„Unsere Sicherheit wird nicht nur, aber auch am Hindukusch verteidigt“, sagte der damalige Verteidigungsminister Peter Struck in einer Regierungserklärung am 11. März 2004. Dieser angebliche Schutz hinsichtlich der Sicherheit vor Terrorismus in Deutschland soll nach einem Beschluss des Deutschen Bundestages allerdings nur noch bis zum Februar 2014 erfolgen. Danach sollen alle Truppen bis zum Ende des Jahres 2014 abgezogen sein. Etwa 4000 deutsche Soldaten sind zurzeit in Afghanistan im Einsatz. 54 deutsche Soldaten sind bei diesem Krieg im Rahmen der „Operation Enduring Freedom“ seither ums Leben gekommen. Wobei innerhalb der deutschen Bevölkerung die Skepsis gegenüber dem Einsatz von Bundeswehrsoldaten in Afghanistan schon immer überwog und mehrheitlich abgelehnt wurde.

Tatsächlich muss man sich heute fragen, was der – mittlerweile seit zwölf Jahren andauernde – angebliche Krieg gegen den Terror tatsächlich hinsichtlich der Sicherheit sowohl in unserem Land als auch in Afghanistan selbst gebracht hat. Interpretiert man die Aussagen des Vorsitzenden des Deutschen Bundeswehrverbandes Ulrich Kirsch lautet die Antwort schlichtweg: Nicht viel!

Nachdem am vergangenen Montag fünf Bundeswehrsoldaten bei einem Angriff in der Nähe des nordafghanischen Bundeswehr-Feldlagers Kundus leicht verletzt wurden, sprach Kirsch sich für eine Verlängerung des Kampfeinsatzes über 2014 hinaus aus. Nur so könne man seiner Meinung nach rasch auf Krisen reagieren und im Notfall die restlichen dort verbliebenen deutschen Soldaten evakuieren. 600 bis 800 sollen zur Unterstützung und Ausbildung der einheimischen Truppen in Afghanistan bleiben. „Die Sicherheitslage in Afghanistan kann einen ängstigen“, sagte Kirsch weiter. In der Berliner Zeitung forderte er zudem einen Verbleib deutscher Soldaten am Hindukusch: „Zu sagen, wir bräuchten nach 2014 keine Kampftruppe in Afghanistan mehr, mag wahltaktisch schön sein, entspricht aber nicht der Realität.“ [1]

Fassen wir eben diese Realität nun einmal kurz zusammen: Der ursprüngliche offizielle Grund für den Krieg war die geplante Festnahme des mittlerweile verstorbenen Osama-bin-Laden, der von den Taliban versteckt worden sein soll. Zudem sollte die damalige Taliban-Regierung – von September 1996 bis Oktober 2001 beherrschten sie große Teile Afghanistans – ihre Unterstützung des Terror-Netzwerkes Al-Qaida aufgeben. Finanziert wurde diese Unterstützung angeblich aus Mitteln, die durch den Anbau von Schlafmohn erwirtschaftet wurden. Von daher wurde für diesen Krieg der US-Amerikaner, Engländer und später der ISAF (International Security Assistance Force) als Begründung nicht nur der Kampf gegen den internationalen Terrorismus angegeben, sondern auch die Bekämpfung des Anbaus der Drogenflanze Schlafmohn. Diese dient bekanntermaßen als Rohstoff für die Opiumproduktion und auch dessen Derivat, dem Heroin. [2]

Sehr interessant wird es, wenn man sich die Entwicklung der Anbauflächen von Schlafmohn in Afghanistan anschaut. War es doch gerade die Taliban-Regierung, die den Anbau von Schlafmohn radikal bekämpfte und unter Strafe stellte. Natürlich kann man sich über die Rechtmäßigkeit der Mittel, die die Taliban anwendeten streiten. Die Strafmaßnahmen waren hart. Bauern, die beim Anbau der Pflanzen erwischt wurden, kamen mit geschwärzten Gesichtern ins Gefängnis oder wurden als Übeltäter öffentlich durch die Dörfer gescheucht. Des Weiteren gab es Kollektivstrafen, bei denen nicht nur die verantwortlichen Bauern, sondern auch die jeweilige Dorfgemeinschaft mitsamt ihrer lokalen Führer bestraft wurden. Diese hatten dafür zu sorgen, dass die Anweisungen der Taliban hinsichtlich der Einhaltung der Gesetze gegen den Drogenanbau in ihrer Region eingehalten wurden. Als Ergebnis dieser Maßnahmen kam der Anbau von Schlafmohn in den von den Taliban beherrschten Gebieten fast vollständig zum Erliegen. In Folge nahm laut einer Studie aus dem Jahr 2004 das weltweite Angebot an Heroin um 65 Prozent ab. Wie weit die Bestrafungen gingen und ob Opiumbauern auch misshandelt oder gar ermordet wurden ist strittig. In der vorliegenden Studie von Farrell und Thorne [3] wird folgendes berichtet:

„Having consolidated their rise to power in the mid-1990s, and in the face of international pressure plus diplomacy from the United Nations Office on Drugs and Crime (UNODC), the Taliban regime enforced an existing ban on opium  poppy growing from July 2000 onwards. The ban was enforced by three principal techniques: the threat of punishment, the close local monitoring and eradication of continued poppy farming, plus the public punishment of transgressors. Local inter-agency groups were made accountable for the poppy cultivation of local farmers, giving them a clear incentive to implement the enforcement effort. The result was a 99% reduction in the land area under opium poppy cultivation in Taliban-controlled areas. Comparison to illicit poppy cultivation in multiple comparison groups, combined with qualitative evidence and an assessment of the active preventive ingredients, indicate that the reduction is attributable to the enforcement effort.“

Manche Berichte und Deutungen gehen in die Richtung, dass die Taliban nicht etwa wegen des Drogenverbots im Koran [9] den Anbau des Schlafmohns unterbunden haben. Vielmehr hätte die Vernichtung von Anbauflächen nur den Grund gehabt, höhere Preise für von den Taliban im Vorfeld eingelagertes Opium auf dem Weltmarkt zu erzielen. Wenn es denn so war – in meinen Augen aus kaufmännischer und logischer Sicht im Übrigen wenig zielführend und äußerst kurzsichtig – hat sich diese Aktion auf jeden Fall bei den Preisen für Heroin im Massen- und Einzelverkauf nicht bemerkbar gemacht.  

Selbstredend liegt es mir fern, eine neue Verschwörungstheorie konstruieren zu wollen. Tatsache ist jedoch, dass weltweit bei riesigen Gewinnmargen geschätzte 500 Mrd. Euro mit dem Verkauf von Heroin umgesetzt werden. Der Umsatz des gesamten Drogenhandels dürfte verschiedenen Quellen zufolge zwischen 800 Mrd. und einer Billion Euro liegen. [4]

Tatsache ist weiterhin, dass es Beweise gibt, dass amerikanische Geheimdienste in der Vergangenheit eine wichtige Rolle beim internationalen Drogenhandel gespielt haben. Erinnert sei an dieser Stelle an die berühmt-berüchtigte Fluglinie Air America. [5/6] Eine US-amerikanische Fluggesellschaft, die vom US-Geheimdienst CIA kontrolliert wurde und verdeckte Operationen in Südostasien während des Vietnamkriegs durchführte. Auch Hollywood hat die Geschichte der Air America im Jahr 1990 mit Mel Gibson und Robert Downey jr. in den Hauptrollen verfilmt.

Ebenfalls möchte ich an dieser Stelle an die Iran-Contra-Affäre erinnern. Damals kam ans Licht, dass die CIA ebenfalls ihre Finger mit im Spiel hatte, als über viele Jahre Tonnen von Kokain in die USA geschmuggelt wurden.

Als Fazit halte ich fest, dass sich Drogenanbau und Produktion seit der Besatzung westlicher Truppen in Afghanistan im Vergleich zu den 1990iger Jahren verdoppelt haben. In diesem Jahr erwarten die Vereinten Nationen eine neue Rekordernte an Schlafmohn. Doch man ist nicht allein, wenn man sich darüber wundert, dass die Karzai-Regierung und die ISAF-Truppen in Afghanistan in den letzten elf Jahren ein Verbot des Drogenanbaus nicht durchsetzen konnten. [7] Wobei an dieser Stelle vielleicht auch familiäre Bande zum Tragen kamen. Schließlich galt der 2011 von den Taliban ermordete Wali Karzai als Halbbruder des afghanischen Präsidenten als einer der mutmaßlich mächtigsten Drogenhändler am Hindukusch. [10] Zudem soll dieser  Zuträger der CIA gewesen sein und auf deren Gehaltsliste gestanden haben, wie die renommierte New York Times bereits 2009 berichtete. [8]

Ströbele im Bundestag: Frage zum Mohnanbau in Afghanistan

Veröffentlicht am 29.04.2013

Fußnoten und Verweise:

[1] Berliner Zeitung - Afghanistan-Einsatz: Kämpfer ohne Kampfauftrag

[2] DER SPIEGEL: US-Strategie: Bomben auf Mohnfelder?

Afghanistan: US-Armee ändert Strategie im Kampf gegen Drogenhandel

[3] Where have all the flowers gone?: Evaluation of the Taliban crackdown against opium poppy cultivation in Afghanistan by Graham Farrell and John Thorne 2004

[4] thema-drogen.net: Heroin Erzeugerländer

[5] Supporting the "Secret War": CIA AIR OPERATIONS IN LAOS 1955-1974 (U)

[6] Air America

[7] Die Erkenntnisse zum Mohnanbau in Afghanistan 24.04.2013

[8] Brother of Afghan Leader Said to Be Paid by C.I.A.

[9] Im Heiligen Koran ist gesagt: „O ihr, die ihr glaubt! Wahrlich und zweifellos sind Berauschendes [alles, was den Verstand, die Vernunft berauscht], Glücksspiel, Opfersteine [verschiedene Formen des Heidentums, Opfergaben den Götzen] und Lospfeile [Wahrsagen] ein Greuel (ein Schmutz, eine Schändlichkeit, eine Gemeinheit), das Werk des Satans. So meidet sie, möglich werdet ihr erfolgreich sein. Wahrhaftig will Satan durch das Berauschende und das Losspiel nur Feindschaft und Hass zwischen euch auslösen und euch vom Gedenken an Allah (Gott, Herrn) und vom Gebet abhalten. Werdet ihr aufhören [, diese schlechten und schändlichen Sachen auszuüben]? [Hört auf, euch damit zu beschäftigen!]“ (siehe, den Heiligen Koran, 5:90, 91).

[10]  SPON: Attentat auf Karzai-Bruder: Das Ende des Königs von Kandahar