Wer letzte Woche beim CK-Clippingservice aufgepasst hat, weiß bereits, dass das sogenannte „Bündnis für Verbraucherbildung“, dem u.a. auch McDonald´s angehört, für die Aufklärung bezüglich Ernährung und Gesundheit an deutschen Schulen sorgen soll. Konsequenterweise wird das Thema „Geldanlage und Sparen“ der Bankenlobby, im speziellen der Commerzbank, überlassen (1). Soweit, so absurd. Dass wir bald fettleibige und verarmte Kinder haben, muss jedoch niemand befürchten. Zumindest für Ersteres soll es bald auch in Deutschland die Lösung geben: den AspireAssist.

Doch von vorne: Auf der Seite „verbraucherstiftung.de“ findet man neben der Marke mit dem goldenen „M“ (mit grünem Hintergrund) auch REWE, Procter&Gamble und andere wieder. Freilich sind außer der Commerzbank auch der Deutsche Raiffeisenverband und die ING-DiBa als Unterstützer genannt. Das Herauspicken ausgerechnet von McD..f und der Commerzbank könnte somit dem Populismusvorwurf Nährboden geben, aber macht eine ausführliche Auflistung der beteiligten Industrieverbände die Sache wirklich besser?

Das Projekt der Deutschen Stiftung Verbraucherschutz wurde letzte Woche stolz von unserer Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner vorgestellt, ausdrücklich begrüßte sie dabei die Mitarbeit der Industrie und Handelsverbände. Dank der Initiative Foodwatch, die als Einzige das Bündnis skandalisierte, haben einige Medien sogar kritisch hierüber berichtet. Hierzu sei erwähnt, dass ein recht ausführlicher Artikel zu dem Thema, letzte Woche auch online bei der Süddeutschen erschienen, im Netz nicht mehr aufzufinden ist. Auf telefonische Nachfrage bei der Zeitung wurde uns der Beitrag aber freundlicherweise von der Syndications-Abteilung als pdf zur Verfügung gestellt (2).

Seitens der Ministerin und dem Chef des Bundesverbands der Verbraucherzentralen wird Kritik, sowie jegliche Verantwortung jedoch strikt zurückgewiesen. Schließlich läge die Ausgestaltung der Lehrpläne bei den Ländern und schlussendlich entscheide der Lehrer über das Unterrichtsmaterial.

Das den Lehrern zur Verfügung gestellte Lehrmaterial stammt allerdings dann aus der Feder der Lebensmittelindustrie. Doch die beteiligten Unternehmen wollten keinen Einfluss auf den Schulunterricht nehmen, die Kooperation sei „inhaltlich neutral“ und es werde keine markenbezogenen Auftritte in den Schulen geben, so Gerd Billen, Vorstand der Stiftung Verbraucherschutz. Julian Fischer, der Geschäftsführer der Stiftung beruhigt:  McDonald´s hätte versichert, nicht mit Burgern und Pommes von Schule zu Schule zu ziehen. Es wird hier zunächst auch keine werbebedruckten Hefte und Stifte geben. Schließlich ist solches Sponsoring in Schulen bisher auch verboten, denn schon lange wird seitens der Unternehmen versucht, einen Fuß in die Tür staatlicher (Grund)schulen zu bekommen. Das ist jetzt geglückt. Andererseits kümmert sich in diesen Kreisen ja eigentlich sowieso keiner mehr wirklich um die Einhaltung von Gesetzen.

Die weitere Argumentation Fischers für die Zusammenarbeit: Man verspreche sich, durch die Megakonzerne mehr politischen Einfluss via Wirtschaftsministerium auf die Kultusministerien zu erlangen. Ganz ungeniert wird die Macht des Lobbyismus auf die politische Entscheidungsfindung als Grund für eine Zusammenarbeit genannt. Aber wen wunderts, besetzen die Lobbyverbände beispielsweise in Brüssel nicht mehr nur die Hinterzimmer, sondern ganze Straßenzüge. Sukzessive tritt vielleicht der Gewöhnungseffekt ein, bis viele diese Entscheidungsstrukturen als ganz normal empfinden.

Den Kindern wird derweil mittels unterschwelliger Botschaften eingebläut, Mc Donald´s sei mit vollwertiger und gesunder Ernährung zu assoziieren. Wir alle wissen, dass eine derartige Beeinflussung sowieso viel erfolgreicher funktioniert als plumpe Werbebotschaften. Auch die Ausdrucksweise und Wortfindung spielt hierbei eine große Rolle. Wer misstrauisch behauptet, bei dem Begriff „Verbraucherschutz“ handele es sich um Orwellsches Neusprech, dem sei widersprochen: Die Industrie wird vor den Verbrauchern geschützt, ist doch logisch!

Falls zukünftig trotz dieser enormen Aufklärungskampagnen weiterhin Fettleibigkeit, daraus erwachsende Herz- Kreislaufprobleme, Allergien und Immunschwächen bei Kindern zunehmen sollten (wie bereits im Oktober berichtet), gibt es auch hierfür eine Lösung! Die amerikanische Firma Aspire Bariatrics bringt gerade ein Gerät auf den Markt, welches die aufgenommene Nahrung direkt nach dem Essen wieder aus dem Magen pumpt. Hier ein pdf der zugehörigen klinischen Studie. Und für alle, die sich trauen, ein kurzes Video über die Funktionsweise des „AspireAssist“:

Selbst  für Hartgesottene mag diese perverse Idee die eigene Vorstellungskraft sprengen und die leise Hoffnung aufkommen, es handele sich um einen Fake. Leider muss ich an dieser Stelle enttäuschen. Bereits Anfang Februar hatte ich bei der Firma mit Sitz in Pennsylvania angerufen und leicht schockiert tatsächlich das Callcenter der Firma erreicht.

Diese Woche hatte ich dann die Gelegenheit mit Katherine Crothall, CEO und Präsidentin des Unternehmens, zu telefonieren. Sie versicherte mir lachend, dass es sich um keinen Scherz handele und das Gerät zwar in Amerika wegen der strengen Auflagen der FDA noch nicht zugelassen sei, aber in Italien, Schweden, Norwegen und weiteren europäischen Ländern bereits vertrieben wird. Anschließend erklärte sie mir, welchen unbestrittenen Einschränkungen Menschen mit Übergewicht ausgesetzt sind und dass schließlich (noch) nicht jeder, der meint etwas zu viel auf den Rippen zu haben, in den Genuss der Erfindung käme. Hierzu sei ein BMI von über 35 nötig. Nur Menschen deren Gewicht den persönlichen Idealwert um  ca. 40% überschreitet, bekämen den Schlauch von einem Arzt installiert. Mit der Zulassung in Deutschland rechnet sie noch dieses Jahr.

Es sei noch erwähnt, dass der Erfinder des Segway, Dean Kamen, an der Entwicklung mitbeteiligt war. Machen Sie sich also keine Sorgen um die Zukunft unserer Kinder. Falls diese etwas zu mollig sind, gehen Sie mit ihnen einfach etwas häufiger ins Fastfood-„Restaurant“, bis das Gewicht stimmt. Haben Sie keine Kinder, findet sich sicher ein dankbares Nachbarskind. Dann müssen die Kleinen auch nicht mehr mühsam erbrechen, einfach den AspireAssist aus der Tasche holen, auf dem WC verschwinden und weiter geht’s zu Mc Café. Schließlich ist jetzt wieder Platz für den Nachtisch. Bestimmt wird aber ein Mindestalter von 12 Jahren eingeführt, vielleicht müssen Sie daher einfach noch ein wenig warten. Fortbewegt wird sich praktischerweise mit dem Segway, dafür gibt´s sicherlich auch bald ein Rezept - wer will bzw. kann denn schon noch laufen? Entschuldigung, mir bleibt hier nur noch der Sarkasmus. Daher gehe ich jetzt auch nicht weiter darauf ein, dass weltweit mehr Menschen denn je an Unterversorgung sterben. Auch die unterschiedlich hoch eingeschätzte Abfallquote bei Nahrungsmitteln von ca. 50-80% in den Industrieländern bleibt nur kurz erwähnt.

An sich ist das Ziel, bundesweit ein neues Schulfach in den Lehrplänen zu verankern, in dem die Schüler „Konsumkompetenz“ erlernen, gar nicht so verkehrt. Kleinlaut und vermeintlich altmodisch plädiere ich an dieser Stelle für die bundesweite Wiedereinführung von Schulgärten.

Kopfschüttelnd, Ihre Julia Jentsch

(1) „Wer unterstützt das Bündnis für Verbraucherbildung?“

(2) pdf Süddeutsche