Es ist immer wieder interessant zuzuhören wenn griechische Besucher Deutschlands und deutsche Touristen in Griechenland Details bemerken, die Einheimischen verborgen bleiben. Zahlreiche solcher „Aha-Momente“ beruhen schlicht auf einer unzureichenden Information durch die Medien. Vieles, was in Griechenland falsch läuft, wird a priori von den Medien wahlweise zur deutschen oder europäischen Forderung erklärt, was der Völkerverständigung nicht unbedingt zuträglich ist. Und doch gibt es vieles, was die Griechen von Deutschen und die Deutschen von den Griechen und deren Nachbarn lernen könnten.

Die Quittung und die Spur des Geldes

In Griechenland kann jeder Kunde wegen Beihilfe zur Steuerhinterziehung belangt werden, wenn er den Kassenbon im Ladengeschäft liegen lässt. Ebenso steht es unter Strafe, wenn der Verkäufer den Kunden ohne Bon aus dem Geschäft lässt. Die einzige Ausnahme dieser Regel ist, dass kein Kunde bezahlen muss, wenn er keinen Kassenbon erhält. In diesem Fall, so er denn nachgewiesen werden kann, gilt die Mitnahme der Ware oder der Empfang einer Dienstleistung steuerlich als Geschenk.

Sämtliche Geschäfte und Dienstleister in Griechenland, auch Anwälte und Ärzte, sind zudem dazu verpflichtet worden, den Kunden bargeldlose Zahlungsmöglichkeiten anzubieten. Umso mehr wundern sich Griechen, dass in Deutschland in vielen Restaurants keine Kreditkarten akzeptiert werden. Die in Deutschland noch nicht realisierte Abschaffung von Bargeld wird in Griechenland zur Realität.

Lustig wird es, wenn deutsche Touristen in Badehose sich vom Strand kommend kurz bei einem Kiosk ein Getränk kaufen. Außer dem Getränk bekommen sie oftmals unter sanftem Zwang, den Kassenbon in die Hand gedrückt. Es gibt nicht wenige, welche sich dadurch belästigt fühlen und den Bon achtlos zu Boden werfen. Im umgekehrten Fall ist die Verwunderung der Griechen groß, wenn sie zum Beispiel in Berlin an der Kasse eines Supermarkts stehen, und der Sprache nicht mächtig, auf ihren Kassenbon warten. Den gibt es bei vielen deutschen Geschäften bekanntlich nur, wenn er extra verlangt wird. Die Griechen haben jedoch aus ihren Medien erfahren, dass die zwangsweise Beglückung mit dem Bon eine Idee und ein Anliegen des deutschen Bundesfinanzministers sei.

Festgelegte Preise für bestimmte touristische Leistungen

Ein beliebtes Sommerlochthema in Griechenland ist es, das Abzocken von Touristen anzuprangern. Den Griechen wird eingebläut, dass es unfair ist, wenn ein Kiosk an der Akropolis den Touristen Mineralwasser für zwei Euro den halben Liter verkauft. Die Preise für Taxifahrten von den großen Flughäfen in die Innenstädte sind gesetzlich geregelt. Daher können die Griechen schwerlich begreifen, wieso an deutschen Flughäfen, touristischen Orten, an Autobahnraststätten oder in Zügen nicht wie in der Heimat für Grundnahrungsmittel Festpreise gelten. Für einen halben Liter Wasser sind in Griechenland maximal 0,50 Euro fällig. Wenn Griechen an deutschen Flughäfen sehen, dass das gleiche Wasser in Deutschland mehr als Bier kostet, haben sie ein Thema für eine abendfüllende Unterhaltung daheim.

Dagegen bedarf es mehrerer Tage, bis ein Deutschlandbesucher zurück in Griechenland den Preisschock verdaut hat. Denn nahezu sämtliche Waren in den griechischen Supermärkten werden in Deutschland preiswerter, oft sogar zur Hälfte des griechischen Preises verkauft. Der Clou ist es, wenn griechischer Joghurt beim deutschen Feinkosthändler zu einem Preis von mindestens einem Euro weniger als in Hellas angeboten wird. Die Ladenketten in Griechenland nehmen- wie sie auf Anfrage frank und frei bestätigen – den Preis, den der Markt hergibt, während der Lebensmittelmarkt in Deutschland zu den hart umkämpften Branchen zählt und entsprechend mit billigen Preisen die Kunden ködert. Schuld an diesem Dilemma sind nicht die deutschen, belgischen oder französischen Handelsketten sondern fehlendes Verbraucherbewusstsein der Griechen selbst. Es ist nicht möglich, in Griechenland einen Verbraucherboykott zu organisieren. Immer finden sich einige, die aus Furcht, dass die boykottierte Ware knapp werden könnte, Hamsterverkäufe tätigen.

Allerdings sind die gemessen am Lohn exorbitant hohen Verbraucherpreise mit ein Grund für die Krise des Landes. Denn sie hatten bei der Euroeinführung die Preise vervielfacht und damit für im Verhältnis zur Produktion des Landes hohe Löhne gesorgt. Die Löhne wurden durch Sparmemoranden gekappt, die Preise bleiben dagegen weiterhin auf hohem Niveau.

Heute ist Helmtag!

Vielen deutschen Touristen fällt die laxe Verkehrsmoral der Griechen auf. Was zunächst als störend empfunden wird, führt nach einigen Tagen zwangsläufig zur Nachahmung. Die Überraschung ist groß, wenn nach mehreren Tagen Fahrt durch Inselgassen dem gemieteten Roller ohne Helm der Polizist, der so oft freundlich gegrüßt hat den Touristen anhält und ihm einen saftigen Strafzettel über mehrere hundert Euro verpasst.

Die griechische Verkehrspolizei ahndet in der Regel Verkehrsverstöße auf Befehl von „oben“. Wenn die Kontrolle von Helm- und Anschnallpflicht auf der Tagesordnung steht, kann der ertappte Tourist oft verdutzt beobachten, wie einheimische Autofahrer buchstäblich neben dem Polizisten straflos über eine rote Ampel rauschen.

Ähnliches gilt für Parkverbote, die in Griechenland für Uneingeweihte nicht immer als solche erkennbar sind. Ein durchgängiger gelber Streifen auf der Fahrbahn signalisiert auch ohne Zusatzschild ein absolutes Halteverbot. Auch Parkverstöße sind in Hellas sehr teuer. Bei Verkehrsbehinderung werden sogar die Nummernschilder des Fahrzeugs abmontiert. Der danach obligatorische Besuch auf der Polizeiwache endet dann meist mit einem durch Sicherstellung des Führerscheins durch die Polizei verhängtem Fahrverbot für den Parksünder. Das Auto bekommt erst nach Ablauf des Fahrverbots die Nummernschilder zurück. Das gilt je nach Auslegung durch den jeweiligen Polizeibeamten oft auch für ausländische Fahrzeuge.

Den drakonischen Strafen stehen einige, für Touristen meist unbekannte Rabatte gegenüber. Regelmäßig vor hohen christlichen Feiertagen erlässt der für die Polizei zuständige Bürgerschutzminister den Verkehrssündern die Fahrverbote. Wer den Strafzettel durch Begleichung des Betrags bei einer Bank innerhalb der ersten Tage nach dem Verkehrsverstoß begleicht, bekommt die Hälfte der Strafe erlassen.

Entgegen der landläufig verbreiteten Mär ist es nicht zu empfehlen, einen Bestechungsversuch gegenüber dem Polizeibeamten zu versuchen. Gutes Zureden und lange, ausschweifende Erklärungen über den Grund des Verkehrsverstoßes können dagegen eher zum Erfolg führen. Es ist – bei Vermeidung beleidigender Äußerungen - genau das verbale Verhalten, mit denen Griechen in Deutschland Polizisten zur Weißglut treiben würden.

Die Trennung zwischen Staat und Kirche?

Seit Griechenland 1981 in die damalige Europäische Gemeinschaft eintrat gehört die immer noch nicht komplett erfolgte Trennung zwischen Staat und Kirche zu einer der Hauptforderungen der Gemeinschaft. Griechenland ist neben Malta und Dänemark ein Land der EU, in dem die vorherrschende Religion Staatsreligion ist. Die Eintragung des Glaubensbekenntnisses in die Personalausweise wurde in den Neunziger Jahren unter Premierminister Costas Simitis abgeschafft. Es gab teilweise extreme Proteste von Seiten der Amtskirche. In Artikel 3 der Verfassung ist das Orthodoxe Christentum als vorherrschende Religion verankert. Laut Statistik machen die Griechisch- Orthodoxen 98 Prozent der Bevölkerung aus, dazu kommen 1,3 Prozent Moslems und 0,7 Prozent Übrige. Es gibt Katholiken – nach römischem Ritus aber auch dem Ritus Graecus, Protestanten, Mormonen und Zeugen Jehovas. Die vor dem zweiten Weltkrieg in großer Zahl präsenten Juden wurden entweder Opfer des Holocaust oder aber sie sind in ihrer Mehrzahl der Überlebenden ausgewandert. Darüber hinaus lassen sich auch noch Anhänger des Zeus-Kultes finden. Es herrscht Religionsfreiheit, welche jedoch durch die überwiegende Mehrheit der Orthodoxie zum Paradoxon führt, dass ein bekennender Atheist wie Premierminister Alexis Tsipras zu Ostern zur Auferstehungsmesse pilgert. Die offensichtliche Homogenität der Religionsstruktur machte eine Kirchensteuer nach deutschem Vorbild überflüssig. Die Gehälter von Geistlichen, 2016 waren es 9298 bei insgesamt 566.913 öffentlich Bediensteten, werden aus der Staatskasse bezahlt.

Der Erzbischof von Athen und ganz Griechenland, wie der offizielle Titel des nationalen Kirchenfürsten heißt, hat zusammen mit der Heiligen Synode der Bischöfe auch unter der linken Regierung Tsipras ein Mitspracherecht zum obligatorischen Religionsunterricht.

Die Streichung der Religionszugehörigkeit aus den Ausweispapieren wurmt viele Griechen auch heute noch. Sie wurde ihnen von den Medien als EU Forderung erklärt. Unterschlagen wurde, dass die Eintragung sehr viel jünger ist, als die meisten heute noch wissen. Sie wurde eingeführt, als es in der dunkelsten Zeit der jüngeren Geschichte, im zweiten Weltkrieg, darum ging die jüdische Bevölkerung zu brandmarken.

Sie haben zudem in der Krise von der Kreditgebertroika gelernt, dass vom Staat für Dritte eingenommene Steuern in einem modernen Staatswesen nichts zu suchen haben. Wenn aus den griechischen Touristen Einwanderer in Deutschland werden, dann ist die Überraschung bei der Steuererklärung und der Anmeldung des Wohnsitzes groß. Dann nämlich lesen sich unter Religion den Eintrag „keine“ und fühlen sich diskriminiert.

Die Erklärung, dass der ansonsten so korrekte deutsche Beamtenapparat ein Wort vergessen hat, lassen sie nicht leicht gelten. Denn preußisch korrekt müsste es doch „Steuerpflichtige Religion: keine“ heißen, oder?

Wie griechisch ist die Orthodoxie?

Die in Deutschland wirkenden, hier Griechisch Orthodox genannten, Seelsorger unterstehen übrigens anders als zu erwarten nicht dem Bischof von Athen, sondern vielmehr dem Ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel, der in der heute als Istanbul bekannten Stadt residiert und wegen der dortigen Gesetze türkischer Staatsbürger sein muss. Er stammt daher immer aus den Reihen der ethnischen griechischen Minderheit der Türkei.

Er ist mit dem offiziellen Amtstitel „Seine Heiligkeit, der Erzbischof des Neuen Roms Konstantinopel und Ökumenischer Patriarch“ das geistliche Oberhaupt der weltweiten Orthodoxie und verwaltet in Glaubensfragen der Griechen neben dem Ausland außer der autonomen Mönchsrepublik Athos auch noch Kreta. Nordgriechenland steht dagegen nur formal dem Patriarchen zu, hier kommt aufgrund eines Kirchenvertrags von 1928 der Bischof von Athen wie ein Truchsess zum Zuge. Theoretisch könnte der türkische Staatsbürger, der amtierende Patriarch Bartholomäos jedoch auch hier in die Belange der Staatskirche eingreifen. Die kirchlichen Besitztümer der entsprechenden Regionen gehören samt ihres Reichtums jedoch nicht dem griechischen Staat, oder der griechischen Amtskirche, sondern dem Patriarchat von Konstantinopel.

Diesbezüglich gab es im August 2011 eine heute kaum zu glaubende Meldung. Der damalige türkische Regierungschef Recep Tayyip Erdogan gab per Erlass den nicht muslemischen Glaubensgemeinschaften in der Türkei die seit 1936 konfiszierten religiösen Besitztümer zurück.