London - Stadtteil Tower Hamlet: In einem typisch englischen Pub herrscht Hochbetrieb. Mit einem Tablett in der Hand, bahnt sich Maria zielstrebig ihren Weg in Richtung Bar. Die 35-Jährige pustet sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht, ihre erdbeerfarbenen Locken fallen ihr bis auf die Schultern, streifen das grüne T-Shirt mit der schwarzen Aufschrift "Proud to bei Polish!".
Höflich, aber bestimmt, verweist sie sich gegen Zudringlichkeiten, gegen aufdringlich angebotene Wangenküsse, Umarmungen, oder rauen Männerhänden auf ungeschützten Köperteilen. In kleinen Gruppen stehen die Gäste beieinander, häufig mit einem Glas Bier in der Hand, unterhalten sich angeregt, schreien gegen die ohrenbetäubende Musik an, lachen, scherzen, tanzen. Andere bevölkern den Tresen, spielen Karten, starren auf den Bildschirm - des unterhalb der Decke angebrachten Fernsehgerätes - Marke Vorsinflut.

Landarbeiter und Computerspezialisten

Das Durchschnittsalter der Anwesenden liegt irgendwo bei 30 Jahren, der Männeranteil überwiegt leicht, die meisten Gäste sind weiß, was in diesem überwiegend von Einwanderern aus Bangladesch geprägtem Stadtteil, eines der ärmsten Gegenden der britischen Hauptstadt, eine Besonderheit darstellt. Unter ihnen findet man Akademiker und Ungelernte, Landarbeiter und Computerspezialisten, Sekretärinnen und Tänzerinnen, Polen, und Balten, Slowaken, Ungarn und Tschechen.

Maria, Typ polnische Provinzschönheit, warmes Lächeln und freundlich funkelnden Augen, nimmt Bestellungen auf, räumt Gläser ab, wischt die Tische, fungiert nebenher auch als Kummerkasten und Ratgeberin für ihre Gäste, als Trostpflaster für Heimwehkranke, schenkt jedem ein Ohr, wechselt dabei von ihrer Muttersprache ins Englische, greift gelegentlich, wenn es angebracht erscheint, auf ihr Schulrussisch zurück, betont stolz, inzwischen auch auf Lettisch, Litauisch, Slowakisch und Ungarisch, fluchen gelernt zu haben und Hausverbote erteilen zu können, wenn es denn notwendig erscheint.

"Hier, in unserem Pub, finden sie einen ungeschminkten Querschnitt der osteuropäischen Migranten in London", gibt sie, während einer kurzen Pause auf Zigarettenlänge, zu bedenken. Marzena selbst lebt seit 8 Jahren in London, teilt sich eine 2-Zimmer-Wohnung, zusammen mit einer Freundin, im East-End, verließ unmittelbar nach der Aufnahme Polens in die EU, flankiert von der damit einhergehenden Niederlassungsfreiheit für die Zuwanderer aus den betreffenden Staaten, in Großbritannien und Irland, ihr Provinzstädtchen, irgendwo in der Nähe der ukrainischen Grenze.

Fernweh und Lebenslust

Ihren damaligen Verlobten ließ sie dabei ebenso zurück, wie eine mäßig bezahlte Stellung als Sekretärin, bei ihrem Onkel, einem Gebrauchtwagenhändler. Getrieben von Fernweh und Lebenslust, basierend auf dem Bewusstsein, es müsse doch noch etwas besseres geben, als die engen Grenzen ihrer Heimat, als Armut und Arbeitslosigkeit, betrunkene Dorfdeppen als potentielle Ehepartner, Radio Mario und katholische Frömmelei. So machte sie sich auf den Weg nach Irland, kellnerte jahrelang im Nachtleben von Dublin, bis sich die goldenen Zeiten der "Grünen Insel", damit auch die Arbeitsplätze für Einheimische und Einwanderer dort, durch die weltweite Finanzkrise, schlagartig in Luft auflösten.

"Nein, nach Polen kriegen mich keine 10 Pferde zurück!", bekräftigt Marzena lachend. "No way!" Eher zieht es sie nach Kanada, seit einigen Monaten ist sie mit einem jungen Mann aus Montreal liiert, deshalb flirtet sie mit dem Gedanken, Europa ganz zu verlassen und sich mir ihrem Freund demnächst auf der anderen Seite des Atlantiks niederzulassen. Besonders dann, wenn sich die Briten für den Brexit entscheiden sollten, wie sie betont.

2004, mit der EU-Osterweiterung, begann die Einwanderung von jungen Osteuropäern nach Großbritannien und Irland. Großbritannien, Irland und Schweden hatten - unmittelbar nach dem Beitritt - die Niederlassungsfreiheit für die EU-Neubürger gewährt, welche in Deutschland und Österreich erst ab 2011 in Kraft traf...

Wurden im Vorfeld der Erweiterung gerade von der britischen Boulevardpresse sowie der damaligen konservativen Opposition die Angst vor einer Invasion aus dem Osten geschürt, zeigte sich der britische Arbeitsmarkt bisher flexibel und dynamisch genug, das gewonnene Arbeitskräftepotential zum eigenen Vorteil zu nutzen. Um die Vorwürfe der Opposition zu entkräften, die Regierung habe die Kontrolle über diese Einwanderungswelle verloren, waren die Bürger von acht der zehn Neumitglieder verpflichtet, sich beim Home Office zu registrieren, wenn eine Arbeitsaufnahme von mehr als einem Monat geplant ist. Nach zwölf Monaten regelmäßiger und legaler Arbeit bei einem britischen Arbeitgeber erhielten die Zuwanderer vollen Zugang zum britischen Arbeitsmarkt.

Größte Einwanderungswelle Großbritanniens

Der sogenannte WRS (Workers Registration Scheme) sollte von Anfang an den Zugang zum Arbeitsmarkt steuern, sowie die Einwanderer von Sozialleistungen fernhalten. Bis Ende 2009 gab es dort über eine Millionen Registrierungen, mehr als die Hälfte Polen, dicht gefolgt von den Balten. Gemessen an diesen Zahlen, handelt es sich um die größte Einwanderungswelle innerhalb eines so kurzen
Zeitraumes in der jüngeren Geschichte Großbritanniens.

Allerdings reflektiert diese Zahl nur sehr ungenau das wahre Ausmaß dieses Einwanderungsprozesses. Nicht berücksichtigt sind hierbei die Migranten, die nur saisonal im Königreich beschäftigt sind, wie beispielsweise die zahlreichen Erntehelfer in den Sommermonaten. Eine Umfrage in der Tageszeitung Guardian - innerhalb dieser Gruppe - ergab kürzlich, dass rund 60 Prozent nicht länger als drei Monate in Großbritannien tätig sind. Die WRS-Zahlen geben auch keine Auskunft darüber, wie viele der Osteuropäer das Land inzwischen wieder verlassen haben. Bei den Polen, der größten Gruppe, dürfte es mehr als die Hälfte sein, basierend auf den verbesserten ökonomischen Rahmenbedingungen in der Heimat, beziehungsweise der Stärke des Zlotys.

Vor dem Schaufenster eines viktorianischen Backsteingebäudes, gleich gegenüber der Tube-Station Waterloo, hat sich eine dichte Menschenmenge gebildet. Neue Stellenangebote, in mehreren osteuropäischen Sprachen, werden dort in einem Schaukasten präsentiert. Ein Krankenhaus in Schottland sucht examinierte baltischen Krankenschwestern, eine Brauerei in Wales polnische Mitarbeiter, ein Hotel in Cornwall bevorzugt ungarisches Personal.
Das Haus beherbergt eine private Arbeitsvermittlung, die sich speziell auf die auf die Bedürfnisse der EU-Neueinwanderer spezialisiert hat. In seinem Büro im ersten Stock wertet der Geschäftsführer Gediminas S. einige neue Angebote aus. Gediminas lächelt nachdenklich, wenn er sich an seine Anfangszeit in London erinnert.

Jeden Job nehmen

"Wir haben damals jeden Job angenommen, ohne Krankenversicherung und ohne die Gewissheit, den versprochenen Lohn auch wirklich zu erhalten!" Der junge Mann aus der litauischen Hauptstadt Vilnius kam schon 2001 nach London, mit einem Studentenvisum.
Nach Ablauf des Visum schlug er sich als Illegaler auf dem Arbeitsmarkt durch, erst mit dem EU-Beitritt seiner Heimat wurde sein Status wieder legalisiert.
Gediminas betrachtet sich als eine Art Avantgarde,"die jungen Leute heute wissen gar nicht, wie gut es ihnen geht", bemerkt der Endtdreißiger hintersinnig. Nach dem EU-Beitritt Litauens stand sein Telefon eine Zeitlang nicht mehr still.

Ehemalige Klassenkameraden oder entfernte Verwandte fragten ihn damals ständig nach Arbeits- oder Verdienstmöglichkeiten in London. Gelegentlich wurde er auch um Kontakte gebeten. "Einmal rief mich der Sohn unserer Nachbarin aus Vilnius an. Ein Typ, den ich schon seit Jahren nicht mehr gesehen hatte und - ehrlich gesagt - auch nie besonders gut leiden konnte. Bauarbeiter, arbeitslos,
ohne ein Wort Englischkenntnisse!" erwähnt er beiläufig. "Diese Leute glaubten wirklich, hier würden ihnen die gebratenen Tauben in den Mund fliegen!" Inzwischen hat Gediminas teilweise Verständnis für die Sehnsucht nach dem Austritt aus der EU, obwohl ich selbst von der Freizügigkeit profitiert habe. Aber natürlich werde ich für den Verbleib stimmen, seit einigen Monaten bin ich britischer Staatsbürger", betont er stolz und zieht wioe zum Beweis das Dokument aus seiner Tasche.

Neue Kulturen und Ideen

Nicht nur Großbritannien habe sich durch die osteuropäische Zuwanderung sehr verändert, doziert Gediminas, bei einer Tasse Tee, auch die Herkunftsländer der Zuwanderer, besonders durch die Rückkehrer. "Die meisten haben hier zum ersten mal ein kosmopolitisches, multiethnisches Großstadtleben kennengelernt, neue Kulturen und Ideen. Das wirkt sich natürlich bei der Rückkehr in die
noch sehr homogenen Heimatländer aus. Sie glauben gar nicht wie viele junge Osteuropäer, beiderlei Geschlechts, hier Partner anderer ethnischer Herkunft gefunden haben, oder wie viele Eheschließungen stattgefunden haben.

Erst die Erfahrungen in Großbritannien haben aus ihnen wahre Weltbürger und Europäer gemacht. Umgekehrt haben viele Briten realisiert, dass es hinter dem ehemaligen "Eisernen Vorhang" überhaupt noch menschliches Leben gibt bzw. wie interessant und vielschichtig sich dieses darstellt," gibt er zum Abschied zu bedenken.

Nachdem Ausbruch der Rezession in Großbritannien, ist dieser Einwanderungsstrom stark zurückgegangen. Für Rumänien und Bulgarien, die 2007 der EU beitraten, wurde in Großbritannien, gerade auch auf Druck der Gewerkschaften, die ein Lohndumping befürchteten, keine sofortige Niederlassungsfreiheit vereinbart.

Allerdings ist der Strom der Zuwanderer zwar abgeebbt, zum Erliegen kam er nicht. Im letzten Quartal des Jahres 2009 gab es - gemäß des WRS - 28.000 neue Registrierungen. 2007, im gleichen Zeitraum, waren es noch 52.000. Die erleichterten Reisemöglichkeiten innerhalb Europas, der Wegfall von Pass- und Grenzkontrollen, von gesetzlichen Barrieren, die Etablierung von Billigfluglinien, haben die Fluktuation, die beschleunigte Ab- und Zuwanderung, erheblich begünstigt.

Von London nach Berlin

In einem Café, im Szenebezirk Brick Lane, findet gerade eine private Abschiedsfeier statt. Mehrere junge Menschen sitzen an einem Tisch, die platinblonde Nathalia mittendrin, vor einem Berg Geschenken, sichtlich gerührt. Nathalia, ursprünglich aus Riga, wird London in wenigen Wochen verlassen. 6 Jahre hatte die 28-Jährige in verschiedenen Hotels der britischen Hauptstadt gearbeitet.

"Der Abschied fällt nicht leicht, wunderbare Jahre liegen hinter mir, all die Freunde die man jetzt wieder aufgibt", gibt sie unumwunden zu. "Aber dank Whatsapp und Facebook kann man ja heute leichter im Kontakt bleiben" stellt sie zufrieden fest und erntet dafür zustimmende Blicke, von den Anwesenden. In ihre lettische Heimat kehrt Nathalia allerdings nicht zurück. Nathalia hat gerade einen Arbeitsvertrag unterschrieben. Anfang August wird sie in einem Berliner Luxushotel ihren Dienst antreten, unabhängig davon, ob Großbritannien dann für oder gegen den Brexit gestimmt hat.


Zum bevorstehenden Brexit-Referendum bieten wir Ihnen am morgigen Mittwoch, den 22. Juni 2016 um 18 Uhr ein gesondertes Webinar an. Nähere Informationen und eine Anmelde-Möglichkeit hierzu finden Sie hier.