Die fossilen Energievorkommen in der Ägäis sind ein Konfliktherd in den Beziehungen zwischen der Türkei, Griechenland und Zypern. Die Republik Zypern, deren Nordteil sich seit 1974 unter türkischer Besatzung befindet, hat eine ausschließliche Wirtschaftszone bestimmt, in der sie erfolgreiche Probebohrungen durchführen konnte.

Die Türkei - offiziell eine der drei Garantiemächte Zyperns - möchte dies nicht hinnehmen, sie hat bereits ein eigenes Bohrschiff in die Region geschickt. Über die fossilen Energievorkommen ist nun ein Streit entbrannt, der in den drei Staaten Anlass zur Sorge über die sehr reale Gefahr eines militärischen Konflikts schürt. Grund genug, die Aktionen aller Akteure kritisch zu beleuchten.

Säbelrasseln in der Ägäis

Im aktuellen Konflikt hat die EU der Türkei Sanktionen angedroht, da ein türkisches Bohrschiff bereits in zypriotischen Gewässern kreuzt und mit einer Probebohrung beginnen will. Ein zweites Bohrschiff steht bereit, und könnte ebenso in den griechischen Gewässern zum Einsatz kommen. Gleichzeitig haben Griechen und Zyprioten Nutzungsrechte für die Erschließung und Förderung der Erdgas- und Erdölvorkommen auch an internationale Konzerne verkauft.

Die Türkei reagiert darauf mit gezielten verbalen Provokationen - aber auch mit Machtdemonstrationen. Sie versichert, dass jeder Versuch, die Bohrschiffe bei ihren Einsätzen zu behindern, oder gar - wie von Zypern verlangt - die Besatzungen der Schiffe zu verhaften, zum Eingriff ihrer Kriegsflotte führen wird. In der Erdogan nahestehenden Tageszeitung Yeni Safak gibt es einen Beitrag, der die Möglichkeit eines Raketenangriffs auf Athen thematisiert.

Der griechische Premierminister Alexis Tsipras befindet sich im Wahlkampf. Er möchte sich als knallharter Leader, der nationale Interessen ohne Rücksicht auf die eigene Partei vertritt, präsentieren. Er droht seinerseits der Türkei mit Konsequenzen, falls diese eine Probebohrung in griechischen Gewässern wagen sollte.

Gleichzeitig will Tsipras auf die Erfolge seiner Außenpolitik hinweisen und erzählt stolz, dass ihm der französische Präsident Emmanuel Macron die Sendung von Fregatten seiner Kriegsmarine versprochen habe. Letzteres ist verständlich, denn neben einer Beteiligung griechischer, in der Heimat einkommenssteuerfreier, Reeder ist der französische Konzern Total als Vertragspartner in die Suche nach den Energiequellen der Ägäis involviert. Der griechische Staat selbst verdient, wenn es zur Förderung kommt, einen Betrag in der Größenordnung von fünf Prozent der Fördergewinne.

Die Türkei zweifelt die Rechtmäßigkeit der ausschließlichen Wirtschaftszone Zyperns, ebenso wie die Hoheitsrechte der Griechen rund um die Inseln in der Ägäis seit jeher an. Nicht erst seit der Regierungszeit des jetzigen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, setzt die Türkei auf ihre geballte Militärmacht. Sie sieht sich als Beschützer der türkischstämmigen Zyprioten, die im besetzten Nordteil der Insel einen international nicht anerkannten Staat gegründet haben. In diesen Nordteil schickt die Türkei Soldaten und Siedler.

Das Problem der zypriotischen Teilung, welche de facto seit 1974 besteht, konnte auch nicht durch die EU-Mitgliedschaft der Republik Zypern gelöst werden. Es ist müßig, über die Schuldfrage der Teilung zu diskutieren. Solche Diskussionen bringen Griechen, Türken und Zyprioten regelmäßig die Zornesröte ins Gesicht. Jede Seite sieht sich mit ihren eigenen Argumenten im Recht. Interessant ist in diesem Zusammenhang aber, dass der Anlass des türkischen Einmarsches buchstäblich unter den Augen einer der beiden Weltmächte - der USA - geliefert wurde.

Die rechtsnationalistischen Putschisten

Am 15. Juli 1974 initiierte die in Griechenland mit der Unterstützung der USA regierende Obristendiktatur unter Dimitrios Ioannidis einen Putsch gegen den regierenden Präsidenten Zyperns, Erzbischof Makarios. Makarios war den rechtsextremen Obristen wegen seiner Nähe zu Linken und Kommunisten ein Dorn im Auge. Sie wollten mit dem Herausgeber Nikos Sampson ihre eigene Marionette in den Präsidentenpalast der Inselhauptstadt Nikosia hieven.

Aus dem gleichen Grund, der „Abwehr der kommunistischen Gefahr“, hatten die Obristen mit einem Putsch am 21. April 1967 in Athen die anstehenden Parlamentswahlen, und damit einen Wahlsieg sozialdemokratischer und linker Kräfte verhindert. Mittelfristig wollte die Militärjunta die Inselrepublik an Griechenland angliedern. Die negativen Folgen eines solchen Anschlusses für die türkischstämmigen Inselbewohner liegen auf der Hand.

Erzbischof Makarios konnte sich retten und die Türkei zog ihre Option als eine der drei Garantiemächte. Sie berief sich auf Artikel 4 des Garantievertrags und marschierte in den Nordteil der Insel ein. Die Griechen waren als zweite Garantiemacht plötzlich international isoliert und konnten sich der militärischen Übermacht nicht erwehren. Die dritte Schutzmacht Zyperns, das Vereinigte Königreich, griff nicht ein.

Schließlich führte die „nationale Katastrophe“ in Griechenland zum Sturz der Obristen. Auf Zypern konnte Makarios wieder ins Amt kommen und seitdem gibt es zwischen allen Beteiligten Verhandlungen über eine Beilegung des Konflikts. Ein Kuriosum der faktischen Teilung ist, dass die alteingesessenen türkischstämmigen Bewohner des Nordteils und ihre Nachkommen Bürger der Europäischen Union und des international nicht anerkannten Staats sind. Ihre nach der Teilung aus der Türkei gekommenen Mitbürger sind dagegen von der Freizügigkeit der EU ausgeschlossen.

Es dürfte für Beobachter der griechisch-türkischen Konflikte interessant sein, dass der türkische Einmarsch nicht von einem konservativen oder gar nationalistischen Politiker, sondern von einem Feingeist, dem Sozialdemokraten Mustafa Bülent Ecevit befohlen wurde. Die Konstanz der türkischen Außenpolitik ist unübersehbar. Die Griechen mussten - zum zweiten Mal nach der „kleinasiatischen Katastrophe“ des Griechisch-Türkischen Kriegs von 1919-1922 - einsehen, dass sie im Ernstfall auch mit zugesicherter internationaler Unterstützung allein gegen die Türkei stehen.

Mahner auf griechischer und zypriotischer Seite

Der Generalsekretär der linken AKEL (Anorthotiko Komma Ergazomenou Laou - Fortschrittliche Partei des werktätigen Volkes), Andros Kyprianou, sieht die Erdgasförderung vor Zypern kritisch. Er befürchtet, dass die Teilung der Insel durch die aktuelle Zuspitzung des Konflikts zementiert wird. Nach Ansicht der AKEL wäre es sinnvoller, die Energiequellen zur Einigung der Insel zu nutzen - und nicht durch einseitige Nutzung zu erschließen.

"Es scheint als ob die bisherigen Maßnahmen - oder zumindest die ergriffenen Maßnahmen - die Schritte des türkischen Präsidenten nicht behindern“, mahnt Verteidigungsminister Evangelos Apostolakis in einem Interview beim Sender ALPHA und versichert gleichzeitig "zu diesem Zeitpunkt sollten wir uns keine Sorgen machen. Die Situation ist unter Kontrolle, ganz Europa und Amerika versuchen, diese Aktivität der Türken zu stoppen. Wir sind in sehr guter Verfassung und es ist heute beim Gipfeltreffen der Europäischen Union das erste Mal, dass sie über Maßnahmen sprechen."

Apostolakis bekräftigte, dass Griechenland es nicht zulassen wird, wenn die Türkei versucht in das Meeresgebiet vor der Insel Kastelorizo einzudringen - allerdings fügte er hinzu „wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass wir allein sein werden“. Der Verteidigungsminister widerspricht damit seinem Premier, der Griechenland unter dem Schutz der Verbündeten sieht. Apostolakis weist auch darauf hin, dass umstrittene Waffengeschäfte der Türkei mit Russland nicht automatisch zum Bruch der Türkei mit der NATO führen müssen, wie es viele der übrigen griechischen Politiker gern annehmen.

Erdogan und die Raketen

Erdogan erweist sich im Konflikt als harter Pokerspieler. Gleichzeitig mit S-400 Raketensystemen aus Russland hat er F 35 Kampfjets in den USA bestellt. Bei den Kampfjets hat Erdogan zudem ausgehandelt, dass die Türkei als Zulieferer und Produzent von Teilen mit in die Produktion einsteigt. Die USA drohen den Türken die F 35 Lieferung zu verweigern, wenn diese den Liefervertrag mit Russland nicht stornieren. Ein entsprechendes Ultimatum wurde bereits gestellt. Allerdings sind sich alle Beteiligten bewusst, welche regionale Macht die Türkei hat.

Erdogan verlangt in diesem Wissen von allen, den USA, den Griechen und den Zyprioten das Maximum. Es bleibt abzuwarten, wie das Spiel für Erdogan ausgeht.

Exxon, Total, das Erdöl, Erdbeben und Umweltschutz

Auf der anderen Seite der Ägäis spielt Alexis Tsipras kurz vor den aller Wahrscheinlichkeit nach verlorenen Wahlen weiterhin sein eigenes Spiel. Beobachter in Griechenland diskutieren lediglich über die Höhe der am 7. Juli zu erwartenden Niederlage von Tsipras´ SYRIZA gegen die oppositionelle Nea Dimokratia unter Kyriakos Mitsotakis. Das Parlament wurde nach der mit knapp 9,3 Prozent verheerenden Niederlage von SYRIZA gegen die Nea Dimokratia bei den Europawahlen vom 26. Mai aufgelöst.

Am 27. Juni unterschrieb Tsipras mit ExxonMobil, Total und der privatisierten Hellenic Petrol einen Vertrag über die Nutzung von Erdöl- und Erdgasvorkommen vor Kreta. Es geht um ein süd- / südwestlich von der Urlaubsinsel gelegenes Seegebiet von 40.000 Quadratkilometern, was in etwa der Größe der Schweiz entspricht. Für den griechischen Staat selbst springt beim Deal kaum etwas heraus.

Dafür aber gibt es Gefahren. Greenpeace und der World Wide Fund for Nature warnen wegen der Gefährdung von Walen und Delfinen. Zudem handelt es sich um ein Erdbebengebiet. Dimitris Ibrahim kommentierte für Greenpeace gegenüber der Nachrichtenagentur Associated Press, „das Meer ist sehr tief, daher sind Bohrungen sehr gefährlich.“ Er fügte hinzu, dass Griechenland viel für ein vergleichsweise geringes Einkommen an Lizenzgebühren riskieren würde. „Der kleinste Unfall, in einer Region die so wichtig für den Tourismus ist, würde immense finanzielle Folgen haben“.