Montagmorgen, erster Werktag der Urlaubswoche. Die betagte Mutter der Hotelbesitzerin begrüßt mich. Sie bügelt Handtücher. Sonst ist noch niemand da. Vor dem für zehn Personen eingedeckten Frühstückstisch flimmert der Fernseher. Bilder aus Gaza, absolut schrecklich ! Noch vor sechs Wochen spielte ich mit dem Gedanken, eben jenen Resturlaub im Heiligen Land zu verbringen, dieses Mal im Negev und am Roten Meer. Doch dann ließ Benjamin Netanjahu, nachdem seine Partei sich auf eine gemeinsame Liste mit den Rechtsnationalisten von Israel Beteinu verständigt hatte, überraschend Neuwahlen ansetzen und für mich war vollkommen klar, in welche Richtung das nun laufen musste. Alles fast genau wie vier Jahre zuvor. In der zweiten Dezemberwoche 2008 verließ ich Tel Aviv, drei Wochen später rollten die Panzer gen Gaza, neu gewählt wurde dann im Februar 2009... Wird dieser sinnlose Kampf zwischen Extremisten, die auf einander angewiesen zu sein scheinen, jemals enden? Wo bleiben die machtvollen Stimmen der 99 %, oder sagen wir in diesem Falle mindestens 75 %...?

Die Mutter der Hotelbesitzerin ist offensichtlich schon "gebrieft": sie stellt mit zwei frische "tostadas" neben die Kaffeetasse. Wir versuchen ins Gespräch zu kommen, teils mit Händen und Füßen. Zum Glück spricht sie langsam, so dass man sich zumindest einiges erschließen kann. Gelingt einem beim sonst gängigen spanischen Sprechtempo nicht unbedingt... Sie erzählt, dass früher neben jungen Leuten und Urlaubern mittleren Alters auch einige Geschäftsreisende im Haus abgestiegen seien, auch außerhalb der Hauptsaison. Aber seitdem es mit der Wirtschaft nicht mehr so läuft... Es habe Zeiten gegeben, da habe die Familie weitere Hilfskräfte eingestellt, nun könne man alles wieder selbst erledigen.

Gegen zehn Uhr mache mich auf in die Innenstadt, wieder zu Fuß, denn die Sonne strahlt von einem tief blauen Himmel. Zuvor aber muss unbedingt noch Wasser eingekauft werden. Der Supermarkt liegt nur knapp 400 m entfernt. Auf halbem Wege dorthin passiere ich wieder die Bushaltestelle. Eine Gruppe junger Männer Mitte zwanzig, sieben, acht vielleicht, hängt am und ums Wartehäuschen ab. Ein weiterer kommt vom nahen Kiosk hinzu mit 'nem frischen Sixpack Gebrautem. Vorbeigehende Passanten werden angeschnorrt.  „Montags in der Sonne“ („Los Lunes al Sol“), ein spanischer Off-Film über arbeitslose galizische Fischer, thematisierte vor einigen Jahren die entspannenden, kontemplativen, ja romantischen Seiten der Arbeitslosigkeit.  Die harte Realität eines täglichen Existenzkampfes von Millionen in der Gegenwart hat damit allerdings wenig zu tun...

Vor dem nahen Supermarkt hockt wieder ein Bettler. Eine frische Warenlieferung trifft gerade ein. Erwartungvolle Blicke auf Liefer-Lkw und Marktleiter, der mit einem Packen Lieferscheine zwischen Regalen und Hubbühne hin- und herhetzt. Das spanische Preisniveau für die Waren des täglichen Bedarfs unterscheidet sich im Übrigen inzwischen kaum von jenem in Deutschland.

Auf dem Weg in die City werden die historischen Windmühlen am Ufer bei Es Jonquet genauer inspiziert, in einer ist sogar ein kleines Museum untergebracht. Dahinter das hübsch herausgeputzte Wohnviertel der Fischer, bescheiden, alles andere als verwahrlost. Die historischen Gemäuer in erdwarmen Ockertönen verbreiten wohlige Harmonie. Herrliche Farbspiele unter blauem Himmel und hinter grünen Palmen. Der Hort dei Rei, eine lauschige Gartenanlage unterhalb des Königspalastes: Bäume, Brunnen, Bänke - genau der Dreiklang, der vielen mitteleuropäischen Städten fehlt, aber ungemein viel Atmosphäre schafft. Stadträume mit höchster Aufenthaltsqualität, Stadtteil-Mittelpunkte, hektikfreie Ruheoasen, in die man sich zurückziehen, aber auch spontan anderen Menschen begegnen kann.

Nur 150 Meter weiter: Plaça de la Reina, und wieder: Bäume, Brunnen, Bänke - man versteht durchaus viel von menschenfreundlicher Stadtgestaltung in Spanien. Spanische Architekten und Stadtplaner bringen es inzwischen zu Weltruhm, auch Lichtgestalter für historische Häuserfassaden, bekannt sogar in Deutschland. Ein definitiv erfolgreiches Geschäftsmodell von der Iberischen Halbinsel, ähnlich jenen der bekannten Modeunternehmen. Eines darunter lässt sogar noch auf Mallorca fertigen und stellt neben einer Zementfabrik und ein paar Perlenproduzenten die wesentliche industrielle Basis der 800.000-Einwohner-Insel dar. High-Tech-Branchen oder industrienahe Dienstleistungen ? Fehlanzeige, zumindest noch...

Der Tourismus ist das Lebenselixier der Baleareninsel, überaus notwendig, aber trotzdem nicht hinreichend. Ohne die vorwiegend deutschen und britischen Touristen würde die regionale Wirtschaft hier vollkommen zusammenbrechen. Schon im abgelaufenen Oktober habe die mallorquinische Arbeitslosenquote wieder über dem ohnehin extrem hohen Landesdurchschnitt von knapp 26 % gelegen... Aber zum Glück kommen die Urlauber ja noch, in den ersten neun Monaten des Jahres 2012 sogar zahlreicher als im Vorjahreszeitraum, wie ich einem Artikel aus dem deutschsprachigen "Mallorca-Magazin" später entnehme: 3 % Plus - dem mäßigen mittel-/westeuropäischen Sommer sei Dank!

Manchmal können zu viele Touristen aber auch zum Fluch werden, insbesondere dann, wenn man gewissermaßen "Täter" und "Opfer" in einer Person ist... Eine gigantisch lange Schlange vor dem Kasseneingang der berühmten Kathedrale schreckt mich von ihrem Besuch erst einmal ab, nicht so sehr der Eintrittspreis von vier Euro. Obwohl: wann habe ich eigentlich jemals für das Betreten einer katholischen Kirche löhnen müssen...? Egal, ich lasse den Reisebusgesellschaften sehr gerne den Vortritt und begebe mich zu den Zeugnissen der vorchristlichen Geschichte, den arabischen Bädern. Über 800 Jahre alt, mitten in Palma, von einem wunderschönen kleinen Palmengarten umgeben. O.K., es ist nicht die Alhambra, aber Palma lag ja einst auch am Rande jenes islamischen Reiches mit seiner andalusischen Hauptstadt...- wie es wohl dort heute aussehen mag...?

Einige Kirchen und Stadtpaläste aus der Renaissance mit wunderschönen Patios säumen den Weg zur zentralen Markthalle, dem Mercat Olivar. Nach einem café-con-leche-Stop an der Plaça Santa Eulàlia erreiche ich schon nach dem Mittag diesen Hort der Genüsse einer jeden Stadt im Mittelmeerraum, an dem man sich selten satt sehen kann, aber bestimmt satt essen, so das nötige Kleingeld vorhanden ist - und in Palma müssen es noch ein paar Münzen oder Scheine mehr sein... Üppige Farben, verlockende Düfte, alle Waren zu ästhetischen Gebirgen aufgeschlichtet, alles picobello und nach Warengruppen sortiert: hier der berühmte Schinken, dort Obst und Gemüse, ein Gang weiter das süße Naschwerk - und in einem abgetrennten Hallenbereich der Fisch. Da aber heute Montag ist, ist dort fast nichts im Angebot. Es ist relativ ruhig für eine Markthalle, kaum Kunden, aber es geht ja auch schon auf 13 Uhr zu... Andererseits habe ich in Spanien noch nie zuvor derart schwach frequentierte Markthallen gesehen: stets ging es bis zum Schluss turbulent zu, sogar im andalusischen Jerez de la Frontera, damalige landesweite (Rekord-) Arbeitslosigkeit dort: 17 % - aber das war im Frühjahr 2007...

An einem Stand mit Backwerk lacht mich eine herzhafte mallorquinische Pizza an, die nun unbedingt zur mittäglichen Stärkung beitragen muss. Mit der, wie sich sofort herausstellt, aus Deutschland stammenden Standbetreiberin komme ich ein wenig ins Plaudern. Sie verrät mir, dass der Markt seine besten Tage eigentlich schon wieder hinter sich hätte und verweist mich auf die noch großen Mengen unverkaufter Waren an den Nachbarständen. Ich sehe noch einmal genauer hin und muss ihr Recht geben: bei vielen der höchst appetitlich präsentierten Lebensmittel-Pyramiden fehlt noch keine einzige Frucht. Oder wird da immer schön nachgelegt? Ja klar, aber es sei schon den ganzen Tag relativ ruhig und einige ihrer Standnachbarn klagten schon über deutliche Umsatzrückgänge, gerade im Vergleich zum Vorjahr. Viele Einheimische gingen inzwischen lieber zum Discounter, da sei alles eben billiger. Eine Opportunität mehr, u.a. für deutsche Billigheimer...

Vor dem Pizzagenuss noch schnell eine Etage nach oben: ein Supermarkt verspricht Erfrischung in Form einer Wasserflasche. Die gesamte übrige Ladengalerie drumherum steht leer, bestimmt 15 einzelne Ladenflächen...

Zurück ins Freie, auf eine sonnige Bank in der nahen Fußgängerzone. Straßen und Plätze sind unter wohl temperierten Verhältnissen wie ein Freilichtkino, die Hauptdarsteller kommen aus dem ganz realen alltäglichen Leben, ganz ohne Regieanweisungen, ohne Produzenten, ohne Gagen...

Nach der köstlichen Pizza ein Streifzug in eigener Sache  durch Carrer Moliniers und Carrer des Syndicat, mal nach einer Hose Ausschau halten. Geschäfte lokaler Betreiber im mittleren Preissegment dominieren die Szene, auch ein paar Ketten sind vertreten, sogar deutsche.

„Liquidación total“ verkünden einige Schaufensteraufkleber, muss man wohl nicht übersetzen.  Die hübschen bis schrägen Modelle eines zumindest europaweit bekannten Schuhproduzenten von der Insel sind natürlich hier wie auch bei El Corte Inglès, der größten, wenn nicht einzigen verbliebenen Warenhauskette Spaniens, erhältlich - allerdings jeweils etwa 10 % teuer als in Deutschland...

Die Shoppingtour wird nach rd. zwei Stunden abgebrochen und stattdessen die Adresse einer jahrzehntealten Institution in der Carrer San Sanç angesteuert: ein stets gut besuchtes Jugendstil-Café mit allerhöchster Kompetenz für Schokolade, insbesondere in dickflüssig-trinkbarer Form - ein Traum und Nachtischersatz zugleich, in dem sogar ein Löffel stehen bleibt !

Nach ein paar Stunden in schattigen Räumen will der mallorquinische Spätsommer wieder genossen werden – und ein paar Postkarten müssen noch raus ! Also jetzt am besten wieder auf eine Bank mit Südausrichtung. Die Stufen an der Kathedrale sind ja nicht weit. Dann könnte man ja auch noch einmal einen Versuch unternehmen, dieses multi-epochale Gesamtkunstwerk von innen zu sehen. Es ist kurz vor halb vier – so ein Mist aber auch: soeben wurde das Gotteshaus wieder geschlossen – Feierabend! Man macht das Beste draus - montags in der Sonne...

Der anschließende Abend findet in der Altstadt seine Fortsetzung und im westlich angrenzenden Santa-Catalina-Quartier seinen Abschluss, dessen Publikum mich vorwiegend an den Berliner Prenzlauer Berg erinnert – der Versuch, sich in vielerlei Hinsicht individuell abzuheben, entwickelt sich allmählich zu einer Grundlage für ein neues, auch sozialräumlich greifbares Establishment...

"Holà! Qué tal?" - "Muy bien, gracias!" Der Dienstagmorgen im Frühstücksraum wird wieder gut gelaunt eingeläutet. Die Aussicht auf einen sonnigen Tag mit fahrbahrem Untersatz hebt die Stimmung weiter an. Wieder bin ich der einzige Gast, der um diese Zeit hier aufschlägt. Das Aufschlagen des neben mir auf dem Tisch ausliegenden "Majorca Daily Bulletin" verbreitet jedoch gleich weniger gute Stimmung: Großbritannien schließt sein Generalkonsulat auf der Insel, Sparmaßnahmen. "The end of an era" ist auf der Titelseite zu lesen. Von nun an müssten sich also tausende Urlauber im Falle des Falles in der offiziellen Vertretung Ihrer Majestät in Barcelona Rat und Unterstützung suchen... Im weitesten Sinne dazu passend die Nachricht ein paar Seiten weiter, in der das das British Retail Consortium über rekordhohe Leerstandsquoten für Geschäfte in den Innenstädten des Vereinigten Königreiches zu berichten hat: 11,3 % landesweit, in Yorkshire sogar 14,6, in Wales 15,1 und in Nordirland gar 20 %. Auch Premier Cameron und Schatzkanzler Osborne verschärfen die Austeritätsmaßnahmen auf ihrer Insel, die auch dort in erster Linie der "kleine Mann" zu tragen hat. Und zwei untrügliche Indikatoren, die das nunmal anschaulich bestätigen, sind u.a. Einzelhandelsumsätze und Ladenleerstandsquoten...

Auf Seite 9 leuchtet auch eine rote Alarmlampe für Spanien: die Quote fauler Kredite steigt landesweit auf 10,7 %, entsprechend einem Volumen von gut 182 Mrd. Euro. Wenn ich mich hier im Umfeld so umschaue, dürfte die Urlaubsinsel eher noch höhere Ausfallraten zu verzeichnen haben... Aber mit "nur noch" 40 bis 60 anstatt ursprünglich 100 Mrd. Euro für einen "bad-bank"-Etat sowie eine "vorübergehende" Kredithilfe für nach Kapital japsende Geschäftsbanken ohne nachhaltiges Geschäftsmodell "ist ja nun bereits alles auf einem guten Weg"...

Vor der mittäglichen Mietwagenabholung noch eine kurze Entdeckungstour durch die citynahen Quartiere Sant Sebastià und Blanquerna. "Stadtteil-hopping" ist ja, wie gesagt, obligatorisch geworden, wenn man keinen öden Abend im Hotelzimmer verbringen möchte. Und zu Fuß lassen sich ein paar nette Ecken eben besser erkunden als mit dem Auto. Einen etwas abgefahreneren Restaurant-Tipp bekam ich gestern Abend beim Bierchen in einer Straßenbar in Santa Catalina, der nun gleich mal begutachtet werden muss, zumindest von außen.

An der stets geschäftigen Plaça d'Espanya einen tageszeitlich gerade noch "vertretbaren" café con leche und los geht's mit Linie 1 zurück zum Flughafen. Habe nur die kleinste verfügbare Wagenklasse reserviert, da das Lenken und v.a. Parken in den engen mallorquinischen Altstadtgassen sonst zum teuren Vabanque-Spiel werden kann. Beim Blick aus dem Fenster auf die einheimischen Nummernschilder fällt mir auf, dass sowohl im Stadtgebiet als auch auf der Autobahn noch viele Autos mit den alten Kfz-Kennzeichen unterwegs sind, die seit 2001 nicht mehr ausgegeben werden. 

Wie fast überall in Europa, gibt es auch auf spanischen Kennzeichen seitdem neben dem Europa-Emblem eine kryptische Zahlen-/Buchstabenkombination, die keinen Rückschluss mehr auf den Ort der Zulassung erlaubt. Und doch: "PM" für Palma de Mallorca oder "IB" für Illes Balears ist an mindestens jedem fünften bis sechsten mehr oder weniger zerbeulten Auto zu lesen, was davon zeugt, dass die Fahrzeuge also mindestens elf Jahre alt sein müssen...

http://de.wikipedia.org/wiki/Kfz-Kennzeichen_(Spanien)

http://de.wikipedia.org/wiki/Systematik_der_Kfz-Kennzeichen_(Spanien)

Die Mietwagenfirma "beglückt" mich mit einem upgrade, sogar in der Diesel-Version. Nun ja, ein größeres Auto hätte aus naheliegenden Gründen nicht unbedingt sein müssen, aber war immerhin gut gemeint. Und weil man sich nun schon mal in Richtung Osten bewegt hat, geht man eben gleich "in die Verlängerung": in die hübsche kleine Innenstadt von Llucmajor, über einsame, steinmauergesäumte Feldstraßen zum "Cabocorb Vell", den ältesten steinernen Zeugen des Talayotikums, die Epoche einer Frühkultur, die vor gut 3.500 Jahren Mallorca prägte. Über Johannesbrot- und Mandelbaumhaine weiter zur Cala Pi, wo das Auge zum ersten Mal von türkis- bis smaragdfarbenem glasklarem Wasser verwöhnt wird. Allein die hohe Steilküste stellt sich einem ersten Tauchsprung in den Weg...

Den östlich benachbarten gesichtslosen Urlaubersilos zu entkommen, ist gar nicht so einfach: vierspurige, beleuchtete Erschließungsstraßen enden abrupt in the middle of nowhere... wohl wieder zuviel Optimismus bei den Wachstumsaussichten, Geldmangel oder fehlende Baugenehmigungen - wahrscheinlich eine Mischung aus allem... Der naturbelassene "Traumstrand von Es Trenc", einer geschützten Salinenlandschaft vorgelagert, will nun um so mehr entdeckt werden. Über enge Nebenstraßen pirscht man sich zunächst an sein Westende heran. Und tatsächlich: von einer Felsnase im bereits winterverschlafenen Ses Covetes aus fällt der Blick auf ein sieben Kilometer langes weißgelbes, feinsandiges, unbebautes Naturwunder, auf das kristallklares Wasser aufbrandet, mit herrlichem Ausblick auf ein paar vorgelagerte Inseln ! Lediglich zwei Kioske am Anfang des Strandes gewährleisten eine Minimalversorgung.

Unbebaut ist ehrlicherweise auch nur der Blick AUF den Strand, nicht der unmittelbare Standort des Betrachters: Bauruinen von knapp 70 im Jahre 1992 genehmigten Ferienappartments "zieren" diesen östlichen, "Torre Marinas" genannten Teil des kleinen Ferienortes. Düsseldorfer Mallorca-Fans wollten sich hier einst ihren "ganz individuellen Traum" direkt am Meer verwirklichen. Nach einem jahrelangen Genehmigungs-, Betrugs- und Pleitechaos zog das Oberste Gericht der Balearen tags darauf einen endgültigen juristischen Schlussstrich: bis zum 15. Mai 2013 müssen nun alle leerstehenden Ruinen vollständig beseitigt werden. Das "Mallorca-Magazin" berichtete über dieses erlösende Urteil just am darauf folgenden Donnerstag...2)

Von einem Sprung ins noch immer 19°C warme Wasser – also mehr als in der hochsommerlichen Ostsee – hält mich der raue auflandige Wind momentan ab. Das Ziel bleibt aber konsequent im Fokus...

Um die Küstenfahrt fortzusetzen, heißt es nun jedoch: einmal um die naturgeschützte Saline herumfahren. Vorbei an umliegenden Farmen für freilaufende mallorquinische Schweine und Afrikanische Strauße zweigt nahe dem Heilquellortes Banys de Sant Joan eine winzige Teerstraße ins Llevant-Salinengebiet ab. Meterhohe Kegel grobkörnigen Meergoldes, magnesiumsilbern bis schneeweiß, erscheinen wie winterliche Fata Morganen. Daneben ein Salzverkauf. Schöne Mitbringsel für alle, die gerne kochen oder grillen, must-haves für alle Amateurköche, für die Profis sowieso. Am strandnahen Ende des Sträßchens ein Wendehammer mit zwei leeren Parkplätzen: vier Euro bitte! Na klasse, die setzen da doch tatsächlich selbst weit außerhalb der Saison jemanden den ganzen Tag ins Wartehäuschen, der dann maximal drei, vier Pkws am Tag abkassieren, oder besser gesagt: abzocken soll...Kopfschüttel...!

Die überwiegend aus der Schweiz stammenden Urlauber, die die nahe Colònia de Sant Jordi bevölkern, zahlen vemutlich keinen Eintritt für Mutter Natur...Über die Landstädtchen Ses Salines mit seinem tageszeitlich bedingt bereits geschlossenen Blumenpark „Botanicactus“, Santanyí und  Campos wird Palma wieder angepeilt – das Abblendlicht wird nun obligatorisch...

An der Hotelrezeption begrüßt mich ein Mann Mitte zwanzig, ich vermute der Sohn der Besitzerin. Ich spreche ihn auf die noch immer ausstehende Begleichung der Zimmerrechnung an. Er geht kurz die Rechnungsdaten durch und wendet ein, man habe mich doch bestimmt schon darauf angesprochen, dass das Kreditkartenlesegerät so seine Zicken habe... Vor einer kostenträchtigen Bargeldabhebung schlage ich ihm ganz unvoreingenommen vor, es doch einfach noch einmal zu probieren, schließlich habe es beim letzten Mal vermutlich wegen des Wochenendes nicht funktioniert (auch online-Server brauchen ja mal ihren freien Tag...). Und voilà, Transaktion erfolgreich!

Unabhängig davon war ich zwei Tage später dann doch auf frisches Bargeld angewiesen und staunte zu Hause nicht schlecht, als für den Höchstabhebebetrag von 300 Euro satte sechs Euro Gebühr in Rechnung gestellt worden waren. Für diese sechs Euro hätte man z.B. zweimal zwei Croissants und zwei große Flaschen Wasser kaufen können, die zwei Bettler einen ganzen Tag lang zumindest nicht unterernährt zurück gelassen hätten... Aber wie schon gesagt: nichts braucht Spanien ja so dringend wie eine stets wohl genährte Bankenszene...!

Bewusst soll’s heute Abend in Anpassung an die landesüblichen Essenszeiten erst etwas später ins Restaurant gehen – und die empfohlene Adresse im Sant-Sebastià-Viertel machte einen durchaus spannenden Eindruck, ganz ohne Brimborium und Schicki-Micki-Preisen. Zuvor aber erstmal eine caña (frisch Gezapftes) und ein paar Tapas, sogar mit direktem Blick auf eine spätgotische Fassade: jene der Llotja, der alten Handelsbörse am südlichen Rand der Altstadt, mit einem raffinierten Gewölbe aus feinen, gedrehten Säulen im Inneren. Sie beherbergt derzeit eine avantgardistische Foto- und Videokunstausstellung, die ich mir nicht habe entgehen lassen...

Beim Picken der kleinen Köstlichkeiten fällt mein Blick über den kleinen Platz in die angrenzende Straße Carrer Llotja de Mar, an der ebenfalls einige Tapas-Bars, Restaurants und Kneipen liegen. Jetzt, um kurz vor halb neun, sind vorwiegend Touristen unterwegs, einige durchaus schick herausgeputzt. Die wenigen nicht-deutsch bzw. -englischsprachigen Passanten gingen offenkundig nur zielstrebig vorbei und ließen auch in puncto Abendgarderobe eher weniger vermuten, heute Abend noch einmal ausgehen zu wollen. Plötzlich fällt es mir wie Schuppen vor den Augen, was sich auch in dieser Hinsicht in jüngster Zeit verändert hat in Spanien: Es wird nicht nur deutlich seltener ausgegangen, man zelebriert es auch überhaupt nicht mehr! Bis vor drei Jahren galt es als undenkbar, gerade als Spanierin abends aus dem Haus zu gehen, ohne sich zuvor für das Abendessen und den ggf. anschließenden Barbesuch fein gemacht zu haben, und zwar unabhängig von der jeweils herrschenden Außentemperatur: die erreichten Anfang Mai 2001 und im April 2007 in Madrid oder im Mai 2005 im kantabrischen Santander kaum 10°C – aufgedonnert hat man und v.a. frau sich trotzdem, mit viel Mühe und vielfach in hohem Maße stilsicher !

Die schicke Garderobe durfte zudem nicht gleich hinter dem erstbesten Tisch wieder verschwinden, sondern musste, am besten in Gesellschaft von Familienmitgliedern, Freundinnen oder Freunden, ein wenig „vorgeführt“ werden – „callejear ida y vuelta“, das abendliche (Hin- und Her-) Flanieren mit Tapas- oder Cocktail-Bar-Besuch und einem ausgiebigen Speisekartenstudium gehörte fest zum spanischen Alltag wie etwa der morgentliche café con leche oder die unantastbare Siesta zwischen 14 und 17 Uhr...

Keine Einheimische, kein Einheimischer flaniert mehr, an einem Dienstagabend nicht auch nicht an den Abenden zuvor, nicht mal am Wochenende! Von feinen Klamotten mal ganz abgesehen: die werden fast nur noch von Urlauberinnen und Urlaubern getragen. Die teuren, durchgestylten Edelboutiquen können sich von daher weiterhin über zusätzliche Umsätze freuen, während so manche vorwiegend von Einheimischen frequentierte Geschäfte eine „Liquidación total por cierre“ verkünden, wenn nicht sogar „Se Alquila“ oder „Se Vende“... Einem bislang ganz besonders modeaffinen Land kommt nicht nur das Lachen abhanden, sondern offensichtlich auch die Lust auf stilvolle Kleidung...

Gegen halb zehn breche ich wieder auf und bin in gespannter Erwartung auf eine seit knapp zehn Jahren existierende Melange aus Restaurant und Club. Ein Chill-Out-Restaurant mit Platz für etwa 80 Gäste, zahlreichen ostasiatischen und arabischen Stilelementen, innovativer, eine entspannte Athmosphäre stiftender Beleuchtung, Electronic-Jazz-, Chill-, Lounge-, Goa- und Fusion-Beschallung und delikater spanischer Küche. Auch eine arabische Shisha wird auf Wunsch gerne gereicht. Während meines knapp zweistündigen Aufenthaltes bin ich, abgesehen von zwei weiteren Pärchen, der einzige Gast an diesem Abend. Genügend Zeit also, sich mit dem redseligen Wirt und Inhaber, der aus der Rioja stammt, ausgiebig auszutauschen – und nicht nur über die Lieblingsweine aus seiner international renommierten Anbauregion...

Da er bereits viel in der Welt herumgekommen ist, kann man sich ganz prima auf englisch unterhalten, puh: welch ein Glück ! Er erzählt mir, dass eigentlich gegen zehn Uhr für das lokale Publikum ein ganz gängiger Zeitpunkt sei, mit dem Abendessen zu starten. Er erwarte bis 23 Uhr drei weitere besetzte Tische. Ausgehen werde aber inzwischen sehr stark eingeschränkt und „dosiert“ auf die zweite Wochenhälfte, so etwa ab Donnerstag. Früher habe er die gleichen Gäste durchaus dreimal pro Woche begrüßen können und musste sogar Spontanbesucher abweisen. Das alles habe sich in den vergangenen zwei, drei Jahren grundlegend geändert. Sollten ihm aber eines Tages die Kosten oder behördlichen Auflagen über den Kopf wachsen, hätte er kein Problem damit, weiterzuziehen. Obwohl er schon sehr gerne in Palma de Mallorca bleiben würde.

Auch am Mittwochmorgen lacht die Sonne von einem strahlend blauen Himmel, 22°C werden für den Nachmittag schon einmal angekündigt. „Go West“ lautet das Motto des Tages. Im Frühstücksraum dann eine echte Überraschung: weitere Hotelgäste sind anwesend – und die planen ihren sportlichen Tag auf dem Rad auch noch in einer mir sehr vertrauten Mundart: bayerisch. Normalerweise organisieren sie für sich Zweiradausflüge ins heimatliche Alpengebiet, aber dafür bräuchte man jetzt Spikereifen und maximalen Frostschutz... Schöne Erinnerungen an einige gauditrächtige, aber auch anstrengende Radltouren, die ich in früheren Jahren von Bayern aus mit Freunden in den Mittelmeerraum unternahm, werden wieder wach... wäre mal wieder ein tolles Vorhaben...!

Aber nun habe ja schon ein Auto und werde frühestens nächste Woche wieder den norddeutsch-platten Weg zwischen Wohnung und Büro auf dem Zweirad zurücklegen. Die beiden Radler werden – selbstredend – zum Abschluss ihres Kurzurlaubs eine Tour ins Tramuntana-Gebirge unternehmen und morgen dann wieder im Flieger nach München sitzen. Wir verabreden uns also für den Abend zum gemeinsamen Tapas-Essen, so sie dann nicht zu sehr zerschossen sein sollten... „Oiso bis heid Ohmd: guade Foard - pfüads Eich!“

Im bequemen Fahruntersatz mit Verbrennungsmotor klapper ich also nun die bergige (Süd-) Westküste der größten Baleareninsel ab, in die Berlin knapp viermal hineinpassen würde. Es kommt zunächst wie angedroht: ein durchgängiges Siedlungsband mit mehr oder weniger ansehnlichen, meist mehrgeschossigen Betonkästen zur temporären Aufbewahrung touristischer Potenziale, die sich um ein paar wenige eher kurze Badebuchten scharen, nebst typischer Infrastrukturen für die Tages- und Abendbespaßung. Cala Major, Ses Illetes, Portals Nous mit seiner marinen Schicki-Micki-Anlaufstelle Porto Portals, Palmanova und zum Schluss die von viel britischem bad taste geprägte Hochhausansammlung Megaluf – Benidorm en miniature, oder doch eher Berlin-Marzahn...?

Bloß weg hier, links ab auf einer kleinen Nebenstraße durch nach Aleppokiefern duftende Wälder in Richtung Südwestspitze. Ganz wenige Autos auf der Straße. Ein paar Pilzsammler stapfen durchs Unterholz. Nach ein paar Kilometern breitet sich ein kleines Paradies vor mir aus: drei Felsnasen aus hellem bis rötlichem Sandstein ragen in glasklares, in diversen Grün- und Blautönen schimmerndes Wasser, weiße Sandstrände in lieblichen kleinen Badebuchten, auf der mittleren Felsnase eine von Menschenhand in den Berg geschlagene Höhle (Cove de la Mare de Déu) und mit Portals Vells lediglich ein kleinerer, noch überschaubarer Ferienort etwas nördlich davon. Keine Menschenseele weit und breit, die beiden kleinen Standkioske sind geschlossen. Also nix wie rein in diese traumhaften Naturbadewannen ! Mann, ist das irreal – ein wohltuendes Mittelmeerbad Ende November...!

Die Weiterfahrt fällt schwer und wird maximal hinausgezögert. Schließlich obsiegt die Neugier über den Müßiggang. Bei den Ferienstädtchen Son Ferrer und El Toro haben sich Planer und Architekten offenkundig etwas mehr Mühe gegeben, beginnend bei Geschosshöhe und Grünflächenanteil. Anders als in Costa de la Calma und Santa Ponça ein paar Kilometer weiter. Aber immerhin residiert hier ein (selbsternannter) neuer „König von Mallorca“ mit seiner unübersehbaren Kultkneipe – bitte wenigstens ein Foto für die Trashsammlung...!

Nun erstmal genug von Strand, Meer und Beton – Zeit für „el hinterland“. Es geht deutlich bergauf. Der Siedlungsbrei weicht schnell Mandel-, Ölbaum-, Orangen- und Zitronenhainen in saftigem Grün, leichter Dunst breitet sich aus. Malerische Bergstädtchen thronen auf Bergrücken, dazwischen recht tief eingeschnittene Täler. Calvià, der Gemeindehauptort für die gesamte Südwestecke, soll dank sprudelnder Tourismuseinnahmen aus seinen Küstenortsteilen zu den reichsten Gemeinden Spaniens gehören.3) Man sieht es der Kleinstadt allerdings überhaupt nicht an, man übt sich in Bescheidenheit. Auf protzige Neubausiedlungen wurde hier bewusst verzichtet, im benachbarten Es Capdellà ebenfalls. Und damit auch auf Verkehrs- und Versorgungsprobleme, innovative Finanzierungsmodelle und Kreditblasen, vom ästhetischen Aspekt einmal ganz zu schweigen. Auf den Dorfplätzen kennt und grüßt jeder jeden. Ruhe und Gemächlichkeit prägen diese etwas introvertierten Siedlungen fern der Haupttrampelpfade. Weniger ist mehr...

Die westlich gelegene etwas größere Stadt Andratx hat sich erstaunlicherweise ebenfalls einen Großteil dieser Ursprünglichkeit bewahren und um ein paar neue Akzente – beispielsweise mit einem der größten Ausstellungszentren für moderne und zeitgenössische Kunst in ganz Europa, dem „Centro Cultural d’Andratx“ – bereichern können, aber das liegt erst später auf meinem Weg...

Peguera soll einer der Lieblings-Urlaubsorte der Deutschen auf Malle sein. Einige haben sich wohl auch dauerhaft hier niedergelassen, die sog. „residentes“. Es ist alles vorhanden, was das teutonische Urlauberherz begehrt: Hotels und Appartments in Strandnähe, Bars und Cafés direkt an der teils verkehrsberuhigten Standpromenade, Supermärkte und Souvenirgeschäfte, Restaurants und Stimmungslokale, selbstverständlich auch mit landestypischen Spezialitäten wie Schnitzel, Buletten und Currywurst im Angebot, sowie – nicht zu vergessen – eine flächendeckende Ausstattung mit den erforderlichen Behältnissen für eine konsequent getrennte Müllentsorgung, wie fast überall auf der Insel...

Die wunderschöne Nachbarbucht von Camp de Mar hat dann auch auf eine deutsche Prominente aus der Schönheitsbranche eine besondere Anziehungskraft ausgeübt – so sehr, dass sie sogleich die gesamte Halbinsel an der Bucht nur ganz für sich allein beanspruchen wollte.4) Ohne jedes Blitzlichtgewitter und ohne lästige Paparazzi-Maschen. Mediterrane Noblesse ganz weit weg von den stressigen Laufstegen in Paris, Mailand, London oder New York! Was das kostet? ‚Ach wissen Sie, das spielt jetzt nicht die entscheidende Rolle. Meine Manager werden das für mich regeln... Leider hatte Claudia Schiffer die Rechnung ohne die örtliche Baubehörde gemacht: 2005 musste der bereits abgeschlossene Grundstückskauf rückabgewickelt werden 5), das Exklusivprojekt eines kleinen Versailles am Meer sollte der Traum einer einzelnen Person bleiben...

Man stelle sich vor, die offiziellen Stellen hätten hier anders entschieden, wie bereits tausendfach zuvor überall im Lande. Möglicherweise müsste man jetzt über mehrere Kilometer an einem meterhohen, kameraüberwachten Metallgitterzaum entlangfahren, versehen mit Warnschildern: „Achtung! Privates Sperrgebiet! Fotografieren strengstens untersagt! Schusswaffengebrauch!“ Die Kosten für die Errichtung eines derart geradezu militärisch wirkenden Trutzwerkes hätten die Baukosten des ‚Chateau de Schiffer’ wahrscheinlich bei weitem überstiegen – aber professionelle Manager hätten auch das bestimmt alles im Griff gehabt... In Südafrika und anderen angelsächsisch geprägten Ländern subsummiert man einen derart raumgreifenden Anspruch auf Exklusivität übrigens unter dem Begriff „land grabbing“. Zum Glück ist es ja soweit nie gekommen – auch spanische Behörden können durchaus auch mal Sinnvolles beschließen...

Und doch sollte Claudia Schiffer weder die erste noch die letzte deutsche Prominente gewesen sein, deren Reputation insbesondere bei der einheimischen Bevölkerung in wahrnehmbarem Umfang gelitten haben dürfte...

Keinen Zugang zu irgendeinem Strand, da nicht vorhanden, gibt es im benachbarten A- bis F-Promistädtchen Port d’ Andratx – dafür sind die Ausblicke auf eine wilde Steilküste umso herrlicher, sofern sie nicht von mehrgeschossigen  Appartmenthäusern (mit oder ohne Concierge) oder noblen Villen verstellt werden, mit denen der Ort samt umliegender Hügel schon mal bis zum Gebirgskamm aufgesiedelt worden ist. An der recht überschaubaren Uferpromenade, umgeben von Nebenstraßen mit kleinen aber feinen Geschäften, „trifft man sich“ – ein gewisses Niveau wird selbstverständlich geboten wie auch erwartet. Dem Blick des Kenners bleiben natürlich auch die zahlreichen Yachten und anderen Spaßgefährte, die am gegenüberliegenden Buchtufer festgemacht haben, ebenso wenig verborgen wie der Ausblick auf die repräsentativen Anwesen, die die vorgelagerten Anhöhen „zieren“... Ob denn überhaupt der Hauch einer Chance besteht, solch eine Traumimmobilie mit Meerblick und Swimmingpool in ruhiger, solventer Nachbarschaft, käuflich zu erwerben, diskret versteht sich, und auf Wunsch auch gerne mit einer kompetenten Empfehlung für zuverlässiges Haus- und Sicherheitspersonal...?

Eine Kurzinspektion rund ums Cap de Sa Mola liefert sogleich die Antwort: u.a. auf dem Weg zum „Museum Liedtke“, ein in die Steilküste drapiertes Architekturkunstwerk eines Essener Stifters, sind vor etwa jedem zehnten Objekt gut annonciert einschlägige Holzaufsteller platziert, denn Aufkleber wirkten ja schließlich zu billig in diesem Umfeld, ebenso die schnöde Aufschrift „Se Vende“ – eine „Oferta“ oder eine „Occasión“ in der richtigen Schiftart und dem Logo eines seriösen Immobilienmaklers kommt da doch schon ganz anders an...

Wie der deutschsprachigen Presse auf der Insel am nächsten Tag zu entnehmen ist, bemüht sich die spanische Zentralregierung nach Kräften, den immer noch enormen Überhang im Immobilienbestand des Landes, der gemessen an Einwohnerzahl und Kaufkraft jenen der USA der Jahre 2007 ff. bei weitem übersteigt, mittels innovativer Werbevehikel abzubauen: „Aufenthalts-genehmigung für Hauskäufer?“ heißt es da auf Seite 12 des „Mallorca-Magazins“, im Klartext: jedem Käufer eines Objektes im Wert von mindestens 160.000 Euro soll ein „permiso de residencia“ gewährt werden, so der Diskussionsvorschlag. Da deutsche und britische „residentes“ bereits überall in Spanien in großer Anzahl ansässig sind und eine Marktsättigung mehr als absehbar ist, soll diese neue Kampagne vor allem chinesische und russische Käuferschichten erschließen – wie schon im Falle der sog. „Euro-Rettung“ sollen nun also auch auf der Mikroebene in erster Linie außereuropäische Vermögen und Budgets aktiviert werden...

Vielleicht gar keine schlechte Idee, gilt es doch, neben dem auch langfristig quälend teuren Klotz am Bein eines bis 2008 exorbitant gewucherten und nun unverkäuflichen Immobilienbestandes auch noch die Lücken zu füllen, die enttäuschte oder frustrierte „residentes“ hinterlassen, die nun nach teils jahrzehntelangem Aufenthalt dem Land endgültig den Rücken kehren...

DasErste

Weiter ins seit der Römerzeit besiedelte Andratx, das mit seinem eklektizistischen Palau Son Mas, der nun das Rathaus beherbergt, im Vergleich mit seinem Hafenortsteil wieder weitaus realer und geerdeter wirkt, ebenso wie der nur über eine kleine Serpentinenstraße erreichbare Fischer- und Badeort Sant Elm an der Westspitze der Insel, mit  herrlichen Ausblicken auf die unter strengem Naturschutz stehende vorgelagerte Insel Sa Dragonera. Noch ein Platz, an den man sehr gerne einmal wieder zurückkehren würde...

Eine über mehrere Tage fortlaufende Rückkehr konnte ich im Rückblick bei der Auswahl der jeweiligen Tagesziele feststellen: fast immer übten die Tramuntanaberge die höchste Anziehungskraft aus. Neben der optisch spannenden und zuweilen auch etwas anstrengenden Dreidimensionalität des Geländes haben vor allem Ursprünglichkeit, Vielfalt, Schroffheit, aber auch die Üppigkeit dieser vom Menschen sichtbar mitgeprägten Berglandschaft nachhaltige Eindrücke hinterlassen. Atemberaubend schöne Ausblicke, selbst von der Küstenhochstraße aus. Verwunschene Bergdörfer inmitten von Orangen-. und Zitronenhainen sowie seit Jahrhunderten aufwändig kultivierten Terrassenfeldern. Steile, teils europarekordnah tief eingeschnittene Schluchten, die an kleinen, schwer zugänglichen Badebuchten enden. Eine nahezu alpine Gebirgslandschaft, die außer diversen Möglichkeiten für sportlichen Aktivitäten vor allem eine überaus essenzielle Versorgungsfunktion für die subtropische Insel gewährleistet: die Versorgung mit Trinkwasser.

Nicht nur die jeweils rd. 400.000 Einwohner Palmas sowie der übrigen Inselorte wollen mit dem kostbaren Lebenselixier versorgt sein, sondern auch die gut 10 Millionen Urlauber (darunter 3,5 Millionen aus Deutschland), die alljährlich auf Mallorca die schönsten Tage des Jahres verbringen wollen. Und alle wollen natürlich nicht nur mehr oder weniger hohen Wassereinsatz erfordernde Köstlichkeiten essen und trinken, meist aus Gefäßen, die anschließend zu reinigen sind, sondern auch mal in einen Swimmingpool hüpfen, sich danach duschen sowie andere Unausweichlichkeiten im Badezimmer verrichten, um dann am Ende des Tages in frisch gewaschener Bettwäsche einzuschlafen...

Die beiden größten künstlichen Wasserspeicher, die ich unterhalb des Puig Major, des mit 1445 m höchsten Berges der Insel, zu Gesicht bekam, waren jetzt – Ende November – zu nicht einmal einem Viertel gefüllt. Die trockenheiße Sommersaison, auf die der Löwenanteil der Touristenzahlen auf Mallorca entfällt, haben übermächtig an den ohnehin knappen Wasserreserven gezehrt. Um nicht auf eine erneute Tankschiffversorgung angewiesen zu sein, errichtete man vor wenigen Jahren nahe dem Flughafen eine große Meerwasserentsalzungsanlage..

In Höhe des pittoresken Klosterstädtchens Valldemossa bricht allmählich die Dämmerung herein, so dass die Erkundung dieser höchstgelegenen Stadt Mallorcas sowie der nordöstlichen Küste bis zum Cap Formentor frühestens am nächsten Tag fortgesetzt werden kann.

Die bayerischen Radl-Jungs waren zu dem Zeitpunkt natürlich schon zurück in Palma – es galt daher, den Hunger möglichst frühzeitig zu stillen... Auch aufgrund der für Spanien noch zu frühen Tageszeit entschieden wir uns für ein Wiedersehen mit der Tapas-Bar gleich neben unserem Hotel. Ein unterhaltsamer, von zahlreichen mediterranen Gaumenfreuden begleiteter Abend, lag vor uns...

  1. http://mallorcamagazin.com/aktuelles/nachrichten/gericht-ses-covetes-muss-verschwinden.html

  2. Susanne Lipps/Oliver Breda: „Reise-Handbuch Mallorca“, DuMont Reiseverlag, Ostfildern 2011, S. 137 f.

  3. Ebd., S. 136

  4. Ebd.
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