Der Berliner Stadtteil Adlershof, im Südosten der Hauptstadt gelegen, ist eigentlich ein unscheinbarer Ort, der sich zu einer angenehmen, vielleicht etwas faden Wohngegend gemausert hat. Zu DDR-Zeiten war dort das Staatsfernsehen angesiedelt, Propaganda-Sendungen  wie die Aktuelle Kamera, in welcher der erste Mann des SED-Staates jeweils mit folgenden Worten Erwähnung fand: “Der Generalsekretär der Sozialistischen Einheitspartei Deutschland und Vorsitzende des Staatsrates der DDR, der Genosse Erich Honecker …!“, wurden dort unter Anderem produziert.

Nun gut, das ist lange her, das ist Geschichte.

TV-Duelle als Kopien von US-Wahlkampfdebatten

Seit einigen Jahren wird in Adlershof  allerdings wieder Fernsehgeschichte geschrieben, denn in den dortigen Studios werden die jeweiligen Kanzlerduelle zur Bundestagswahl inszeniert.

TV-Duelle, als mediale Höhepunkte eines Wahlkampfes, sind in Deutschland -wie so oft- schlecht umgesetzte Übernahmen von US-Wahlkampfdebatten. Dort allerdings können die Zuschauer den jeweiligen Präsidentschaftskandidaten auch direkt wählen, während die Bundesbürger bekanntlich für Parteien stimmen, die dann den Kanzler wählen. Von den unterschiedlichen Funktionen der Ämter, im Rahmen der jeweiligen Verfassungen, soll hier nicht weiter die Rede sein.

26. September 1960: Nixon galt als eindeutiger Favorit

In den USA fanden die ersten öffentlichen Debatten zwischen Präsidentschaftskandidaten allerdings lange vor dem TV-Zeitalter statt, nämlich 1858 zwischen Abraham Lincoln und Stephen Douglas zum Thema Sklaverei. Kurze Zeit später kam es dann ja zum Ausbruch des Bürgerkrieges, aber auch das gehört nicht hierher. Gut 100 Jahre später, am 26. September 1960, wurde der politische Mythos vom Wahl entscheidenden TV-Duell, indem es mehr auf die Verpackung als auf den Inhalt ankommt, geboren. An diesem Tage, standen sich die Präsidentschaftskandidaten von Republikanern und Demokraten, Nixon und Kennedy, in der ersten von vier einstündigen Debatten, im CBS-Studio Chicago gegenüber.

Nixon galt als eindeutiger Favorit gegenüber dem jungen, unerfahrenen, vor allem aber katholischen Kennedy. An diesem Tag war Nixon aber in keiner guten Verfassung, ein Krankenhausaufenthalt lag hinter ihm, er war unrasiert und nachlässig gekleidet. Weil der sonnengebräunte Kennedy nicht geschminkt werden wollte, verzichtete auch Nixon auf einen Maskenbildner. In der Debatte versagte ihm häufig die Stimme. Während Kennedy in die Kamera blickte und so das Publikum vor dem Fernseher direkt ansprach, wendete sich Nixon an Kennedy, als wolle er ihn überzeugen. Nixon verlor das Duell und später die Wahl.

Um ein Wahl entscheidendes TV-Duell handelte es bei der Debatte zwischen der Kanzlerin und ihrem Herausforderer mitnichten, was sowohl an  den Moderatoren lag, als auch an Merkel und Schulz selbst. Beide Kandidaten wollen doch eigentlich, dass alles so bleibt wie es ist, auch wenn sie öffentlich das Gegenteil behaupten.

Herrschaft der Medien?

Viel spannender als die Frage nach den Auswirkungen der Ausstrahlung auf das Wahlverhalten der Zuschauer, ist die Frage ob wir inzwischen unter einer Herrschaft der Medien leben, in einer Mediokratie.

Diese Frage stellte sich schon 1985 der amerikanische Soziologe Neil Postman in seinem berühmten Standardwerk“ Wir amüsieren uns zu Tode“, in dem er die Auflösung der rationalen Auseinandersetzung um politische und gesellschaftliche Ziele zugunsten eines Amüsierbetriebes, in dem der beste Entertainer, nicht der beste Politiker triumphieren würde.

Aufmerksamen Beobachtern des TV-Spektakels von Adlershof wird sicher nicht entgangen sein, dass wieder einmal Schauspieler und andere Prominente als Gäste vor Ort im Studio geladen waren, eine Unsitte die schon bei der Wahl zum Bundespräsidenten betrieben wird.  Moderatoren und Politiker schienen eine Art Symbiose zu bilden, als lebten alle Akteure in einer Art Elfenbeinturm, welchen man früher nur auf dem akademischen Felde vermutete, der aber heute auch in der akademisch-publizistischen Kunstlandschaft zu Hause zu sein scheint. Bisweilen bekam man den Eindruck, die Moderatoren standen unter einem größeren Druck sich zu inszenieren, als die Spitzenkandidaten.

Als würde Paris Hilton durch die Straßen spazieren

Der Eindruck, man würde einem Show-Event beiwohnen, nicht einer politischen Veranstaltung, drängte sich dann vollends auf, als sowohl die Kanzlerin, wie ihr Herausforderer, sich der sorgsam ausgesuchten Öffentlichkeit in den Studios präsentierten, begleitet von einem Pulk Reportern, flankiert von einem Blitzlichtgewitter, als würde Paris Hilton durch die Straßen spazieren. Wie deplatziert erschien angesichts dieser Bilder die Überzeugung, dass demokratische Willensbildung Mitdenken und Mitwissen voraussetzt. Die Frage, ob das Fernsehen die Demokratie gefährdet, oder ob wir einer Mediokratie leben, konnte Postman nicht beantworten. Er verstarb 1994, erlebte den Anbruch des Internet-Zeitalters, welches die von ihm analysierten Zustände noch dramatisch beschleunigte, nur in der Frühphase. Die Möglichkeiten der Massenmanipulation sind heute dadurch auf jeden Fall größer als zuvor. Gleichwohl scheinen viele Menschen sensibilisiert, was diese Themen angeht. 

Orwell oder Huxley?

Im Schlusswort seines Buches warf Postman allerdings die Frage auf, ob wir die Schreckensvisionen, die George Orwell in 1984 darstellte schon eingeholt haben, oder ob wir eher in der Brave New World leben, die Aldous Huxley vorherzusehen glaubte.

„Orwells Prophezeiungen haben für Amerika kaum Bedeutung, diejenigen Huxleys freilich sind nahe daran, Wirklichkeit zu werden." George Orwell fürchtete den Staat, der als Großer Bruder Bücher verbrennt, als Wahrheitsministerium die Wahrheit unterdrückt. Aldous Huxley dagegen beschrieb die "Schöne neue Welt", in der die Menschen mit "Fühlfilmen" und "Zentrifugalbrummball" die Zeit totschlagen, eine Gesellschaft, der das Bücherlesen nicht verboten werden muss, weil sie keine Bücher mehr liest.“

Weiter heißt es: “An Huxley und nicht an Orwell sollten wir uns deshalb halten, wenn wir verstehen wollen, auf welche Weise das Fernsehen und andere Bildformen die Grundlage der freiheitlichen Demokratie, nämlich die Informationsfreiheit, bedrohen." Und er fragt: "Wer ist bereit, sich gegen den Ansturm der Zerstreuungen aufzulehnen? Bei wem führen wir Klage - wann? Und in welchem Tonfall, wenn sich der ernsthafte Diskurs in Gekicher auflöst? Welche Gegenmittel soll man einer Kultur verschreiben, die vom Gelächter aufgezehrt wird?"

Diese Frage ist heute, 3 Jahrzehnte später, immer noch nicht beantwortet.