In den vergangenen Jahrzehnten hat sich unter Volkswirten immer mehr die Überzeugung breit gemacht, dass große Konjunkturschwankungen der Vergangenheit angehören. Man verfüge mittlerweile über die nötigen Instrumente, um die Wirtschaftsentwicklung nachhaltig steuern zu können. Vor allem zielten solche Behauptungen auf den Einsatz von Geldpolitik ab. Nicht nur seit der Zeit von Alain Greenspan war man überzeugt, mit Geldpolitik alles erreichen zu können – negative Folgen hatten sich damals ja noch nicht eingestellt.

So ließ sich z.B. auch Ben Bernanke in einer Rede im Feburar 2004 hinreißen und äußerte folgenden Satz: My view is that improvements in monetary policy, though certainly not the only factor, have probably been an important source of the Great Moderation. Frei übersetzt: Meiner Meinung nach ist die Verbesserung der geldpolitischen Instrumente ein wichtiger (wenn auch nicht der einzige) Grund für die Glättung von Konjunkturzyklen.

Es ging nur noch um Gründe für die Great Moderation. Dass es die Möglichkeit einer nahezu vollständigen Glättung von Konjunkturzyklen tatsächlich gibt, wurde selten in Frage gestellt. Mich würde tatsächlich interessieren, wie Bernanke heute darüber denkt.

Doch auch die Rolle der Geldpolitik als Heilsbringe muss kritisch in Frage gestellt werden. Mittlerweile hat Greenspan ja zugegeben, die Krise mit verursacht zu haben. Doch darüber hinaus lernt jeder Volkswirt im Studium, dass es Situationen gibt, in denen Geldpolitik keinen nachhaltigen Effekt auf das Wirtschaftswachstum mehr hat. Solche Situationen nennt man Liquiditätsfalls, und genau in einer solchen Liquiditätsfalle stecken weite Teile der Weltwirtschaft, allen voran die Vereinigten Staaten von Amerika.

Mittlerweile haben die Zentralbanken so viel Geld in den Kreislauf gepumpt, dass es drei Mal reichen müsste. Die Leitzinsen sind im Keller, Geschäftsbanken haben gewaltige Einlagen bei den Zentralbanken und trotzdem scheinen sich weder auf dem Kreditmarkt noch auf dem Arbeitsmarkt oder beim Wirtschaftswachstum nachhaltig irgendetwas zu tun – Liquiditätsfalle eben. Japan befindet sich schon seit etlichen Jahren in dieser Falle.

Doch zeigt die Volkswirtschaftslehre einen Ausweg aus dieser tatsächlich misslichen Situation. Dieser Ausweg setzt an der Erklärung an, warum die Kreditnachfrage nicht boomt, obwohl die Zinsen bei nahezu Null Prozent sind. Ganz einfach: Nicht der Nominalzinssatz ist für Kredite relevant, sondern der Realzinssatz. Und dieser berechnet sich ganz einfach mit: r = i – e, also Realzins ist gleich Nominalzins minus Inflationserwartung. Wichtig hierbei ist die Inflationserwartung!

Wenn die Wirtschaftssubjekte in Zukunft eher von einer Deflation ausgehen (sagen wir von einem Preisverfall von vier Prozent – also negativer Inflation), dann wäre der Realzins r = 0 – (-4), also vier Prozent. Und das kann durchaus zu hoch sein, um einen Kreditboom auszulösen – das ist das klassische Szenario Japans der vergangenen zwanzig Jahre.

Aber man erkennt auch, wie man die Waage umschlagen lassen kann. Man muss die Wirtschaftssubjekte dazu bringen, eine (gewaltige) Inflation zu erwarten. Wenn nämlich die Inflationserwartung gleich 5 Prozent ist, dann ist der Realzins r= -5 (bei einem Nominalzins von Null). Das wird sicher irgendwann zur Folge haben, dass der Kreditmarkt explodiert und der Effekt auch im Wirtschaftskreislauf spürbar wird.

Das Zauberwort ist also Inflation, bzw. Inflationserwartung. Hier scheint man die Lehren aus der Japankrise der 1990er gezogen zu haben. Somit schließt sich auch der Kreis zu meinem letzten Beitrag hier auf Cashkurs.com. Alles was Bernanke momentan tut, hat diesen einfachen, volkswirtschaftlichen und mathematischen Zusammenhang zur Grundlage! Es soll eine ganz gewisse Inflationserwartung erzeugt werden, koste es, was es wolle.

Dass Kredite nicht vergeben werden, weil Geschäftsbanken momentan lieber Geld horten (für noch schlechtere Zeiten)… Dass Unternehmen gerne Kredite hätten, sie aber aus strukturellen Gründen nicht bekommen… Dass Wirtschaftssubjekt zu verunsichert sind, um sich noch einen Kredit ans Bein zu binden… Dass alles kommt in dieser Betrachtung gar nicht vor. Und genau hier befindet sich die Achillesferse des Ganzen: Am Ende kann es passieren, dass wir beides haben… Eine riesen Inflation und trotzdem kein Kreditboom oder Wirtschaftswachstum.