Noch vor einigen Jahren erfreuten sich viele Schwellenländer bei Analysten und Kommentatoren einiger Beliebtheit. Analog zur Verkündigung der nahenden Weltherrschaft Japans Ende der 80er Jahre wurde von der neuen Macht der Schwellenländer gesprochen. Vergessen wurde leider, wie verschieden die einzelnen Länder aufgestellt sind.

Der Garten, in dem die Emerging Markets blühen, ist bunt. Vom Rohstoffförderland bis zum globalen Anbieter von Produktion und Dienstleistungen ist alles vertreten. Russland, Südafrika und Vietnam in jeder Hinsicht in einen Topf zu werfen ist ein mutiger Schritt, der jedoch wenig sinnvoll ist. Allein politisch sind unter den Schwellenländern viele Systeme vertreten. Die Spanne reicht vom verbliebenen Sozialismusversuch über die Marktwirtschaft bis hin zu verschiedenen Mischungen beider Komponenten. Diese Melange ist nicht einmal geografisch ein Block.

Von daher bringt auch die These von der Ablösung des Westens durch die Schwellenländer niemanden weiter. Wir wollen keine Erfolge einiger Schwellenländer und schon gar nicht viele Schwächen mancher Länder, die zum „Westen“ gezählt werden, unter den Teppich kehren. Es geht nur darum, nicht von einem Block auszugehen. Das könnte zur falschen Aussage führen, die Emerging Markets zögen an einem Strang.

Was nicht ist, kann natürlich noch werden. In den letzten Jahre wurden durchaus wichtige Akzente gesetzt. Die Asiatische Entwicklungsbank, das Shanghaier Abkommen (NACHSCHLAGEN!) sowie zahlreiche andere bi- und multilaterale Übereinkommen zeigen, wohin der Weg gehen könnte. Die Erkenntnis vieler Schwellenländer, dass es ertragreicher sein könnte, zusammenzuarbeiten, scheint sich langsam durchzusetzen. Dennoch wird sich vieles nicht in ein paar Jahren unter einen Hut bringen lassen. Die Situation der meisten lateinamerikanischen Länder und die politische Prägung der Bevölkerung dort unterscheidet sich drastisch von der Lage und Haltung in weiten Teilen Asiens.

Seit jeher wichtig, aber in den vergangenen Jahren bei vielen in Vergessenheit geraten, ist die Abhängigkeit einiger Länder von stetigen Mittelzuflüssen in Fremdwährung. Die Dollarverschuldung Brasiliens beispielsweise wurde jahrelang verniedlicht. Bei dem starken Real, und wo sollte der angesichts der wundervollen Wirtschaftsentwicklung auch hingehen als nach oben, waren ein paar Milliarden mehr an ausstehenden Dollaranleihen kein Problem. Wie schnell etwas von „keinem Problem“ zu einem existenziellen Problem werden kann, zeigen die vergangenen Monate.

Plötzlich halbiert sich der Ölpreis, es zeigen sich ein paar Machenschaften und so manch Sonderliches tut sich in und um die Bilanzen des größten Ölkonzerns des Landes Petrobras. Ganz nebenbei werden sich viele gänzlich oder teilweise staatliche finanzierte Explorationsprojekte wohl niemals rechnen, was die zur Finanzierung begebenen Anleihen freilich nicht interessiert. Die Frage, ob Brasilien noch kreditwürdig ist, wird von einer wachsenden Zahl potenzieller Investoren mit einem Kopfschütteln beantwortet. Das muss nichts heißen, hat aber reale Konsequenzen. In wenigen Monaten steigen die Zinsen auf Real-Anleihen mit zehnjähriger Laufzeit von 7% auf über 15%. Wer sich bei diesen Sätzen 100 Real leiht, zahlt inklusive Zinsen in zehn Jahren  mehr als das Zweieinhalbfache zurück. Das muss man sich leisten können.

Schlimmer sieht es bei der Fremdwährungsverschuldung aus. Vor allem die nicht kalkulierbaren Abwertungsrisiken haben es in sich. Während sich manch ein Wirtschaftsexperte stets darüber freut, wenn die Wettbewerbsfähigkeit der Exportwirtschaft zunimmt, so sollte man vor einem allzu euphorischen Ausbruch einen Blick auf die Fremdwährungsschulden werfen. Einmal angenommen, für einen zehnjährigen Dollarbond müsste das Schatzamt Brasiliens 10% zahlen. Wertet der Real jedes Jahr um 5% ab, was vom Ausmaß einer Währungskrise weit entfernt ist, dann darf man inklusive Zinsen schon gut das Dreifache des geliehenen Betrags zurückzahlen. Gefährlich wird es, sobald die Abwertungsdynamik zunimmt, denn das geht in der Regel mit steigenden Zinsen auf Fremdwährungskredite einher. Die Zahlen verdeutlichen, wie schnell auch aktuell ungefährlich erscheinende Verschuldungsquoten bei hohen Fremdwährungsanteilen ausufern können.

Die folgende Grafik zeigt das Volumen ausstehender (so genannter) Hartwährungs-Unternehmensanleihen in einigen Ländern. Brasilien liegt mit Abstand vor Chile und Kolumbien ganz vorne in der Tabelle. Das liegt nicht nur am Konzerns Petrobras, aber dessen Dollarverschuldung alleine ist schon bemerkenswert. Zumindest ebenso bemerkenswert wie die hohe Nachfrage einiger Anleger nach einer hundertjährigen Dollar-Anleihe des Unternehmens kurz bevor das Debakel so richtig seinen Lauf nahm.

Die Cash Flows helfen den Ölunternehmen derzeit nicht weiter. Sie sind trotz des erholten Ölpreises wenig erfreulich und roter als so manche lateinamerikanische Regierung.

Die These der baldigen Weltherrschaft der Schwellenländer sollte man sich nicht überstürzt zu eigen machen. Aber Krisen gehören zur Entwicklung dazu. Das galt für die USA und das gilt auch für Schwellenländer. Die makroökonomischen Mühlen mahlen oft langsam, aber das beste was man mit selbst eingebrockten Problemen wie einer zu hohen Fremdwährungsverschuldung anfangen kann, ist es, daraus zu lernen.

Viele Länder haben dies schon getan. Russland hat das Ende der 90er Jahre nicht vergessen und hat sich mit Fremdwährungskrediten zurückgehalten. Deutliche Probleme im russischen Finanzsystem entstanden bei allen nicht zu leugnenden Schwächen vor allem durch politisch motivierte Sanktionen der USA und Europas, nicht durch eine vergleichbare strukturelle Instabilität wie in Südafrika oder Brasilien. Angesichts der massiven Eingriffe westlicher Institutionen, von der Politik bis zur Investmentgesellschaft, ist die Stabilität Russlands sogar bemerkenswert. Nicht jedes Land würde es finanziell überleben, mal so eben von den größten Kapitalmärkten abgeschnitten zu werden. Neben einem eigenen Zahlungssystem, einer stärkeren Bindung an China und an die asiatischen Kapitalmärkte wurde, wenn auch langsam so doch stetig, in den Umbau und die Stabilisierung der Wirtschaft investiert.

Auch China ist sich offensichtlich der Bedeutung des langsamen Aufbaus des Renminbi zu einer globalen Reservewährung bewusst. Diese Schritte werden sich nicht aufhalten lassen. Je schneller und je mehr Schwellenländer diese Lehren aufnehmen und verarbeiten, desto schneller kommen die  reagierenden Emerging Markets gestärkt wieder auf die Schienen. Die Reaktion und wachsende Eigenständigkeit einiger großer Schwellenländer zeigt in der Tat bereits den sinkenden Einfluss US-bestimmter und EU-befolgter Maßnahmen. Mag der Stabwechsel noch eine Weile auf sich warten lassen, der Staffellauf hat in der Tat begonnen. Zumindest für einige Schwellenländer.