AFRICOM, Libyen und die Bedrohung der chinesischen Energiesicherheit (2/2)

Hier finden Sie den ersten Teil zum Nachlesen.

Die Aktivitäten chinesischer Energie- und Rohstoffkonzerne quer durch Afrika wurde in Washington, wo die Afrika-Politik seit dem Kalten Krieg unheilvoll vernachlässigt wurde, zu einem großen Alarmsignal. Als China sich vor einigen Jahren des künftigen Energie-Bedarfs gewahr wurde, startete man in Afrika eine wirtschaftliche Diplomatie-Offensive, welche 2006 ihren Höhepunkt erreichte, als Peking sprichwörtlich den Roten Teppich für mehr als 40 afrikanische Staatschefs ausrollte und eine große Bandbreite wirtschaftlicher Themen diskutierte. Keines war dabei wichtiger für die Chinesen als die Sicherung künftiger Öl-Vorkommen Afrikas für die massive Industrialisierung.

China rückt in Afrika ein

China rückte dabei in Ländern ein, die von früheren Kolonialmächten wie Frankreich, Großbritannien oder Portugal regelrecht aufgegeben und verlassen waren. Ein Beispiel ist der Tschad. Als eines der ärmsten und geografisch isoliertesten Länder Afrikas wurde es von China umworben, seit diplomatische Bindungen anno 2006 wiederaufgenommen wurden.

Im Oktober 2007 unterzeichnete der staatliche Öl-Gigant Chinas, CNPC, einen Vertrag zum Bau einer Raffinerie gemeinsam mit der Regierung Tschads. Zwei Jahre später begann der Bau einer Öl-Pipeline, die Öl von einem etwa 300 Kilometer südlich gelegenen chinesischen Ölfeld zu besagter Raffinerie transportieren soll. Als wäre es absehbar gewesen, begannen vom Westen unterstützte NGOs damit, die Umwelteinflüsse der China-Pipeline zu beanstanden. Dieselben NGOs waren erstaunlich ruhig, als US-Konzern Chevron im Jahre 2003 im Tschad auf Öl stieß. Im Juli 2011 feierten die beiden Staaten China und Tschad die Inbetriebnahme der Joint-Venture-Raffinerie in der Nähe der Hauptstadt N’Djamena. 5)

(Anmerkung: NGO = Non-Governmental Organization, also Nichtregierungsorganisation.)

Diese chinesische Öl-Aktivitäten liegen einem anderen wichtigen Öl-Projekt der Chinesen erstaunlich nahe, nämlich dem in der damaligen Darfur-Region des Sudans, die an den Tschad angrenzt. Der Sudan ist eine wachsende Quelle chinesischer Öl-Versorgung seitdem in den späten 90er-Jahren die Kooperation aufgenommen wurde, als Chevron dort seine Beteiligungen aufgab. Bereits im Jahr 1998 baute CNPC eine 1.500 Kilometer lange Pipeline von den Ölfeldern im Süd-Sudan nach Bur Sudan, dem großen Hafen am Roten Meer. Nahe der Hauptstadt Khartum wurde ebenfalls eine große Raffinerie errichtet.

Der Sudan war damit das erste große Übersee-Öl-Projekt der Chinesen. Um den Jahresbeginn 2011 machte sudanesisches Öl, der Großteil davon aus dem konfliktbeladenen Süden, um die zehn Prozent der chinesischen Öl-Importe aus. Damit nahm China mehr als 60 Prozent der sudanesischen Tagesproduktion von 490.000 Barrels ab. Der Sudan wurde damit zum essentiellen Bestandteil der nationalen chinesischen Energiesicherheit.

Gemäß geologischen Schätzungen erstreckt sich ein einziges gigantisches Ölfeld von Darfur (Südsudan) über den Tschad bis nach Kamerun. In seinem Ausmaß ist es vielleicht vergleichbar mit einem neuen Saudi Arabien. Die Kontrolle Südsudans, sowie des Tschads und Kameruns ist elementar für die Pentagon-Taktik des “strategischen Entzugs” der künftigen Erdöl-Ströme Chinas. So lange ein stabiles Gaddafi-Regime in Tripolis noch Bestand hatte war eine umfassende Kontrolle ein großes Problem. Die gleichzeitige Abspaltung der Republik Südsudan von Khartum sowie der Sturz Gaddafis zugunsten schwacher Rebellenbanden, die auf Pentagon-Unterstützung angewiesen sind, war strategische Priorität der “Full Spectrum Dominance” des Pentagons.

AFRICOM schießt zurück

Die entscheidende Kraft hinter der jüngsten Welle Westlicher Militäraktionen gegen Libyen oder die eher verdeckteren Regimewechsel wie in Tunesien, Ägypten und die schicksalshafte Abstimmung in Südsudan, wodurch diese öl-reiche Region nun “unabhängig” geworden ist, heißt AFRICOM. Dieses besondere US-Militärkommando wurde 2008 von der Regierung Bush explizit dazu eingerichtet, dem wachsenden chinesischen Einfluss auf den großen Öl- und Rohstoffreichtum Afrikas entgegenzuwirken.

Ende 2007 gab Dr. J. Peter Pham, ein Washington Insider, der US-Außen- und Verteidigungsministerium berät, offen zu Protokoll, dass eines der Ziele des neuen AFRICOM-Kommandos darin bestünde, “den Zugang zu Kohlenwasserstoffen und anderen strategischen Ressourcen, die in Afrika im Überfluss vorhanden sind, zu schützen. [...] Diese Aufgabe beinhaltet die Absicherung gegen die Verwundbarkeit dieser natürlichen Reichtümer und die Sicherstellung, dass keine weiteren interessierten Dritten, wie China, Indien, Japan oder Russland, Monopolstellungen oder bevorzugte Behandlung erreichen würden.” 6)

In einer Aussage vor dem US-Kongress, der 2007 die Schaffung von AFRICOM unterstützte, sagte Pham, welcher der neokonservativen Foundation for Defense of Democracies (FDD) nahe steht:

“Dieser natürliche Reichtum macht Afrika zu einem einladenden Ziel für die Aufmerksamkeit der Volksrepublik China, deren dynamische Wirtschaft [...] einen fast unersättlichen Durst nach Öl und einen Bedarf an andern Rohstoffen besitzt, um diese zu erhalten. [...] China importiert derzeit etwa 2,6 Millionen Barrel Öl täglich, das entspricht etwa der Hälfte des Verbrauchs. Mehr als 765,000 Barrel, also etwa ein Drittel der Importe, stammt aus Quellen in Afrika, besonders dem Sudan, Angola und Kongo (Brazzaville). Wundert es dann, dass [...] in den letzten Jahren vielleicht keine andere auswärtige Region um Afrika als das Objekt Pekings nachhaltiger strategischer Interessen konkurriert.  [...] Ob beabsichtigt oder nicht: Viele Analysten erwarten, dass Afrika, vor allem die Staaten entlang der öl-reichen Westküste, zunehmend zu einem Schauplatz strategischer Konkurrenz zwischen den Vereinigten Staaten und deren einzigem annähernden globalen Wettbewerber China zu werden scheint. Beiden Ländern geht es um die Ausweitung ihres jeweiligen Einflusses und einem sicheren Zugang zu Ressourcen.” 7)

Hier ist es sinnvoll, sich kurz die Sequenz der von Washington gesponserten “Twitter-Revolutionen” des so genannten fortlaufenden Arabischen Frühlings ins Gedächtnis zu rufen. Es begann mit Tunesien, einem offenbar weniger signifikanten Land in der nordafrikanischen Mittelmeerregion. Jedoch befindet sich Tunesien an der Westgrenze zu Libyen. Der zweite Dominostein, der in diesem Prozess umfallen sollte, war das von Mubarak beherrschte Ägypten. Dies erzeugte eine gewichtige Instabilität durch den gesamten Mittleren Osten bis hinein nach Nordafrika. Mubarak, bei all seinen Mängeln, hatte Washingtons Nahost-Politik erbittert Widerstand geleistet. Israel verlor zudem mit dem Sturz Mubaraks einen sicheren Verbündeten.

Dann, im Juli 2011, erklärte das südliche Sudan sich als die unabhängige Republik Südsudan und löste sich damit vom Sudan nach Jahren der seitens der USA unterstützten Aufstände gegen die Herrschaft Khartums ab. Zu dieser neuen Republik gehören das Gros der bekannten Ölvorkommen Sudans - ein Umstand, der gewiss keine Freudensprünge in Peking auslöst. Die Botschafterin der USA an die Vereinten Nationen, Susan Rice, führte die US-Delegation bei den Feierlichkeiten zur Unabhängigkeit an und bezeichnete diese als “ein Bekenntnis des Südsudanesischen Volkes”. Als hätte man die Sezession ermöglicht, fügte sie an: “Die USA waren aktiv wie kaum ein anderer.” Präsident Obama gab offen seine Unterstützung für die Sezession des Südens bekannt. Die Abspaltung war ein Projekt, das von Washington geführt und finanziert wurde, seitdem die Regierung Bush im Jahr 2004 entschied, diesem Priorität zu widmen. 8)

Nun hat der Sudan auf einmal seine Hauptquelle für Hartgeld-Öl-Erträge verloren. Die Sezession des Südens, wo täglich drei Viertel des sudanesischen Öls von 490.000 Barrel gewonnen werden, hat die wirtschaftlichen Schwierigkeiten in Khartum verschlimmert, da etwa 37 Prozent der Gesamteinnahmen abgeschnitten wurden. Die einzigen Raffinerien des Sudans und die einzige Exportroute liegen nördlich der Ölfelder, hin nach Bur Sudan, dem großen Hafen im Nordsudan am Roten Meer. Südsudan wird nun von Washington angehalten, eine neue Export-Pipeline, unabhängig von Khartum, via Kenia zu bauen. Kenia ist eine der Gegenden des stärksten US-amerikanischen Militäreinflusses in Afrika. 9)

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Fazit

Das Ziel des US-geführten Regimewechsels in Libyen sowie das gesamte Projekt des “Greater Middle East”, das sich hinter dem Arabischen Frühling verbirgt, sollen die absolute Kontrolle über die größten bekannten Ölfelder sichern, um wiederum die künftige Politik, vor allem in Ländern wie China, zu kontrollieren. Bereits in den 70er Jahren soll der damalige US-Außenminister Henry Kissinger, damals wohl mächtiger als selbst der Präsident der Vereinigten Staaten, Berichten zufolge gesagt haben. “Wenn man das Öl kontrolliert, dann kontrolliert man ganze Nationen oder Gruppen von Nationen.”

Für die Zukunft der nationalen Energiesicherheit Chinas liegt die finale Antwort in der Erschließung eigener Energiequellen. Glücklicherweise gibt es revolutionäre neue Methoden, um das Vorhandensein von Öl und Gas zu ermitteln und zu kartieren - an Orten, wo selbst die besten zeitgenössischen Geologen sagen, es sei nichts zu finden. Vielleicht liegt darin ein Weg heraus aus der Öl-Falle, die für China gelegt wurde.

(Anmerkung: Mr. Engdahl wird in seinem neuen Buch “The Energy Wars” unter anderem auf diese neuartigen Methoden der Ölgewinnung eingehen, sollte Interesse bestehen.)

5) Xinhua, China-Chad joint oil refinery starts operating, 1. Juli 2011, via english.peopledaily.com.cn/90001/90776/90883/7426213.html. BBC News, Chad pipeline threatens villages, 9. Oktober 2009, via news.bbc.co.uk/2/hi/8298525.stm.

6) F. William Engdahl, China and the Congo Wars: AFRICOM. America's New Military Command, 26. November 2008, via www.globalresearch.ca/index.php

7) Ibid.

8) Rebecca Hamilton, US Played Key Role in Southern Sudan's Long Journey to Independence, 9. Juli 2011, via pulitzercenter.org/articles/south-sudan-independence-khartoum-southern-kordofan-us-administration-role

9) Maram Mazen, South Sudan studies new export routes to bypass the north, 12. März 2011, via www.gasandoil.com/news/2011/03/south-sudan-studies-routes-other-than-north-for-oil-exports