Es war im Mai 1968, also in jenem Jahr 1968 vor 50 Jahren, als auch westlich des Rheins die Jugend rebellierte.

Erinnerungen an 1968

Paris war in Aufruhr. Am 29. Mai meldeten die Nachrichten, dass der Präsident de Gaulle Paris verlassen hat und nach Colombey-les-Deux-Églises abgereist war - in die dortige lothringische Einöde, wo sich das Refugium dieses Jahrhundert-Staatsmannes befand.

Sollte der General vor der meuternden Jugend die Flucht ergriffen haben, wie die Agenturen spekulierten? Seine politischen Gegner, von denen es in allen Lagern zahlreiche gab, frohlockten. Die Zeitung Minute, das Organ der rechtsextremen Terrororganisation OAS, schrieb triumphierend: „C´est fini/ Das ist das Ende! - De Gaulle k.o.!“

De Gaulle hatte Paris per Helikopter verlassen und seine Anhänger versanken angesichts dieses zweiten Exils des Generals in Schwermut. Am Nachmittag platze dann die Bombe - als wäre die Stimmung nicht schon angespannt genug gewesen. De Gaulle sei gar nicht in Colombey eingetroffen, hieß es. Der General war spurlos verschwunden.

Die Nervosität in Paris wurde unerträglich. Ganz Frankreich schien auf das einsame Landhaus zu starren, dort irgendwo zwischen Lothringen und der Champagne. Und jetzt kam die Wende, die Ereignisse beschleunigten sich mit unheimlicher Hast. Niemand interessierte sich plötzlich mehr für die revoltierenden Studenten und deren Parolen, welche die Medien in den vergangenen Tagen beherrschten.

De Gaulle hatte es geschafft - hervorgerufen durch seine meisterhafte Regie der Spannung - sich wieder in das zentrale Blickfeld der Ereignisse zu setzen.

Und wo hatte sich De Gaulle in der Zwischenzeit aufgehalten? Er war in Deutschland und hatte die französische Armee in Baden-Baden aufgesucht, was an der Seine durchaus als Mahnung und Warnung verstanden wurde.

Ein Aufstand - spontan, überraschend und unorganisiert

Es mag ein Treppenwitz der Geschichte sein, dass sich der französische Präsident Macron dieser Tage in Deutschland aufhielt, als in Frankreich ein Aufstand ausbrach - spontan, überraschend und unorganisiert.

Weder Parteien, Gewerkschaften oder Lobbiesten hatten diesen Aufstand initiiert, es gab auch keine erkennbaren Anhänger. Lediglich in den sozialen Netzwerken gab es Aufrufe zu Protesten.

Die Protestler besetzten Straßen, Straßenkreuzungen, Supermärkte, Autobahnzahlstellen und Autobahnraststätten, wodurch es an vielen Orten zu kilometerlangen Staus kam. Die Polizei sprach von „Hunderten von Straßenblockaden“ im ganzen Land. Laut Medienberichten waren es über 2000.

Die Demonstranten trugen jene gelben Westen, die man auch in Frankreich obligatorisch im Auto mitführen muss. Die französischen Medien tauften den Protest daher „Mouvement des gilets jaunes“ (Bewegung der Gelbwesten).

Macrons Umfragewerte sinken rasant

Flankiert wurden diese Demonstrationen von einer am Sonntag veröffentlichten Meinungsumfrage des Instituts Ifop, wonach die Popularität von Staatspräsident Macron einen neuen Tiefstwert erreicht. Nur 25 Prozent der Französinnen und Franzosen sind mit ihrem Präsidenten zufrieden. Im Vergleich zum letzten Monat ist das ein Minus von vier Prozent.

Diese Zahlen bedeuten, dass Macron bald ebenso unpopulär ist wie seinerzeit der Sozialist François Hollande. Hollande kam zum gleichen Zeitpunkt seiner Amtszeit auf magere 20 Prozent. Sarkozy verbuchte zum gleichen Zeitpunkt immerhin noch 44 Prozent. Premierminister Édouard Philippe, in der Bevölkerung weitaus beliebter als Macron, verliert auch sieben Prozent an Zustimmung.

In diesem Zusammenhang kommt die Frage auf, ob die Franzosen mit ihrem politischen Personal immer ungeduldiger und unzufriedener werden, oder die Politiker angesichts der bevorstehenden Herausforderungen immer unfähiger?

Eine Antwort darauf lässt sich in den Forderungen der gelben Westen ablesen.

Ein Präsident der Reichen?

Zu Beginn richteten sich die Demonstrationen gegen steigende Benzinpreise und die immer höheren Lebenshaltungskosten. Die neue Benzinsteuer soll laut Regierungsangaben für die Energiewende eingesetzt werden. Doch die Proteste entwickelten sich schnell zu einer allgemeinen Aufwallung gegen die Politik von Präsident Emmanuel Macron, der in Sprechchören als „Präsident der Reichen“ bezeichnet wurde, da zeitgleich die Vermögens- und Gewinnsteuer herabgesetzt wurde.

Fest steht auf jeden Fall, dass sich die sozialen Probleme zuspitzen und sich der Lebensstandard vieler Franzosen im Sinkflug befindet - ähnlich wie die Umfragewerte für den Präsidenten.

Verschiedene Politiker und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens mahnten Macron, während dieser im Bundestag eine Rede hielt, den Ernst der Lage anzuerkennen und eine Politik zugunsten der breiten Bevölkerungsmehrheit zu gestalten. Ansonsten, daran erinnerte einer der Protestler gegenüber dem französischen Fernsehen, könnte sich ein Szenario einstellen, wie es im Schlusswort des bekannten Film „La Haine/Der Hass“ von Mathieu Kassovitz verkündet wird:

„Dies ist die Geschichte einer Gesellschaft, die fällt. Während sie fällt sagt sie, um sich zu beruhigen, immer wieder: Bis hierher lief’s noch ganz gut. Bis hierher lief’s noch ganz gut. Bis hierher… lief’s noch ganz gut.

Aber wichtig ist nicht der Fall, sondern die Landung.“