In Irland führt die Finanzkrise direkt in die politische Krise. Der Ministerpräsident wird als „Dead Man walking“ bezeichnet, ein Regent auf Abruf. In Griechenland brennen die Autoreifen. Die Griechen wehren sich gegen die Sparmaßnahmen, die sie als ungerecht empfinden. In Deutschland herrscht Ruhe. Doch die Gesellschaft droht auseinanderzubrechen.

Seit seiner Gründung setzt Deutschland (mit unseliger 1000jähriger Unterbrechung) auf den Konsens. Bismarck setzte dem meuternden Volk die Sozialversicherung entgegen und verhinderte so eine Revolution. Es wurde nicht so konsequent guillotiniert wie in Frankreich, der Adel behielt seine Namen, seine Ländereien und kann heute sogar den Verteidigungsminister stellen.

Nach dem zweiten Weltkrieg packten Menschen aller Gesellschaftsschichten gemeinsam an. Das Credo „Wohlstand für alle“ erfüllte sich, weil alle Beteiligten an einem Strang zogen. „Maß halten“ - auch dieser Appell wurde von allen ernst genommen.

Sogar als die Mauer fiel und klar wurde, dass die Einheit über die Plünderung der bis dahin gesunden Sozialsysteme finanziert werden sollte, ging kein Mob auf die Straße. Schließlich stand das Versprechen im Raum, die Renten seien sicher und irgendwie glaubten die Menschen daran.

Die deutsche Gesellschaft ist eine Konsensgesellschaft. Davon lebt sie und darauf baut sie. Doch dieser gesellschaftliche Konsens wird gerade aufgekündigt. Den Anfang machten die Vorstände diverser Landesbanken und eines an dieser Stelle mehrfach genannten Skandalinstituts mit Sitz in München. Selten wurden Maßlosigkeit und unehrenhaftes Verhalten so offen ausgelebt wie hier. Als die Asienkrise ausgebrochen war, sah man in Tränen aufgelöste Bankmanager, die kurz vor dem Harakiri zu stehen schienen. Ohne dem Suizid das Wort reden zu wollen: Das macht mehr Eindruck als der Satz: „Bank vor der Wand. Wo ist der Bonus?“

Auch die teilverstaatlichte Commerzbank macht nicht gerade die beste Figur, wenn sie sich die Bilanz so lange schlecht redet, bis sie für geliehene Staatsknete – und damit die Steuergelder ihrer Kunden – keine Zinsen mehr zahlen muss. Der aufrechte Kaufmann alter Prägung hätte den letzten Cent locker gemacht, um zumindest ein Signal zu setzen. Wie viele Eigenheime hat diese Bank in der Zeit liquidiert, weil Kunden, die zahlen wollten, nicht zahlen konnten?

Sie haben alle nichts aus der Krise gelernt. Sie wollen weiter maximale Eigenkapitalrendite bei minimalem Risiko. Denn wenn sie verlieren, zahlt ja der Staat. Das ist anstrengungsloser Wohlstand und nicht die 3,50 Euro, um die die allein erziehende Mutter kämpft, um für ihr Kind eine Viertel Stunde Flötenunterricht zu ermöglichen.

Womit wir beim Thema bleiben, denn der gesellschaftliche Konsens ist auch von der Politik aufgekündigt worden. Wer kein Atomkraftwerk oder Hotel betreibt, muss löhnen.

Die Folgen der Krise werden nicht gleichmäßig auf allen Schultern verteilt. Das ist unfair, ungerecht und beschädigt das Gemeinwohl. Wie lange sich unsere Gesellschaft wohl mit Terrorwarnungen und „zufällig“ drei Tagen darauf erfolgenden Zugriffen sowie mit „Aufschwung XXL“-Parolen bei Laune halten lässt?