Neun Jahre ist es nunmehr her, dass ich meinen ersten Fallschirmsprung absolvierte. Am 6. Juni 2004 wurde mein Kindheitstraum vom Fliegen wahr und ich sprang im Rahmen eines sogenannten AFF-One-Jumps [1] unter den Fittichen zweier Lehrer über Marl in Nordrhein-Westfalen aus einem Flugzeug. First AFF Jump in 2004

Ein Jahr zuvor – fast auf den Tag genau – verlor Jürgen W. Möllemann am 5. Juni 2003 an gleicher Stelle sein Leben. Was geschah wirklich an diesem Tag? Beharrlich halten sich bis heute Gerüchte und Mordtheorien zu seinem Tod. Einen Selbstmord dieser Kämpfernatur halten viele auch heute noch für ausgeschlossen. Grundlagen der Theorie einer Ermordung des FDP-Politikers waren und sind vor allem sein Amt als Präsident der Deutsch-Arabischen Gesellschaft, seine Beziehungen in den nahen Osten und ein Flyer, den er im Rahmen des Bundestagswahlkampfes 2002 auf wohl eigene Rechnung an alle Haushalte in NRW verteilen ließ.

Möllemann griff in diesem Flugblatt Israels Premierminister und den Journalisten Michel Friedmann scharf an. Der Flyer wurde von den Medien als antisemitisch gebrandmarkt und die Diskussion, ob die Kritik Möllemanns berechtigt und erlaubt war schlug in Deutschland hohe Wellen. Zudem berichtet jetzt – zehn  Jahre nach seinem Tod – die BILD-Zeitung über einen rätselhaften Brief, den Möllemanns Freund und Vertrauter Wolfgang Kubicki im April 2003 von ihm erhalten habe. Der Inhalt des Briefes und die (lt. BILD) Aussage Kubickis „Er fühlte sich verfolgt und beobachtet. Er dachte, man wolle ihm ans Leder.“ dürfte der Mordtheorie weitere Nahrung geben.

10 Jahre nach Todessprung: Möllemanns letzter Brief aufgetaucht

Zunächst einmal sei gesagt, dass dieser angeblich mysteriöse, bisher unbekannte Brief schon lange bekannt ist, wird er doch bereits in der sehenswerten 3SAT-Dokumentation

Der Tag als Jürgen Möllemann in den Tod sprang [2]

von 2007 (ab Min. 40:35) ausführlich erwähnt. BILD hat am zehnten Todestag Möllemanns einfach einen alten Hut aus dem Regal geholt und ihn als neue Entdeckung verkauft. 

Des Weiteren möchte ich Ihnen – als nunmehr mit über 400 Sprüngen (seit 2008) fortgeschrittener Fallschirmspringer – Einblick in den Fall Möllemann geben und zwar auf der Grundlage von Fakten, Berichten von Springerkollegen und den technischen Besonderheiten eines Fallschirmsystems.

Natürlich hat mich der Fall Möllemann zu Beginn meiner Springerei brennend interessiert und ich habe alle Berichte meiner Springerfreunde und -kollegen, die am 5. Juni 2003 in Marl anwesend waren und/oder mit ihm im Flugzeug saßen in mich aufgesogen. Anhand dieser Tatsachenberichte von Augenzeugen kann ein Mord völlig, ein Unfall zu 99,9 Prozent ausgeschlossen werden, wie ich im folgenden zeigen werde.  

Punkt 1: Möllemann hinterlegt seine Autoschlüssel und seine Telefonnummer am Manifest

Die Springerin S., die an diesem Tag Dienst im Manifest [3] hatte, berichtete mir, dass Jürgen Möllemann nach seiner Ankunft seine Autoschlüssel und eine Telefonnummer für den Notfall bei ihr hinterlegte. Sie fand dieses Verhalten merkwürdig, da ungewöhnlich (es gibt Fächer und/oder Ablageplätze, an denen Springer ihre Kleidung und persönlichen Sachen deponieren können), kam aber in diesem Moment gedanklich nicht zu dem Schluss, dass eine eventuelle Selbsttötungsabsicht dahinter stecken könnte. Und selbst wenn meiner Springerkollegin dieser Gedanke in den Sinn gekommen wäre, gehört natürlich eine Menge Mut dazu, einen solchen Verdacht auch zu äußern. Erst im Nachhinein wurde ihr das komische Bauchgefühl, das sie bei der Übergabe der Schlüssel und der Telefonnummer durch Möllemann hatte, bewußt und auch bestätigt.

Punkt 2: Die Mär von der gegenseitigen strengen Kontrolle vor einem Fallschirmsprung     

Es ist grundsätzlich nicht so, dass wir Springer unsere Ausrüstung gegenseitig vor einem Sprung kontrollieren. Jeder ist für den ordnungsgemäßen Zustand seiner Ausrüstung selbst verantwortlich. Man kann natürlich einen Check vornehmen lassen, es besteht aber keine Pflicht. Eine Ausnahme bilden natürlich Springer im Schülerstatus, die grundsätzlich und intensiv vor jedem Sprung gecheckt werden. Ansonsten achtet man natürlich auf seine Kollegen und weist daraufhin, wenn einem ein Fehler (zum Beispiel eine geöffnete Schulterklappe oder falsch angelegter Brustgurt) auffällt. Und natürlich erinnert man seine(n) Mitspringer an Cypres, in dem man fragt, ob es eingeschaltet wurde. Die verschiedenen Berichte, dass sich Möllemann der Kontrolle „entzogen“ hat, suggerieren eine Pflicht, die so nicht existent ist. Tatsache ist, dass es niemand verhindern kann, wenn sich jemand beim Fallschirmspringen selbst töten möchte.

Punkt 3: Das nicht eingeschaltete Notfallsystem

Ebenso verhält es sich mit dem Notfallsystem, das an fast jedem Sprungplatz der Welt verpflichtend vorgeschrieben ist. Marktführer bei den Notfallsystemen (Automatic Activation Device - AAD) ist die deutsche Firma Airtec GmbH & CO. KG Safety Systems. Ihr „Cypres“ genanntes AAD – mit dem auch Möllemanns Fallschirm ausgerüstet war – ist ein bewährtes System, das während eines Sprungs ständig die Höhe und Geschwindigkeit des Springers misst. Beträgt die Freifallgeschwindigkeit eines Skydiver mehr als 35 m/s löst Cypres in einer Höhe ab etwa 225 Metern automatisch den Reserveschirm aus.

Ein solches oder ähnliches System ist zwar an fast allen Sprungplätzen verpflichtend vorgeschrieben, jedoch werden Springer nicht dahingehend kontrolliert, ob es auch eingeschaltet wurde. In den meisten Fällen ist das auch gar nicht möglich, da es sich bei vielen Fallschirmen im Rückeninnenteil befindet, der nicht mehr eingesehen werden kann (Ausnahme: Schülergurtzeuge), wenn das Gurtzeug angelegt wurde. Im Klartext bedeutet das beispielsweise in meinem Fall, dass keiner meiner Springerkollegen vor einem Sprung weiß, ob ich es eingeschaltet habe oder nicht. Auch hier gilt, dass ein jeder für seine Ausrüstung selbst verantwortlich ist. Schließlich betreiben wir einen Sport, der eine Menge Selbstdisziplin verlangt und sind keine Selbsthilfegruppe für eventuell suizidgefährdete Personen. Das Einschalten des Geräts ist für mich zu einem festen Ritual geworden und es ist das erste, was ich tue, wenn ich den Schirm am Sprungplatz aus meinem Rollkoffer nehme.

Dieser Öffnungsautomat wurde vom Sprungdienstleiter direkt nach dem Einschlag Möllemanns kontrolliert und es stellte sich heraus, dass er nicht eingeschaltet war. Des Weiteren wurde die volle Funktionstauglichkeit des Gerätes festgestellt. Auch muss ein Fallschirmsystem in Deutschland einmal im Jahr von einem Fallschirmwart oder –techniker kontrolliert werden und erhält dann die Lufttauglichkeitsbescheinigung und Verplombung für ein weiteres Jahr. Ein Defekt oder Manipulation des Öffnungsautomaten an Möllemanns Fallschirm ist auszuschließen.

Punkt 4: Der Verzicht auf einen Formationssprung und Möllemanns Verhalten im Flugzeug

Verschiedene Springer berichteten mir, dass Jürgen Möllemann während des Steigflugs sehr in sich gekehrt war und ungewöhnlich ruhig. Einerseits verständlich aufgrund seiner Situation (Hausdurchsuchung/Aufhebung seiner Immunität als Bundestagsabgeordneter. Andererseits ist es in meinen Augen ungewöhnlich, in einer solch angespannten persönlichen Situation überhaupt einen Fallschirmsprung durchzuführen.

Zudem hatte Möllemann die Teilnahme an einem gemeinsamen Formationssprung mit anderen Springern abgelehnt. Dieses Verhalten ist unter Springern als sehr ungewöhnlich zu betrachten. Tatsächlich gibt es nur wenige Lizenzspringer, die einen Solosprung bevorzugen. Dazu gehören beispielsweise Zielspringer, denen es wichtig ist an einer vorgegebenen Stelle zu landen. Zielspringer springen in der Regel jedoch immer aus geringerer Höhe (1500 m) ab, da Formationen (RW) im Freifall nicht zu ihrem Repertoire gehören. Für einen erfahrenen RW-Springer [4] ist ein Solosprung in etwa so langweilig, wie beispielsweise alleine Fußball oder Tischtennis zu spielen. Für mich persönlich gilt, dass ich mir das Geld (€ 26,-) für einen Solosprung lieber spare, wenn ich am Platz keine Teamkameraden finde, die mit mir zusammen in die Luft gehen. Von daher ist das Verhalten Möllemanns auf einen Formationssprung zu verzichten, als ungewöhnlich zu betrachten. Trotzdem ist es durchaus möglich, dass er einfach keine Lust dazu hatte. Und es ist natürlich auch ohne weiteres möglich, eine Formation zu springen und sich im Anschluss selbst zu töten. Doch kann der Umstand des Verzichts auf die schlechte, seelische Gemütsverfassung des Jürgen Möllemann zu diesem Zeitpunkt schließen lassen. Er wollte wohl lieber allein sein. Trotz allem stellt dieser Punkt nur meine persönliche Betrachtung und eine Mutmaßung über die seelische Verfassung Möllemanns meinerseits dar.

Punkt 5: Der letzte Flug des Jürgen W. Möllemann

Möllemanns Hauptschirm öffnete sich ordnungsgemäß in ausreichender Höhe. Er hatte genug Zeit mit diesem vollfunktionsfähigen und lenkbaren Schirm von der Öffnungsstelle bis zum Platz zu fliegen. Dazu muss gesagt werden, dass ich in den letzten Jahren ab und an die Gelegenheit hatte, Springer zu beobachten, die die Notfallprozedur – also das Abtrennen des Hauptschirms und ziehen der Reserve – durchführen mussten. Ob ein Schirm nach der Öffnung flugfähig ist, kann man vom Boden aus gut erkennen. Gründe für ein Abtrennen des Hauptschirms sind für einen Springer nach dem Ziehen des Hand Deploy stets schnell erkenn- und fühlbar. Entweder passiert nach dem Ziehen (Pull) gar nichts, was bedeutet, dass der Schirm (Fachjargon: Kappe) aus irgendeinem Grund im Hauptcontainer (Rig) oder Pod (halbgeöffnete Tasche in dem sich der Fallschirm befindet) verblieben ist oder der Springer erfährt nach dem Pull starke, nicht mehr ausgleichbare Drehungen. Als weitere Störungen können ein nicht behebbares Eindrehen oder unvollständiges Entfalten des Schirms auftreten, das sich auch durch "Pumpen", d.h. kräftiges, gleichmäßiges Durchziehen der Steuerleinen nicht beheben lässt. Weitere Gründe für das Abtrennen des Hauptschirms sind beschädigte oder gerissene Leinen oder Leinenüberwürfe, die die Flugeigenschaften der Kappe stark beeinträchtigen.

Das eine dieser Gründe bei Möllemann vorlag, ist nach den Augenzeugenberichten meiner Springerkameraden auszuschließen. Bei seinem Flug zum Platz waren keine Probleme erkennbar.

Punkt 6: Das Abtrennen der Hauptkappe

Für das Abtrennen der Hauptkappe, das von Möllemann durchgeführt wurde gab es also keinen Grund. Mir persönlich ist zudem kein Fall bekannt, bei dem ein Schirm plötzlich während des Fluges funktionsunfähig wird. Und selbst beim theoretisch möglichen Reissen einer oder beider Steuerleinen während des Fluges muss die Hauptkappe nicht zwingend abgetrennt werden, da man auch mit den hinteren Risern (Gurte) die Kappe lenken und vor der Landung abbremsen kann.

Ein Gerücht, das in manchen Foren verbreitet wurde besagt, dass der Reservegriff von Möllemanns Fallschirm nie gefunden wurde. Auch das ist nicht richtig. Der Reservegriff befand sich nach dem Aufprall vollfunktionsfähig am System. Es fehlte das Trennkissen, mit dem man im Fall einer Reserve die Hauptkappe zunächst abtrennt, um sicherzustellen, dass der Reserveschirm sich nicht mit dieser verheddert oder man mit zwei Schirmen fliegen muss. Die Polizei suchte die Umgebung um den Einschlagspunkt sehr sorgfältig nach diesem Kissen ab. Es wurde später von einer mir persönlich bekannten Person nahe der Start- und Landebahn gefunden.

Hätte man sich seitens der Polizei beim Tower oder den Springern über die ungefähren Abtrennkoordinaten, Windstärke und -richtung zum Abtrennzeitpunkt informiert, hätte dieses leichte, vom Wind verwehte Kissen sehr viel leichter gefunden werden können. Die Polizei hatte an völlig falschen Stellen nach diesem Trennkissen gesucht.

Resümee

Meiner Einschätzung nach, handelte es sich beim Tod des Jürgen W. Möllemann zu 99,9 Prozent um Selbstmord. Wahrscheinlich eine Kurzschlussreaktion, die gar nicht lange vorher geplant war. Vielleicht wusste er beim Besteigen des Flugzeugs noch nicht einmal, ob er überhaupt zum Selbstmord fähig sein würde. Vielleicht hatte er dieses Vorhaben schon länger im Kopf und es dann einfach mehr oder weniger in einer Kurzschlussreaktion ausprobiert. 

Doch kann ein Unfall nicht gänzlich ausgeschlossen werden, obwohl es dafür kaum Anhaltspunkte gibt. Die einzige Möglichkeit wäre, dass das Trennkissen versehentlich von Möllemann entfernt wurde. Dabei ist allerdings zu bedenken, dass diese Aktion nicht wenig Kraft erfordert. Es reicht keinesfalls aus, es nur zu berühren oder ein wenig mit geringem Kraftaufwand daran zu ziehen.

Gleichzeitig müsste Möllemann tatsächlich vor dem Sprung vergessen haben, sein Cypres-System zu aktivieren und das obwohl er einem Springer bestätigt hatte, es angeschaltet zu haben. Gleichzeitig hätte er nach dem versehentlichen Abtrennen des Schirms ohnmächtig werden oder einen Blackout gehabt haben müssen. Gegen die Ohnmacht spricht, dass er in stabiler Freifallhaltung eingeschlagen ist. Gegen den Blackout spricht, dass er ein erfahrener Fallschirmspringer war, der schon zuvor in Situtionen war, in denen die Reserve gezogen werden musste.

Mord ist hingegen im Fall Möllemann zu 100 Prozent ausschließbar. Es gibt überhaupt keine Anzeichen dafür, dass sein Fallschirm in irgendeiner Weise manipuliert war. Sein letzter Flug zum Platz, das Abtrennen eines funktionsfähigen Hauptschirms, sein Todessturz in stabiler Bauchlage sprechen mehr als eindeutig für Selbstmord.

[1] Accelerated Freefall (AFF)

Die AFF-Ausbildung wurde in den USA entwickelt. Sie ist in sieben Levels gegliedert, bei jedem gibt es bestimmte Lernziele, die der Schüler erreichen muss. Pro Level ist ein Sprung geplant; erreicht der Schüler die Lernziele nicht, muss der Sprung wiederholt werden.

Nach der Theorieausbildung mit praktischen Übungen springt der Schüler mit zwei speziell ausgebildeten, sehr erfahrenen Sprunglehrern bereits bei seinem ersten Sprung aus rund 4000 m Höhe. Die beiden Lehrer halten den Schüler bereits im Flugzeug an Armen und Oberschenkeln und springen zu dritt gemeinsam aus dem Flugzeug. Im Freifall macht der Schüler bestimmte Übungen, von den Lehrern bekommt er Handzeichen zur Verbesserung der Körperhaltung. In der richtigen Höhe öffnet der Schüler selbst seinen Hauptschirm. Erst wenn der Schirm des Schülers aufgeht, lassen die Lehrer los. Mit jedem Level kommen weitere Aufgaben hinzu. Ab dem vierten Level ist nur noch ein Lehrer dabei. Am offenen Fallschirm wird der Schüler meist durch Funk unterstützt, damit er auch eine sichere Landung im vorgesehenen Landegebiet hat.

Wurde der siebte Level erfolgreich abgeschlossen, darf der Schüler nun alleine aus einem Flugzeug springen, bis er die für die Lizenzprüfung vorgeschriebene Sprunganzahl erreicht.

[2] Möllemann-Dokumentation: "Kämpfen, Jürgen, kämpfen!"

[3] Manifest: Als „Manifest“ wird an einem Sprungplatz das Büro oder der Counter genannt, an dem sich die Springer für einen Sprung eintragen (manifestieren).

[4] Relative Work (RW) = Formationssprünge in klassischer Freifallhaltung (Bauchlage)

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