Nach ihren Äußerungen auf dem G7-Treffen hat Annalena Baerbock Russland nun ein weiteres Mal scharf angegriffen: Durch das russische Veto im UN-Sicherheitsrat sei die Klimarettung in Gefahr. Es geht dabei um eine Resolution, die den Klimawandel zu einem Problem internationaler Sicherheit erklärt, woraus sich Maßnahmen gegen einzelne Staaten ableiten ließen.

Nach Aussage des russischen Vertreters Wassili Nebensja wäre dadurch ein wissenschaftliches Thema in ein politisches verwandelt und ein Recht auf Intervention begründen worden. Auch stimmte Indien gegen den Antrag, während sich China enthielt.

Bereits auf dem Glasgower Klimagipfel hagelte es Schuldzuweisungen gegen Russland und China. Die fehlende physische Präsenz Wladimir Putins und Xi Jinpings auf dem Klimagipfel wäre, so wurde im Westen suggeriert, Beleg für eine mangelnde Bereitschaft, sich gegen den Klimawandel zu stemmen. Zuvor hatten westliche Medien die harsche Kritik Joe Bidens an beiden Ländern unkommentiert übernommen, die er in Anschluss an den G20-Gipfel in Rom äußerte.

Dabei sind es die USA selbst, die den mit Abstand größten CO2-Ausstoß zu verantworten haben. Dieser Befund beruht auf einer Berechnung, die sich auf historisch akkumulierte Werte stützt. Seit dem Jahr 1750 entfällt ein Viertel der globalen CO2-Emissionen auf die USA, ähnlich groß ist der Anteil Europas. Eine faire Betrachtung würde zudem erfordern, neben dem Standort der Produktion auch den Konsum der einzelnen Staaten zu erfassen.

Allein die Berücksichtigung der Bevölkerungsgröße verändert das Bild maßgeblich. Gemessen am aktuellen Pro-Kopf-Ausstoß an CO2 liegt China unter dem deutschen Niveau und auf der Hälfte des US-amerikanischen. Deutlich größer sind die Unterschiede bei einer historischen Betrachtung. Noch vor 20 Jahren übertraf der deutsche Pro-Kopf-Emissionswert den chinesischen um das Fünffache, während der US-amerikanische nochmals um das Doppelte größer war.

Wenn die Pekinger Führung gelegentlich aus der Schusslinie genommen wird, dann wegen ihrer ökologischen Anstrengungen. Sowohl die Resultate der vergangenen Dekade als auch die Zukunftsvorhaben sind beachtlich, was westliche Medien überwiegend anerkennen. Wie steht es nun aber um Russland, das mit 4,6 Prozent auf dem vierten Rang in der globalen Emissionstabelle liegt?

Widersprüchliche Interessen

Noch vor Jahren bestanden - bis in die russische Führung hinein - Erwartungen, dass das Land von einer globalen Erwärmung profitieren könnte. Es wurden Hoffnungen gehegt, die landwirtschaftliche Anbaufläche zu vergrößern und die Nordostpassage für den ganzjährigen Schiffsverkehr zu öffnen. Doch dann gab es Dürreperioden und Rekordtemperaturen mit Ernteeinbrüchen und vermehrten Waldbränden. Noch dramatischer erwies sich das Auftauen des Permafrostbodens, wodurch Gebäude einstürzten und Trassen unpassierbar wurden.

Es setzte sich in Russland die Einsicht durch, dass die Gesamtbilanz eher negativ ausfallen dürfte. Neben dieser Erkenntnis findet ein weiterer Aspekt Eingang in Putins jüngste Reden: Indem das Land sich für den Klimaerhalt engagiert, wird es als verantwortlicher globaler Akteur wahrgenommen.

Trotz dieser neuen Signale besteht im Westen Skepsis an der Bereitschaft Moskaus, konkrete Maßnahmen umzusetzen. Dass dies nicht unberechtigt ist, zeigen wiederholte polemische Attacken gegen die Klimaschutzbewegung und die Streuung von Zweifeln an der CO2-bedingten Erderwärmung durch russische Medien.

Angesichts der hohen Abhängigkeit Russlands vom Export fossiler Brennstoffe dürfte es weiterhin ein staatliches Interesse geben, Schritte in Richtung Klimaneutralität zu bremsen. Zwar wurden im Kontext mit der bevorstehenden Inbetriebnahme von Nord-Stream-2 Überlegungen angestellt, die Gaspipeline künftig für die Durchleitung von Wasserstoff zu nutzen.

Wann ein Einsatz von Wasserstoff für Antrieb und Energiespeicherung wirtschaftlich rentabel sein wird, lässt sich derzeit jedoch kaum abschätzen. Sollte dessen Herstellung auf Erdgasbasis erfolgen, dann würde es technischer Verfahren bedürfen, die eine nahezu vollständige Extraktion klimaschädlicher Bestandteile ermöglichen.

Suche nach Alternativen

Angesichts des ungebrochenen Importbedarfs an moderner Technologie ist Russland zu einer Sicherung von Exporterlösen gezwungen. Obwohl das Land den Export in einigen Produktsparten wie etwa bei Grundnahrungsmitteln deutlich steigern konnte, ist es von einer breiten Diversifikation seiner Ausfuhren nach wie vor weit entfernt. Öl und Gas stehen weiterhin für mehr als die Hälfte der Einnahmen, was sich in naher Zukunft kaum ändern wird.

Da die EU-Staaten als deren Hauptabnehmer einen Ausstieg aus fossilen Energiestoffen anstreben, richtet sich das russische Interesse verstärkt auf China. Dessen Umstellung der Stromerzeugung von Kohle auf umweltverträglicheres Erdgas dürfte eine längere Kundenbeziehung garantieren.

Eines der größten gemeinsamen Projekte beider Staaten ist die Verlegung einer Pipeline durch das Altai-Gebirge und die Mongolei ins Reich der Mitte, dessen Vorbereitung im nächsten Jahr abgeschlossen sein wird. Ausgangspunkt ist das Jamal-Erdgasfeld im Nordwesten Sibiriens, das zu den ergiebigsten der Welt zählt.

Die EU-Staaten, die vor einiger Zeit als ausländische Hauptabnehmer dieser Quelle fest einkalkuliert waren, gelten mittlerweile als unsicherer Kunde. Neben ökologischen Argumenten werden von ihnen zunehmend politische Motive angeführt, die auf eine Verminderung der Abhängigkeit von russischen Rohstofflieferungen abzielen.

Nicht nur Erdgas, sondern auch Kernkraft wird von Russland als Beitrag zur Klimarettung angepriesen. Hier steht gleichsam das kommerzielle Interesse im Vordergrund. Während der Ausbau der Kernenergie in Russland selbst stockt, wobei dessen Anteil an der Stromerzeugung bei etwa 20 Prozent verharrt, wird der Export massiv gefördert.

Das Auftragsbuch Rosatoms ist mit dem Bau von 35 Reaktoren zu einem Gesamtpreis von 130 Milliarden US-Dollar prall gefüllt. Manche Projekte werden von Umweltschützern als höchst problematisch beurteilt wie etwa das aktuell mit indischer Beteiligung geplante erste Kernkraftwerk Bangladeschs. Nicht nur der Bau auf Schwemmland ist bedenklich, sondern auch die hohe Besiedlungsdichte in unmittelbarer Nachbarschaft.

Wirtschaftsinteressen als Bremsfaktor

Der Vorwurf an die russische Seite, wirtschaftliche Interessen zu favorisieren und ökologische Belastungen in Kauf zu nehmen, erscheint berechtigt. Er kann aber ebenso gegen westliche Staaten erhoben werden. So wurden seitens der neuen US-Führung bislang nur Lippenbekenntnisse vernommen. Konkrete Klimaprogramme existieren lediglich in einigen Bundesstaaten. Gleichermaßen musste sich Deutschland im Climate Transparency Report der G20 harte Kritik gefallen lassen. Moniert wurde insbesondere der zögerliche Ausstieg aus dem Verbrennungsmotor und der Kohleverstromung.

„Was heißt das konkret für mich!?“

Hinter „Klimasündern“ stehen nahezu ausnahmslos Wirtschaftsinteressen. Doch auch Kritiker können mittlerweile auf eine einflussreiche Unternehmenslobby verweisen. So wurde der US-Wahlkampf mancherorts als Kräftemessen zwischen Vertretern fossiler und erneuerbarer Energieträger interpretiert. Wie sich Staaten künftig zum Klimawandel positionieren, dürfte letztlich von der wirtschaftlichen Interessenkonstellation im eigenen Machtbereich abhängen.

In den EU-Staaten signalisieren die ehrgeizigen Umweltziele, dass sich das Pendel - wenn auch langsam - in Richtung ökologischer Umbau und Klimaneutralität bewegt. China dürfte angesichts seiner hohen Betroffenheit und der sich eröffnenden Exportmöglichkeiten mitziehen. Die Vereinigten Staaten werden in der Klimafrage weiterhin gespalten sein. Für Russland ist anzunehmen, dass das Land eher auf die Bremse treten wird, solange fossile Energieträger einen maßgeblichen Anteil seiner Exporterlöse ausmachen.