Statt sich erfreut über die Zerschlagung dieses radikalsunnitischen Terrorgebildes zu äußern, dessen Aufstieg direktes Resultat der katastrophalen Politik des Westens seit 2001 vor Ort war, fürchtet Kissinger die Folgen dieser Niederlage.

Kissinger warnt vor einer Welt ohne IS

In einem Beitrag- für die Website des Centre for Policy Studies aus London, brachte der 94-jähringe seine Befürchtungen zum Ausdruck, dass der schiitische  Iran das Machtvakuum ausfüllen wird, welches der IS hinterlässt.

Kissinger skizziert den wachsenden Einfluss Irans in der Region und malt Schreckensbilder an die Wand, wie sie schon seit Jahrzehnten dem öffentlichen Denken Washingtons entsprechen, damit auch dem strategischen Vorgehen des Westens gegenüber Teheran.

Im Nahen Osten kann der Feind deines Feindes auch dein Feind sein

So schreibt der EX- Chef- Diplomat der USA in dem erwähnten Beitrag, bezogen auf die Tatsache, dass die USA und Iran dort gemeinsam gegen den IS kämpfen:

„Unter diesen Umständen gilt die traditionelle Redewendung, laut der der Feind meines Feindes mein Freund ist, nicht mehr. In der gegenwärtigen Lage im Nahen Osten kann der Feind deines Feindes auch dein Feind sein.“

Tiefer geht diese Analyse nicht. Kissinger erwähnt mit keinem Wort, dass der von ihm bedauerte Aufstieg Irans, der tatsächlich stattfindet, ein direktes Resultat der politischen Schachzüge und militärischen Interventionen der USA seit 2001 sind.

Mit der Beseitigung des ebenfalls radikalsunnitischen Taliban-Regimes in Kabul, mehr noch aber dem Sturz des arabisch-nationalistischen Saddam-Regimes im Irak, wurde der jetzt zu beobachtende Ausbruch Irans aus seiner geopolitischen Isolierung überwunden, denn seine beiden größten Feinde, im Osten, wie im Westen der Landsgrenzen, wurden von den USA und ihren Partnern aus dem Wege geräumt.

Der so genannte „Schiitische Gürtel“, von den Enklaven jener Religionsgemeinschaft in Afghanistan, über Iran, Irak, Syrien, bis an die libanesische Mittelmeerküste, ist ein direktes Resultat dieser Politik, des damals konzipierten  und später gescheiterten „War on Terror“.

Stattdessen lamentiert Kissinger: “Alle – einschließlich des schiitischen Irans und der führenden sunnitischen Staaten – sind sich darin einig, dass der IS zerstört werden muss. Aber welche Kraft wird deren Territorium übernehmen? Eine Koalition aus Sunniten? Oder Kräfte aus dem Einflussbereich Irans?"

Das Iran-Syndrom, wie  Spötter die  Anti-Teheran-Agenda Washingtons nennen, welche unter Donald Trump  wieder Aufwind hat, wird von Jerusalem und Riad geteilt, schweißt also scheinbar sehr unterschiedliche Mächte zusammen, die  sich vor dieser Entwicklung fürchten.

Deshalb wird Saudi-Arabien auch vom israelischen Ministerpräsidenten als „moderater arabischer Staat“ tituliert, obwohl dieses Regime antijüdisch eingestellt ist, wie kein zweites in der Region. Kissinger bewegt sich also hier auf der Linie Trumps, der sich ja nicht entblödete das saudische Regime mit Waffen zu überschütten, also die Fehler seiner Vorgänger zu wiederholen.

Russland soll in Syrien machen was der Westen will

Diesbezüglich schiebt Kissinger Moskau den schwarzen Peter zu, anstatt das Engagement Russlands und Irans in Syrien zu würdigen, welches erst die Grauen zu beenden half, für welche der Westen einen Großteil der Verantwortung trägt.

„Will Moskau bei der Niederschlagung des IS und der Vorbeugung ähnlich gearteter Kräfte behilflich sein? Oder strebt es, getrieben von einer Nostalgie historischer Größe, nach strategischer Dominanz? Im ersten Fall könnte eine Politik der Zusammenarbeit zwischen Russland und dem Westen konstruktiv sein. Im zweiten Fall wäre ein Wiederaufkommen von Mustern aus dem Kalten Krieg wahrscheinlich. Russlands Umgang mit den vom IS eroberten Gebieten wird hierfür von entscheidender Bedeutung sein.“

Hier greift Kissinger die schon gescheiterte Strategie Benjamin Netanjahus auf, nämlich die Russen dazu zu drängen, deren iranische Alliierte aus Syrien fernzuhalten.

Putin ließ Netanjahu abblitzen

Der israelische Premierminister, bei dem sich schon Irritationen über das Verhalten des US-Präsidenten häufen, suchte deshalb Wladimir Putin persönlich in Sotchi auf. Dort musste  Netanjahu allerdings feststellen, dass Putin überhaupt nicht daran denkt, irgendwelche Forderungen der Israelis oder der Amerikaner zu erfüllen, noch deren Bedenken zu teilen.

“Überall, wo der IS wegzieht, erscheint der Iran“, klagte Netanjahu, worauf Putin entgegnete, dass Russland Iran als strategischen Partner zu schätzen weiß. Russland scheint hier den USA um einige strategische Erkenntnisse voraus, denn Teheran wird als Partner gebraucht. Weshalb? Weil die gesamte geopolitische Strategie und Bündnispolitik des Westens im Nahen und Mittleren Osten gescheitert ist.

Weder wurden "Leuchttürme der Demokratie" errichtet, noch hat der Demokratie-Export funktioniert. Die einstigen Verbündeten gingen im Strudel des so genannten „Arabischen Frühlings“ unter, als Verbündete blieben Scheichs und Emire auf der arabischen Halbinsel übrig. Ein "Sleeping with the devil“, ein Mit-dem-Teufel-Schlafen, wie der ehemalige CIA-Agenten Robert Baer die skandalöse Komplizenschaft zwischen der saudischen Erbmonarchie und den amerikanischen Erdöl-Kapitalisten zu bezeichnen pflegt.

Dazu findet man im Beitrag Kissingers kein Wort. Auch keine Erklärung, weshalb  man in Washington und der westlichen Welt gerne darüber hinwegschaut, wenn saudische Geldgeber den religiösen Fanatismus, in Form des dort praktizierten Wahhabismus und Salafismus, weltweit finanzieren. Weder die Besetzung Bahrains durch saudische Truppen, die Bombardierung Jemens, noch die permanenten Menschenrechtsverletzungen im Königreich selbst, führen zu einem Sturm der Entrüstung.

Stattdessen wird das Erstarken Irans als größte Bedrohung der Region dargestellt, während Riad den Westen vorführt, sich als Partner gibt, um den gemeinsamen Gegner Teheran in die Schranken zu weisen. Hinterrücks werden aber westliche Initiativen in der Region unterlaufen und antischiitische wie antiamerikanische Positionen gefördert.

Der Beitrag Kissingers trägt den Titel “Chaos and order in a changing world!“. Es ist jenes Chaos, welches spätestens nach dem 11. September 2001 entstand, jenes Chaos, aus dem noch keine neue Ordnung hervorgegangen ist. Aber so viel ist sicher, es wird keine Ordnung mehr sein, in welcher die USA und ihre Verbündeten ausschließlich das Weltgeschehen dominieren werden. Vielleicht klingt der Beitrag von Henry Kissinger deshalb so verbittert, da er am Ende seines langen Lebens eben dieses feststellen muss.