gerade hingesetzt hatte. Unsere Blicke trafen sich für einen Augenblick. Immer mehr Leute kamen herein. Der Raum füllt sich. Wir sahen live das zweite Flugzeug in den anderen Tower krachen.

Zum zweiten Mal in meinem Leben erlebe ich ein epochales Ereignis dachte ich, während ich abwechselnd den Bildschirm und die Reaktionen der Leute beobachtete. Das erste Mal war der 9. November 1989. Die ersten 18 Jahre davor und die die knapp 12 Jahre danach waren nur ein Zwischenspiel, ein Treppenwitz und eine Laune der Geschichte. Es war der 11. September 2001. Sowie mein Ausflug in die private Erinnerungswelt.

Heute, 16 Jahre später, nachdem die Menschheit durch ein Feuertor getreten war, wie es der damalige UN-Generalsekretär Kofi Annan ausgedrückt hatte, schweift mein Blick über die Dächer Berlins, bis zum Regierungsviertel, wo sich die politische Klasse Deutschlands, am Vorabend der diesjährigen Bundestagswahlen, mit  ähnlichen innenpolitischen Verwerfungen konfrontiert sieht, wie ihre Kollegen in den anderen westlichen Ländern.

Terror ist eine Form der asymmetrischen Kriegsführung

Auch Berlin wurde in den letzten Jahren Schauplatz jenes Terrors, ebenso wie Paris, Stockholm, St. Petersburg, Barcelona, wie zuvor Damaskus, Bagdad, Teheran, Kabul und, und, und., der vor 16 Jahren bekämpft werden sollte, als der damalige US-Präsident Bush den „War on Terror“ proklamierte. Dieser Krieg wurde verloren, da er von Anfang an völlig falsch konzipiert war.

Terror ist eine Form der asymmetrischen Kriegsführung, wie auch Partisanenkriege. Terror kann also nur asymmetrisch bekämpft werden, flankiert von der Austrocknung seiner Finanzquellen und Rückzugsgebiete.

Der Terror ist heute ein globales Phänomen

Die Finanzierung und Ausbreitung des radikalsunnitischen, wahhabitischen Terrors vollzog und vollzieht sich aber im Schutze der globalen Ausbreitung eben jener radikalsunnitischen Strömungen, die in Saudi-Arabien ihren Ursprung haben und dort auch ihre Sponsoren finden. Der Schriftsteller Salman Rushdie drückte dieses Phänomen mir gegenüber in einem Interview einst wie folgt aus:

„Mithilfe des enormen Wohlstands, den unsere Petro-Dollars brachten, haben die Saudis ihre sehr fundamentalistische Version des Islam verbreitet, die zuvor innerhalb der islamischen Welt nur den Status einer Art Sekte besaß. Dadurch – durch die Verbreitung der saudischen Form – hat sich die ganze Natur des Islam zum Nachteil verändert.“ Der Terror ist heute ein globales Phänomen, der viel effektiver überall zuschlagen kann, an jedem Ort der Welt, als noch vor dem 11. September 2001. Außenpolitik ist spätestens dadurch auch zu Innenpolitik geworden, oder umgekehrt, was sich am Beispiel Sicherheit demonstriert lässt.

Schreckensvisionen Orwells bald eingeholt

Opfer sind die Menschen im Nahen Osten und Nordafrika, wo teilweise direkt durch westliche Intervention oder Infiltration, Staatszerfall und Bürgerkriege beschleunigt werden, wodurch immer neue Flüchtlingsströme entstehen, während die Waffenexporte nach Saudi-Arabien unvermindert anhalten. Opfer sind auch wir im Westen. Seit dem 11. September 2001 wurden unsere Freiheitsrechte immer weiter eingeschränkt, und die Schreckensvisionen George Orwells nahezu eingeholt.

Von der Demokratie zur Oligarchie bis zur Tyrannis

Aufgrund der terroristischen Bedrohungen kann auch in unserem multimedialen Internetzeitalter der Zeitpunkt kommen, wo die Bewohner liberaler Gemeinwesen die Vorzüge dieses Systems geringer schätzen als vorangegangene Generationen - und wo das Verlangen nach dem Absoluten, nach Spiritualität, nach Risiken und Gefahren, nach charismatischen Führern wieder überhand nimmt, wie schon oft in der Geschichte der Menschheit.

Seit dem Zeitalter der Antike wurden politische Herrschaftsformen als unablässiger, nahezu gesetzmäßiger Kreislauf beschrieben, der niemals ruht: Er führt von der Demokratie zur Oligarchie und von dort hin zur Tyrannis, bis mit dem Sturz des Alleinherrschers die Bewegung wieder von vorne beginnt. Trump und Brexit, Rechtspopulismus und Terror, die beschleunigten historischen Entwicklungen unserer Tage geben uns keine Atempause, sondern konfrontieren uns unentwegt mit neuen beunruhigenden Nachrichten.

Peter Scholl-Latour - Ein früher Warner

Mein verstorbener Freund Peter Scholl-Latour war einer der wenigen hellsichtigen Publizisten im deutschsprachigen Raum. Schon früh warnte er vor dem falschen „Krieg gegen den Terror“ und wies darauf hin, dass niemand davon ausgehen sollte, dass der Westen dieser psychologischen Dauerbelastung auf Dauer gewachsen ist. Vielleicht sind die abnehmende Begeisterung für die EU, mehr noch für deren Institutionen in ihrer aktuellen Verfasstheit, der Aufstieg EU-feindlicher Parteien und Bewegungen, Ausdruck dieser Entwicklung. Scholl-Latours letztes Werk trug nicht umsonst den Titel “Der Fluch der bösen Tat!“

Heute haben sich die Prognosen des US-Politologen Francis Fukuyama vom „Ende der Geschichte“ längst in Luft aufgelöst. 16 Jahre später ist eher der Ausspruch des französischen Schriftstellers Paul Valery wieder aktuell, welcher einst mahnte.

„Und wir sehen jetzt, dass der Abgrund der Geschichte Raum hat für alle.“