Ausgerechnet Istanbul, die eurasische Megapolis, von der man einst sagte, wer Istanbul beherrscht, der wird die Welt beherrschen - der Ort, an dem Erdogan1994 seine politische Karriere als Bürgermeister, und damit seinen phänomenalen politischen Aufstieg bis ins höchste Staatsamt, begann. Aber nicht nur deshalb. Der "Bürgermeistersessel" der türkischen Metropole ist ohne Zweifel ein Sprungbrett, auch natürlich aufgrund der Größe und der wirtschaftlichen Bedeutung von Istanbul.

Erdogan sitzt noch fest im Sattel

Ob es sich bei dieser Bürgermeisterwahl nun um den Anfang von Ende der Ära Erdogan handelt, wie viele deutsche Medien beispielsweise frohlocken, ist in keiner Weise sicher. Dafür sitzt das autokratische Staatsoberhaupt viel zu fest im Sattel.

Er ist immerhin von 50 Prozent der türkischen Bevölkerung gewählt worden und verfügt bei den ländlichen Massen Anatoliens, die der schleichenden Re-Islamisierung der Türkei positiv gegenüberstehen, über breiten Anhang. Sicherlich, das Prestige Erdogans ist nach dem Putschversuch von 2016, sowie dem Ende des beachtlichen Wirtschaftsbooms, der den Beginn seiner Amtszeit begleitete, beschädigt - am Ende ist diese Politiker aber nicht.

Goldene Ära der Demokratie vor Erdogan? Mitnichten!

Für den durchschnittlichen Türken, gerade wenn er zur Mehrheit des sunnitischen Kleinbürgertums gehört, ist die Stabilität des gesellschaftlichen Rahmens zweifellos wichtiger als individuelle Ausdrucksfreiheit, was übrigens nicht nur für die Einwohner Anatoliens gilt. Wenn oberflächliche Kommentatoren im Westen behaupten, die Wahlniederlage Erdogans würde autoritäre Tendenzen in der Türkei beenden, so haben diese keine Ahnung von der jüngeren Geschichte dieses Landes.

Wann war denn die goldene Epoche der Demokratie in der Türkei? Etwa unter der Regierung der CHP, des Militärs?

Nach dem Nato-Beitritt der Türkei 1952 vollzog sich eine vorsichtige Anpassung Ankaras an die demokratischen Gepflogenheiten des Westens. Die mächtige Armeeführung hingegen beobachtete die zunehmende Liberalisierung des Landes, darunter auch das Wiedererstarken der Religion, welche unter Atatürk als Machtfaktor ausgeschaltet worden war, misstrauisch.

Schließlich holte die hohe Generalität zum Putsch gegen den damaligen Ministerpräsidenten Menderes aus, ließ diesen sogar hinrichten, als seine Politik auf Konfrontationskurs mit den laizistischen Vorstellungen geriet. Es sollte nicht das letzte Mal sein, dass die Armee putschte. Dies war Ausdruck der Spannungen zwischen einer sich formierenden Zivilgesellschaft, die vielfältige und auch widersprüchliche Facetten entfaltete, und den Gralshütern einer staatlichen Ordnung, deren Garant die Armee war.

Spannungen zwischen Washington und Ankara

Betrachtet man die außenpolitischen Entwicklungen, sticht die Frage hervor, wie es um den Stand der Beziehungen zwischen Ankara und Washington steht, die von zunehmenden Irritationen und Spannungen gekennzeichnet sind. Das NATO-Land Türkei kauft seine neuen Waffensysteme in Russland, was im Umfeld des Weißen Hauses die Alarmglocken erklingen lässt.

Schon vor dem Putsch im Sommer 2016,vor dem die Russen Erdogan warnten, sorgte die Tatsache für erheblichen Aufruhr, dass der finanzstarke Fethullah Gülen-Clan, dem Erdogan den Kampf angesagt hatte und den er als größte innenpolitische Bedrohung interpretierte, im Exil in den USA residiert.

Schon damals wurde der Verdacht geäußert, diese ominöse Bruderschaft würde ihre weltweiten Aktivitäten mit Hilfe von US-Geheimdiensten koordinieren. Darüber hinaus wird doch – trotz allen Gängeleien und Menschenrechtsverletzungen - deutlich, dass die Akzeptanz des Wahlergebnisses in der größten Stadt der Türkei immerhin mehr demokratischen Spielraum zulässt, als etwa in Ägypten oder Saudi-Arabien, zwei der engen Alliierten des Westens im Nahen Osten, die diesbezüglich weit weniger im Fokus der Kritik stehen.