Wo steht das Land heute

Vor einem Jahr stellten sich Tausende den Panzern entgegen und durchkreuzten den Putsch der Offiziere. Durch den Widerstand großer Teile der Bevölkerung brach der Aufstand rasch zusammen. Innenpolitische Gegner Erdogans weisen hingegen daraufhin, dass zwar der Militärputsch verhindert wurde, aber in dessen Anschluss ein ziviler Putsch von Seiten Erdogans und dessen AKP stattgefunden hat.

Von außen betrachtet geben die Ereignisse vom 15./16. Juli des vergangenen Jahres einige Rätsel auf. Doch kritische Fragen sind in der Türkei dieser Tage unerwünscht. Es besteht allerdings kein Zweifel daran, dass die türkische Regierung das Land in dem vergangenen Jahr dramatisch verändert hat. Und zwar in die von ihr gewünschte Richtung, was auch Widerstand hervorruft.

Es konnte ja gar nicht ausbleiben, dass ein Politiker vom Schlage Erdogans in eine offene Konfrontation mit der allmächtigen Generalität der türkischen Armee und ihrer auf kemalistischen Laizismus eingeschworenen Staatsdoktrin gerät. Die europäischen Freunde des Türkeibeitritts zur EU, welche darauf hinarbeiteten, den Einfluss der Armee abzubauen, weil diese den demokratischen Vorstellungen des Westens widerspricht, unterstützen Erdogan dabei fleißig.

In der offiziellen Berichterstattung gedenkt die Türkei dieser Tage jenen 249 Bürgern, die vor einem Jahr bei dem Widerstand gegen den Putsch getötet wurden. Trotzdem kann die Regierung bis zum heutigen Tag keine stichhaltigen Beweise liefern, welche den in den USA lebenden Prediger Fethullah Gülen als Drahtzieher belasten.

Erdogans Schachzug

Der Verdacht kommt auf, die türkische Regierung griff erst deshalb so spät ein, obwohl diese bereits mehrere Stunden früher von den Putschplänen wussten, wie heute allgemein bekannt ist, um aus dem Putsch politisches Kapital zu schlagen, was dann ja auch geschah. Die radikale Säuberungswelle, die von Erdogan  in Gang gesetzt wurde, um den angestrebten Umbau des Landes zu beschleunigen, hat ein Klima der Angst geschaffen. „Der Putsch währte nur eine Nacht, der Putsch nach dem Putsch bereits ein Jahr!“ äußerte kürzlich ein türkischer Politiker, der anonym bleiben möchte.

Dass die heterogene Opposition noch in der Lage ist, gegen die politischen Veränderungen zu demonstrieren, wurde durch den sogenannten Marsch für Gerechtigkeit des Oppositionsführers Kemal Kilicdaroglu, dem sich Hunderttausende Türken anschlossen, eindrucksvoll bestätigt. Das säkulare und liberale Milieu zeigte in dem Marsch von Ankara nach Istanbul Flagge.

Wer aber davon ausgeht, dadurch ließe sich eine massentaugliche Bewegung errichten, irrt. Erdogans Vision, eines islamischen Staatskonzeptes, flankiert von den Besonderheiten der türkischen Geschichte, welches er schon als Bürgermeister Istanbuls propagierte, fand und findet noch die Zustimmung eines Großteils der Bevölkerung.

Das „Abendland“ kehrt Europa den Rücken

Die Vorstellung, die Türkei könnte eines Tages Vollmitglied der Europäischen Union werden, welche ja inzwischen massiv an Strahl-und Anziehungskraft eingebüßt hat, wirkt inzwischen irreal.

Die Türkei, dieses kraftstrotzende Land, hat sich geopolitisch in Richtung Osten, in Richtung Asien orientiert, dort wo die Märkte und die Mächte der Zukunft liegen. Der sich abzeichnende Konflikt mit den USA ist unaufhaltsam.

Für die NATO ist die Türkei von immenser Bedeutung, umgekehrt gilt das nur noch sehr bedingt. Wie man im Westen, besonders in Europa, auf diese geopolitischen Umwälzungen reagieren wird, ist zur Stunde ungewiss, gerade auch angesichts der politischen und kulturellen Orientierungs- und Führungslosigkeit, von welcher das Abendland, wie man früher zu sagen pflegte, zweifelsohne betroffen ist.