AFRICOM, Libyen und die Bedrohung der chinesischen Energiesicherheit (1/2)

Die von Washington angeführte NATO-Entscheidung, Libyen in den vergangenen Monaten in die Unterwerfung zu bombardieren, hatte wenig bis nichts damit zu tun, “unschuldige Zivilisten zu beschützen”, wie die Regierung Obama beteuert. Tatsächlich ist dies Teil eines von NATO und Pentagon groß angelegten strategischen Angriffs, Chinas wirtschaftliche Achillesferse vollständig zu kontrollieren - Chinas strategische Abhängigkeit von großen Mengen an importiertem Öl und Gas. Bereits heute ist China nach den USA der zweitgrößte Öl-Importeur und diese Lücke schließt sich gewaltig schnell.

Wenn wir einen genaueren Blick auf die afrikanische Landkarte werfen und uns dabei die Organisation des neuen Pentagon-Kommandos für Afrika ansehen - AFRICOM - zeichnet sich das Muster einer gewissenhaften Strategie zur Kontrolle einer der strategisch wichtigsten Öl- und Rohstoffquellen Chinas ab.

Im Libyen-Einsatz der NATO geht es und ging es einzig und alleine um Öl. Weniger geht es dabei um die bloße Kontrolle des hochwertigen libyschen Öls, Sorte Crude, weil die USA sich Sorgen um eine nachhaltige Versorgung machen, sondern vielmehr um die Kontrolle des freien Zugangs Chinas zu den Importquellen in Afrika und dem Mittleren Osten. Kurz gesagt, es geht um die Kontrolle Chinas direkt.

Geografisch betrachtet grenzt Libyen im Norden an das Mittelmeer. Direkt gegenüber liegt Italien. Der italienische Öl-Primus ENI ist jahrelang des größte Auslandsunternehmen in Libyen gewesen. Im Westen grenzt Libyen an Tunesien und Algerien, im Süden an den Tschad und im Osten an den Sudan und Ägypten. Dies sollte einiges verraten über die strategische Bedeutung Libyens aus Sicht der AFRICOM-Langzeit-Strategie des Pentagons, Afrika und seine Rohstoffquellen zu kontrollieren und vor allem, wem diese zuteil werden.

Libyen besaß zu Zeiten Gaddafis eine strenge staatliche Kontrolle über die reichen Vorkommen leichten und süßen Öls. Nach Daten aus dem Jahr 2006 hatte Libyen die größten erwiesenen Ölvorkommen in ganz Afrika, um die 35 Prozent, damit sogar mehr als Nigeria. Öl-Konzessionen wurden in den letzten Jahren unter anderem auch auf chinesische und russische Staatsunternehmen ausgeweitet. Wenig erstaunlich klingt dann, was der Sprecher der sogenannten Opposition, Abdeljalil Mayouf, Information Manager bei AGOCO, dem Öl-Unternehmen der libyschen Rebellen, via Reuters von sich gab: “Wir haben keinerlei Schwierigkeiten mit Westlichen Staaten wie Italien, Frankreich, England und deren Unternehmen. Aber gegenüber Russland, China und Brasilien gibt es politische Angelegenheiten.”

China, Russland und Brasilien stimmten entweder gegen die Libyen betreffenden UN-Sanktionen oder drängten auf Verhandlungen, um diesen inneren Konflikt beizulegen und damit der NATO-Bombardierung ein Ende zu setzen.

Wie anderweitig dargelegt nutzte Gaddafi, ein alter Anhänger des Arabischen Sozialismus in der Tradition des ägyptischen Präsidenten Gamal Abdel Nasser, die Einnahmen aus dem Ölgeschäft, um die Lebensbedingungen seines Volkes zu verbessern. Das Gesundheitssystem war ebenso umsonst wie Bildung. Jede Familie erhielt beim Bau eines Hauses einen Zuschuss von 50.000 Dollar und gemäß islamischer Anti-Wucher-Gesetze waren alle Bankdarlehen zinsfrei. 1)

Die starken Bande zwischen Gaddafi und seinen Landsleuten konnten CIA, MI6 und weitere NATO-Geheimdienste nur mittels Bestechung, massiver Infiltration der opponierenden Stämme und schließlich der NATO-Bombardements auf die Zivilbevölkerung aufweichen.

Warum jedoch führten NATO und Pentagon überhaupt einen so zerstörerischen und wahnwitzigen Angriff auf ein friedliches und souveränes Land durch? Klar ist, dass einer der Hauptgründe darin bestand, die Umzingelung der chinesischen Öl- und Rohstoffversorgung in Nordafrika zu vervollständigen.

China versetzt Pentagon in Alarmstellung

In den vergangenen Jahren entstand in Washington nach und nach die Wahrnehmung, dass China, vor keinen zehn Jahren noch der “liebe Freund und Verbündeter Amerikas”, aufgrund seiner enormen wirtschaftlichen Expansion zur größten Gefahr für den Weltfrieden heranwuchs. Die Darstellung Chinas als neuen “Feind” war jedoch ein wenig kompliziert, da die USA darauf angewiesen sind, dass China den Löwenanteil der amerikanischen Staatsschulden in Anleihenform aufnimmt.

Im August veröffentlichte das Pentagon dem Kongress gegenüber seinen Jahresbericht zum Status des chinesischen Militärs. 2)

Der diesjährige Bericht sorgte in ganz China für Bestürzen. In dem Papier hieß es, nebst anderen Dingen: “Das chinesische Militär profitierte während der letzten zehn Jahre von starken Investments in Technologie und moderne Hardware. Viele moderne Systeme haben ausgereiften Status erreicht und einige weitere werden in den nächsten Jahren einsatzfähig sein. Es verbleibt Unsicherheit darüber, inwiefern China seine wachsenden Fähigkeiten einsetzen wird. [...] Chinas Aufstieg zum wichtigen internationalen Akteur wird sich sehr wahrscheinlich als eine der definierenden Größe des strategischen Terrains des frühen 21. Jahrhunderts herausheben.” 3)

Innerhalb der nächsten vielleicht zwei bis fünf Jahre wird die Volksrepublik China in den gesteuerten Medien des Westens als “das neue Hitlerdeutschland” dargestellt werden, je nachdem, wie der Rest der Welt reagiert und seine Karten ausspielt. Wenn dies zu glauben heute schwerfällt, dann denken Sie einmal daran zurück, wie es anderen vormals Verbündeten Washingtons wie Hosni Mubarak oder sogar Saddam Hussein erging.

Der frühere Marineminister und heutige Senator für Virginia, James Webb, ließ Peking aufhorchen, als er im Juni dieses Jahr vor die Presse trat und erklärte, dass sich China schnell seinem, wie er es nannte, “München-Moment” nähere. Dies stellt eine Referenz zur Tschechienkrise dar, als Chamberlain gegenüber Hitler auf die Entspannungspolitik setzte. Hier müsste Washington entscheiden, inwiefern eine strategische Balance aufrecht erhalten werden könne. Webb fügte an: “Wenn Sie sich die letzten zehn Jahre einmal ansehen, ist der strategische Gewinner immer China gewesen.” 4)

Dieselbe extrem effektive Propagandamaschine des Pentagon, angeführt von CNN, der BBC, der New York Times oder dem Londoner Guardian wird den subtilen Befehl von Washington bekommen, China und seine Führer “anzuschwärzen”. China droht einigen in Washington und an der Wall Street viel zu mächtig und zu unabhängig zu werden. Um all dem Herr zu werden wurde vor allem Chinas Abhängigkeit von Ölimporten als Achillesferse identifiziert. Libyen ist ein Schachzug, der diese verwundbare Ferse direkt trifft.

Wird in Teil 2/2 fortgesetzt...!

1) F. William Engdahl, Creative Destruction: Libya in Washington's Greater Middle East Project--Part II, 26. März 2011, via www.globalresearch.ca/index.php

2) Büro des Verteidigungsministeriums, ANNUAL REPORT TO CONGRESS: Military and Security Developments Involving the People’s Republic of China 2011, 25. August 2011, via www.defense.gov/pubs/pdfs/2011_cmpr_final.pdf.

3) Ibid.

4) Charles Hoskinson, DOD report outlines China concerns, 25. August 2011, via www.politico.com/news/stories/0811/62027.htmlhttp://www.politico.com/news/stories/0811/62027.html