Im Südkaukasus sprechen wieder die Waffen

Die gestern vereinbarte Waffenruhe in der umstrittenen Kaukasus-Region Bergkarabach ist brüchig. Armenien und Aserbaidschan warfen sich gegenseitig Verstöße vor.

In den vergangenen 24 Stunden wurde die Feuerpause 115-mal nicht eingehalten, so berichteten die Agenturen heute unter Berufung auf das aserbaidschanische Verteidigungsministerium. Gleichzeitig warf Armenien Aserbaidschan Verstöße vor.

„In Kraft ist bisher nur eine Vereinbarung über die Feuereinstellung“, erläuterte gestern Armeniens Vizeverteidigungsminister David Tonojan in der Hauptstadt Jerewan. Die Sicherheitsbehörden in Bergkarabach erklärten heute, dass die Waffenruhe entlang der Kontaktlinie weitgehend eingehalten worden sei.
Armenien, das älteste christliche Land der Welt, lehnt sich außenpolitisch eng an Teheran und Moskau an. Russland und Persien sind die beiden historischen Schutzmächte dieses Landes, das immer um sein Überleben kämpfen musste. Ohne den Iran hätte Armenien seit seiner Unabhängigkeit 1991 kaum überlebt. Die geschlossenen Grenzen zu Aserbaidschan und der Türkei strangulieren jegliche wirtschaftliche Entwicklung und engen die geostrategischen Perspektiven Armeniens dramatisch ein.

Die erste Teilung hatte Armenien vor 2.500 Jahren erlebt. Das Christentum wurde dort siebenhundert Jahre früher angenommen als in Europa. Doch Armenien erlebte dieselbe, für diesen Teil der Welt typische Tragödie: Ein Mangel an historischer Kontinuität, das plötzliche Auftauchen leerer Seiten in den Geschichtsbüchern. Armenien betet, während Aserbaidschan boomt.

Aserbaidschan: "Schon vor Jahrtausenden mit einem Reichtum an Öl und Gas gesegnet..."

Unterdessen hat sich die aserbaidschanische Hauptstadt Baku zur Boomtown am Kaspischen Meer entwickelt. Die kaukasische Metropole wird zu einer eurasischen Hypermetropole umgestaltet und bietet Besuchern eine Vielzahl von Impressionen.

Aserbaidschan heißt in seiner ursprünglichen Bedeutung "Das Land des Feuers". "Azar" lautet das alte persische Wort für Feuer: "Schon vor Jahrtausenden war Aserbaidschan mit einem Reichtum an Öl und Gas gesegnet, so dass an den Hügeln und Berghängen entlang des Kaspischen Meers Flammen loderten.

Zum Straßenbild gehört die Omnipräsenz des 2003 verstorbenen Präsidenten Haidar Alijyew, der von unzähligen Plakaten grüßt. Alijew, der Vater des heutigen Präsidenten Ilham Aliyew, gilt als Urheber dieses Personenkultes, auch gerade deshalb um die eigene Herrschaft zu legitimieren, die mit westlichen Demokratieverständnis nicht vereinbar ist.

Bergkarabach hatte sich in den 1990er Jahren für unabhängig von Aserbaidschan erklärt, wird von Armenien kontrolliert und von beiden Seiten beansprucht. 1994 hatte ein Waffenstillstandsabkommen einen Krieg zwischen beiden ehemaligen Sowjetrepubliken beendet.

Der überzeugte Kommunist Haidar kannte sich in den Intrigen und Ränkespielen des sowjetischen Geheimdienstes bestens aus und gehörte sogar dem Politbüro in Moskau an. Während des Niedergangs des roten Vielvölker-Imperiums engagierte er sich mit Nachdruck für die Unabhängigkeit seiner Heimat, wobei er sich ideologisch vom Marxisten zum Nationalisten wandelte, wie nicht wenige seiner Amtskollegen in den zentralasiatischen Nachbarstaaten.

Sein Sohn Ilham führt den autokratischen Kurs des Vaters fort. Obwohl Aserbaidschan in keiner Weise westliche Menschenrechtskriterien erfüllt, die vom benachbarten Iran beispielweise angefordert werden, pflegt die Kaukasusrepublik engste Beziehungen zum Westen. In Baku befindet sich der einzige Zugang des Westens zu den unermesslichen Rohstoffquellen des Kaspischen Meeres, jenseits des Herrschaftsgebiets des Irans und Putins Russland.

Strategisch wichtige Pipelines und die Neuauflage des Great Games

Für Aserbaidschan sind diese Beziehungen scheinbar ein Garant für Stabilität, inmitten eines unruhigen geopolitischen Umfeldes. Nur wenige Kilometer hinter der Stadtgrenze Bakus beginnt die Baku-Tiflis-Ceyhan-Pipeline, auch als BTC-Pipeline oder als Transkaukasische Pipeline bekannt, die den Westen unabhängiger von dem Rohöl aus dem Persischen Golf machen soll.
Die Pipeline wird von amerikanischen Helikoptern bewacht, die am Himmel auftauchen, wie ein Fliegenschwarm.

Ob dieses Unterfangen gelingt, bleibt fraglich, auf jeden Fall findet dort eine Neuauflage des Great Game statt, wie vor über 100 Jahren.

Zu jener Zeit wuchs die Metropole schneller als London, Paris und New York City. Aus allen Winkeln des Erdballs strömten Menschen in die Stadt, Schweden, Deutsche, Juden und Polen, neben Russen, Armeniern, Persern und Türken. Die Gebrüder Nobel erfanden hier das Prinzip des Tankers, um die Nachfrage aus Fernost nach dem Öl von Baku befriedigen zu können. Ihr Vermögen machten die Nobels in Baku, durch das Erdöl Aserbaidschans, obwohl Alfreds Erfindung des Dynamits weltweit bekannter ist.

Zum Nachbarland Armenien, dessen Truppen ca. 20% des aserbaidschanischen Territoriums besetzt halten, pflegt Baku keine Beziehungen. Die Beziehungen zwischen beiden Völkern sind historisch aufs Äußerste belastet. Mit dem Niedergang der UdSSR kam es in Aserbaidschan zu blutigen Progromen gegen Armenier, die schnell auf alle Städte übergriffen, in Baku aber ihren fürchterlichen Höhepunkt fanden. Daraufhin wurde auch die aserbaidschanische Minderheit in Armenien massakriert und vertrieben. Erst mit dem Einmarsch der Roten Armee 1991 wurde dem blutigen Treiben in Baku ein Ende gesetzt, was aber den Weg zur Unabhängigkeit beschleunigte.