Die bekannten Statistiken zur Armut in vielen westlichen Ländern gipfeln in den USA in den bedrückenden Daten zu Sozialhilfezahlungen und Lebensmittelmarken. Erstaunlicherweise ist das Geschäft mit den Food Stamps laut Aussagen des JP Morgan Angestellten Christopher Paton für die Bank ein „very important business“. Kein Wunder, handelt es sich doch um eine der letzten Wachstumsbranchen in den Staaten.

Die Zahl der Empfänger der Marken ist allein seit 2007 um mehr als 17 Millionen Menschen auf nunmehr rund 43 Millionen gestiegen. Die Frage, ob es für die Bank dann nicht sogar gut wäre, wenn die Arbeitslosigkeit so bliebe wie sie ist, erübrigt sich dennoch. Denn - man höre und staune - circa 40% der Bedürftigen gehen einer Arbeit nach, diese reicht schlichtweg nicht mehr zur Deckung des Notwendigsten aus. Der zitierte Banker geht davon aus, dass diese Quote der arbeitenden und trotzdem Armen weiter steigen könnte, in diesem Segment wäre weiteres „growth“ möglich. Wer so etwas tatsächlich als positiv betrachtet, dem ist in der Tat nicht mehr zu helfen.

Im Grunde schließt sich hier der vor Dekaden begonnene Kreis der Unmenschlichkeit in einem Dickicht der Abhängigkeiten. Der Arbeit nachgehen, gleichzeitig bei der Behörde um Zuschüsse nachsuchen und mit den Steuern indirekt diejenigen Institute finanzieren, die auf dem besten Wege zu alten Bonuszahlungen sind. Zur Erinnerung, Goldman Sachs senkte seine Boni zwar im Hinblick auf die Spitzenwerte, dennoch kann ein jährliches Durchschnittsgehalt von mehr als $400.000 kein Mitleid erwecken.

Das unselige und leider nur für Talkshows ausreichende Gerede darüber, dass diese Banken ja ohne Staatshilfen durch die Krise gekommen seien, und daher ja die besten Leute beschäftigen, folgt dem bekannten fehlerhaften Muster. Es wird nur expliziten Hilfen ausgegangen. Bei einer Bank greift das zu kurz, denn ein Finanzinstitut lebt nun einmal davon, dass andere keinen Fehler machen und ihr Schulden zurückzahlen. Die explizite Stützung zahlreicher Versicherungen, Banken und Konzerne ist nichts anderes als eine implizite Stützung des gesamten Sektors. Außerdem wird gerne vergessen, dass den Investmentbanken, auch Goldman Sachs, die Umfirmierung zur Geschäftsbank gestattet wurde. Das eröffnete neue Finanzierungswege. Damit waren die Broker kein Einzelfall, selbst Industriekonzernen wurde diese Möglichkeit geöffnet. Aber das ist ein anderes Thema.

Offenbar um sich nicht alleine auf die Bedürftigkeit einer bestimmten Gruppen zu stützen, bietet JPM in immerhin 15 Bundesstaaten auch so genannte child support debit cards an (erinnert ein bisschen an Vorschläge deutschsprachiger Kabinettler). In sieben Staaten gibt es zudem unemployment insurance benefit debit cards. Wenn Armut zum Geschäft wird, ist man also an vorderster Front dabei. Dass das Geld für die Finanzierung dabei erneut vom Staat kommt, ist für viele Banken nichts neues, allein die Wege der Dollars sind immer wieder verschieden.

Wenn den Staaten übrigens das Geld ausgeht, um all diese Hilfen zu finanzieren – was in der Realität schon lange der Fall ist – führt der Weg den Staat wieder zurück an den Bankschalter. Generös gewähren die Banken Kredit und kaufen fleißig US Staatsanleihen. Natürlich ein rein patriotischer Akt...

Seit Beginn der Krise fordert die Kombination aus kollabierenden Einnahmen und dauerhaft hohen Kosten für die Versorgungskassen ihren Tribut.Ein Blick auf die Flop-5 der schwächsten bundesstaatlichen Unemployment Insurance Funds.

Die fünf dargestellten Fonds gehören zu einer Gruppe 30 staatlicher Kassen, die insolvent sind. Texas wird es wohl in wenigen Monaten erwischen. Die Rekordzahl der Arbeitslosen – keine Anzeichen deuten hier auf eine Besserung hin – und die immer länger andauernden Zeiträume der Beschäftigungslosigkeit haben die Kassen rasch austrocknen lassen. In den anderen Staaten ist die Ausstattung der Kassen ebenfalls mau. Die Bundesstaaten müssen die fehlenden Gelder bei Onkel Sam pumpen, der wiederum seine Finanzierung über die Zentralbank abwickelt, weil dies am Markt in der nötigen Höhe nicht mehr möglich wäre. Eine täglich ablaufende aber dennoch fast unglaubliche Geschichte.

Das Congressional Budget Office (CBO) hat einmal nachgerechnet und dabei interessantes herausgefunden. Der bisherige Rekord bei der Kreditaufnahme für die Arbeitslosenversicherung stammt aus dem Jahr 1983. In damaligen Dollars gerechnet lag die gepumpte Summe bei $13,7 Mrd., inflationsbereinigt macht das $29,5 Mrd. Aktuell sind bereits $30 Mrd. zusammengekommen, was somit einen neuen traurigen realen Höchststand bedeutet. Ein echter „Aufschwung“ sieht heute nun einmal so aus. So wie sich die Lage darstellt ist dies nicht das Ende der Fahnenstange. Die Zahl aus dem Jahr 1983 übrigens setzt sich zusammen aus Überträgen der Jahre von 1975 bis 1983.

Die Planungen zur Verminderung der Defizite enden wie immer bei möglichen Steueranhebungen. Gleichzeitig kam der neue Sparplan aus dem Lager der Opposition auf den Tisch, der in der Tat das Attribut „massiv“ verdient. In den kommenden zehn Jahren sollen die öffentlichen Kassen $2500 Mrd. einsparen. Wie auf Grund der Verbindungen zur Rüstungs- und Energieindustrie beider politischer Lager in den USA nicht anders zu erwarten war, befassen sich die Sparvorschläge zum großen Teil mit anderen Segmenten der Ökonomie.

Blau ist die aktuelle Projektion der Ausgaben des Budget Office, die rote Linie wäre das Ergebnis der Sparvorschläge. Die Projektion trägt den Titel „Baseline“, weil es sich hier um ein eher optimistisches Szenario handelt, die worst case Vorausrechnungen des CBO sehen wesentlich übler aus. Nun wird es zu den vorgestellten Einsparungen natürlich nicht kommen, wir befinden uns ja in der Politik und nicht in der Welt der Mathematik. Dennoch stehen die Zeichen angesichts der stetig schwieriger werdenden Finanzierungssituation auf Sturm. Steigende Steuern und Einsparungen stehen der Fortsetzung der gerade stattfindenden irrealen Selbstfinanzierung über gedrucktes Geld gegenüber. Folgenlos wird beides nicht bleiben, und die gesellschaftliche Diskussion dürfte – vorsichtig formuliert  - an Schärfe gewinnen. Richtig spannend wird es, wenn irgendjemand feststellt, dass die derzeit stattfindende Luftfinanzierung weder kostenlos noch dauerhaft fortzusetzen ist. Dann könnte es heißen: „Der Kaiser hat ja gar nichts an“.