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Zu Fuß geht es weiter - die Chahar-Bagh-Straße hinunter, welche von unzähligen Bars, Geschäften und Restaurants gesäumt ist. An diesem Freitagnachmittag tummeln sich unzählige Menschen auf der Flaniermeile, der ausländische Besucher wird mit großem Interesse registriert und herzlich willkommen geheißen. Die Iraner reagieren mit Begeisterung - auf die wachsende Anzahl von Touristen in ihrem Land, mit denen sie gerne, besonders für die jüngere Generation trifft das zu, ihre Fremdsprachenkenntnisse erprobt. Erstaunt und verwirrt zugleich, nehmen viele Besucher aus dem Westen die erwähnten Eindrücke von diesem Land wahr, welche kaum in Einklang zu bringen sind, mit der medialen Berichterstattung, die sie von zu Hause gewohnt sind. „Die trauen sich kaum noch in die großen Städte, weil die Angst haben, vor uns junger Generation“, antwortet Reza, bei einem kurzen Espresso-Stop in der Nutella-Bar. Mohammed fügt hinzu: “Manche geben sogar Gas, wenn Mullahs die Straße überqueren!“

Reza drängt zum Aufbruch. Er erwähnt, dass sich bei vielen Iranern eine islamkritische bis islamfeindliche Grundeinstellung verbreitet habe, besonders unter den gebildeten Bewohnern der Großstädte. Während in der benachbarten Türkei die Moscheen wie Pilze aus dem Boden sprießen, stünden die Gotteshäuser im Iran vergleichsweise leer, fügt er aus und verweist auf das Straßenbild, welches ihn zu bestätigen scheint.

Nach einem längeren Fußmarsch ist das Ziel erreicht, das Ufer des Zayandeh-Flusses. Dort stellt sich heraus,dass die ehrwürdige alte Metropole der schönen Künste und der Wissenschaft, der Paläste und Brücken einen Schönheitsfehler besitzt. Der berühmte Fluss führt kein Wasser, statt eines Stromes sind nur Pfützen zu erkennen: Durch ehrgeizige Projekte wurde dem Fluss sprichwörtlich das Wasser abgegraben. Das Wasser wird mit Hilfe ausländischer Unternehmen - deutsche Firmen sind auch dabei - in den Bergen gestaut, um dann besser verarbeitet als sprudelnde Lebensader durch das verwaiste Flussbett zurückfließen.

Trotzdem herrscht an den Ufern des Zayandeh sowie auf den Brücken über dem Strom ein buntes Treiben. In den parkähnlichen Anlagen, auf beiden Seiten des Ufers haben sich Familien zum Picknick niedergelassen. In der Nähe der Si-o-se-Pol, die Dreiunddreißig-Bogenbrücke, benannt nach den 33 Brücken der Stadt, trifft Reza auf seine Lebensgefährtin Maryam und deren Freundin Sahra. Maryam schlägt vor in einem nahen Café Platz zu nehmen. Sahra gehört zur jüdischen Gemeinde Isfahans, die seit tausenden von Jahren in der Stadt etabliert ist.“Vergessen Sie den Unsinn, über angeblichen Antisemitismus im Iran. Unsere Regierung ist antizionistisch, ansonsten erlebe ich hier genau so viele oder so wenige Diskriminierungen wie alle Bürger Irans, wenn Sie verstehen was ich meine. Sollte ich mich pro-israelisch äußern, wozu ich keine Veranlassung habe, dann hätte ich Probleme“, erwähnt sie, während ein Kellner die Bestellung aufnimmt. Sahra, die ihr Geschichtsstudium demnächst abschließen wird, erinnert an das israelisch-iranische Verhältnis zu Zeiten des Shahs, die sie nur aus den Erzählungen ihrer Eltern kennt.

Bis 1979 galt der kaiserliche Iran als einer der engsten Verbündeten der USA in der Region und wurde politisch und kulturell dem Westen zugeordnet. Seine geographische Lage am Persischen Golf, der damit verbundene Erdölreichtum, die direkte Nachbarschaft zur Sowjetunion und zu der unruhigen Arabischen Welt, all das ließ das Kaiserreich zu einem natürlichen Partner des Westens werden. Die historischen Animositäten der Iraner gegenüber den Arabern führten sogar zu einer strategischen Partnerschaft mit Israel und zu der Tatsache, dass beide Staat militärisch aufs engste miteinander kooperierten. Israelische Piloten trainierten damals im iranischen Hochland die Schlagkraft ihrer Luftwaffe. Der israelische Staatsgründer David Ben Gurion entwickelte in jener Zeit die Theorie der „Peripheren Staaten“, womit er neben Iran auch Äthiopien und die Türkei meinte, als natürliche Verbündete, gerade gegenüber der arabischen Übermacht in der unmittelbaren Nachbarschaft.

Die Sonne versinkt, die Brücken erstrahlen im künstlichen Licht. In Isfahan ist der Abend angebrochen. Junge Pärchen treffen sich im Schutz der Dunkelheit. Auch Reza und Maryam liegen jetzt aneinander geschmiegt, was ihnen per Gesetz nicht gestattet ist. Die Moralpolizei hätte in kleineren Orten wohl schon längst eingegriffen und ihnen eine Strafe, im schlimmsten Fall Peitschenhiebe verordnet. Jugendliche flüstern sich die Adressen zu, wo heute Nacht die Partys steigen, wo wild getanzt wird, die Mädchen kurze Röcke tragen und Whisky und Mariuhana konsumiert werden. Die jungen Männer holen noch eine Runde Eis, während die jungen Damen lebhaft diskutieren.

Nach seiner Rückkehr kommt Reza noch einmal auf die politische Ausgangslage zu sprechen.“Weißt Du, 80 Prozent der Iraner sind gegen ihre Regierung eingestellt. Wir hätten gerne eine Alternative, doch was in unseren Nachbarstaaten passierte und passiert, in Afghanistan, im Irak, von wo die Leute zu uns flüchten, obwohl diese Länder angeblich befreit wurden vom Westen, wirkt abschreckend, erwähnt er, nachdem er sich eine Zigarette angezündet hat. Weshalb unterstützt Ihr Eure und unsere schlimmsten Feinde, die Saudis? Was habt Ihr davon? Öl könnt Ihr auch von uns bekommen, auch ohne Salafisten“, ergänzt er lachend.

Alle Vier sind sich einig, dass der Iran in den nächsten Jahren zu einer großen Regionalmacht aufsteigen wird. Sahra zitiert ein persisches Sprichwort: Isfahan nesfe jahan - Isfahan ist die halbe Welt. "Aber, in welcher Hälfte der Welt? Ja, in welcher Hälfte der Weltleben wir hier?", fragt sie in die Dunkelheit hinein.