Vergangenes Wochenende fanden in Tokyo, der größten Metropole der Welt (37 Millionen Einwohner inklusive eingemeindeter Randgebiete), vorgezogene Bürgermeisterwahlen statt, nachdem der Vorgänger nach nur einem Jahr im Amt über einen Spendenskandal stürzte und zurücktreten mußte.

Schon allein die Tatsache, daß ein japanischer Politiker durch einen Skandal zum Rücktritt gezwungen wird, läßt die Ausmaße der Vorteilsnahme erkennen: in Japan sind derartige monetäre und anderweitige Sympathiebekundungen der Wirtschaftselite an die Politikerkaste an der Tagesordnung und werden vom Großteil der Bevölkerung maximal mit einem Schulterzucken quittiert. Vor einigen Jahren stolperte ein hoher Finanzbeamter über den sogenannten „No Pants Shabu Shabu“ Skandal, als er sich von seinen Geschäftsfreunden in einem Grillrestaurant aushalten ließ, dessen Spezialität nicht das Essen an sich ist, sondern die Bedienung, die es bringt: Die Kellnerinnen sind allesamt junge Studentinnen, die unter ihren Röcken keine Höschen tragen dürfen (daher das Synonym „no pants“) und über Spiegel laufen, damit die Kundschaft ihnen unter die Röcke schauen kann. Konsequenz des in den Boulevardmedien genüßlich ausgeschlachteten Skandals war eine öffentliche Entschuldigung seitens des Finanzminsteriums und die Bekundung, daß so etwas nie wieder passieren würde. Das erinnert dann immer stark an das Verhalten eines Kindes, das Reue heuchelt, nachdem es von den Eltern bei irgendeinem Unfug erwischt und ausgeschimpft wurde.

Ein früherer Premierminister ließ sich während der neunziger Jahre wiederholt und unverhohlen von einer japanischen Logistikfirma schmieren. Als man sein Haus durchsuchte, stellte man mehrere Millionen Dollar und Yen in Cash, wertvolle Kunstgegenstände sowie knapp 100kg in Goldbarren sicher. Besagter Politiker wurde nie angeklagt, geschweige denn verurteilt und durfte darüber hinaus unverändert seinen Sitz im Parlament behalten. Die Strafzahlungen, zu der man ihn verurteilte, summierten sich auf 0,5% der gesamten Schadenssumme. Der Chef der Logistikfirma, der die Schmiergeldzahlungen veranlaßte, musste übrigens für mehrere Jahre hinter Gitter.

Das sind nur zwei Beispiele, in denen klar wird, daß Vorteilsnahme durch Politiker in Japan eine lange Tradition hat und in ihren mannigfaltigen Ausführungen fast schon Unterhaltungscharakter hätte, wenn man nicht gleichzeitig an den ökonomischen Schaden, der dem Steuerzahler daraus entsteht, denken müsste.

Zurück zur Tokyoter Bürgermeisterwahl:

Der Nachfolger von Shintaro Ishihara, dem im Oktober 2012 zurückgetretenen berühmt-berüchtigten und rechtskonservativen langjährigen Bürgermeister von Tokyo („Japan, das ‚‘Nein‘ sagen kann“, 1991), Naoki Inose, ein eher farbloser Politiker, hielt sich nur etwa ein Jahr im Amt, bevor bekannt wurde, daß er vom Management einer ihm nahestehenden Hotelgruppe monetäre Zuwendungen erhalten hatte. Diese habe er als privaten Wechsel angesehen und daher nicht für nötig empfunden, sie als Einkommen zu deklarieren. Im Laufe der Verhandlungen verstrickte er sich jedoch immer mehr in Widersprüche, so daß die Medien am Ende seinen Kopf forderten. Am 24. Dezember 2013 wurde er ihnen serviert. Naoki Inose war damit der am kürzesten amtierende  Bürgermeister in der Geschichte Tokyos.

Als Nachfolger hatten sich bereits folgende Personen in Stellung gebracht:

Yoichi Masuzoe, ex-LDP-Mitglied und früherer Gesundheitsminister. Masuzoe ging als Premierminister Abes Wunschkandidat ins Rennen. Er steht vollständig für Abes Kurs: politische Unabhängigkeit der Zentralbank aufweichen, aggressive Inflationspolitik zur Beseitigung der Staatsschulden, expansive Ausgabenpolitik für die olympischen Spiele in Tokyo 2020, sowie besonders das Wiederanfahren der zur Zeit stillgelegten Atomreaktoren in Japan. Hier vertritt er fast noch radikalere Ansichten als Abe selbst. Am liebsten würde er schon morgen die reichlich vierzig Reaktoren im Land, die derzeit allesamt abgeschaltet sind, wieder hochfahren.

Auch Masuzoe hat keine weiße Weste: als Gesundheitsminister zwischen 2007 und 2009 (bereits dort unter der ersten Abe-Regierung) vertrat er die Ansicht, daß Frauen per se nicht für eine Karriere im öffentlichen Leben geschaffen wären, da sie menstruierten.

Die Kandidatur als Inoses nachfolger für das Amt des Tokyoter Bürgermeister wurde dementsprechend auch von den Frauen Tokyos mit einem öffentlichen Aufruf zum Sex-Streik quittiert, dem alle Männer anheim fallen sollten, die bei der Wahl für Masuzoe stimmten.

Der zweite Kandidat, Kenji Utsunomiya, ein Rechtsanwalt aus dem sozialistischen Lager, sowie der dritte Kandidat, Morihiro Hosokawa, seines Zeichesn erster Premierminister Japans aus der Reihe der Demokraten (Regierungszeit 1993-1994), waren beide mit Anti-Atomkraft-Positionen gegen den Favoriten Masuzoe angetreten und schnappten sich dadurch gegenseitig Stimmen weg. Hosokawa wurde durch den früheren (und wahrscheinlich in der Bevölkerung auf alle Zeit beliebtesten) Premierminister Junichiro Koizumi unterstützt, der sich damit offenkundig gegen seine eigene Partei, die LDP, und deren derzeitigen Premier, Shinzo Abe, stellte.

Beide Linkskandidaten konnten jeweils knapp 20% der Stimmen für sich verbuchen, Masuzoe ging mit reichlich 40% der Stimmen als Sieger aus der Wahl hervor.

Mit seinen fraunenfeindlichen Äußerungen in der Vergangenheit und seinem schillernden Werdegang – Masuzoe verließ im Streit 2010 die LDP, wurde aber während der Bürgermeisterwahl von eben dieser unterstützt, „aus Mangel an Alternativen“, wie es hieß – dürfte damit bereits der Grundstein für zukünftige Skandale gelegt sein.

Doch nicht nur auf persönlicher Ebene dürfte Tokyo unter Masuzoe wohl kaum zur Ruhe kommen, vor allem auf politischer Ebene haben wir in ihm nun einen atomaren und fiskalpolitischen Hardliner, Frauenfeind und politischen Abtrünnigen der LDP, deren Unterstützung er sich bei jeder seiner Entscheidungen erneut versichern muss.

Es bleibt also spannend im politischen Tokyo.

Wie viele Männer übrigens nun durch den Wahlsieg Masuzoes Opfer des eingangs erwähnten familiären Sex-Streiks wurden und wie lange dieser andauern soll, ist unbekannt. Aber es gibt zur temporären mentalen Ablenkung ja noch diverse „No Pants Shabu Shabu“ Restaurants in Tokyo.