Niemand kann wissen, wie die Zukunft an den Börsen und den internationalen Finanzmärkte ablaufen wird. Wie immer geht es nur um mögliche Entwicklungsstränge und deren Wahrscheinlichkeiten. Seit vielen Jahren sehe ich meine Aufgabe darin, Informationen aus den unterschiedlichsten Bereichen zusammenzutragen, miteinander zu verknüpfen und daraus die bestmöglichen Schlüsse zu ziehen. Dabei geht es nie darum die Dinge möglichst positiv oder negativ zu betrachten, sondern möglichst realistisch. Das klingt einfacher als es ist, besteht die Zukunft wie wir nicht erst seit den Sciencefiction-Filmen wissen aus zahllosen möglichen Entwicklungssträngen.

Jede Veränderung der aktuellen Verhältnisse bringt zwangsläufig eine andere Zukunft mit sich. Das klingt philosophisch, ist aber ganz wesentlich für unsere Überlegungen. Denn jede dieser Überlegungen beginnt bei uns Menschen damit, dass wir die aktuelle Situation linear fortschreiben. „Wenn er so weitermacht, wird er die Schulklasse nicht schaffen, Du wirst die Schule abbrechen müssen und keinen Job finden“. Erst im zweiten Anlauf denken wir darüber nach, ob es nicht auch die Option gibt, dass der arme Teufel plötzlich einen Motivationsschub bekommt und sich alles ändert. Warum? Weil es wahrscheinlicher ist, dass die meisten heute gültigen Fakten auch morgen noch Bestand haben. Aber sicher ist es eben nicht. Daher ist es richtig, als erstes und wahrscheinlichstes Szenario jenes anzunehmen, das bei einer linearen Fortschreibung des Status Quo eintreten wird.

Dieses Szenario nenne ich das Geysir-Szenario

Es besteht aus vier Phasen. Der Blasenbildung, des kurzen instabilen Einbruchs der Blase, dem explosiven Ausbruch und dem anschließenden Niederschlag.

Die Blasenbildung

Wir beobachten seit 2009 eine wunderschöne langsame Blasenbildung nahezu sämtlicher Assetpreise, befeuert durch die Aktivitäten der Notenbanken. Anleihen, Aktien, Immobilien und sogar die Kunst. Einzig - und das sollte man durchaus als besonderes Warnzeichen sehen - die Rohstoffpreise koppeln sich hiervon seit Herbst 2014 ab. Damit wird auch völlig klar, dass es sich um eine unnatürliche Blasenbildung und eben nicht um einen gesunden Anstieg der Wirtschaft und des Wohlstandes handelt. Spätestens Ende 2014 hatte die weltweite konjunkturelle Erholung nach dem Lehman-Kollaps seinen Zenit bereits wieder überschritten. Die Wirtschaft rund um den Globus kühlt seitdem in zunehmendem Tempo ab. Sehr schön zeigen das auch die Leading Indicators der OECD:

Seit dieser Zeit fallen die Rohstoffpreise besonders deutlich. Eigentlich beginnen sie ihren Abstieg bereits 2011, aber nach einer Zwischenerholung 2014 geht es seitdem rapide nach unten. Die wichtigen Industriemetalle stehen nicht mehr weit von ihren Tiefs von 2009 entfernt. Öl beginnt seinen Einbruch im Sommer 2014, als es noch bei 110 US$/Barrel stand und hat die Tiefststände von 2009 längst unterboten. Hier haben wir jedoch auch eine Sondersituation, da die Welt gerade dabei ist, sich endgültig vom Öl zu verabschieden.

Alles in allem lässt sich sagen, dass wir einen Preis-Boom der Anlageklassen erleben, dem eine massiv abkühlende Weltwirtschaft gegenübersteht. Eine sehr ungesunde Entwicklung. Eine Blasenbildung.

Eine der größten Anlageblasen sind die weltweiten Anleihen. Lächerlich niedrige Zinsen bedeuten lächerlich hohe Preise der Anleihen. Wir reden über einen Anleihemarkt in der Größenordnung von über 100 Billionen US-$, der dramatisch überbewertet ist. Bei einem Zinssatz von Null kann man sagen : Mehr kann man diese Blase überhaupt nicht mehr aufblasen. Die Mutter aller Blasen wurde geschaffen. Hier stecken die riesigen Geldströme der Notenbanken. Inzwischen hat sich hieraus auch der Sprengstoff gebildet, der zum Platzen der Blase wesentlich beitragen wird. Da der Zins als Risikoparameter weitgehend ausgeschaltet wurde, haben die weltweiten Investoren im Kampf um ein bisschen Rendite hochriskante Anleihen im Depot, deren Risiko mangels einer funktionierenden Zinslandschaft sie überhaupt nicht einschätzen können. Billionen an illiquiden Ramschanleihen (heute nennt man das nicht mehr wie früher „Junk-Bonds“ –also “Schrott-Anleihen“, sondern „High-Yield-Bonds“…“Hochzinsanleihen“…klingt doch viel besser) liegen in entsprechenden Fonds. In diesen Tagen sind die ersten dieser Fonds notleidend geworden, nachdem Anleger versucht haben dort Geld abzuziehen. Third Avenue Management mit 789 Mio. US$ und Lucidus Capital Partners mit knapp 900 Millionen US$ mussten die Pforten schließen. Das sind die Kanarienvögel in der Kohlemine. Fallen Sie vom Stengel, sollte man die Mine verlassen, der Sauerstoff ist alle. Anleger zogen aus Sorge vor US-Zinserhöhungen – und damit einhergehenden Kursverlusten bei Anleihen – Geld aus diesen Fonds ab. Der Fonds musste Ramschanleihen verkaufen, um seine Anleger auszahlen zu können….aber niemand wollte kaufen. Eine Auszahlung war nicht mehr möglich. Der Anleihemarkt scheint völlig ausgetrocknet. Klar, bei Null-Zins werden die Blöden irgendwann alle. Wehe, wehe, wenn ich auf das Ende sehe. Was passiert, wenn noch mehr Investoren –vielleicht durch solche Meldungen aufgeschreckt - aus diesen Anleihen aussteigen wollen. Was, wenn es zu einem Rennen zu Ausgang kommt. Raus aus der 100-Billionen-US$-Blase der Anleihen und es keine Käufer gibt ?

Dann befinden wir uns in der Phase der

platzenden Blase.

Niemand kann sagen, wie lange die Blasenbildung anhält. Doch deren Einbruch ist sicher. Auslöser könnte beispielsweise das Kollabieren der chinesischen Wirtschaft sein. Die dortigen offiziellen Wirtschaftsdaten sind das Papier nicht wert auf dem sie stehen. Das zeigt bereits die Tatsache, dass die offiziellen Quartalszahlen Deutschlands nach 6 Wochen vermeldet werden, die USA nach 4 Wochen eine erste Schätzung herausgibt, die später meist deutlich revidiert wird, während Chinas bereits nach 2 Wochen seine endgültigen Zahlen vermeldet, die zufälligerweise immer zur Vorgabe des Zentralkomitees passt.

Im Boom wollten wir diese Märchen gerne glauben, haben sie brav wiederholt, denn alle profitierten davon. Geld für 1-5 Prozent in USA/Japan und Europa geliehen und mit zweistelligen Wachstumsraten in China investiert. Wen kümmern da schon Abweichungen? Doch die Partie ist anscheinend vorbei. In 25 Jahren Boom ohne nennenswerte Korrektur haben sich in China unvorstellbare Fehlinvestitionen angehäuft, die so nur in Boom-Phasen möglich sind. Neue Städte ohne Bewohner, Autobahnen ins Nichts und Wohnblocks ohne Mieter. Solange die Preise durch den Boom steigen, braucht man auch keinen Cashflow und keine Mieter, wenn man jedes Jahr um 15 Prozent teurer verkaufen kann. Erst in der Rezession werden unproduktive Fehlinvestitionen ersichtlich und aus dem Markt gefegt. Das ist für eine gesunde wirtschaftliche Entwicklung, so wichtig wie die Herbststürme für einen gesunden Wald, wo morsche Äste abgeschlagen werden, Platz für Neues schaffen und dafür sorgen, daß die Kräfte für junge, gesunde Triebe eingesetzt werden.

Unsere Wirtschaft ist dringend auf diese Zyklen von Aufschwung und Rezession angewiesen um eine gesunde Entwicklung zu ermöglichen. Wir versuchen seit Jahren verzweifelt solche wichtigen Rezessionen als Teufelswerk nicht zuzulassen. Ewig Sonnenschein führt aber zu Verwüstungen. So gab es in China inzwischen einen 25-Jährigen Boom ohne nennenswerte Korrektur. Die schiere Masse der in dieser Zeit entstandenen Fehlentwicklungen beeindruckt. Einer Studie der staatlichen chinesischen Kommission für Entwicklung und Reform betrugen die Fehlinvestitionen in den Jahren 2009-2015 6,9 Billionen US-$. Alleine 2013 sollen 47% der Bruttoinvestitionssumme Fehlinvestitionen gewesen sein. Eine eingehende Beschäftigung mit der realen Situation in China führt zu erschreckenden Erkenntnissen. Des Kaisers Kleider sind sehr dünn und der Riese steht auf sehr tönernen Füßen.

Offenkundig bekommen die internationalen Investoren gerade kalte selbige und ziehen sich in großem Stil aus China zurück. Die Party scheint beendet. In den letzten Monaten sollen über 1 Billion US-$ an Investitionsgeldern aus China abgezogen worden sein. Folgerichtig sanken die Währungsreserven seit Sommer 2014 um 500 Milliarden US$ auf 3,5 Billionen. Dieses abziehende Geld kühlt die chinesische Wirtschaft weiter ab. Der Kreislauf, der einst den Boom befeuert hat dreht sich um. Das abziehende Kapital und die fehlenden Preissteigerungen bringen in großer Zahl nicht wirtschaftliche Projekte aus 25 Jahren zum Einsturz mit katastrophalen Folgen zunächst für das Schattenbankensystem, dann für die gesamte chinesische (Finanz-)Wirtschaft. Aufgrund der engen internationalen Vernetzung würde sich das nahezu zeitgleich als Dominoeffekt um den Globus ziehen. Die direkte Folge wäre ein Lehman-XXL-Szenario. Platzende Kredite sorgen für Misstrauen und somit zu einer Kreditklemme. Gerade das Schattenbankensystem hat keinen Zugang zu frischen und schnellen Notenbankgeldern. Wer Geld braucht um seine Verpflichtungen zu erfüllen, aber keines geliehen bekommt, der muß Tafelsilber verkaufen. Gleichgültig ob gute Aktien, Anleihen, Rohstoffe….was immer schnell zu Geld zu machen ist wird ab verkauft um Liquidität zu erlangen. Das war der Effekt 2008/2009. Die Blase platzt wie es für Blasen aller Art üblich ist in einem für die Weltwirtschaft sehr kurzen Zeitraum. Während das Aufblähen der Blase über viele Jahre geht, dauert das Platzen nur wenige Monate mit brutalen Details, wie wir sie nur in Ansätzen in den Jahren 2008/2009 gesehen haben.

Die Notenbanken – die heißen Herdplatten, die auch die Blasen erzeugt haben -  spielen auch hier die entscheidende Rolle, warum das Platzen nur wenige Monate dauert und dann nicht auf tiefem Niveau zum Erliegen kommt, sondern warum jetzt die Phase des

Explosiven Ausbruchs

folgt.

Denn in diese vermeintlich plötzliche Notsituation (von der Lehman-Krise wurden ebenfalls trotzt aller Warnzeichen angeblich alle überrascht) werden die Notenbanken das tun, was sie bisher auch schon getan haben: Geld drucken. Sie werden in bisher beispielloser Menge frisches Notenbankgeld erzeugen und Staatsanleihen und möglicherweise andere Anleiheformen zu Höchstpreisen aufkaufen. Dieses frische Notenbankgeld wird aber im Wesentlichen bei den großen Spielern mit direktem Zugang ankommen, die nun ihre riesigen Anleihepakete an die Notenbanken gegen frisches Geld verkaufen könnten. Sie werde dieses frische Geld aber keineswegs zur Kreditvergabe an Wackelkandidaten verwenden, sondern alles an nun sehr billigen realen Werten aufkaufen, was ihnen im Rahmen der Notverkäufe der weltweiten Investoren angeboten wird. Der Markt der weltweiten Anleihen ist wie beschrieben über 100 Billionen US-$ groß. Die Marktkapitalisierung des gesamten Dow Jones beispielsweise beträgt etwa 3 Billionen US-$ und nur ein Bruchteil der Aktien ist frei verfügbar. Wenn nun die marktbeherrschenden Finanzfirmen in großem Stil Anleihen in frisch erzeugtes Notenbankgeld tauschen und sich mit diesem um die vergleichsweise wenigen aber billigen Realwerte streiten, kommt es zu jener Kursexplosion, die dem Ausbruch des Geysirs entspricht. Das Inflationspotential, das seit Jahren in den Anleihemärkten aufgebaut wurde, würde binnen weniger Monate seine Wirkung entfalten. Zumindest eine galoppierende, eher aber Hyper- Inflation wäre die Folge, denn mit der Flut an Notenbankgeld würden sich diejenigen, die dazu Zugang haben um sämtliche Asset-Klassen bis hin zum Flachbildfernseher prügeln. Durch die Preisexplosionen würden zugleich die weltweiten Schulden der Wertlosigkeit zugeführt.

Was folgt ist die Phase des

Niederschlags.

Dass es an diese Entwicklung anschließend zu Diskussionen über eine weltweite Neuordnung der Währungen und Finanzsysteme kommen würde kann angenommen werden. In dieser Phase beruhigt sich die Entwicklung, sortiert sich neu und das Spiel beginnt von vorne.

Ich komme an dieser Stelle zu meiner einleitenden Warnung zurück. So logisch dieser Ablauf auch klingt, so setzt er eine lineare Fortentwicklung der aktuellen Ereignisse zwingend voraus. Daher ist es auch der wahrscheinlichste Ablauf, aber es ist keineswegs sicher, dass es auch so kommt. Zahllose mögliche Entscheidungen der Notenbanken, Regierungen oder großer Investorengruppen kann jederzeit eine Veränderung dieser Abläufe herbeiführen.

So könnte China unter Aufbietung seiner mit 3,5 Billionen US-$ immer noch beachtlichen Währungsreserven und großangelegter Wirtschaftspakete noch einmal erfolgreich den Riemen wieder auf die Konjunkturmaschine werfen. Milliardeninvestitionen in das von China geplante gigantische Infrastrukturprojekt „Neue Seidenstraße“ beispielsweise. Die Landverbindung zwischen China und Europa, die den ganzen Kontinent befeuern könnte.

Die Nachfrage zöge wieder an, Amerika und Europa könnten wieder exportieren, die Industrie ihre Lagerbestände abbauen und die Unternehmensgewinne legten wieder zu. Das Ganze in Kombination mit dem noch immer billigen Geld der Notenbanken feuert die Märkte tatsächlich zu neuen Höchstständen an und wir würden wiederum Jahre gewinnen.

Alternativ gelingt es den Notenbanken im Verein mit den Regierungen die Anleihen gegen frisches Notenbankgeld langsam und sukzessive Aufzukaufen und dieses Geld geordnet in Investitionen – beispielsweise Infrastruktur – zu lenken.

Zwei Handlungsstränge, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Crash bis Boom…..alles ist realistisch möglich inklusive der dazwischenliegenden Varianten und niemand kann heute verlässlich sagen, welche dieser Entwicklungen uns in der nahen Zukunft wirklich erwartet.

Es sei noch einmal wiederholt, dass dieses Geysir-Szenario nur einer von vielen möglichen Entwicklungssträngen der Zukunft ist. Alle Zutaten dafür sind bereits vorhanden und angemischt.

Die Strategie um sich als Anleger auf ein solches Szenario einzustellen bleibt simpel: Jetzt schon jene reale Werte horten, um die man sich später prügeln wird, aber gleichzeitig die Depotabsicherungen vorzunehmen um damit beim möglichen Platzen der Blase gleichfalls über hinreichende Liquidität zum Nachkauf zu verfügen und auch in dieser Phase keine zu großen Verluste im Depot ertragen zu müssen. Der große Unterschied dieser Strategie zum beliebten „Dann bleibe ich auf meinem Geld sitzen, bis es billig ist!“ besteht darin, dass man auch dann erfolgreich ist, wenn das Geysir-Szenario nicht in absehbarer Zeit aufgeht und die Blase sich durch neuen Notenbankmaßnahmen noch viele Jahre weiter bläht.

Ein alter Grieche (ausgerechnet) sagte einst: „Wenn ich schon nicht weiß, was die Zukunft bringt, so muß ich auf jede Form der Zukunft vorbereitet sein.“ In diesem Sinne sollte auch der Anleger agieren. Ich selbst setze das im Dirk Müller Premium Aktien Fonds (Das soll nicht der Werbeblock sein, nur eine Anregung, wie man es machen kann ;-)) auch exakt deshalb so um. Ich investiere in die aus meiner Sicht besten und überlebensfähigsten Unternehmen der Welt und sichere das gesamte Depot gegen allzugroße Kurseinbrüche ab. Nach oben bin ich dabei, nach unten schlafe ich gut. Halten wir es wie Commander Janeway von der USS Voyager: „Rechne mit dem Schlimmsten und hoffe das Beste!“.

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