Bisher strebte die EZB an, die Inflationunter aber nahe bei zwei Prozent“ zu halten. Die umständliche Formulierung war ein Kompromiss und sollte signalisieren, dass die Inflation zwar in der Nähe von zwei Prozent liegen sollte, dass aber Abweichungen nach oben weniger tolerabel waren als solche nach unten.

Mit der am 8. Juli verkündeten Strategieänderung lautet das Inflationsziel einfach zwei Prozent und Abweichungen nach oben und unten sind ausdrücklich gleichwertig. Außerdem hat die EZB klargestellt, dass sie bereit ist, in ausgeprägten Niedrigzinsphasen eine Überschreitung des Zwei-Prozent-Ziels hinzunehmen. Im (übersetzten) O-Ton:

Wenn die Wirtschaft sich am unter Ende der nominalen Zinsskala bewegt, erfordert das eine besonders kraftvolle oder ausdauernde Geldpolitik, um zu verhindern, dass eine Inflation unterhalb des Ziels zur Gewohnheit wird. Das kann für vorübergehende Zeit auch moderate Überschreitung des Inflationsziels beinhalten (imply).“

Das bedeutet: Wenn die Wirtschaftslage trotz praktisch ausgereizter Zinspolitik schlecht oder labil ist, wird die EZB nicht wegen einer Überschreitung des Inflationsziels mit höheren Leitzinsen gegensteuern. Die Inflation zieht bereits an. Im Juni betrug sie 1,9 %. Wegen der sich zuspitzenden Warenknappheit in manchen Branchen, bisher vor allem auf der Ebene der Rohstoffe und Zwischenprodukte, dürfte sich diese Tendenz noch verstärken.

Wir dürfen also in den nächsten Jahren mit höherer Inflation bei weiterhin sehr niedrigen Zinsen rechnen. Das bedeutet, dass der inflationsbereinigte Zins noch stärker negativ wird. Banken müssen für Guthaben bei der EZB derzeit einen Negativzins von 0,5 % bezahlen, was bei einer Inflationsrate von zwei Prozent einem Realzins von minus 2,5 % entspricht.

Für Staatsanleihen der höchsten Sicherheitseinstufung AAA im Euroraum zahlen die Regierungen den Anlegern je nach Laufzeit zwischen minus 0,7 % bei Kurzläufern und plus 0,1 % bei 30-jährigen Anleihen. Inflationsbereinigt bedeutet das, dass selbst die Rendite von 30-jährigen Anleihen deutlich negativ ist. Die Finanzmarktakteure erwarten, dass der Leitzins auf Jahrzehnte hinaus niedriger liegt als die Inflation.

Straße ohne Wiederkehr

Eine Niedrigzinspolitik in diesem Ausmaß ist eine Einbahnstraße. Es gibt kein erträgliches Zurück zu einem Zinsniveau, wie es früher normal war. Um das zu verstehen, hilft es, zunächst zu analysieren, wie wir in diese Situation gekommen sind.

Neoliberal gewendete Regierungen haben in den 80ern die Inflation besiegt, indem sie die Gewerkschaften entmachtet und die Arbeitnehmer entrechtet haben. Wenn die Löhne nicht steigen, steigt auch die Inflation nicht.

Die stark verminderte Reaktion der Inflation auf niedrigere Zinsen, hat es den Zentralbanken ermöglicht, die Zinsen deutlich zu reduzieren. Das war auch nötig, um die Wirtschaft in Gang zu halten, weil die Unternehmen immer weniger investiert haben. Denn die für Investitionen nötigen Gewinne haben die Kapitalbesitzer in immer größerem Umfang per Aktienrückkäufen und Dividenden aus den Unternehmen gezogen.

Niedrige Zinsen führen auf vielerlei Weise zu steigenden Kursen und Preisen von Vermögenswerten, insbesondere von Aktien und Immobilien. Die Kapitalbesitzer wurden dadurch immer reicher. So war die Notenbankpolitik ein Haupttreiber für die zunehmende Vermögens- und Einkommensungleichheit.

Die lockere Geldpolitik führte zu Übersteigerungen, sogenannten Blasen, an den Aktien- und Immobilienmärkten. Die erste ganz große war die Dotcom-Blase, die um die Jahrtausendwende platzte. Erklärte Politik des damaligen US-Notenbankpräsidenten Greenspan war es, durch weitere Zinssenkungen und Regulierungsänderungen eine Ersatzblase am Immobilienmarkt aufzublasen, was auch sehr eindrucksvoll gelang.

Als diese noch größere Blase 2007 platze und mit der Lehman-Pleite 2008 zu einer sehr schweren Finanzkrise führte, verfolgte man die gleiche Strategie wieder. In bisher nicht gekanntem Umfang haben die Notenbanken zusätzliches Geld in den Finanzkreislauf gepumpt und die Leitzinsen unter Null gesenkt. Das hat bewirkt, dass die Aktien- und Immobilienpreise stark gestiegen sind, sogar in wirtschaftlichen Krisenzeiten wie während der Corona-Pandemie.

Nichts ist mehr normal

Zu normalen Zeiten folgen Zinserhöhungen auf vorübergehende Zinssenkungen. Läuft die Wirtschaft schlecht, oder leiden die Aktienmärkte, werden die Zinsen gesenkt. Alle erwarten, dass das vorübergehend ist, sodass sich die Senkung der Leitzinsen nur moderat auf die längerfristigen Marktzinsen auswirkt.

Die beschriebenen Effekte auf die Aktien- und Immobilienpreise sind entsprechend moderat und umkehrbar, wenn die Wirtschaft und/oder die Aktienkurse wieder anziehen.

Ganz anders derzeit. Die Geldmengenausweitung und Zinssenkung dauern schon so lange und haben so wenig zur wirtschaftlichen Belebung beigetragen, dass in allen Finanzmarktpreisen die Erwartung enthalten ist, dass die Leitzinsen extrem lange extrem niedrig bleiben. Entsprechend verheerend wären merkliche Zinserhöhungen. Es bräuchte schon einen ausgeprägten Wirtschaftsboom, damit Unternehmen und Aktienmärkte eine deutliche Zinserhöhung verkraften könnten. Es ist nicht zu sehen, wo dieser Boom herkommen sollte.

Kein Zins, keine Kapitalerträge

Der Zins ist eine wichtige Säule des Kapitalismus. Zwar können die Kapitalbesitzer auch über Wertsteigerungen bei sinkenden Zinsen Geld aus der Wirtschaft ziehen. Aber das ist ein Spiel das nur begrenzte Zeit gespielt werden kann. Die EZB hat mit ihrer Strategieänderung die Voraussetzungen geschaffen, es noch eine Weile länger zu spielen. Aber man kann die Zinsen nicht immer weiter senken. Irgendwann ist Schluss mit Zinssenkungen und den dadurch bewirkten Vermögenswertsteigerungen. Wenn dieser Punkt bei stark negativen Zinsen und labiler Wirtschaft erreicht wird, ist der Kapitalismus am Ende.

Meine Lesart ist, dass die großen Kapitalbesitzer und ihre Interessenvertreter derzeit daran arbeiten, die Gesellschaft so umzubauen, dass sie ihre Macht und ihren Wohlstand behalten können, wenn dieser Punkt erreicht ist. Sie werden hoffentlich scheitern mit ihrem monströsen Plan. Dann bietet der Crash die Gelegenheit, eine soziale, wettbewerbliche Marktwirtschaft ohne Kapitalismus aufzubauen.

Das Buch „Endspiel des Kapitalismus: Wie die Konzerne die Macht übernahmen und wie wir sie zurückholen“ erscheint im Oktober bei Quadriga. Autor und Verlag freuen sich sehr über Vorbestellungen, die bereits möglich sind.

 

 

 

 

Dieser Beitrag erschien zuerst auf dem Blog von Norbert Häring. Vielen Dank für die Erlaubnis ihn übernehmen zu dürfen!