Liebe Cashkurs-Community. Seit meinem ersten Artikel hier auf Cashkurs sind mittlerweile sechs Jahre vergangen. Dieser, dessen Einleitung Sie gerade lesen, ist der 100ste. Diesen Anlass möchte ich gerne nutzen, um erstmals einen Meinungsbeitrag zu schreiben. Er setzt sich mit den Mainstream-Medien und den Alternativen Medien auseinander.

Was ist da bloß los auf der Welt? Die Tage scheint sie sich die Erde schneller zu drehen als sonst. Leitindizes weltweit brechen ein, und in den weltweiten Konfliktherden brodelt es zunehmend. Die Silvester-Ereignisse in Köln haben zu einem Schockmoment in der breiten Öffentlichkeit geführt und die Flüchtlingsfrage angeheizt. Immer mehr Menschen im Lande gelangen zur Meinung, dass der soziale Frieden auf dem europäischen Kontinent bzw. in Deutschland auf der der Kippe steht. Willkommen im komplexen und undurchsichtigen Informationsflut-Zeitalter des 21. Jahrhunderts! Doch dank des Bildungsauftrages der öffentlich-rechtlichen Medienanstalten werden wir zuverlässig informiert. Die Welt sortiert sich neu, und die Massenmedien ordnen die Ereignisse für uns ein – zumindest versuchen sie es irgendwie...

Das Vertrauen in die klassischen Massenmedien schwindet kontinuierlich. Vor zwei Jahren hagelte es den Ukraine-Konflikt betreffend Leserbriefproteste in die Tagesschau-Redaktion. Der Vorwurf der einseitigen und mangelhaften Berichterstattung wurde sogar auch vom Programmbeirat des ARD erhoben. Das an die Öffentlichkeit gesickerte vertrauliche Papier machte in den Sozialen Medien rasch die Runde. Die Sozialen Netzwerke im Internet sind längst zu virtuellen Treffpunkten des enttäuschten Publikums geworden. Diejenigen, die sich nicht ernst oder wahr genommen fühlen, weichen auf alternative Nachrichtenplattformen aus. Die entstehenden Gruppendynamiken unter Gleichgesinnten bilden soziale Gegenbewegungen zum massenmedialen Establishment. Teile der Alternativen Medien stehen geradezu auf Kriegsfuß mit der Mainstream-News-Maschinerie. Die beiden Parteien versuchen sich in einem regelrechten Medienkrieg gegenseitig zu denunzieren. Der „ARD-Leak“ stellt für die Kritiker einen Beweis dar, dass sie richtig liegen. Ist da etwa an der Anschuldigung bezüglich Lügenpresse etwas dran?

Quellenüberprüfung: oft mangelhaft

Die Verwendung des Nazi-Kampfbegriffs „Lügenpresse“ ist verfänglich. Ob oppositionelle Gruppierungen wie Pegida bewusst eine Anleihe an der Goebbels-Rhetorik nehmen? Es handelt sich bei der Kritik nicht unbedingt um ein vermeintlich bewusstes Verbreiten von Unwahrheiten trotz besseren Wissens. Sondern eher um Zeit- und Personalmangel im Journalismus, der schon seit Jahren beklagt wird. Eine Studie aus dem Jahr 2009 stellte fest, dass sich die Journalisten durchschnittlich nur 60 Sekunden pro Tag Zeit nehmen, um Quellen zu überprüfen. Sorgfältige Recherche sieht anders aus. Das kann nicht als Rechtfertigung dienen. Es ist jedoch eine mögliche Erklärung.

Alle Mainstream-Journalisten über einen Kamm zu scheren, wird dem gewaltigen Räderwerk der News-Industrie, von dem sie umgeben sind, nicht gerecht. Je weiter man die Hierarchie-Leiter bei einer analytischen Betrachtung hochklettert, desto berechtigter wird die Fragwürdigkeit. Werden die Journalisten von oben her absichtlich mit Desinformationen beliefert, die sie dann zu Nachrichten zusammenbauen sollen? Wie die Kabarett-Sendung „Die Anstalt“ im ZDF darstellte, kommt es in diskreten Think Tanks zu bedenklichen Verbindungen zwischen den Mainstream-Medien, der NATO, der Wirtschaft, der Rüstungsindustrie und der Politik. Es wird aufgezeigt, dass Redakteure und Journalisten die Bundesregierung beraten, die sie eigentlich kritisieren müssten.

Claus Kleber als leitender Chefredakteur des heute-journal wird dieses Thema wohl kaum in den allabendlichen Hauptnachrichten bringen, geschweige denn ausbreiten. Denn dann müsste er, wie Max Uthoff und Claus von Wagner es in „Der Anstalt“ taten, erwähnen, dass er selbst Mitglied im Aspen Institute Deutschland ist. Außerdem ist er Mitglied einer Stiftung der Atlantik-Brücke e.V.. Die Atlantik-Brücke beschreibt sich selbst als eine Organisation, die privat, gemeinnützig und überparteilich ist. Wie auf ihrer Website zu lesen ist, treffen sich deutsche und amerikanische Entscheidungsträger aus Wirtschaft, Politik, den Streitkräften, der Wissenschaft, den Medien sowie der Kultur und führen vertrauliche Gespräche. Was die Herrschaften wie Hillary Clinton, George Bush sen., Vorstandsmitglieder der Deutschen Bank und der Bundesbank, der BILD-Chefredakteur, Angela Merkel und Hunderte andere fernab der Presse im „privaten Kreis“ so alles überparteilich (!) in punkto Militäreinsätze, Medienstrategie etc. vertraulich besprechen, bleibt ihr kleines Geheimnis.

Vielleicht sollten sich die Moderatorinnen und Moderatoren der Öffentlich-Rechtlichen, die in TV-Talkshows sich selbst und ihre Kollegen vehement verteidigen, mal folgende Möglichkeit vor Augen halten: Der leitende Chefredakteur des heute-journal sucht handverlesene Ressortleiter aus, die seiner Redaktionslinie folgen. Sie wiederum stellen loyale Mitarbeiter ein, welche ebenfalls eigene gefällige Mitarbeiter engagieren. Diese müssen dann in einem Umfeld arbeiten, in dem Zeit- und Personalmangel herrscht und kaum Zeit zur obligatorischen Quellenprüfung bleibt. Kann es dann eventuell sein, dass das Nachrichten-System doch nicht so einwandfrei funktioniert?

Darf man auch für die öffentlich-rechtlichen Medien eine Lanze brechen?

Zurück zum politischen Kabarett: „Die Anstalt“ leistet kritischere Hintergrund-Recherche als die regulären Nachrichtensendungen. Die Sendung wird im Mainstream ausgestrahlt. Insofern muss auch eine Lanze für die öffentlich-rechtlichen Massenmedien gebrochen werden – jedenfalls stellenweise betrachtet. Für derartige Informationen sind insbesondere klassische Polit-Magazine wie „Panorama“, „Report Mainz“, „Frontal 21“ & Co zuständig. Das Fernsehmagazin Monitor ging schon einige Male durchaus kritisch mit der NATO ins Gericht, was den Ukraine- oder den Syrien-Konflikt betrifft. Bezüglich der Ukraine zeigten sie den Einfluss sowie die Interessen der westlichen Energiekonzerne auf. Doch auch derartige Formate im Mainstream stehen in Kritik. Im Juli letzten Jahres veröffentlichte die gewerkschaftsnahe Otto-Brenner-Stiftung eine Studie, dass die Magazine zu spät berichteten und zu unpolitisch seien. „Fakt“ und „Kontraste“ wurde gewissermaßen sogar die Existenzberechtigung abgesprochen.

Wo bleiben heutzutage die investigativen Journalisten vom Schlag eines Rudolf Augstein, der es vermochte, einen mächtigen Verteidigungsminister wie Franz Josef Strauß zu Fall zu bringen? Da beschließt die Bundesregierung im Eiltempo sich mit der Bundeswehr an dem höchstbrisanten Einsatz in Syrien zu beteiligen, und die Mainstream-Presse gleicht eher einem zahmen Papagei als einem bissigen Wachhund der Demokratie.

Diejenigen, die den Mainstream kritisieren, posten häufig Dokus, Ausschnitte aus Kabarett-Sendungen oder Polit-Magazinen etc., die aus diesen Quellen stammen. Es ist paradox, wenn sie die Videos und Artikel in Gruppen präsentieren, die Namen wie: „Informationen, die uns die Mainstream-Medien vorenthalten.“ haben. Es kann sich also vor diesem Hintergrund kaum um eine homogene „Lügenpresse“ handeln. Auch für den Mainstream gilt: Wer suchet, der findet. Zwar nicht alles, aber schon so einiges...

Wenn die Alternativen Medien den Mainstream kritisieren, haben sie viele gute Gründe auf ihrer Seite. Sie selbst sorgen für eine übergreifende Informationsvielfalt und bilden ein Gegengewicht zur Meinungsmacht der Massenmedien. Noch besitzt der Mainstream den nötigen Einfluss, um weitgehend die allgemeinen Themenschwerpunkte zu setzen. Das abnehmende Interesse an den Massenmedien sowie das zugleich ansteigende bei den Alternativen Medien kratzt jedoch an diesem Privileg des Agenda-Settings. Die tektonischen Verschiebungen auf der Ebene der verschiedenartigen Nachrichtenplattformen sind zu vernehmen. Vor Jahren noch führten die Alternativen Medien nahezu ein Schattendasein. Mittlerweile ist zu beobachten, dass die Massenmedien sich vermehrt den Themen der Alternativen nähern. Es scheint, dass die Nachrichtenmacher des Mainstreams immer mehr zu Getriebenen durch die Massenmeinung werden, die sich an dem Stimmungsbild in den Sozialen Medien ablesen lässt.

"Putinversteher" und kritische Distanz

Die Sozialen und Alternativen Medien sind voll von „Putinverstehern“. Dieses Wort wird als eine Art Stigmatisierung für „Putin-Sympathisanten“ verwendet. Und Wohlgefallen für einen  machthungrigen Diktator zu verspüren, geht nun überhaupt nicht. Sind das alles bloß Leute, die die westliche Demokratie hassen und stürzen wollen? Oder sind sie einfach nur so unzufrieden mit ihrem Leben, dass sie den Staat für alles verantwortlich machen? Gibt es vielleicht sogar Putinversteher, die ihn vor Jahren noch kritisiert haben? 2004 bezeichnete ihn Gerhard Schröder als lupenreinen Demokraten. Für diese Aussage erntete er damals Hohn und Spott.

Es gab zahlreiche Spekulationen, dass Putin an dem Mord an seiner schärfsten Kritikerin Anna Politkovskaya mitverantwortlich sei. Die Medien sprachen sogar von einem „Geschenk“ für Putin, da sie 2006 an seinem Geburtstag erschossen wurde. Die NGO „Reporter ohne Grenzen“ verurteilt Russland scharf für seine Medienpolitik, die dort für Systemkritiker besonders gefährlich sei. Doch diese Anschuldigungen sind schon längst wieder vergessen. In einer Zeit, in der die Aufmerksamkeitsspanne für Nachrichtenthemen oft nur wenige Tage beträgt, haben Ereignisse, die zehn Jahre her sind, offensichtlich erst recht keine Relevanz.

Putin wird in den Sozialen und Alternativen Medien öfters mal als Held bezeichnet, der sich um die Persönlichkeitsrechte der Menschen verdient gemacht hat – so jedenfalls ein mehr oder weniger gängiger Tenor in den entsprechenden Internet-Gemeinden. Er wird dafür gefeiert, dass er Snowden einen Zufluchtsort bietet. Wenn sich so manche Alternative Medien derart vehement auf die Grundsätze des Journalismus berufen, dann sollte der Ausgewogenheit halber auch auf Putins eigene Macht im Internet verwiesen werden. Die russische Regierung unterhält ebenfalls einen Überwachungsapparat, wenn auch nicht so technisch ausgefeilt wie derjenige des NSA. Dieses als „Red Web“ bezeichnete System wird von Internetaktivisten als äußerst repressiv bezeichnet. Datenschutz steht da gewiss nicht im Vordergrund. Und es ist alles andere als ungefährlich für die Hacker, die sich im Untergrund versuchen sich dagegen zu wehren. Ein Beispiel dafür, dass es den Putin-Anhängern an Kritikbereitschaft gegenüber dem russischen Präsidenten sowie ebenfalls an journalistischer Ausgewogenheit mangelt.

Beispiel Kölner Silvesternacht: Die Rolle der "Vierten Gewalt"

Die Presse als „Vierte Gewalt“ nimmt eine Kontrollfunktion wahr und soll den Mächtigen auf die Finger schauen. Sie soll ihre Entscheidungen und Vorhaben skeptisch unter die Lupe nehmen. Sie haben eine Verantwortung gegenüber der Gesellschaft, doch ist hier was aus den Fugen geraten. In der Flüchtlingsfrage waren sie zu häufig übervorsichtig, weil bestimmte Probleme nicht offen angesprochen wurden. Als Grund wird meist die Ziffer 12 des Pressekodex angeführt, welche die Richtlinie gegen Diskriminierung darstellt. Dadurch soll das Schüren von Vorurteilen verhindert werden. War es richtig, nicht auf die Nationalität der Tatverdächtigen in der Silvester-Nacht von Köln einzugehen? Oder wurde der „Bildungsauftrag“ schlichtweg als „pädagogische Maßnahme“ missverstanden? Wenn die Leser, Zuhörer oder Zuschauer nicht als mündige Bürger betrachtet werden, die in der Lage sind, sich ihre eigenen Verstandes zu bedienen und sich eine individuelle Meinung zu bilden, dann fehlt ohnehin jegliches Fundament für die Erreichung des Ziels und Zwecks, dem sich die öffentlich-rechtlichen Medienanstalten ursprünglich verschrieben haben. Kurz und knapp formuliert: Dann ist es eine Farce.

Auf der anderen Seite werden manch kritische alternative Nachrichtenportale in die Ecke des Rechtspopulismus gestellt. In der Tat klagen einige Betreiber über die Unterwanderung von rechts. Themen, auf die Kritiker aus der Mitte der Gesellschaft seit Jahren hingewiesen haben, wurden nicht ernst genommen. Dieses Ignorieren hat einige womöglich erst radikaler denken lassen, obwohl sie ursprünglich moderat eingestellt waren. Inzwischen hat in den sozialen Netzwerken ein „Dampf ablassen“ eingesetzt, das von Genugtuung und Rechthaberei bis hin zu direkten Gewaltaufrufen reicht. Das generelle Problem bei bei allen möglichen Streitpunkten in den Medien ist die Pauschalisierung. Dabei sollte doch bei der Flüchtlingskrise ganz klar sein: Nicht alle Flüchtlinge sind Grapscher, Vergewaltiger oder Terroristen. Genauso wenig sind sie alle Unschuldsengel. Wer die Regierung für ihre Flüchtlingspolitik kritisiert, ist nicht automatisch ein Nazi. Ehrenamtliche Helfer, die ihre Zeit opfern und dafür sorgen, dass das Organisationssystem nicht zusammenbricht, sind nicht alle naive und weltfremde „Gutmenschen“. Ihre Hilfsbereitschaft verdient unseren höchsten Respekt.

Wie standfest ist die Demokratie im Falle einer neuen Weltwirtschaftskrise?

Der Hang zum Schwarz-Weiß-Denken ist allzu menschlich. Wir nehmen selektiv war, um kognitiven Dissonanzen vorzubeugen. Oder anders gesagt: Der Mensch sieht nur das, was er sehen will. Wenn er sich dessen bewusst wird, dass er falsch gelegen hat, stellt sich Verstimmung und Unwohlsein ein. Um diesen unangenehmen „Realitäts-Schocks“ ein Riegel vorzuschieben, wird schon von vornherein ignoriert, verdrängt oder schöngeredet. Es wird nur Ausschau nach Informationen gehalten, die die eigene Meinung bestätigen. Davor sind auch Journalisten nicht gefeit. Doch vor allem sie stehen in der Pflicht, über den Schatten seiner eigenen (festgefahrenen) Meinung zu springen. Journalisten, Blogger und Bürger müssen beginnen sachlich, ausgewogen und differenziert mit Informationen umzugehen – bevor es möglicherweise zu spät ist.

Was „bevor es zu spät ist“ genau bedeuten soll? Die momentanen Entwicklungen in Politik, Medien oder Gesellschaft mögen wirklich nur Stürme im Wasserglas sein, wie manche Journalisten wie der Herausgeber von „Der Freitag“ und Spiegel-Kolumnist Jakob Augstein behaupten. Sie sprechen von Hysterie, Verfolgungswahn und ähnlichem. Die Situation an sich sei nicht so schlimm wie in der Bevölkerung wahrgenommen. Doch ob die Widerstandskraft der Demokratie und die Belastbarkeit der Gesellschaft stabil genug ist, wird sich zeigen, wenn die Weltwirtschaft in eine erneute Krise wie 2008 stürzt. Spätestens dann werden Demokratie und Gesellschaft auf eine harte Zerreißprobe gestellt. Die Kapitalflucht aus China, ein Platzen der Anleiheblase in den USA oder das Pleitegehen maroder Banken im Euro-Land Italien können durchaus zu einer globalen Rezession oder gar zu einer Depression führen. Und wenn dann parallel noch verheerende Anschläge des IS in Europa verübt werden? Hier geht es nicht darum schwarz zu malen. Wer solche Risiken ohne konkrete und sachliche Argumentation oder gar als Verschwörungstheorie abtut, setzt eher auf Prinzip Hoffnung als sich mit den Gefahren auseinanderzusetzen.

Momentan finden auf den Straßen kaum nennenswerte Demonstrationen für den Frieden statt. Wenn sich die Proteste und Meinungsverschiedenheiten der zahlreichen Interessensparteien von den sozialen Netzwerken auf die Straße verlagern sollten, bleibt zu hoffen, dass sie nicht in weitläufiger Gewalt münden. Sind solche Bedenken ein Grund dafür, warum Schäuble darüber nachdenkt, die Bundeswehr auch im Inland einzusetzen?

Es sind alles andere als schöne Szenarien, die hier gezeichnet werden. Doch es ist aktuell viel wichtiger sich der Risiken bewusst zu werden als sie zu ignorieren und die (Medien-)Realität gegebenenfalls zu optimistisch zu beurteilen. Und wenn sich die Befürchtungen künftig als haltlos erweisen sollten? Umso besser... Auf eine friedliche Zukunft!