"Es wäre sicherlich am besten, wenn die Banken vorausschauend agieren und Korrekturen vor dem Ende dieses Prozesses vornehmen", sagte EZB-Präsident Mario Draghi am Dienstag in Paris. Teilweise sei dies bereits sichtbar, lobte er bei einer Vorlesung an der Universität Paris schon im März dieses Jahres.

Damit forderte Draghi  die Banken in der Euro-Zone auf, mit der Bereinigung ihrer Bilanzen nicht bis zum Ende des laufenden Fitnesschecks der Branche im Herbst warten.

Hintergrund der Aufforderung des obersten Euro-Bänkers war die Tatsache, dass ab dem 4. November 2014 die erste Säule der Bankenunion in Europa Realität wird: Dann nimmt die einheitliche europäische Bankenaufsicht (SSM) unter dem Dach der Europäischen Zentralbank in Frankfurt am Main ihre Arbeit auf. Ab 2016 folgt dann als zweite Säule der Bankenunion der europäische Abwicklungsmechanismus (SRM).

Der deutsch-amerikanische Bundesverdienstkreuzinhaber, bis 2009 in führender Position bei der Bank of America tätige und seit Mai 2010 Mitglied des Vorstandes der Deutschen Bundesbank, Dr. Andreas Dombret, erläuterte im Juli dazu:  „Bis zum Start des SSM im November unterziehen die Euro-Mitgliedsländer ihre Kreditinstitute einem vorbereitenden Check, dem so genannten Comprehensive Assessment. Europaweit werden insgesamt 128 Banken diesem Test unterzogen, der aus zwei Kernelementen besteht: Dem Asset Quality Review (AQR) und dem Stresstest. Ziel ist es dabei, für größtmögliche Transparenz über den Zustand der Kreditinstitute in der Eurozone zu sorgen und das Vertrauen der Markteilnehmer zu stärken, damit der SSM so unbelastet wie möglich starten kann.

Der mittlerweile fast abgeschlossene AQR dient dazu, mögliche Altlasten in den Bilanzen der Banken aufzudecken, die auch noch unter nationaler Verantwortung zu bereinigen sind. Bei Vorortprüfungen wurden die Kreditengagements der Banken unter die Lupe genommen und Sicherheiten bewertet. Die nationale Bankenaufsicht überprüft dabei nach einheitlichen Vorgaben der EZB sowohl einzelne Kreditengagements wie auch ganze Portfolios. Aus dieser Überprüfung wurde ein möglicher Wertberichtigungsbedarf hergeleitet. Die Ergebnisse des AQR nutzt die EZB um eine bereinigte Kapitalquote der Banken zu berechnen. Sollten Banken dabei unter der Zielschwelle von 8 % des besonders belastbaren Eigenkapitals bleiben - dem so genannten harten Kernkapital - müssen sie Anpassungen vornehmen.“

Unter Bilanzbereinigung versteht man die Auflösung stiller Reserven sowie die Ausgliederung von nichtbetrieblichem Vermögen. Dies geschieht zur genauen Bestimmung des Marktwertes des Unternehmens. 

Eine hohe  Eigenkapitalquote dient  als Puffer in Krisenzeiten, und soll von solider und erfolgreicher Geschäftsführung zeugen.

Wenn Banken nun im Hinblick auf die Bankenunion ihr Eigenkapital erhöhen müssen, dann geht das bilanztechnisch, indem Anlagevermögen verkauft wird. Handelt es sich dabei um Maschinen und Immobilien, kann man diese anschließend mieten oder leasen. Durch den Verkauf fließt Cash in das Unternehmen, womit Verbindlichkeiten getilgt werden können. Da dafür weniger Fremdkapital benötigt wird, erhöht sich somit die Eigenkapitalquote.

Achtung! Nicht das Eigenkapital, sondern die Eigenkapitalquote. Diese ist entscheidend.

Also, auch wenn das Eigenkapital nicht steigt, so steigt im Verhältnis durch die verringerte Bilanzsumme der Anteil des Eigenkapitals und führt zu einer erhöhten Eigenkapitalquote.

Wenn alle Banken dem Rat Draghis gefolgt wären und schon im Frühjahr mit der Bereinigung der Bilanzen begonnen hätten, dann würde jetzt weniger nichtbetriebliches Vermögen auf die Märkte fließen. Zum nichtbetrieblichen Vermögen können auch Aktienanlagen gehören.

Somit werden wir noch einige Wochen mit einem auch durch die Bankenunion bedingten Zufluss von Wertpapieren auf die Wertpapiermärkte rechnen müssen. Kurssteigernd dürfte sich das wohl kaum auswirken.

Dieser Beitrag dient auch der Klärung eines nur angerissenen Sachverhaltes in meinem Beitrag Die Euro-Krise kehrt zurück. Sind Immobilien nun die richtige Wahl? vom 20.10.