Brasiliens Wirtschaft ist im dritten Quartal geschrumpft – und zwar zum ersten Mal seit vier Jahren. Nun, ich hatte mich in den vergangenen Monaten intensiver mit der Entwicklung in den BRICS- und Schwellenländern sowie der Verfassung von deren Währungen an den globalen Devisenmärkten befasst, und des Öfteren darauf hingewiesen, dass eine neu einsetzende Rezession in Brasilien oder Russland durchaus eine in Betracht zu ziehende Option sein könnte.

Und auf diesem Pfad scheint sich Brasilien zu befinden, nachdem die heimische Ökonomie laut eines neuen Berichts von IBGE zwischen Juli und September gegenüber dem Vorquartal um -0,5% schrumpfte. Eigentlich ist man es fast schon ein wenig leid, darauf hinzuweisen, dass die Konsensschätzungen an den Kapitalmärkten weit verfehlt und herb enttäuscht wurden. Es stellt sich lediglich die Frage, woher der Optimismus in Bezug auf die zukünftige Wirtschaftsentwicklung in der Welt eigentlich herrührt?!

Zwar wurde laut einer Reuters-Umfrage unter 40 Schwellenländeranalysten allgemein mit einer Schrumpfung des BIP-Wachstums von -0,2% gerechnet. Doch als die nationale Statistikbehörde IBGE die realen Zahlen publizierte, stand einer Reihe von Beobachtern das Entsetzen doch ziemlich heftig ins Gesicht geschrieben. Viel schwerer wiegen die Gründe für die im dritten Quartal verzeichnete BIP-Schrumpfung.

Laut IBGE trugen dazu vor allem deutlich einbrechende Investitionen im Unternehmenssektor und ein signifikanter Rückgang der Kapazitätsauslastung im produzierenden Gewerbe bei. Übersetzt heißt das nichts anderes, als dass eine zunehmende Anzahl von Fabriken unter teils drastisch sinkenden Aufträgen leidet. Diese Entwicklung dürfte an Brasiliens Arbeitsmarkt in den nächsten Monaten nicht spurlos vorübergehen.

Ohnehin haben sich die sozialen Spannungen in Brasilien, wo im Jahr 2014 die Fußball-Weltmeisterschaft ausgetragen wird, im Laufe des letzten Jahres drastisch verschärft. Ein großer Teil der Bevölkerung ruft ihre Regierung dazu auf, sich weniger um die Ausrichtung von teuren Spielen zu kümmern, als vielmehr für bezahlbare Lebensmittelpreise zu sorgen. Gehörte der brasilianische Real bis vor einem Jahr noch zu einer der am meisten überteuerten Währungen der Welt, so hat sich das Blatt in den letzten zwölf Monaten drastisch gewendet.

Im Jahr 2010 erklärte Brasiliens Finanzminister Mantega, dass die großen Schwellenländer Abwehrmaßnahmen gegen die durch die U.S. Federal Reserve erzeugte Überschussliquidität verabschieden müssten. Mantega sprach in diesem Zusammenhang ganz offen über einen global geführten Währungskrieg, der die Währungen der Schwellenländer – und vor allem den Real – immer weiter aufwerten ließe gegenüber dem USD.

In Brasilien folgte daraufhin eine Verabschiedung von verschiedenen protektionistischen Maßnahmen, wozu vor allem die Einführung einer nationalen Bondsteuer für Investoren aus dem Ausland und mehrmalige Anhebungen der Kapitalertragssteuer gehörten. Brasiliens politischer Führung ging es damals um eine Aufrechterhaltung der Wettbewerbsfähigkeit der eigenen Exportwirtschaft.

Nun, heute kann von alledem kaum mehr eine Rede sein, nachdem der Real gegenüber dem USD in den Sinkflug übergegangen ist. Vor allem über die Rohstoffseite ist Brasilien in den vergangenen Monaten verstärkt unter Druck geraten. Denn China hält sich unter anderem schon seit geraumer Zeit mit Käufen von Eisenerz zurück, zu dessen wichtigsten Lieferanten das südamerikanische Land gehört.

Es verwundert kaum, dass die Regierung ihre einst gegen eine weitere Aufwertung des Real eingeführten Maßnahmen inzwischen fast wieder gänzlich rückgängig gemacht hat. Ja, heute sieht sich die brasilianische Zentralbank gar dazu veranlasst, die eigene Währung mittels eines knapp $100 Milliarden schweren Devisenprogramms zu stützen, um die heimische Inflation durch eine Verteuerung der Importpreise nicht noch stärker abheben zu lassen.

Wenn es ganz knüppeldick kommt, könnte Brasiliens Credit Rating im nächsten Jahr sogar vor einem Downgrade stehen. Zumindest hatten die drei führenden Ratingagenturen in diesem Jahr schon einmal vorsorglich auf eine solche Möglichkeit hingewiesen. Der BIP-Rückgang im dritten Quartal scheint beileibe kein Ausrutscher zu sein, nachdem die Wirtschaft bereits im ersten Quartal stagnierte.

Tja, und Brasiliens Zentralbank? Was soll nun geschehen? Um die Inflation besser unter Kontrolle zu bekommen, kam es in den letzten Monaten zu überraschenden Zinserhöhungen. Aktuelles Problem ist, dass die Inflation trotz eines wirtschaftlichen Rückgangs auch weiterhin auf einem viel zu hohen Niveau verharrt. Daher dürften Zinssenkungen zur Ankurbelung der ökonomischen Aktivitäten im nächsten Jahr kaum auf dem Programm stehen.

Im Gegenteil rechnet man an den Finanzmärkten auch im Januar mit einem kleinen Zinsschritt von 25 Basispunkten nach oben. Heimische Ökonomen erklärten gestern, dass auch der Beginn des vierten Quartals nicht auf ein Anziehen der wirtschaftlichen Aktivitäten hindeute. Um die Zinsanhebungen der Zentralbank abzufedern, verabschiedete die Regierung neben Steuererleichterungen auch ein durch Staatsbanken getragenes Programm zur Vergabe von günstigen Krediten.

Wie sich zeigt, haben diese Maßnahmen jedoch nicht zu den gewünschten Resultaten geführt. Analysten beklagen, dass sich diese Programme ausgerechnet jetzt am Auslaufen befinden, wodurch unter anderem die in Brasilien produzierenden Fahrzeug- und Möbelhersteller unter einen noch weitaus erheblicheren Druck geraten könnten. Regierungsoffizielle hatten Forderungen nach einer zeitlichen Verlängerung der Stimulierungsmaßnahmen bereits eine Absage erteilt.

Denn der wirtschaftliche Abschwung hat zur Folge, dass sich auch die Steuereinnahmen der Regierung im Rückwärtsgang befinden. Schon zum jetzigen Zeitpunkt wird damit gerechnet, dass die Regierung ihr Budgetziel im nächsten Jahr verfehlen wird. Die aktuelle Entwicklung lässt sich an nackten Zahlen ablesen. Demnach sind die Investitionen im Unternehmenssektor im dritten Quartal um -2,2% gesunken gegenüber dem Vorquartal.

Viele Unternehmen halten sich bei ihren Kapitalinvestitionen merklich zurück. Insbesondere im Rohstoffsektor gab eine Reihe von Konzernen bekannt, eine Kürzung von in der Vergangenheit beschlossenen Kapitalinvestitionen zu kürzen – in manchen Fällen drastisch. Dazu gehört zum Beispiel auch der Eisenerzriese Vale. Den stärksten Produktionsrückgang erlitt im dritten Quartal jedoch der Landwirtschaftssektor.

Hier fiel der Ausstoß gegenüber Q2 um satte -3,5%. Auch die Absätze im Einzelhandelssektor haben sich aufgrund der Preisteuerungen merklich abgekühlt. Gegenüber derselben Periode des Vorjahres haben sich die Verkäufe im Sektor fast halbiert. Für das Gesamtjahr wird damit gerechnet, dass die Bier- und Fahrzeugabsätze zum ersten Mal innerhalb einer Dekade sinken werden. Wer in diesen Tagen nach Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika blickt, könnte auf den Gedanken kommen, dass die Story vom grenzenlosen Wachstum ihrem Ende entgegenblickt.

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