Zunächst sei zu den Autoren des Buches Vollgeld – Das Geldsystem der Zukunft gesagt, dass es sich bei Thomas Mayer nicht um den ehemaligen Chefvolkswirt der Deutschen Bank handelt, sondern um einen Bürgerrechtler und den Kampagnenleiter der aktuellen Vollgeld-Initiative in der Schweiz. Des Weiteren ist Co-Autor Roman Huber weder verwandt noch verschwägert mit dem Initiator der Monetative in Deutschland Prof. Joseph Huber. Roman Huber ist Bürgerrechtler, Unternehmer und Trainer und seit 1996 im Vorstand von Mehr Demokratie e.V.. Er war Initiator der größten Verfassungsbeschwerde in der Geschichte der Bundesrepublik zu den Eurorettungsschirmen und baute die nachhaltige Lebensgemeinschaft Schloss Tempelhof mit auf.   

Auf cashkurs.com haben wir uns in den letzten Jahren schon des Öfteren mit dem Thema Vollgeld beschäftigt. Und natürlich auch seit den Anfangsjahren dieser Seite ab 2009 mit dem Geldschöpfungsprozess. In vielen Artikeln und Analysen haben wir auf cashkurs.com das bestehende Geldsystem zerlegt, durchleuchtet und entwirrt. Für mich persönlich ist es allemal erstaunlich, wie viel Zeit es benötigt, dass diese Erkenntnisse tatsächlich wahrgenommen und verinnerlicht werden. Beispielsweise glauben selbst die meisten Banker und viele Volkswirtschaftler auch heute noch an die multiple Geldschöpfung, die davon ausgeht, dass Banken Sichteinlagen benötigen, um Kredite zu vergeben. Und nur wenige verstehen die Abläufe, die sich aus den zwei voneinander getrennten Geldkreisläufen aus Zentralbankengeld und Giralgeld ergeben. Doch Gott sei Dank werden die Vorgänge rund ums Geld immer öfter durch gute Bücher und auch Artikeln in Mainstreammedien ans Licht geholt und erläutert. Dieser hervorragende Artikel im Handelsblatt vom 27. April 2015 hat mich daher überaus erfreut, erklärt er die Problematik der Geldschöpfung durch Geschäftsbanken doch sehr gut.

Geldschöpfung aus dem „Nichts“?

Allerdings bin ich überhaupt kein Freund davon, die heutige Form der Zahlungsmittelentstehung als „Geldschöpfung aus dem Nichts“ zu bezeichnen. In der Regel wird Geld nämlich nicht aus dem „Nichts“ erzeugt, sondern auf Grundlage von bestehenden Sachwerten. Bei einem Autokredit verbleibt der Fahrzeugbrief bei der Bank, bis die Bankschulden getilgt sind. Ebenso wird beim Erwerb eines Eigenheims eine Hypothek als Sicherungsmittel für Kredite eingesetzt, wobei der Wert der Immobilie die mögliche Höhe der Hypothek bestimmt. Und jeder Häuslebauer weiß, dass ein Kredit für gewöhnlich nur unterhalb der Höhe der Hypothek gewährt wird. Von daher halte ich die Begrifflichkeit „Geldschöpfung aus dem Nichts“ für meistens unzutreffend und irreführend.

Gute und schlechte wirtschaftliche Zeiten

Doch natürlich hat die Vergangenheit gezeigt, dass es fatale Ausnahmen von den Sicherungsregeln für Kredite immer wieder gibt und gegeben hat. In vermeintlich guten wirtschaftlichen Zeiten scheint die Gier der heutigen Zahlungsmittelerzeuger in Form von Geschäftsbanken ins Unendliche zu wachsen. Finanziert wird dann alles und jedes: bestehende Risiken werden (auf andere Marktteilnehmer) verdrängt bzw. gar nicht mehr wahrgenommen. Erinnert sei an dieser Stelle an die Vergabe von Subprime-Kredite an zahlungsunfähige Schuldner in den USA, ungesicherte Kredite an Hedgefonds und auch an die Häuserblase in Südeuropa, die ganze Landstriche verschandelt hat.

In schlechten Zeiten neigen Geschäftsbanken hingegen zu einer restriktiven Kreditvergabe, was zur Verschärfung und Ausweitung der gesamtwirtschaftlichen Abschwächung führt. Die jüngste Vergangenheit hat hierbei gezeigt, dass Staat und Zentralbanken nur über sehr begrenzte Möglichkeiten verfügen, gegenzusteuern und auf die Kreditvergabe von Geschäftsbanken Einfluss zu nehmen. Im Buch Vollgeld gehen die Autoren ausführlich auf die Hintergründe ein und machen u.a. die Boni-Systeme der Banken für diese Auswüchse verantwortlich. Gleichzeitig zeigen sie auf, welche makroökonomischen Folgen durch unser Schuldgeldsystem unweigerlich entstehen. Nämlich die wachsende Kluft zwischen immensen Geldvermögen in wenigen Händen auf privater Seite und die spiegelbildliche überbordende Verschuldung auf Seiten der Staaten.     

Geldschöpfung: Teil eines demokratischen Prozesses

Die Autoren vertreten die Ansicht, dass die Geldschöpfung Teil eines demokratischen Prozesses sein sollte. Denn spätestens seit der 2. Stufe der europäischen Wirtschafts- und Währungsunion haben sich die Geschäftsbanken das Recht zur Herstellung elektronischer Zahlungsmittel gesichert. Weitestgehend ohne eine Thematisierung oder gar Diskussion in der Öffentlichkeit.

Abb. 1: Die drei Stufen der Wirtschafts- und Währungsunion (WWU)

Von daher beschreiben Thomas Mayer und Roman Huber die Sachlage in ihrem Buch mit folgenden Worten:

Hauptprobleme des heutigen Geldsystems:

[…] Wir Bürgerinnen und Bürger haben den Banken, ohne es zu bemerken, die Herstellung von elektronischem Geld überlassen und zahlen ihnen Zinsen, damit das benötigte Geld über Kredite in den Umlauf kommt. Anstatt selbst das notwendige Geld zu erzeugen und auszugeben, müssen sich unsere Staaten bei den Banken verschulden. Damit haben wir die zwei großen Privilegien des heutigen Bankengeldsystems beschrieben. Diese zwei Privilegien zu Gunsten einer kleinen Finanzelite sind des Pudels Kern! Sie sind geschickt verborgen, offiziell gibt es sie gar nicht. Kein Parlament und keine Regierung hat sich jemals Gedanken darüber gemacht und sie beschlossen. Doch wir alle bezahlen dafür und unsere Demokratien laufen in vielen Lebensbereichen aus dem Ruder. Die zwei Privilegien sind: die Giralgeldschöpfung der Banken sowie die Inumlaufbringung von Geld durch Bankkredite (Schuldgeldsystem)[…]. Vollgeld S. 53

Negative und absurde Auswirkungen des heutigen Geldschöpfungssystems

Thomas Mayer und Roman Huber beschäftigen sich ausführlich mit dieser Thematik und betrachten die vielen negativen und teils absurden Auswirkungen, die das derzeitige Geldschöpfungssystem mit sich bringt. Bestätigt werden ihre Thesen durch die Realität! Beispielsweise liegt der tägliche (!) Schuldendienst (nur Zinsen ohne Tilgung!), den meine Heimatstadt Hagen und ihre 187.000 Einwohner leisten müssen bei zurzeit ca. 80.000 Euro. Geld, das schon lange nicht mehr da ist bzw. nie da war und weder durch Steuererhöhungen und/oder Kürzungen, sondern allenfalls durch Neuverschulung aufgebracht werden kann.

Grundsätzlich gilt, dass ein überwiegender Teil der deutschen Städte und Gemeinden schon seit längerem faktisch bankrott ist. Und trotz historisch niedriger Zinsen beträgt auch der Aufwand für die Bundesschuld in diesem Jahr satte 26,8 Milliarden Euro. Es handelt sich hierbei um den drittgrößten Posten im Bundeshaushalt 2015, nachdem die Bedienung von Schulden in den vorherigen Etats lange Zeit nach Aufwendungen für Arbeit und Soziales den zweiten Platz belegte.

Abb. 2: Der Bundeshaushalt 2015

Äußerst interessant, gleichzeitig erschreckend und in höchstem Maße absurd ist an dieser Stelle, dass die gesamte Nettokreditaufnahme des Bundes in den letzten Jahrzehnten nur dazu diente, Schuldzinsen zu zahlen. Den gesamten Sachverhalt können Sie hier nachlesen:  Zahlen zum Staunen: Gesamte Nettokreditaufnahme Deutschlands seit 1962 entspricht der Summe der Zinszahlungen!

Abb. 3: Zinsausgaben und Nettokreditaufnahme des Bundes

Anm.: Nettokreditaufnahme = Bruttokreditaufnahme abzüglich Tilgung von Altkrediten.

Es handelt sich um die Summe, um die die neu aufgenommenen Kredite die Summe der Tilgung von Altkrediten übersteigt.

Vollgeld – der Fokus liegt auf einer entscheidenden Frage

Das Buch Vollgeld – Das Geldsystem der Zukunft beschäftigt sich inhaltlich seriös und ohne übertriebene Empörung mit diesen spannenden Fragen. Auf beeindruckend einfache und logische Weise wird unser heutiges Schuldgeldsystem auch anhand von Grafiken richtig erklärt und in wichtigen Punkten in Frage gestellt. Und natürlich fokussiert sich die Problematik auf die eine wesentliche Frage. Wer oder was zwingt einen Staat, sich bei privaten Bankunternehmen verschulden zu müssen, wenn er sich doch selbst das Recht zur schuldfreien Geldschöpfung nehmen könnte?

In insgesamt sieben Kapiteln werden die Vorteile eines Vollgeldsystems klar, deutlich und leicht verständlich dargestellt. Im Kern geht es darum, dass Kundengelder in Form von Sichteinlagen auf der Passivseite der Bilanz einer Geschäftsbank zu 100 Prozent durch Notenbankgeld auf der Aktivseite gedeckt sein müssen. Hierdurch wird die derzeitige Giralgeldschöpfung der Geschäftsbanken unmöglich, wobei  Banken und Finanzinstitute gleichzeitig die Möglichkeit verlieren, Kredite zu vergeben und gleichzeitig durch neu geschaffene Sichteinlagen zu finanzieren.

Kritikpunkte am Vollgeld

Beeindruckend ist auch, dass beide Autoren intensiv auf Kritikpunkte am Vollgeld eingehen. Zum Beispiel auf das Missverständnis, dass Vollgeld eine Zentralisierung der Kreditvergabe bedeute. Dem ist definitiv nicht so, denn Banken sollen sich im Gegenteil möglichst unabhängig von der Zentralbank im freien Wettbewerb bei Sparern und Investoren finanzieren, um Kredite vergeben zu können. Und auch wenn kein Zentralbanker und keine Monetative genau über den Geldbedarf der Wirtschaft und die richtige Höhe von Zinsen Bescheid wissen kann, wird gerade in einem Vollgeldsystem dieses Problem durch Angebot und Nachfrage gelöst werden. Wichtigster und zentraler Punkt beim Vollgeld bleibt jedoch, dass sich die öffentliche Hand von den Zinsfesseln privater Bankunternehmen befreit.

Doch das alleine ein Vollgeldsystem die Lösung der Finanzkrise bieten kann, halte ich persönlich für nicht möglich. Es stellt sich die Frage, ob sich in einem Vollgeld-System nicht auch Geschäftsbanken gemeinsam mit ihren Kunden auf ein alternatives Zahlungsmittel einigen könnten. Denkbar wären beispielsweise Anteile an Aktien- oder hauseigenen Geldmarkt- und Investmentfonds, die in Folge als Zahlungsmittel eingesetzt werden könnten ohne Deckung durch Notenbankgeld.

Weitergehend sollte man meiner Meinung nach hinsichtlich einer Geldreform darüber nachdenken, unser Geldsystem nicht nur auf eine, sondern auf mehrere Säulen zu stellen. Im Übrigen sehe ich hier eine Entwicklung, die sich langsam aber sicher immer dynamischer in Richtung vieler Gelder bewegt. Die vielen digitalen Währungen, Amazon Coins, das Paypal-System oder auch Bonusmeilen von Fluggesellschaften sind hier erst der Anfang.

Fazit

Das Buch Vollgeld – Das Geldsystem der Zukunft ist besonders für Einsteiger in die Thematik geeignet und empfehlenswert. Ebenso sollte es meiner Meinung nach zur Pflichtlektüre von Politikern und Abgeordneten werden, um Bewusstsein für die Problematik des heutigen Geldsystems und der Geldschöpfung durch Geschäftsbanken zu schaffen. Doch dürfte auch klar sein, dass ein Vollgeldsystem nicht alle Probleme wie zum Beispiel Spekulationen auf Lebensmittel oder den fehlenden Währungspuffer innerhalb der Eurozone lösen kann. Trotzdem wäre ein staatliches Vollgeld ein wichtiger und stabiler Pfeiler in einem neuen demokratischen Geldsystem. Ein neues System, das meiner Meinung nach viele Währungen nebeneinander zulassen sollte, um genau wie bei der Diversifikation von Geldanlagen eine möglichst hohe Stabilität zu garantieren.