Eine Sache, die ich über China mit Sicherheit weiß, ist, dass ich das Land niemals wirklich verstehen werde. Es ist zu groß, zu alt, zu gegensätzlich und zu umfangreich. Um all dies zu erkunden, habe ich einfach nicht genug Zeit“

– Anthony Bourdain, Parts Unknown

Momentan konzentriert sich vieles auf die Ereignisse in Griechenland und Europa. Viele Menschen wollen wissen, was im Mittleren Osten passiert und interessieren sich für geopolitische Fragen. Sicherlich sind das wichtige Angelegenheiten, die uns alle betreffen. Dennoch hat das, was in den letzten Monaten in China passiert ist, weitaus tiefergehende  Auswirkungen auf die globale Investitionslandschaft als die Geschehnisse in Europa oder im Mittleren Osten. Die meisten Menschen wissen über den bemerkenswerten Aufschwung des Shanghaier Börsenindex und den letzten „Crash“ Bescheid. Die Regierung hatte sich daraufhin eingeschaltet und bis auf weiteres den rasanten Fall der Kurse stoppen können.

Der Ursprung der Blase

Zuvor hatte es bereits einige Bedenken bezüglich der möglichen Folgen für die chinesische Wirtschaft gegeben. Viele fragten sich: Ist China kurz davor, in sich zusammenzufallen? Sicherlich gibt es einige, die diese Entwicklungen schon vor geraumer Zeit vorausgesagt  haben. In dieser Woche werde ich daher versuchen zu erklären, was die chinesische Börse so derart aufgeblasen hat, wieso die Märkte dann wieder ebenso schnell ins Wanken gerieten, und wieso wir Chinas Börse unabhängig von der Wirtschaft des Landes betrachten müssen.

Schon seit geraumer Zeit habe ich die These vertreten, dass die Chinesen - um die Wirtschaft ihres Landes weiterhin wachsen zu lassen - den Schwerpunkt von industrieller Produktion und den immensen Investitionen in Infrastrukturprojekte auf eine dienstleistungsbasierte Wirtschaft verlegen müssen. Tatsächlich versucht man das auch momentan, und langsam beginnen wir zu sehen, dass der Dienstleistungssektor eine ebenso wichtige Rolle in der chinesischen Wirtschaft einnimmt wie in den USA. Auch wenn die ersten Schritte auf diesem Weg eingeleitet wurden, haben sie dennoch noch viel Arbeit vor sich.

Eine drastische Veränderung

Als die amerikanische Börse im Oktober 1987 einen Crash erlebte, gab es viele Experten von den damaligen eher primitiven Finanzmedien, die sich aufschwangen, zwischen der Wirtschaft und der Börse des Landes zu unterscheiden (Ich erinnere mich noch gut daran, sie in meiner großen hölzernen Kiste im Wohnzimmer zu sehen).

Viele dieser Leute hatten damals gesagt, dass es der amerikanischen Wirtschaft gut ginge. Das Leben würde weiter gehen und die Unternehmen würden wieder Geld verdienen. Wie sich herausstellte, hatten sie Recht - auch heute noch und nicht nur bezüglich der Vereinigten Staaten. Börsenmärkte spiegeln eben ab und an die Wirtschaft eines Landes wider, sind ihr voraus, können ihr für geraume Zeit aber auch hinterher hinken. Das ist ganz normal.

Jeder, der chinesische Aktien besitzt, hat in den letzten Wochen wahrscheinlich Trost in solchen Gedanken gefunden. Die chinesische Börsenblase verliert auf spektakuläre Weise an Luft. Der steile Abfall und Pekings enorme Bemühungen, die Märkte erneut zu stabilisieren, haben viele Wirtschaftsexperten jedoch weitaus schlimmere Probleme erkennen lassen.

China verstehen

Wir werden die chinesische Börse und die Wirtschaft des Landes miteinander vergleichen und gegenüberstellen, indem wir eine zwar etwas ungewöhnliche, jedoch sehr zuverlässige Datenquelle betrachten. Mit allem Respekt für Anthony Bourdain, den ich zu Beginn dieses Artikels zitiert habe, können wir China durchaus verstehen lernen. Wir müssen nur den richtigen Menschen die richtigen Fragen stellen.

Noch im Jahre 1987, als viele amerikanischen Investoren bemüht waren ihre Wunden zu lecken, sah die Skyline Shanghais folgendermaßen aus.

Im Folgenden sehen wir ein Foto aus dem Jahre 2013

Photo credit: Carlos Barria, Reuters

Vieles kann sich innerhalb von 26 Jahren ändern. Veränderungen in diesem Ausmaß sind vollkommen normal in China. Glitzernde Städte überragen nun eine Fläche, die vor noch vor ein oder zwei Jahrzehnten vollkommen unentwickelt war. Die meisten dieser Städte werden sogar von Menschen bewohnt, obwohl die sogenannten Geisterstädte schon lange legendär sind.

Man kann die Zahlen noch so viel drehen und wenden. Es wird jedem klar sein, dass Chinas rasantes Wachstum beispiellos ist. Es verändert den Verlauf der Geschichte der Menschheit. China hat mehr als 250 Millionen Menschen dazu bewegt, einen mittelalterlichen Lebensstil auf dem Land gegen das Leben und Arbeiten in diesen fantastischen neuen Städten zu tauschen. Zudem haben sie die Infrastruktur gebaut, um sie zu verbinden und zu versorgen.

Worth Wray und ich haben in unserem E-Book A Great Leap Forward China von vielen verschiedenen Perspektiven betrachtet. Unsere Top-China Experten sehen auf sehr unterschiedliche Weise sowohl Risiken als auch Chancen. Das Buch wird hoch gelobt. Falls Sie an einer tiefergehenden Analyse Chinas interessiert sind, ist dieses Buch sicherlich ein guter Anfang (Klicken Sie hier für mehr Informationen und um das Buch zu bestellen).

Während ich noch letzte Woche über China nachdachte, habe ich das Buch noch einmal überflogen. Dabei ist mir etwas ziemlich erstaunliches aufgefallen. Die Zeilen die ich las, lassen mich den unglaublichen Tiefflug der chinesischen Börse nun umso besser verstehen und erklären.

Chinas BIP vs. China Beige Book

Der Teil, der mich aufmerksam werden ließ, war das Kapitel von Leland Miller von China Beige Book. Sein Artikel „Wie private Daten die chinesische Wirtschaft entmystifizieren können“ betrachtet die Entwicklung der chinesischen Wirtschaft auf eine sehr spezielle Weise.

Wir alle wissen, dass Wirtschaftsdaten, die von Regierungen veröffentlicht werden, nicht immer zuverlässig sind. Vor allem im Falle Chinas sollte das jedem klar sein. Es ist das einzige Land der Welt, welches sein BIP Quartal für Quartal beziffern kann und dabei nie wirklich die eigenen Kalkulationen überprüfen muss. Dies ist wohl der offensichtlichste Beweis für die Wirtschaftsdatenmanipulation des Landes.

Obwohl diese Tatsache eigentlich jedem bekannt sein sollte, verlassen sich die meisten China-Analysten immer noch auf die offiziell herausgegebenen Zahlen des BIP, auch weil es schlichtweg die einzigen Zahlen sind, die zur Verfügung gestellt werden. Aufgrund der Arbeit von Leland Miller beginnt sich das jedoch zu ändern. Leland, zusammen mit seinem Kollegen Craig Charney, entschied sich, eine alternative Berechnungsgrundlage als die Zahlen des BIP zu entwickeln. Indem sie die gleiche Methodik wie die der US-Notenbank in ihrem vierteljährlich erscheinenden Beige Book verwenden, sammeln sie die Daten von einem Netzwerk von Beobachtern überall in China. Ihre Kunden – einschließlich der größten Zentralbanken der Welt – liefern granulare Daten, die einen weitaus tiefergehenden Blick in die chinesische Wirtschaft gewähren.

In A Great Leap Forward beschreibt Leland wie das China Beige Book auf eine bedeutende Veränderung innerhalb der chinesischen Geschäftswelt aufmerksam geworden ist. So sagt er, dass das wirtschaftliche Tief des Landes im Jahre 2014 sich von den Vorjahren deutlich unterscheidet.

Verdopplung des Einsatzes

Die wirtschaftliche Abschwächung im Jahre 2013 war das Ergebnis einer schleichenden Kreditverknappung. Diese hatte sich anhand einiger Anzeichen in den offiziellen Daten schon vor der Kreditkrise auf dem Interbankenmarkt, die die Märkte in Panik versetzte, abgezeichnet. Viele kleine und mittelgroße Unternehmen wollten in dieser Zeit vermehrt Zugang zu Krediten, mussten jedoch – ungeachtet der Daten des TSF – feststellen, dass es schwierig, wenn nicht sogar unmöglich war, Kredite zu bekommen. Verblüffender Weise stellte sich das Jahr 2014 als radikal anderes heraus.

Eine der interessantesten Entwicklungen, die wir bei vielen chinesischen Unternehmen ausmachen konnten, war die noch nie dagewesene Trennung zwischen der Leistungsfähigkeit vieler Unternehmen und der Bereitschaft dieser Firmen, sich Geld zu leihen und es erneut zu investieren. In vielen, vor allem in Schwierigkeiten geratenen Bereichen wie der Bergbauindustrie und der Immobilienbranche, reagierten viele Unternehmen auf die schlechten Umsatzergebnisse auf eine besondere, und vor allem sehr chinesische Weise: Sie verdoppelten den Einsatz.

Zu oft hatte man geglaubt: Gute Ergebnisse sind gut, schlechte Ergebnisse jedoch nicht unbedingt schlecht, da die Regierung so oder so einspringen und die Firmen retten würde. Sei es mit Fördermitteln, oder indem man die Zahlungen von Krediten zeitlich verzögern würde. Die meisten Firmen entscheiden sich daher bewiesenermaßen unwirtschaftlich zu handeln.

Die Disziplin der freien Märkte

Mit Anfang des Jahres 2014 allerdings deuteten unsere Daten auf eine überraschende Veränderung hin. So zeigten die CBB (China Beige Book)-Daten während des zweiten Quartals eine steile Abwärtskurve im landesweiten Umsatzwachstum. Zum ersten Mal in unserer Studie hatte kein einziger Wirtschaftsbereich eine Quartalsverbesserung aufgewiesen. Dennoch reagierten die meisten Firmen unerwartet rational. Das Investitionswachstum, die Kapitalaufwendungen und kurzfristige Darlehen gingen deutlich – auf den niedrigsten Wert seit Beginn unserer Untersuchung - zurück. Das dritte Quartal verzeichnete wieder eine schlechte Entwicklung im Bereich der Kreditnachfrage, mit einem sogar deutlich niedrigeren Niveau an Investitionen.

Viele Firmen, die den wirtschaftlichen Niedergang miterlebten, wollten nicht weiter Geld ausgeben, sich jedoch auch kein Geld mehr leihen. In dieser Zeit zogen sie es lieber vor, die Entwicklung der Geschehnisse aus sicherer Entfernung zu beobachten.

Leland behauptet, und da stimme ich ihm zu, dass dieser Umstand eine positive Entwicklung mit sich brachte. Sowohl die Unternehmen als auch die Investoren sind auf die Disziplin der freien Märkte angewiesen. Dadurch, dass man Fehler macht, lernt man, was funktioniert und was nicht.

In einem Telefongespräch diese Woche erzählte mir Leland, dass ihre Daten bereits im zweiten Quartal 2014 auf diesen Wandel hingewiesen hatten. Er ist sogar davon überzeugt, dass dieses Quartal das wichtigste in der wirtschaftlichen Geschichte Chinas gewesen sei. Ich bin mir sicher, dass Leland, als Chinahistoriker mit einem Oxford Abschluss, solche Aussagen nicht leichtfertig trifft. So glaubt er, dass es eben dieses Quartal gewesen sei, indem chinesische Unternehmensdirektoren „aufgehört hätten, chinesisch zu handeln“. Konfrontiert mit einer sinkenden Nachfrage, handelten sie rational und stoppten den Ausbau der Kapazitäten. Die Unternehmen wollten, wie Leland sagt, weder Geld ausgeben noch Geld leihen. Sie hielten sie sich eben lieber aus dem Geschehen heraus. Für viele Unternehmen war das eine gute Entscheidung. Leider passte diese Entscheidung nicht in den Masterplan der chinesischen Regierung.

„Wirtschaftliche Anreize“

Am Ende seines Kapitels fügte Leland die Executive Summary des China Beige Books von Dezember 2014 hinzu. Diese befasst sich mit der Frage, ob die chinesische Wirtschaft wirklich derart an Konjunktur verlieren würde, dass die Regierung Chinas zum Eingreifen gezwungen gewesen wäre. So schrieb Leland wie folgt:

  • Unsere Ergebnisse des Jahres werden wahrscheinlich anders ausfallen als die für 2015. So hatte es eine spürbare Deflation seit dem ersten Quartal des Jahres 2013 gegeben. Verkaufspreise, Gehälter und Investitionskosten stiegen wieder - wenn auch nur langsam - an. Obwohl eine völlige Deflation nicht einsetzte, ist bisher noch nicht sicher, was für Auswirkungen die gesunkenen Rohölpreise haben werden. Die Angst vor einer Deflation ist nun also berechtigt.
  • Die deflationäre Wirtschaftslage wird es Peking schwer machen, einem erneuten wirtschaftlichen Eingreifen zu widerstehen. Bis heute, und trotz dem vielen Gerede über wirtschaftliche Anreize, zeigen die CBB Daten deutlich, dass die Kapitalaufwände seit dem zweiten Quartal 2014 gestiegen sind. Darüber hinaus weisen die Daten beständig auf positive Entwicklungen sowohl in den Umsätzen der Unternehmen und dem Arbeitsmarkt hin. Somit wird deutlich, dass die Realwirtschaft nicht auf die Hilfe der Regierung angewiesen ist.

Der folgende Abschnitt ist für das Verständnis sehr wichtig. Leland unterstrich den ersten Satz. Ich hob einige der Stichworte hervor.

Was jedoch viel wichtiger ist: Falls die Regierung immer noch vorhat, massiv in die chinesische Wirtschaft einzugreifen, wird diese Strategie nicht funktionieren. Seit gut einem Jahr sind die meisten Unternehmen nämlich nicht mehr daran interessiert, sich Geld zu leihen oder Geld in neue Projekte zu stecken. Eventuell, und auch nur wenn genügend Kredite verfügbar sein sollten, würden einige Unternehmen möglicherweise in Erwägung ziehen, an die erneut wildgewordenen Aktienmärkte zu gehen. So wurde in der letzten Zeit sehr stark in Aktien investiert, viel davon über Umwege von dem ins Straucheln geratenen Bausektor. Falls die fallenden Ölpreise und die Bedrohung einer Deflation die Währungs- und Finanzbehörden veranlassen sollten, tiefgreifende Lockerungsmaßnahmen einzuleiten, würde dies sehr wahrscheinlich unkontrollierbare Aktienpreise nach sich ziehen.

Genau so ist es auch passiert. Viele neue, private Investoren taten es den Unternehmen, die Aktien kauften, gleich. Um es nochmal zu sagen: Leland hatte das schon letzten Dezember geschrieben. In den folgenden Monaten hatte Peking massiv versucht, wirtschaftliche Anreize für Unternehmen und Investoren zu schaffen. Der gewünschte Stimulations-Effekt für die Wirtschaft blieb allerdings aus. Vielmehr floss das meiste Geld in die Börse, woraufhin die Preise außer Kontrolle gerieten.

Die untere Grafik zeigt deutlich, wie sehr die Preise außer Kontrolle geraten sind. Der Shanghai Composite Index hatte mit mehr als 50% Zuwachs ein ausgezeichnetes Jahr 2014. Dieses Jahr jedoch sind die Kurse jedoch wirklich „durch die Decke“ gegangen.

Wahrscheinlich war es vor diesem Hintergrund auch kein Zufall, dass die chinesische Zentralbank die Zinsraten im November 2014 kürzte und ihre Mindestreserven im April 2015 reduzierte. Diese beiden Maßnahmen versetzten die chinesischen Aktien in einen enormen Höhenflug. Dank der chinesischen Kapitalkontrollen, musste das neue Geld aber auch im Land bleiben. Man konnte es also nur in Aktien investieren.

Leland und sein Team des China Beige Book hatten für den Fall, dass Peking die Unternehmen, die keinen wirklichen Nutzen an zusätzlichem Geld hatten, unterstützen sollte,  genau dieses Szenario vorausgesagt. Die Ergebnisse sprechen für sich.

Die in diesem Jahr gestiegenen Aktienpreise haben praktisch gesehen nichts mit der Realwirtschaft Chinas zu tun, wie die erst kürzlich erschienen Zahlen des China Beige Book verraten und wieder auf dem Weg der Besserung befinden. Die Aktien stiegen aus dem einfachen Grund, dass Geld von allen Seiten in die Märkte gespült wurde.

Irrsinnig verschuldete Bauern

Neben den Unternehmen, die nur bis zu einem gewissen Kreditlimit investieren, investierten viele kleinere Investoren in die chinesischen Märkte. Der Anstieg des Investitionsvolumens ist unglaublich, wie die Grafik unten zeigt.

Sowohl die kleinen als auch die großen Investoren kauften Aktien mit großen Summen von geliehenem Geld an. Chinas Schattenbanken-Sektor wurde im Jahre 2014 in den Schatten gestellt, da große Firmen wie Tencent oder Alibaba neue Onlinebanken finanzierten. Die folgende Grafik zeigt die mehr oder weniger offizielle Spanne der ausstehenden Investitionsdarlehen, die sich innerhalb von nur 5 Monaten, so gut wie verdoppelte.

China war sehr auf  diese Schattenbanken angewiesen. Es gab zwar viele Kredite für große Banken, große Firmen, und politisch bevorzugte Unternehmen. Kleinere Unternehmen und Einzelpersonen konnten sich jedoch kein Geld zu fairen Konditionen leihen. Die Schattenbanken hatten daher sofort riesigen Erfolg.

Kredite, Kredite und noch mehr Kredite

Unglücklicherweise hatten viele der Kunden dieser Schattenbanken nur wenig Erfahrung mit Schulden. Daher liehen sie sich zu viel und nutzten das Geld ohne Rücksicht auf die Konsequenzen. Bis zu einem gewissen Grad, zeigten viele der unerfahrenen Investoren dasselbe „double down“ Verhalten, von denen sich die chinesischen Unternehmen erst kürzlich noch verabschiedet hatten. Da sie dachten, dass die Regierung sie schützen würde, stürzten sie sich an der Börse.

Theoretisch hätten die chinesischen Investoren nur 50 Prozent ihrer Aktieneinkäufe mit der Hilfe von sogenannten „margin loans“ (Fremdfinanzierungen/Investitionsdarlehen) finanzieren dürfen. Tatsächlich aber reihten sie einen Kredit an den anderen, wodurch sie einen riesigen Berg an Schulden aufhäuften. Es ist also nicht sonderlich anders als das, was sowohl große und kleine chinesische Investoren durch das Einkaufen von Kupfer und anderen Metallen über mehrere Jahre hinweg getan haben.

Die Einschätzungen bezüglich des Umfangs und der Antwort auf die Frage, wie viel Geld letztendlich seinen Weg an die Börse gefunden hat, unterscheiden sich massiv. Die folgende Grafik der Bank of America Merrill Lynch zeigt den Anteil des Fremdkapitals, das dieses Jahr in die chinesische Börse geflossen ist.

Falls diese Daten stimmen, flossen ca. 3,7 Billionen Renminbi (entspricht etwa 600 Milliarden US$) an geliehenem Geld in die Börse. Das entspricht ungefähr einem Drittel der handelbaren Aktienwerte in Festlandchina. Aufgrund dieser enormen Hebelwirkung, ist es keine wirkliche Überraschung, dass der Markt vor dem Platzen dieser Blase weitere Höchststände erreichte.

Mein Freund Doug Kass hatte erst kürzlich diesen bemerkenswerten CNBC Beitrag über einen ländlichen Landwirt geteilt, der Aktien im Wert von einer Millionen Dollar zu einem unglaublichen 6-fachen Verschuldungsgrad gekauft hatte. Wahrscheinlich können Sie sich vorstellen, wie die Geschichte ausging. Der Farmer im Video verlor all seine Aktien. Jetzt schuldet er der Maklerfirma mehr als die ursprüngliche Investition.

Jeder der diesen Artikel liest, wird wissen, dass es keine gute Idee ist, sein gesamtes Vermögen sowie einen Kredit über das sechsfache des eigenen Vermögens in ein einziges Unternehmen zu investieren. Offenbar ist das vielen chinesischen Bauern nicht bewusst.

Zocken scheint ein fester Bestandteil der chinesischen DNA zu sein

Chinesische Investoren agieren mehr oder weniger sehr spontan. Kombiniert man den Ansatz der chinesischen Neigung zum Zocken, bekommt man eine ziemlich explosive Mischung. Heute Morgen noch hatte ich ein Telefongespräch mit meinem alten Freund Jack Rivkin (der momentane CEO von Altegris). Wir sprachen über seine Erfahrungen mit und in China. Er erzählte mir zwei sehr spannende Geschichten. Ich fragte ihn, ob er mir eine E-Mail schicken könnte, damit meine Leser die Geschichte direkt von der Quelle zu hören bekommen. So schrieb er:

In den Großstädten im heutigen China gibt es an jedem fünften Block einen mehrstöckigen Buchladen. Die erste Etage sieht meistens ungefähr so aus:

  • Die halbe Etage ist voll von sogenannten „Mobile Guides“. Diese beinhalten Straßenkarten für verschiedene Teile des Landes, einschließlich den Raststätten und Restaurants auf der Autobahn. Jeden Monat werden diese Mobile Guides neu herausgegeben, da trotz des momentanen „Slowdowns“ der Wirtschaft viele Straßen immer noch unglaublich schnell gebaut werden – schnell genug, dass es in regelmäßigen Abständen neue, aktualisierte Karten braucht. Die andere Hälfte des Buchladens hat zwei nebeneinander liegende und manchmal auch ineinander übergehende Abteilungen. Die wichtigste Abteilung, in Chinesisch und auch anderen Sprachen, führt Bücher über Zahlen. Hauptsächlich bezüglich alltäglicher Dinge und wie man die richtigen Glückszahlen für verschiedene Lotterien und Glücksspiele auswählt. Diese Abteilung, wurde mir gesagt, erfährt immer dann immensen Zulauf, wenn eine Gruppe eine Reise nach Macau plant.
  • Das andere Viertel der Abteilung besteht aus Büchern über “Investitionen” – viele davon auf Englisch. Anhand der Buchtitel die ich überfliegen konnte, hätte man einige der Bücher auch mit denen aus der Zahlenabteilung austauschen können. Das Zocken scheint ein fester Bestandteil der chinesischen DNA zu sein. Der chinesische Ansatz in Bezug auf die Börse und den Aktienhandel würde also sicherlich in die gleiche Kategorie passen. Viele der Chinesen in Macau erhöhen die Einsätze, sobald sie eine Glückssträhne haben. Das gleiche scheint auch an der Börse der Fall zu sein.
  • Mit Sicherheit gibt es auch an den amerikanischen Märkten eine Reihe von „Investoren“, die unter die Kategorie „Zocker“ fallen könnten. In der derzeitigen Entwicklungsphase der Kapitalmärkte in China wird die Zahl derartiger Investoren jedoch wesentlich höher sein. Klassische Wachstumssorgen in einem weniger als reifen Kapitalmarkt. Wie in vielen Belangen im Hinblick auf China, finden sich auch hier Extreme. Die chinesische Regierung scheint den Wert von Aktienpapieren steigern zu wollen. Bisher scheinen sie noch nicht ganz verstanden zu haben, wie man so etwas am besten macht. Jedoch könnte es aufgrund der sehr unbeständigen Lage vielleicht doch eine Zeit lang klappen, auch wenn es ab und zu schmerzhaft werden könnte. Aktuelle Handelseinschränkungen erschweren das Erreichen der Zielsetzungen natürlich deutlich.
  • Die zweite Geschichte, die ich gerne erzählen würde, befasst sich mit dem sich verändernden Gefüge der chinesischen Wirtschaft. Erst gestern hatte ich noch ein Webinar mit Henry Mc Vey und David McNellis, die den Global Macro Asset Allocation Prozess für KKR &Co L.P (NYSE:KKR) leiten. Die beiden hatten im Gegensatz zu vielen anderen Experten eine weitaus zuversichtlichere Meinung bezüglich des Wachstums Chinas. Als ich Henry nach seiner Meinung fragte, sagte er, dass die meisten Menschen das unglaubliche Wachstum des chinesischen Dienstleistungssektors nicht wahrnehmen würden. Er stimme bezüglich der extremen Konjunkturabschwächung im Bereich der Anlageinvestitionen zu. Jedoch sei der Dienstleistungssektor - der in vielerlei Hinsicht sehr mit der Geschichte Chinas und dem chinesischen Kunden zu tun hat - seiner Meinung nach sehr robust. Als Investoren für verschiedene Dienstleistungsbereiche in China würden sich beide sehr gut mit diesem Sektor auskennen. So eine Meinung hatte ich bis dahin noch nicht derartig formuliert gehört Es ist nicht so, dass es keine Probleme geben könne, jedoch findet eine Veränderung in all diesem Chaos statt. Falls die Entwicklung weiter gehen sollte,  könnte dies natürlich langsameres Wachstum der Gesamtwirtschaft auf längere Sicht hin bedeuten. Da China aber – als eine heute sehr gut entwickelte Wirtschaft – den Weg von der Landwirtschaft, über die Industrie bis hin zur Dienstleistungsgesellschaft eingeschlagen hat, werde ich mit Sicherheit aufmerksam bleiben.

Der Schutztrupp vor Börseneinstürzen – Auf die chinesische Art

Eine der obersten Prioritäten Pekings ist es, die Massen zufrieden zu stellen. Geschichten über Bauern, die alles an Minenaktien verlieren, sind dabei nicht hilfreich. Dennoch dachte ich, dass der ergebnislose Versuch des Bauers, die Behörden um Hilfe zu bitten, eine gute Geschichte sein würde.

Tatsächlich hatte die Regierung frenetisch versucht, der Börse unter die Arme zu greifen - wobei alles, was getan wurde, immer noch nicht ausreichte. Chinas Führer dachten, dass ihre Vision des „Plunge Protection Teams“ die Börse aufrechterhalten könne. Momentan erfahren sie aber, dass es doch nicht ganz so einfach ist.

Zunächst hatten sie das Short Trading verboten und ein Konsortium von Börsenunternehmen zusammen geführt, um Aktien zu kaufen. Schließlich erwarben sie eine riesige Menge an chinesischen ETFs und vereinbarten, diese nur dann zu verkaufen, falls der Markt wieder die 4500er Marke erreicht. Dieser Ansatz schafft eine massive Konvexität, synthetische Shorts and Puts und Möglichkeiten für Spekulanten, das weit über den Fertigkeiten der meisten US-amerikanischen Investoren, und sowieso der chinesischen Neulings Investoren und Behörden liegt.

Obwohl man es nicht vollkommen miteinander vergleichen kann, hatten sich am 24 Oktober 1929 die größten Investmentbanken in den Vereinigten Staaten bei JPMorgan Chase &Co.‘s Wall Street Bank getroffen und ein Syndikat gegründet, um die Börse zu unterstützen. Anhand der Grafik unten können Sie sehen, wie das im Endeffekt ausging. Darüber sehen Sie eine Grafik der chinesischen Börse. Ich gebe zu, dass es einen Unterschied zwischen dem regulativen und marktspezifischen Klima im Jahre 1929 in den USA und dem heutigen China gibt. Meiner Meinung nach ist es jedoch immer eine schlechte Idee, mit dem Markt leichtfertig umgehen zu wollen. 

Heute noch veröffentlichte die Agentur Reuters einen Artikel darüber, dass die Behörden Chinas Broker in Singapur und Hong Kong baten, ihre Aktienbestandsaufzeichnungen offenzulegen, da China auf der Suche nach „Short Sellern“ war. Offensichtlich zielt man darauf ab, private Investoren und Fonds zu finden, die für das Prinzip des “naked short“ offen sind (ungedeckte Leerverkäufe, eine Praxis die meiner Meinung nach verboten werden sollte). Wie auch immer: Es ist schon äußerst ungewöhnlich, nach den Aufzeichnungen von Börsenunternehmen in Ländern außerhalb der eigenen Regierungsstruktur zu fragen. Der Artikel ließ darauf schließen, dass die gefragten Maklerunternehmen dem Austausch der Daten zustimmten.

Die Chinesen hatten darüber hinaus im Juli für einige Zeit das Handeln von mehr als 50 Prozent ihrer Aktien untersagt. Mittlerweile scheint es aber so, als würden momentan ungefähr 80 Prozent der Aktien gehandelt werden. Ich persönlich gehe davon aus, dass sie dieser Handel nur unter bestimmten Vorrausetzungen zugelassen wird, um Verluste vorab auszuschließen.

Es ist soweit noch nicht absehbar, wie die chinesischen Märkte letztlich reagieren werden. Mein Verdacht ist aber, dass sie im Endeffekt mit weniger Gewinn herauskommen werden. In der Zwischenzeit werden die Behörden weiter versuchen, die Märkte zu manipulieren und zu verlangsamen, nur um dann später zu bemerken, dass wenn man vielen Millionen von Menschen den Zugang zu einem Markt gewährt, dieser dann irgendwann auch seine eigenen Regeln entwickelt.

Die gute Seite

So schmerzhaft dieser Börsencrash auch sein mag. Am Ende wird es China stärker machen – falls die Regierung die richtigen Schlüsse aus der Krise zieht.

Was wir derzeit in China beobachten, ist ungefähr mit dem „systematischen Fehlverhalten“ zu vergleichen, das zwischen 2008 und 2009 hier in den Vereinigten Staaten heftig diskutiert wurde. Sind die staatlichen Rettungsprogramme ein falsches Signal für Banken, Unternehmen, Hausbesitzer und Investoren? Wenn man weiß, dass die Regierung einen beschützt, ist man eher geneigt, unkluge Entscheidungen zu fällen.

Angenommen wir hätten diese Situation in den USA, stellen Sie sich vor, wie heftig die Auswirkungen für eine kommunistische Gesellschaft sein müssen, in der die Regierung die Wirtschaft fest im Griff hat. Natürlich erwarten die Menschen, dass die Regierung sie rettet. Letzten Endes hat das Regime sich schon immer als Retter dargestellt. Die Menschen kennen nichts Anderes.  

Leland sagt, dass seine größte Angst sei, dass die Regierung weiterhin versucht, die Wirtschaft künstlich anzukurbeln. Diese Art von Intervention würde lediglich unrealistische Signale senden und die Menschen würden weiter erwarten, in der Not Hilfe vom Staat zu erhalten. Falls dies passieren sollte, wird sich China einen weitaus größeren Kollaps als zuvor einhandeln. Die Nation wird nur nach einer sehr harten Landung lernen, die viele wirtschaftliche Entwicklungen auf den Status von vor vielen Jahrzehnten zurücksetzen könnte.

Was müsste also im günstigsten Fall passieren? Leland beschreibt es in A Great Leap Forward folgendermaßen:

  • Im günstigsten Fall wird China sein Wirtschaftswachstum mit der Zeit verringern – in der gesündesten und geregeltsten Art und Weise wie möglich. Peking wird das System der finanziellen Repression abschaffen, dass den Haushalten im Land das Geld aus der Tasche zieht, um damit staatliche Unternehmen zu finanzieren. Weiterhin müsste Peking dem Verlangen widerstehen, noch mehr Anreize für die Wirtschaft zu schaffen, die Überkapazitäten bekämpfen, indem es insolventen Firmen erlaubt, Bankrott zu gehen und erlauben, dass die Finanzprodukte auch einmal nicht funktionieren. Am wichtigsten wird aber sein, einen kaputten Kredit-Übertragungsmechanismus zu reparieren, der einige Bereiche der Wirtschaft, trotz der größten Kreditexpansion in der Geschichte, seines Geldes beraubt hat.

Letztes Jahr hatte ich geschrieben, dass Peking – unter der Regierung von Präsident Xi Jinping - genau diese Richtung einschlagen würde. Jetzt bin ich mir nicht mehr so sicher. Die Bemühungen Pekings, für wirtschaftliche Anreize zu sorgen, schufen die Börsenblase. Die erfolglosen Bemühungen, die Blase nicht platzen zu lassen, zerstören mein Vertrauen in ihr Vorhaben, die Gesetze der Märkte, eine größere Rolle beim Übergang von einer von oben nach unten regierten zu einer verbraucherorientierten, von unten nach oben regierten Gesellschaft spielen zu lassen. 

Nichtsdestotrotz  habe ich gelernt, die chinesische Führung nicht zu unterschätzen. Sie machen sicherlich Fehler, erkennen diese jedoch meistens und ändern sehr schnell den Kurs. Wir werden sehen, was sie von ihren Missgeschicken bezüglich der wirtschaftlichen Anreize und ihren Versuchen einer hierarchischen Kontrolle eines schlussendlich unkontrollierbaren Marktes gelernt haben. Falls sie nicht die richtigen Schlüsse gezogen haben, wird China mit Sicherheit eine weitaus heftigere Lektion bevorstehen. 

Davon abgesehen müssen wir uns immer vor Augen halten, dass die chinesischen Aktienpreise, wie auch immer sie sich verhalten, sehr wenig mit grundlegenden Wirtschaftstheorien zu tun haben. Die erst kürzlich veröffentlichten Daten des China Beige Books zeigen Verbesserungen für die meisten Indikatoren in diesem Jahr, gefolgt von weiterem- wenn auch langsameren - Wachstum. […]

Ihr ein sich auf einen ruhigen August freuenden Analytiker,

John Mauldin, Mauldin Economics


Dieser Betrag wurde mit freundlicher Genehmigung von http://www.valuewalk.com für Cashkurs übersetzt. Den Originalbeitrag finden Sie in englischer Sprache unter: http://www.valuewalk.com/2015/08/when-china-stopped-acting-chinese/99999/