Aber die hohen Kupons sind Prämien, nicht Zinsen – Prämien für das Eingehen einer Stillhalterposition – Hohe Erträge als Risikopuffer gegen Aktienverluste – Anleger sind doppelt gefordert

Das nun schon länger andauernde Niedrigzinsniveau – zur Rettung des Euro – lässt viele Anleger händeringend auf die Jagd nach höheren Zinserträgen gehen als zum Beispiel die Sätze bei Bundesanleihen. Denn dort stellen viele Investoren dem Bund das Geld sogar mit Negativzinsen zur Verfügung. Darin kommt die Angst zum Ausdruck, dass bei anderen, höher verzinsten Geldanlagen die Gefahr eines Totalverlustes nicht mehr ausgeschlossen wird. Außerdem liebäugeln jene Investoren, dass bei einem Ausscheiden der schwachen Euro-Staaten aus dem Währungsverbund die in Deutschland verbliebenen Gelder dann einen Aufwertungseffekt erfahren sollten.

Aber wir hätten keine pfiffige Finanzindustrie, wenn dem Anleger für seine Suche nach höheren Zinsen bzw. laufenden Erträgen nicht entsprechende Produkte angeboten würden. Nicht neu in diesem Spiel sind Aktienanleihen, deren Absatz sich in den letzten Jahren (der niedrigen Zinsen) vervielfacht hat. Die hohen Kupons locken, ganz klar, auch wenn zu befürchten ist, dass über die Zusammenhänge des Zustandekommens dieser hohen Kupons oft keine Klarheit besteht. Dabei ist es das alte Spiel: Mehr Risiko, mehr Ertrag.

Weder Aktie noch Anleihe

Altgediente Anlageberater nennen für den Erfolg dieser Aktienanleihen, die eigentlich weder Aktie noch Anleihe sind, im wesentlichen Zwei Gründe. Da ist zum einen natürlich der hohe Kupon, der in jedem Fall, egal wie der Kurs der Basisaktien sich entwickelt, zur Auszahlung kommt. Und zum Teil zweistellige Zinskupons können dem Anleger schon Beine machen, zumal wenn das damit in Kauf genommene Risiko nicht erkannt und hinter der Konstruktion des Papiers verschwindet bzw. zumindest in den Hintergrund tritt. Der zweite Anreizfaktor ist schlicht und einfach die Tatsache, dass dieses Papier den Namen „Anleihe“ trägt, was es nie und nimmer ist. Das verbindet auch den vorsichtigen Anleger, der bisher eigentlich mehr Bundesanleihen und Pfandbriefe kaufte, mit diesem Papier.

Je volatiler die Märkte, desto höher die Kupons

Und nun das Teuflische an diesem Papier. Je unsicherer die Zeiten sind, je hektischer die Märkte sich im Strom der unterschiedlichsten Nachrichten bewegen, desto höher werden die Kupons dieser Papiere und damit der Anreiz für Anleger, sich diesen Papieren zuzuwenden. Erklärt ist dieser Effekt relativ einfach. Er ergibt sich aus der Konstruktion dieser Titel. Denn der Anleger kauft mit einer Aktienanleihe zwar ein Zinspapier, jedoch in Verbindung mit der Option bzw. Verpflichtung, eine bestimmte Zahl der Basis-Aktien bei Erreichen bzw. Unterschreiten des Basispreises übernehmen zu müssen. Der Anleger muss also als Gegenleitung für den hohen Zins eine Stillhalterposition in den Basisaktien eingehen. Und in diesem Zusammenhang bedeuten volatiler werdende Märkte sofort, dass das Anlagerisiko  der Basisaktien steigt. Damit steigt gleichzeitig auch der Optionspreis, den der Emittent vereinnahmen kann. Und mit diesem höheren Erlös aus dem Verkauf der Option ist nun der Emittent in der Lage, die Aktienanleihe mit einem verbesserten Zins anzubieten. Es ist dieser Effekt der es ermöglicht, dass selbst in einem Standardwert wie Daimler zweistellige Renditen bei Aktienanleihen möglich sind. Noch einmal: steigende Kupons bei Aktienanleihen zeigen also steigende Marktrisiken an, also auch eine steigende Wahrscheinlichkeit, das auch die gewählte Basisaktie unter die Räder kommen kann.

Optimisten kaufen die Aktie direkt

Wie schneidet der Anleger in Aktienanleihen nun ab, wenn die Basisaktie steigt, gleich bleibt oder fällt? Steigt die Aktie, dann erhält der Anleger sein Geld zu 100 Prozent zurück und den vereinbarten hohen Zins. Prima. Nur wenn die Aktie stark steigt, ist er natürlich nicht an diesem Kursanstieg beteiligt. Wird folglich in einer analysierten Aktie ein deutlicher Kursanstieg erwartet, ist eine Aktienanleihe die falsche Wahl; dann kauft er besser die Aktie direkt.

Bleibt der Kurs der Aktie während der Laufzeit des Papiers unverändert, liegt der Fall wie oben. Nur muss der Anleger sich dann nicht darüber ärgern, dass er an dem Kursanstieg nicht beteiligt ist. Er erhält sein Geld zu 100 Prozent zurück und den hohen Kupon, kann sich also glücklich schätzen. Werden also Seitwärtsbewegungen an den Märkten vom Anleger erwartet, ist eine sorgfältig ausgewählte Aktienanleihe nicht die schlechteste Wahl.

Bei Kursverlusten immer besser als die Direktanlage

Bei einem Kursverlust der Basisaktien kommt es nun darauf an, wie stark die Aktie nachgibt. Der hohe Zinskupon bildet einen gewissen Risikopuffer. Erst wenn der Aktienkurs stärker fällt als es dem Gegenwert des Zinskupons entspricht, erleidet der Anleger einen wirklichen Verlust. Wie bei jeder Anlage am Aktienmarkt muss der Investor also vor seiner Anlageentscheidung abklopfen, ob „sein Szenario“ für die Aktienanleihe, für eine Direktanlage in der untersuchten Aktie oder für „Finger weg“ spricht. Und bei der Beantwortung dieser Frage sollten – am Rande – steuerliche Tatbestände eine Rolle spielen. Denn der hohe Zinskupon ist in jedem Fall steuerpflichtig. Kursgewinne kann der Aktienanleihe-Investor nicht einfahren, da diese nur die Direktanleger erzielen. Kursverluste jedoch kann er über die ihm aufs Auge gedrückten, im Kurs gesunkenen Aktien durchaus einfahren, allerdings ohne diese steuerlich in Ansatz bringen zu können. Doch werden diese Verluste durch den hohen Zinskupon als Sicherheitspuffer zumindest abgemildert. Was bedeutet, dass der Aktienanleihe-Investor im Falle von Aktienverlusten zumindest besser abschneidet als der direkte Aktieninvestor. Denn diesem fehlen die hohen Zinsen zum Gegenrechnen.

Das anhaltend äußerst niedrige Zinsniveau lässt Anleger auch auf anderen Gebieten nach besseren Erträgen suchen, zum Beispiel auch bei den sog. Mittelstandsanleihen. Und das Sicherheitsstreben spült guten Emittenten das Geld ganz oder fast kostenlos ins Haus. Wie schreibt die BHF-Bank in ihrem seit Jahrzehnten lesenswerten Wirtschaftsdienst: „Staatsanleihen: Einst risikolose Rendite, jetzt renditeloses Risiko“. Zinsthemen für Anleger, die fortgesetzt werden.