Brasiliens Inflationsrate erreichte zuletzt knapp 9%. Seit 2010 wurden die Bezichtigungen in Richtung der Federal Reserve, einen globalen Währungskrieg vom Zaun gebrochen zu haben, immer lauter. Im gleichen Atemzug wurde versucht, die Aufwertung des brasilianischen Real auf vielerlei Weise zu stoppen. Seit einigen Monaten hat sich nun alles verändert, nachdem der Real in den Sinkflug übergegangen ist. Nicht nur die Inflationsentwicklung, sondern vor allem auch einbrechende Exporte sowie eine vor der Rezession stehende Wirtschaft treiben Auslandsinvestoren in Scharen aus der in der letzten Dekade am stärksten prosperierenden Wirtschaft Lateinamerikas.

Blickt man auf die inflationäre Entwicklung in Brasilien, so könnten manche Beobachter zu der Ansicht gelangen, dass trotz einer offiziell ausgewiesenen Jahresrate nahe 9% immer noch alles in Butter zu sein scheint. Zumindest ließe sich diese Ansicht vertreten, wenn die heutige Lage mit der Situation in den frühen 1990iger Jahren verglichen wird, in denen Brasiliens Inflationsrate Werte von bis zu 3000% aufwies.

Trotz allem lassen sich die Gefahren und Risiken, die sich aus der heutigen Situation ableiten, keineswegs mehr unter den Teppich kehren. Seit Monaten unternimmt Brasiliens Zentralbank den Versuch, die heimische Inflation endlich wieder unter die eigens gesetzte Zielmarke von 4,5% zu drücken – ohne Erfolg. Zuletzt berichte ich darüber in Brasilien: Zinserhöhungen und Austeritätsmaßnahmen sollen Kapitalströme umdrehen.

Erst am Mittwoch letzter Woche erhöhte die brasilianische Notenbank ihren Schlüsselleitzins ein weiteres Mal auf nunmehr 12,75% (was einem 6-Jahres-Hoch entspricht), um die Inflation unter Kontrolle zu bekommen. Problem ist – wie nicht anders zu erwarten –, dass Brasilien seine Zinsen just zu einem Zeitpunkt dramatisch anhebt, zu dem die heimische Wirtschaft vor einem Wiedereintritt in die Rezession steht.

Wer auf das erste Jahrzehnt dieses noch jungen Jahrhunderts blickt, erkennt, dass Brasiliens Wirtschaft in diesem Zeitraum um rund 4% pro Jahr expandierte. Von diesem Wachstum ist kaum mehr etwas übrig geblieben, im Gegenteil sehen Prognosen vor, dass die Ökonomie im laufenden Jahr um 0,5% schrumpfen wird. Nicht nur an diesem Beispiel zeigt sich, dass es mit der globalen Wirtschaftsentwicklung abwärts geht.

Auch die BRICS-Kollegen Russland (vor unmittelbarem Eintritt in die Rezession), China (nur noch 7% Wachstum im laufenden Jahr durch Peking prognostiziert) und Südafrika (befindet sich auf Basis aktuellster Daten bereits in einer Rezession), weisen in diese Richtung. Es muss niemanden wundern, dass die Rohstoffpreise im Angesicht dieser Entwicklung bereits stark unter die Räder gekommen sind. Frage ist und bleibt, wann die Aktienmärkte folgen werden.

Um auf Brasilien zurückzukommen, so hat der Verlust an realer Kaufkraft in den letzten Jahren schon zu manchen Protesten und gewalttätigen Ausschreitungen in den Metropolen des Landes beigetragen. Man erinnere sich in diesem Zusammenhang an den Protestslogan „Wir wollen keine WM und sündhaft teure Stadionbauten, sondern bezahlbares Brot“. Es kommt hinzu, dass die Ausgaben der Verbraucher in etwa die Hälfte zum brasilianischen Wachstum in der letzten Dekade beigetragen hatten.   

Der deutliche Rückgang der Konsumausgaben wird sich also nicht nur unvorteilhaft auf die zukünftigen Wachstumsaussichten des Landes auswirken, sondern wird Brasilien letztendlich in die Rezession befördern. Und gerade hierin liegt eine der größten Gefahren für die soziale Stabilität des südamerikanischen Landes. Denn Millionen von Arbeitnehmern würden ihre Löhne und Gehälter auf aktuellem Niveau eingefroren, da deren Mindestlöhne an die Entwicklung des Wirtschaftswachstums gekoppelt sind.

Wie Grafik 1 (weiter oben abgebildet) zeigt, sind die Einkommen sowohl im öffentlichen als auch privaten Sektor im Laufe der letzten Dekade jenseits der BIP-Entwicklung geklettert. Gerade diese Tatsache macht es unter Berücksichtigung der obigen Ausführungen umso unwahrscheinlicher, dass die jährlichen Einkünfte unter Arbeitnehmern mit der Entwicklung der Inflation werden Schritt halten können.

Hinzu kommt, dass geplante Senkungen der öffentlichen Ausgaben (Austeritätsbeschlüsse) sowie Steuer- und Gebührenanhebungen ihren ganz eigenen Beitrag dazu leisten werden, den Konsum zu belasten. Wundern braucht man sich im Angesicht dieser Entwicklung gewiss auch nicht, dass das brasilianische Verbrauchervertrauen zuletzt auf das niedrigste Niveau in den vergangenen zehn Jahren gesunken ist (siehe obige Grafik).

Zu den merklich anziehenden Preisen gesellt sich wiederum die Tatsache, dass Brasiliens Real sich ganz plötzlich in einem anhaltenden Sinkflug befindet. Trotz der zuletzt bekannt gegebenen Leitzinserhöhungen ist die brasilianische Währung Ende letzter Woche zum ersten Mal seit mehr als zehn Jahren auf $3 pro Real abgestürzt. Dadurch wächst der Druck auf die Preise, denn insbesondere für Importe und Einfuhren muss immer mehr bezahlt werden.

Wer der Ansicht ist, dass eine im Außenwert abwertende Währung die eigene Exportindustrie ankurbelt, braucht in diesen Tagen nur nach Japan oder nach Brasilien zu blicken, um eines Besseren belehrt zu werden! Mehr als die Hälfte der brasilianischen Ausfuhren gehen nämlich an nur fünf Länder, namentlich China, Argentinien, die Vereinigten Staaten, die Niederlande und Deutschland.

Im selben Atemzug hat sich das Wirtschaftswachstum in den genannten Staaten im Vergleich mit dem Jahr 2005 teilweise mehr als halbiert. Ein weiteres Problem, das Brasilien mit einer ganzen Reihe von EU-Staaten teilt, ist der stetig wachsende Schuldenberg. Während die in US-Dollar denominierten Schulden Brasiliens vor fünf Jahren noch bei rund $100 Milliarden lagen, ist dieser Schuldenberg in nur kurzer Zeit auf fast $250 Milliarden geklettert.

Und in diesen Kontext sollte und muss man nun den im Außenwert abstürzenden Real stellen. Denn die im Außenwert weiter fallende Währung vergrößert diesen Schuldenberg auf Real-Basis noch. Allein im laufenden Jahr werden etwa $40 Milliarden dieser ausstehenden Schulden zur Zahlung fällig. Offiziell liegt die brasilianische Staatsverschuldung bei 65% in Relation zum BIP – dem höchsten Wert unter den BRICS-Nationen.

Doch laut der Ratingagentur Moody´s Investors Service hat der Schuldenberg schon längst die Marke von 100% erreicht, wenn indirekte Finanzverpflichtungen mit in das Kalkül einbezogen werden. Ein großer Teil dieser Verpflichtungen resultiert aus einst durch die Regierung gewährten Kreditgarantien zugunsten von Staatsunternehmen.

In den ersten beiden Monaten dieses Jahres kam es zu knapp 30 Ratingherabstufungen, so dass Brasiliens Unternehmen immer stärker von staatlicher Finanzierung abhängen, weil sie an den Bondmärkten entweder gar kein Geld oder nur noch Geld gegen teils sehr hohe Zinsen erhalten.

Dabei notiert Brasiliens Länderrating selbst nur noch einen Grad oberhalb von Ramschniveau.  Wer den im Außenwert schwachen Real in die Überlegungen mit einbezieht, erkennt, dass die Verschuldung für Brasilien immer teurer wird. Die Zinsausgaben haben einen Anteil von 6% an Brasiliens BIP erreicht, kletterten im Vergleich mit dem Jahr 2013 jedoch um 25%. Die Zinsen für 10-jährige Staatsanleihen liegen bei 13% – und somit demselben Niveau des mit Sanktionen belegten Russlands.

Deutlich wird in diesem Umfeld auch, dass sich die staatliche Finanzierung von Banken und Unternehmen nicht mehr rentiert und für die Regierung immer teurer wird. Real werden Verluste eingefahren, während sich das Verschuldungsniveau bei kletternden Zinsen immer mehr erhöht. Wann diese staatlichen Subventionen aufgegeben werden müssen, bleibt somit eigentlich nur noch eine Frage der Zeit. 

Wodurch die aktuelle Lage an der Inflationsfront noch zusätzlich erschwert wird, ist die Tatsache, dass Brasilien schon seit einiger Zeit unter einer der schlimmsten Dürren in seiner Landeshistorie leidet. Die anhaltende Trockenheit hat nicht nur den Anstieg der Preise für Lebensmittel nach oben katapultiert, sondern hat auch zu einer ernsthaften Wasserknappheit beigetragen. Insbesondere die Metropole São Paulo ist davon betroffen.