Es zeichnet sich ab, dass Chinas Yuan innerhalb der kommenden zwölf Monate in den Korb der Sonderziehungsrechte des Internationalen Währungsfonds aufgenommen werden dürfte – um damit zu einer alternativen Reservewährung zu avancieren. Die Auswirkungen, die diese Entwicklung nach sich ziehen würde, lassen sich zum jetzigen Zeitpunkt kaum absehen. Laut Experten werde es an den internationalen Währungsmärkten mit relativ hoher Gewissheit zu Kapitalverschiebungen in Höhe von umgerechnet mindestens $2 Billionen kommen – wenn nicht gar mehr.

Es bleibt abzuwarten, in welcher Art und Weise sich die Regierung der Vereinigten Staaten in den nächsten Monaten gegen eine Aufnahme in den Korb der Sonderziehungsrechte (SDRs) des Internationalen Währungsfonds sperren und wehren wird. Denn sollte es tatsächlich so weit kommen, würde sich aus diesem Umstand eine existentielle Bedrohung im Hinblick auf die Verteidigung des US-Dollars als Weltreservewährung ableiten.

Aufnahme in den SZR-Währungskorb "in absehbarer Zeit"

Es war der Nachrichtensender Bloomberg, der in der letzten Woche berichtete, dass Vertreter des Internationalen Währungsfonds gegenüber hochrangigen Pekinger Regierungsoffiziellen erklärt hätten, dass der Yuan „in absehbarer Zeit“ in den Korb der Sonderziehungsrechte des IWF aufgenommen werde. Verschiedene Quellen, die mit der Thematik vertraut sind, teilten gegenüber Bloomberg mit, dass die Gewissheit auf Seiten der chinesischen Offiziellen derart hoch sei, dass bereits Statements ausgearbeitet würden, um dieses Ereignis zu feiern.

Das Direktorium des Internationalen Währungsfonds wird Ende November zusammen kommen, um eine finale Entscheidung zu treffen, ob der Yuan den Sonderziehungsrechten anteilig beigemischt wird. Sollte diese Entscheidung zugunsten der Pekinger Regierung ausfallen, würde es im September 2016 zu einer Beimischung des Yuan kommen. Für alle Leser, die mit dem Begriff „Sonderziehungsrechte“ nichts anfangen können, sei an dieser Stelle eine nähere Beschreibung von der Seite wikipedia.org übernommen:

Sonderziehungsrecht

Das Sonderziehungsrecht (SZR; englisch: Special Drawing Right, SDR) ist eine künstliche, 1969 vom Internationalen Währungsfonds eingeführte Währung, die international als Zahlungsmittel verwendet werden kann. Sie wird nicht an den Devisenmärkten gehandelt, sondern auf IWF-Konten wie ein Buchkredit geführt. Auch der Wechselkurs wird vom IWF festgesetzt. Historisch gesehen war Gold das traditionelle Reservemedium, das den Vorzug eines in allen Staaten akzeptierten Zahlungsmittels hatte. Das Wachstum der weltweit vorhandenen Goldmenge hielt im Laufe der Zeit jedoch nicht mit dem Wachstum der internationalen Liquiditätsmenge Schritt. Deswegen wurden in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg vor allem der US-Dollar und das britische Pfund Sterling zu Reservewährungen. Reservewährungen sind dadurch gekennzeichnet, dass andere Länder sie an Stelle ihrer eigenen Währung verwenden können. Der US-Dollar schien damals durch die riesigen amerikanischen Goldvorräte gedeckt und eine wertstabile Währung zu sein, zumal die USA versprachen, ausländische Dollarbestände offizieller Stellen jederzeit in Gold umzutauschen. Die internationale Liquiditätsmenge wurde dementsprechend durch das Ausweiten von Buchgeld in amerikanischer und britischer Währung vermehrt. In Minen nach Gold zu schürfen war zwar weiterhin eine Möglichkeit, schien aber zunächst nicht zwingend erforderlich. Das hatte für die USA und für Großbritannien den zusätzlichen Vorzug, dass sie ihre Zahlungsbilanzdefizite mit dem Neuschöpfen ihrer eigenen Währung ausgleichen konnten. Ihre Zentralbanken brauchten nur Geld zu drucken und es in Umlauf zu bringen. Als Ende der 1950iger Jahre die Gefahr bestand, dass die ausländischen Dollarguthaben die amerikanischen Goldreserven übersteigen würden, mussten kontinentaleuropäische Staaten dem US-Dollar Hilfestellung leisten. 1963 wurde schließlich eine fundamentale Reform des internationalen Währungssystems in Angriff genommen. Mit den „Sonderziehungsrechten“ wurde ein neues „Weltgeld“ geschaffen, das bargeldlos auf Sonderkonten des IWF geführt wird. Während vorher die Vergrößerung der internationalen Liquiditätsmenge mit Hilfe nationaler Geldschöpfung durch die USA und Großbritannien praktiziert worden war, stand nun mit den Sonderziehungsrechten des IWF eine neue weltweite Währung zur Verfügung, die von einer international kontrollierten Institution, dem IWF, geschöpft wurde. Auf diese Weise wurde mit der Einführung der SZR die Möglichkeit geschaffen, zusätzliche Liquidität für das internationale Finanzsystem bereitzustellen. Der Gouverneursrat des IWF beschloss das neue Reservemedium am 3. Oktober 1969.

Zum Thema Sonderziehungsrechte empfiehlt sich ebenfalls das Hören meines im Juni 2014 mit James Rickards geführten Interviews, in dem es partiell ebenfalls um dieses Thema ging. Und zwar im Hinblick darauf, was geschehen wird, wenn die Notenbanken selbst einen Bailout benötigen werden.

Der eigentliche Sinn und Zweck der "Sonderziehungsrechte"

Letztmals unterzog der IWF seinen Korb der Sonderziehungsrechte im Jahr 2010 einer Überprüfung. Damals gelangte das Direktorium zu der Entscheidung, dass der Yuan keinen ausreichenden Free Float aufweise, um einer Aufnahme zu entsprechen. Seitdem hat die People´s Bank of China (PBoC) ihre Anstrengungen deutlich gesteigert, um die eigenen Yuan-Regularien zu liberalisieren. 

Auf diese Weise sollte das freie Floaten des Yuan verbessert und Chinas Währung ähnlich wie andere große Papierwährungen der Welt gehandelt werden. Die Aufnahme einer Währung in den Korb der Sonderziehungsrechte des IWF ist per se keine große Sache. Es handelt sich dabei um ein globales Liquiditätssystem, das den Mitgliedern anteilig das Recht einräumt, mit deren Währungen am SDR-Korb beteiligt zu sein.

Auf diese Weise lassen sich in Not- und Extremfällen Zahlungsbilanzengpässe überbrücken. Gleichzeitig handelt es sich im Hinblick auf SDRs um einen Kapitalpuffer, falls es irgendwann zum Kollaps einer Papierwährung kommen sollte. Die betreffende Nation könnte in diesem Fall Sonderrechte ziehen, um sich auch weiterhin mit den überlebenswichtigsten Importgütern einzudecken. Dazu gehören beispielsweise Lebensmittel und Benzin.

Das überschaubare Gesamtvolumen der "Sonderziehungsrechte"

Der Gesamtumfang des SDR-Korbs ist im Vergleich mickrig. Dabei handelt es sich um ein Volumen von knapp $300 Milliarden. Im Vergleich mit ausländischen Währungsreserven in Höhe von fast $12 Billionen ist das gewiss nicht viel. Doch eine Aufnahme des Yuan in den Korb der Reservewährungen des IWF würde dem Yuan über Nacht einen völligen neuen Status verleihen.

Denn der SDR-Korb setzt sich bislang aus lediglich vier Papierwährungen zusammen – dem US-Dollar, dem britischen Pfund, dem japanischen Yen und dem Euro. Und so gehen Experten davon aus, dass der Yuan im Falle einer Aufnahme plötzlich zu einem Störenfried ungeahnten Ausmaßes avancieren könnte. Eine Beimischung des Yuan in den SDR-Korb des IWF würde viele Handelspartner Pekings nämlich dazu ermutigen, den Yuan den eigenen Währungsreserven auf deutlich stärkere Weise beizumischen als in der Vergangenheit.

Dies würde selbstverständlich zulasten der anderen aufgezählten Währungen gehen, was vor allem für den US-Dollar gelten dürfte. Neueste Kalkulationen führender Banken haben zum Resultat, dass rund $1 Billion an ausländischen Währungsreserven sofort zugunsten des Yuan umgeschichtet würden. Währungsexperten halten diese Zahl noch für deutlich zu niedrig. Vielmehr müsse mit dem doppelten Betrag gerechnet werden, da Chinas Wirtschaft immer noch schneller wachse als die der westlichen Industrieländer.

SZR-Aufnahme des Yuan - Wer wäre der große Verlierer?

Sollte es tatsächlich zu einer Umschichtung von bis zu $2 Billionen an ausländischen Währungsreserven kommen, wären nach jetzigem Stand knapp 20% aller weltweit gehaltenen Währungsreserven davon betroffen. Größter Verlierer wäre im Angesicht dieses Ereignisses der US-Dollar. Zum jetzigen Zeitpunkt werden 62% der globalen Währungsreserven in Form des US-Dollars gehalten. Hinzu kommt, dass rund 40% der täglichen Währungstransaktionen in Höhe von $5 Billionen auf US-Dollarbasis abgewickelt werden.

Schon jetzt deutet alles darauf hin, dass sich die Nutzung des Yuans im globalen Handel in rapidem Tempo beschleunigt. Im August dieses Jahres belief sich der Anteil der weltweit auf Yuan-Basis abgewickelten Handelstransaktionen auf knapp 2,8% (ich berichtete). Dies sieht auf den ersten Blick zwar nicht nach Viel aus, geht jedoch mit einem Sprung von fast 10% einher, zumal die durchschnittliche Nutzung aller anderen (Welt-)Währungen laut SWIFT zeitgleich um mehr als 8% zurückging.

Eine weiter deutlich zunehmende Nachfrage nach dem Yuan wird gleichzeitig mit einer rückläufigen US-Dollarnachfrage einhergehen. Wer glaubt, dass diese Entwicklung keine Konsequenzen für die amerikanische Wirtschaft zur Folge haben würde, der dürfte schief gewickelt sein. Denn wenn der US-Dollar seinen Status als Weltreservewährung über die Zeit immer stärker einbüßt, dürfte ein immer größerer Anteil der globalen Transaktionen auf Basis des Yuan abgerechnet werden.

Was bedeutet das für die Nachfrage nach US-Treasuries und die weltweiten Kapitalströme?

Und damit kommen wir zum springenden Punkt: an den Weltmärkten fänden sich dann auch immer weniger Käufer von US-Schuldpapieren. Dies würde die Fähigkeit der Federal Reserve zur Monetisierung amerikanischer Staatsanleiheemissionen drastisch reduzieren. Gleichzeitig würde es den Amerikanern immer schwerer fallen, überseeischen Handelspartnern ihre grün bedruckten Scheinchen im Austausch für harte Ware oder Realgüter anzudrehen.

Wer die Dinge ein wenig vorausschauend betrachtet, erkennt, dass die Vereinigten Staaten ihre US-Dollars zu einem gewissen Teil erst einmal in Yuan konvertieren müssten, um anschließend ausländische Warenrechnungen zu bezahlen. Und damit würde auch ein nicht unbedeutender Anteil des Kapitals, das in den vergangenen Jahrzehnten an die Wall Street floss, in der Zukunft in Richtung Shanghai fließen.