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In der Nacht von Montag auf Dienstag ließ der griechische staatliche Energieriese DEI - Public Power Corporation (PPC) bei der Halyvourgiki Hellenic Steel Industry in Eleusis den Strom abstellen. Der Betrieb der Fabrik zur Stahlherstellung des Unternehmens, welches seit 1925 existierte, ist nicht mehr möglich. Ende 2013 hatte das Unternehmen, das zu den Schwergewichten der griechischen Wirtschaft gehörte, noch 2910 Angestellte. Nun, zum Zeitpunkt der Schließung, sind 170 Arbeiter, Angestellte und ihre Familien betroffen.

Die PPC hatte den Netzbetreiber ADMIE, Independent Power Transmission Operator S.A, darüber informiert, dass die Halyvourgiki, nach der Viochalko die Nummer 2 in der griechischen Stahlindustrie, nicht länger Kunde sei. Vorher waren letzte Verhandlungen des Stromlieferanten mit dem Industriebetrieb gescheitert. Zudem war eine letzte Gnadenfrist abgelaufen. Die Halyvourgiki schuldet der PPC rund 31,8 Millionen Euro aus unbezahlten Stromrechnungen.

Im Fabrikgelände nahe Athen liefern mit Diesel betriebene Notstromgeneratoren noch den Strom für ein paar Computer und die Beleuchtung des Geländes. An ein Wiederaufleben der Produktionstätigkeit glaubt jedoch niemand mehr. Die Pleite der Halyvourgiki ist ein schlechtes Omen für einen weiteren Großbetrieb, der vor dem Aus steht. Die staatlich kontrollierte Larco, ebenfalls in der Mineral- und Metallherstellung tätig, schuldet der staatlich kontrollierten PPC ebenfalls knapp 300 Millionen Euro.

Knapp 100 Jahre Firmengeschichte

Die Historie des Scheiterns eines der größten Traditionsbetriebe des Landes spiegelt in geraffter Form das Schicksal des gesamten Landes wider. Sie begann 1925, als Theodoros A. Angelopoulos zusammen mit seinen Söhnen Dimitris, Panagiotis und Ioannis mit dem Handel von Metall begann. 1932 wurde in der Piräus-Straße ein erster Produktionsbetrieb für Draht gegründet. Bereits 1938 wurde mit der Stahlherstellung aus Alteisen begonnen.

Der Weltkrieg unterbrach die Produktion zunächst. Nach der Befreiung von der Besatzung durch Nazitruppen begann die Familie wieder mit der Produktion. Sie gründete eine Aktiengesellschaft, die unter dem Namen Halyvourgiki S.A. bekannt wurde. 1951 wurden neue Produktionsstätten mit größerer Kapazität in Eleusis in Betrieb genommen. 1958 wurde der Betrieb der ursprünglichen Produktionsstätte in der Piräus Straße in Athen eingestellt.

Die Firma verdiente am Wiederaufbau des Landes. Der gelieferte Stahl diente der Betonarmierung für Straßenbau und Wohnungsbau. Als Ende der Fünfziger des vergangenen Jahrhunderts das Alteisen im Land knapp wurde, versuchte die Halyvourgiki zunächst die Knappheit durch Importe auszugleichen. Sie geriet wegen der steigenden Preise für den benötigten Rohstoff beinahe an den Rand der Pleite. Damals halfen dem Unternehmen die Risikobereitschaft der Eigner und günstige Umstände. Die Installation des ersten Hochofens des Landes wurde 1961 gewagt. Die Halyvourgiki installierte zudem eine Produktionsanlage für die Gewinnung des für Stahlerzeugung benötigten Sauerstoffes. In den Jahren 1963-75 kam ein zweiter Hochofen dazu. Die Halyvourgiki konnte nun mehr als eine Million Tonnen Gussstahl pro Jahr erzeugen. 1981 kam eine moderne Anlage für Walzstähle hinzu.

Konkurrenz: Eintritt in die EU veränderte die wirtschaftliche Lage in Griechenland

Nachdem Griechenland 1981 in die Europäische Gemeinschaft eingetreten war, veränderte sich die Wirtschaft in Griechenland. Die Hochöfen der Firma wurden ab 1985 nur noch mit Altmetall, und nicht mit Erzrohstoffen bedient. Haupterzeugnis der Firma blieb der Baustahl – und hier kamen 1994 erstmals tiefdunkle Wolken am Horizont auf. Innerhalb der Europäischen Gemeinschaft fielen im zwischenstaatlichen Handel Zölle und Mehrwertsteuer weg. Die türkische Konkurrenz konnte europäischen Mitbewerbern preiswerter liefern und diese konnten ihrerseits über die Häfen Griechenlands ihre Produkte leicht importieren.

Schließlich konnte die Halyvourgiki nicht mehr mithalten, als die mit Sitz in Luxemburg ausgestattete indische ArcelorMittal mit Werken in Belgien und Frankreich den europäischen Markt geradezu überschwemmte. Das griechische Unternehmen versuchte, in einer Zeit als im Zug der Euroeinführung Kredite für hellenische Unternehmen erschwinglich waren, erneut mit einer riskanten Investition den Umschwung zu erzwingen. Von 2001 bis 2007 wurden rund 250 Millionen Euro in modernere Produktionsanlagen, Zertifizierungen und Umstrukturierungen investiert.

Die Olympischen Spiele und Vitamin B sorgten für das kurzfristige Überleben

Die Firma überlebte zunächst auch wegen der Olympischen Spiele Athen 2004 und der deswegen notwendigen Großbauten im Land. Die mit dem teuren sportlichen Großereignis künstlich hoch gehaltene inländische Nachfrage überdeckte die immer schlechtere Konkurrenzfähigkeit. Interessantes Detail am Rande ist, dass die Cheforganisatorin von Olympia 2004 in Athen, Gianna Angelopoulous-Daskalaki, mit dem Onkel der Brüder Angelopoulos, welche die Halyvourgiki nun leiten, verheiratet ist.

Spätestens mit dem offenen Ausbruch der Finanzkrise im Land, 2009, brach der inländische Bauindustriemarkt bis 2011 komplett ein. Dies versetzte der Halyvourgiki den Todesstoß, dem sie nach jahrelangem Siechtum und zuletzt mit dauerhafter Kurzarbeit der Angestellten erlag. Es mag ein schwacher Trost sein, dass der größte Konkurrent, die ArcelorMittal, ebenfalls die Werke in Europa schließt. Schließlich ist Dank der Handelsverträge Indiens mit der EU der direkte Import aus Indien preiswerter als die Produktion in Europa.