Ein Museum lässt alte Wunden wieder schmerzen

Am vorvergangenen Montag wurde in Amaliada auf dem Peloponnes ein Museum für den in den frühen Morgenstunden des Sonntags, dem 30.März 1952 in Athen hingerichteten Nikos Belogiannis eröffnet. Das Schicksal des prominenten Kommunisten hatte international Aufsehen erregt. Gnadengesuche kamen nicht nur von internationalen Politikern aller demokratischen Parteien. Auch die Künstler jener Zeit versuchten zu intervenieren. Charlie Chaplin, Jean Paul Sartre und Paul Éluard riefen die griechische Regierung auf, auf eine Exekution zu verzichten. Der Türke Nazim Hikmet schrieb für „den Mann mit der Nelke“ ein Gedicht, Picasso malte ein Bild. Der Mann mit der Nelke, das war Belogiannis, weil er selbst als er vom Militärgericht unter Beteiligung des damals als Richter fungierenden Obristen und späteren Putschisten und Diktator Georgios Papadopoulos noch die innere Ruhe fand, mit einer roten Nelke, der von ihm geliebten Blume, und einem Lächeln für die anwesenden Pressefotografen zu posieren.

Belogiannis Schicksal war zudem ein Beispiel für viele gleiche Lebenswege. Zehntausende Kommunisten wurden nach dem an die Befreiung Griechenlands von der Nazibesatzung anschließenden Bürgerkrieg von den Siegern erschossen, auf Gefängnisinseln verbannt, in Gefängnissen interniert oder verbannt. In Ungarn existiert auch heute noch eine von damaligen Verbannten und Flüchtlingen gegründete Gemeinde mit dem Namen des Hingerichteten. Sie heißt Beloiannisz. Im früheren „Griechendorf“ sind unter 1.200 Einwohnern noch knapp ein Viertel der Bürger Griechen, die sich assimiliert haben.

Die Auseinandersetzung war ein Stellvertreterkrieg zwischen den Gegnern des Kalten Kriegs. Die gegen die Nazitruppen erfolgreichen linken Partisanen passten dem Westen als Regierungsmacht nicht ins Konzept. Frühere Kollaborateure wie Papadopoulos wurden dagegen wegen ihrer antikommunistischen Überzeugung protegiert. Es ist zudem in Prozessen in Deutschland gegen den als Schlächter von Thessaloniki bekannt gewordenen Statthalters der Wehrmacht Max Merten aktenkundig geworden, dass niemand geringerer als der spätere konservative Premier Konstantinos Karamanlis zu den Nutznießern der von ermordeten jüdischen Griechen Thessalonikis geraubten Kapitalwerte gehörte. Belogiannis, den Papadopoulos wegen angeblicher Spionage für die Sowjetunion verurteilte, hatte diese Missstände während seiner Verteidigungsrede furchtlos angeprangert.

Lange Nachwirkungen einer dunklen Zeit

Das dunkelste Kapitel der jüngsten griechischen Geschichte fand erst 1981 ein Ende, als der Gründer der PASOK Andreas Papandreou als Premierminister für eine Versöhnung der Bürgerskriegsparteien eintrat. Papandreou, an dessen Wirtschaftspolitik auch von Seiten einstiger Weggefährten massiv Kritik geübt wird, wird wegen der Versöhnung auch immer noch verehrt und geachtet. Er erlaubte es den früher Verbannten oder in den Ostblock geflohenen, ins Heimatland zurückzukehren. Er begründete die Verwendung „Bürgerkrieg“ für das zuvor von der rechtsnationalen Regierungsseite als „Bandenkrieg“ bezeichnete Phänomen des Bruderkampfes.

Alexis Tsipras hat nach Ansicht vieler Beobachter durchaus das Bestreben als zweiter Andreas Papandreou zu erscheinen. Sein Duktus bei Parlamentsreden und Parteiansprachen erscheint vielen wie eine Kopie des Originals. Der politisch immer weiter zur Sozialdemokratie fortschreitende Parteiführer nutzte die Einweihung des Museums für Belogiannis, ebenso wie Monate vorher die Übergabe des als Hinrichtungsstätte für kommunistische Partisanen benutze Schießfeld von Kesariani für sein eigenes Image. Nur informierten Chronisten ist bewusst, dass das zum Museum gewordene Geburts- und Wohnhaus Belogiannis ein Projekt ist, was noch von früheren PASOK-Regierungen in Angriff genommen worden war. Finanziert wurde das Unterfangen mit Geldern des Parlaments, der Stadtgemeinde Amaliada und mit umfangreichen Sachspenden aus dem Archiv der Kommunistischen Partei, KKE, der Belogiannis als Führungspersönlichkeit angehörte.

Die Kommunisten waren bei der Museumseröffnung durch ihren Generalsekretär Dimitris Koutsoubas vertreten. Koutsoubas, den ein trockener Humor und eine subtile Rhetorik auszeichnen, griff Tsipras Politik an, ohne diesen beim Namen zu nennen. Der düpierte Premier versuchte dennoch, sich als wahren Erben Belogiannis darzustellen. Schließlich, so Tsipras, habe Belogiannis für Werte gestanden, welche den Idealen der EU und der Demokratie entsprechen würden.

Tsipras einstige Bundesgenossen, die sich 2015 aus Protest von SYRIZA abgespaltet hatten, kritisierten die KKE dafür, dass sie mit der Anwesenheit bei der Feierstunde Tsipras eine Legitimation gegeben hätte.

Goldene Morgenröte favorisiert Tilgung des Andenkens

Der Streit der Linken und Kommunisten fand im Museum selbst eine – für Koutsoubas typische Fortsetzung. Mit einem breiten Lächeln legte er vor Augen Tsipras ein nur für den Eröffnungstag von der Partei geliehenes Exponat in einen Schaukasten, die Pistole Belogiannis aus dessen Zeit als Offizier in der EAM, der kommunistisch dominierten „Nationalen Befreiungsfront“ Griechenlands.

Tsipras fragte verblüfft, wie die Waffe Kommunistenverfolgung und Militärdiktatur überstanden hätte. Koutsoubas konterte süffisant, dass die Kommunisten trotz der zeitweiligen Todesgefahr für den Waffenbesitz ihre Waffen durchaus bewahren konnten. Die Pistole, eine Walther wurde von der KKE wieder unter Verschluss genommen. Sie sei im Museum nicht sicher, hieß es von Seiten der Partei.

Dass die KKE hier nicht übertrieben hatte zeigte sich am Dienstag im Parlament. Die Goldene Morgenröte kündigte an, dass sie sobald sie an der Macht sei, das Haus Belogiannis niederreißen würden. Der vorsitzende Vizeparlamentspräsident Nikitas Kaklamanis schritt ein und verbot derartige Äußerungen. Er wollte die Abgeordneten der Goldenen Morgenröte des Saales verweisen. Diese wiederum beklagten, dass Belogiannis für den Tod zahlreicher ihrer ideologischen Vorväter verantwortlich sei.

Der zum bürgerlichen Zentrum der Nea Dimokratia gehörende Kaklamanis hatte jedoch nicht mit seinem Parteifreund Dimitris Tasoulas gerechnet. Der frühere Kulturminister verurteilte das Museum Belogiannis ebenso scharf, wie die Politiker der Goldenen Morgenröte. Er wählte lediglich eine feinere Sprache. Tasoulas bezeichnete Belogiannis als undemokratische Persönlichkeit, welche ihm, Tasoulas, sogar das Denken verboten hätte, wenn er gesiegt habe. Daran, so Tasoulas, würde auch der harte Tod des am Montag geehrten nichts ändern.

Alte Wunden werden wieder aufgerissen

Dies wiederum sorgte auch innerhalb der Faktion der Nea Dimokratia für Unmut. Es wurde offensichtlich, dass Griechenlands größte Oppositionspartei aus einem dem Rechtsextremismus nahe stehenden und einem eher bürgerlichen Teil besteht. Tasoulas Äußerungen blieben nicht unbeantwortet. Der SYRIZA Abgeordnete Giorgos Kyritsis, Sprecher der Regierung für Flüchtlingsfragen, erinnerte Tasoulas daran, dass seine Partei beziehungsweise deren Vorgänger für mehr als 5.000 Todesurteile gegen linke Ideologen verantwortlich sei, was für ihn, Kyritisis, kein Beleg für eine demokratische Gesinnung wäre.

Der Schlagabtausch wollte kein Ende nehmen. Lediglich von Seiten Belogiannis Partei gab es aus dem Mund der früheren Generalsekretärin Aleka Papariga ein knappes, die Versöhnung anstrebendes Statement. „Wir respektieren einige Dinge – andere in diesem Saal respektieren sie nicht. Es gibt ideologische Unterschiede aber niemand hat das Recht zu sagen, was Belogiannis heute gemacht hätte. Wir lehnen Heuchelei, Ausnutzung [des Gedenkens] und Hass ab“, sagte sie.

Es ist jedoch zweifelhaft, dass viele ihren Worten folgen werden. Die alten Wunden aus der Bürgerkriegszeit sind spätestens mit der Parlamentsdiskussion vom Dienstag wieder präsent. Sie schlagen sich auch im alltäglichen Leben nieder, wenn in Kaffeehäusern oder aber bei den jüngeren in sozialen Netzwerken des Internets mit immer größerem Fanatismus diskutiert wird.