Wie gestern bekannt wurde, plant die größte japanische Bank, die Bank of Tokyo Mitsubishi UFJ, Ltd. (BTMU), nicht mehr am Bieterverfahren für neue japanische Staatsschulden teilzunehmen. Der als sogenannter „Primary Dealer“-Club bekannte exklusive Kreis aus 22 inländischen und ausländischen Banken ist verpflichtet, bei jeder Begebung von kurz-, mittel- und langfristigen Staatsschulden – den Japan Government Bonds (JGBs) – ein verbindliches Angebot über mindestens 4% der Emittenzmasse abzugeben. Mitgliedschaft in diesem Zirkel berechtigt unter anderem zu exklusiven Treffen mit Mitarbeitern des Finanzministeriums und Sonderkonditionen bei der Geldvergabe durch die Bank of Japan. Der „Primary Dealer“-Club wurde 2004 geschaffen, um die Preisfindung bei neu begebenen Schuldtiteln transparenter zu machen. Es gab bereits in der Vergangenheit Austritte aus dem Primary Dealer Club, doch waren dies ausschließlich ausländische Banken und der Austritt war meist internen Restrukturierungsmaßnahmen geschuldet. BTMU wäre die erste japanische Bank, die diesen Schritt gehen würde.

BTMU war bisher unter den japanischen Banken der größte Teilnehmer beim Bieterverfahren, stieß aber – genauso wie die anderen beiden großen japanischen Banken Sumitomo Mitsui und Mizuho – im Laufe der vergangenen drei Jahre immer mehr Anteile ab und beteiligte sich immer zurückhaltender an den Auktionen für Neuemissionen. War BTMU bis Frühjahr 2015 noch der fünftgrößte Halter an JGBs unter den 22 Primärbanken, fiel sie bis März 2016 auf den zehnten Platz. Insgesamt haben die Geschäftsbanken seit Anfang 2013, als die Bank of Japan ihr quantitatives Lockerungsprogramm mit dem aktiven Ankauf von Staatsanleihen begann, um ca. 30% heruntergefahren und halten mittlerweile nur noch umgerechnet 1,9 Billionen EUR von insgesamt ca. 7,4 Billionen EUR in japanischen Staatsschulden (JGBs).

Im Gegensatz hierzu hält die japanische Zentralbank mittlerweile 32% aller ausstehenden JGBs und erhöht ihren Anteil mit jeder neuen Schuldtitel-Emission: dieses Jahr muß sie bereits über 90% oder umgerechnet ca. 1 Billion EUR der neu begebenen JGBs aufkaufen, um die Zinsen niedrig zu halten.

Zum Vergleich: 75% der Gesamtschulden in Japan sind Staatsschulden. In Deutschland sind es 54%, in den USA 44%, in Griechenland 58% und in Italien 66% (Zahlen 4. Quartal 2015; Bank für Internationalen Zahlungsausgleich).

80 Prozent aller ausstehenden japanischen Staatsanleihen rentieren inzwischen negativ

Mittlerweile notieren 80% aller ausstehenden JGBs mit bei einem effektiven Negativzins, Tendenz steigend. Der mit den Aktivitäten der Bank of Japan einhergehende „Crowding Out“-Effekt, also das Verdrängen anderer Marktteilnehmer durch die beherrschende Stellung eines Einzelnen, schickt die Liquidität auf Talfahrt – es gibt zu wenige aktive Bieter im Markt, um einen fairen Preis zu erzielen. Wer JGBs kaufen oder verkaufen will, sieht sich zunehmend mit nur einem einzigen Marktteilnehmer konfrontiert: der Zentralbank selbst. Niedrige Liquidität führt zu hoher Volatilität und die Volatilität im normalerweise sehr zähen und aufgrund der schieren Größe langweiligen JGB-Markt stieg im 60-Tage-Fenster auf mehr als 5% an. Ausschläge dieser Art hat der JGB-Markt seit mehr als anderthalb Jahrzehnten nicht mehr gesehen.

Zur Zeit sind alle Laufzeiten bis auf die extrem langfristigen (30 Jahre) bei den japanischen Bonds mit Negativzinsen belegt. Das heisst, man muss dafür bezahlen, um Schulden des japanischen Staates zu erwerben. Bei einer nominalen Verschuldungsrate von 250% des japanischen BIP ein einzigartiges Paradoxon.

Der mögliche Ausstieg der größten japanischen Bank aus dem exklusiven Club sollte allerdings noch nicht überschätzt werden: Wie oben bereits erwähnt, fällt der Marktanteil der japanischen Geschäftsbanken im JGB-Markt immer weiter und der Ausstieg eines einzelnen Marktteilnehmers hat somit nur begrenzt Auswirkungen – auch vor dem Hintergrund, daß die japanische Zentralbank als marktbeherrschender Teilnehmer die Macht hat, die Preise zu stabilisieren und einen plötzlichen Zinsanstieg (und damit einhergehenden Preisverfall der JGBs) zu verhindern. Noch.

Doch bereits jetzt hält die Zentralbank mehr JGBs als der Privatsektor – das erste Mal seit 40 Jahren. Diese Entwicklung wird wohl kaum wieder rückgängig gemacht werden können, im Gegenteil: Der mögliche Ausstieg der BTMU könnte Signalwirkung auf die anderen Teilnehmer haben und Nachahmer finden. Wäre der Stein erst einmal ins Rollen gebracht, könnte wohl auf die Bank of Japan nicht mehr stabilisierend eingreifen.

Was mich persönlich an diesem Schachzug allerdings erstaunt, ist die Offenheit, mit der die größte und am besten mit der politischen Elite Japans verflochtene Bank dem Kaiser sagt, daß er keine Kleider trägt. Eine Zäsur in der sonst so auf Harmonie bedachten japanischen Finanzwelt.