Vor rund neun Jahren führte ich ein Gespräch mit dem Cousin des syrischen Präsidenten Assad, Ribal al-Assad, welches ich in Auszügen als Interview in der Welt publizierte.

Dieser höfliche junge Mann, elegant und polyglott, versuchte sich mir gegenüber als eine demokratische Alternative zu seinem Onkel Baschar al-Assad zu präsentieren.

Sein Vater, Rifaat al-Assad, der Onkel des jetzigen syrischen Präsidenten, war allerdings 1982 für die blutige Niederwerfung der islamistischen Aufstände in Nordsyrien verantwortlich, die besonders in Hama zu einem Massaker führten.

Der Flügel der Familie Assad, aus dem mein Gesprächspartner entstammte, hatte sich schon lange mit dem Vater des jetzigen Präsidenten überworfen und lebt seitdem im Exil zwischen Malaga und London.

Ein interessantes Hintergrundgespräch

Sechs Jahre später, der Bürgerkrieg in Syrien verlief nicht in die gewünschte Richtung - zumindest aus der Perspektive des Westens - wurde ich zu einem Hintergrundgespräch mit einem wohlhabenden Kaufmann in eine mondäne Berliner Wohnung geladen.

Schnell stellte sich heraus, dass es sich bei dem Kaufmann um einen Menschen mit Kontakten zu Geheimdiensten handelte, wenn er nicht selbst ein Geheimdienstmitarbeiter war. Die Nationalität dieses Gesprächspartners werde ich hier nicht veröffentlichen, sie würde aber einiges Stirnrunzeln auslösen.

Ziemlich direkt wurde ich darum gebeten, Artikel und Interviews zu veröffentlichen, die sich positiv mit der Rolle jenes Zweiges der Assad-Familie beschäftigen sollten, die ich zu Beginn dieses Beitrages erwähnte, also der exilierten Familie des jetzigen Präsidenten. Vordergründig ging es um die gesperrten Konnten der Assads, deren Aufhebung man sich durch eine positive Berichterstattung anscheinend erhoffte.

Assad als geopolitischer Gegner

Ich bin mir nicht sicher, ob man mich für diese Rolle auserkoren hatte, aufgrund des verlinkten Welt-Interviews. in den folgenden Jahren, als sich das Grauen in Syrien erst richtig entfalten sollte, wies ich in meiner journalistischen Berichterstattung darauf hin, dass das westliche Narrativ von falschen Grundlagen ausgeht und die wahren Ursachen für die Frontstellung gegen Assad auf der geopolitischen Ebene zu suchen sind, in der Syrien als enger Verbündeter des Irans agiert.

In diesem Konflikt geht es nur vordergründig um den Sturz des letzten Regimes in der Region, das sich ideologisch auf den arabischen Nationalismus stützt. Vielmehr geht es auch darum, den iranischen Einfluss zurückzudrängen, beziehungsweise die schiitische Landbrücke zu zerstören, die sich vom Iran über den Irak und Syrien bis hin zum Südlibanon erstreckt. Und die sowohl im Westen wie auch in den reaktionären sunnitischen Golfstaaten unter der Führung Saudi-Arabiens als strategische Gefahr angesehen wird. Auch die Türkei ist aus eigenen machtpolitischen Kalkül heraus daran interessiert, die Allianz Iran-Syrien zu schwächen.

schrieb ich schon im Sommer 2012 für die Zeit.

Frage nach monetärer Unterstützung der Saudis beendete die Unterhaltung

Möglicherweise war mein Gesprächspartner in der Berliner Wohnung nur unzureichend über meinen politischen und publizistischen Blick auf die Krise im Nahen Osten informiert. Auf jeden Fall wurde mir eine beträchtliche Summe angeboten. Da ich aber nicht käuflich bin, dafür aber neugierig, erkundigte ich mich, ob dabei auch saudisches Geld involviert sei, was dazu führte, dass die Konversation einem schnellen Ende entgegenging.

Nach der damaligen Begegnung war mir klar, dass es im Westen und Saudi-Arabien einflussreiche Kreise gibt, die anscheinend versuchten, den exilierten Zweig der Assad-Familie im Rahmen eines Regime-Changes als Alternative zu der syrischen Regierung zu instrumentalisieren, nachdem sich die freie syrische Armee als Schimäre erwiesen hatte, deren Stärke und Schlagkraft in der westlichen Berichterstattung grotesk übertrieben wurde.

Es gab in Syrien nie eine prowestliche Alternative

Auch war zu diesem Zeitpunkt schon klar, dass es mit dem Aufstieg des Islamischen Staates keine nennenswerte „demokratische“, gar „prowestliche“ Alternative in Syrien gab. Im Gegenteil, die Einmischung ausländischer Mächte hatte nicht nur das Grauen des syrischen Bürgerkrieges ins Unermessliche gesteigert, sondern den Konflikt auch zu einer internationalen Krise hochgepuscht.

Präsident Assad sitzt inzwischen wieder fest im Sattel. Mithilfe seiner mächtigen Verbündeten Russland, Iran und der Hisbollah, gelang es nicht nur den radikalsunnitischen IS zu vernichten, sondern fast die gesamte territoriale Integrität Syriens wiederherzustellen. Lesen Sie hierzu auch meinen Beitrag hier auf Cashkurs aus dem Juli 2018.

Nimmt sich Assad Putin zum Vorbild?

Dieser Tage kursieren in den westlichen Medien Meldungen über einen Familienstreit bei den Assads. In diesem Spiegel-Beitrag wird darüber berichtet, wie die wirtschaftlichen Schwierigkeiten den Alltag in Syrien prägen, allerdings aber ohne darauf hinzuweisen, dass die westlichen Sanktionen diese Probleme mit verursachen - und dass der Cousin des Präsidenten, ein gewisser Rami Makhlouf, öffentlich den Präsidenten kritisiert.

In dem Artikel wird darüber spekuliert, dass Präsident Assad versuche sich die Vermögenswerte seines reichen Verwandten anzueignen. Viel eher spricht aber einiges dafür, dass Assad sich an dem Beispiel Putins orientiert und die Oligarchen im Lande zu entmachten und zu enteignen gedenkt. Die Tatsache, dass es sich hierbei um eigene Familienmitglieder handelt, spricht nicht unbedingt gegen den Präsidenten. In einem am Donnerstag veröffentlichten Video hatte Makhlouf sich per Video bereits direkt an seinen Cousin, den Präsidenten, gewandt. Darin beklagte er unter anderem zu hohe Steuerforderungen.

Über die Vermögenswerte Makhloufs schreibt das Thuner Tagblatt aus der Schweiz:

"Gemäß Schätzungen kontrollierte der heute 50-Jährige vor Kriegsbeginn bis zu 60 Prozent der Wirtschaftsleistung des Landes, verdiente im Tourismus wie in der Schwerindustrie, als Lizenznehmer im Autoimport oder bei Verbrauchsgütern. Seine ergiebigsten Geldquellen sprudelten aber im Kommunikationssektor: Der größere der beiden syrischen Mobilfunkanbieter Syriatel gehört ihm allein, der kleinere MTN in Teilen."

"Was bedeutet das konkret für mich!?"

Der Westen tut sich schwer mit diesen Realitäten und mit dem Scheitern seines strategischen Entwurfs. Geld war und ist aber eine Methode, um geopolitische Ziele zu realisieren, besonders dann, wenn alle anderen Mittel versagt haben. Oder, um es mit Egon Bahr auszudrücken:

In der internationalen Politik geht es nie um Demokratie oder Menschenrechte. Es geht um die Interessen von Staaten. Merken Sie sich das, egal, was man Ihnen im Geschichtsunterricht erzählt.

Es ist in diesem Zusammenhang schon interessant, welche Aufmerksamkeit diese Familienposse in der westlichen Berichterstattung gewinnt und welche Schlussfolgerungen daraus gezogen werden.