hier finden Sie den vorangegangen Teil 1 des Interviews:

Der Meudalismus des Dr. Wo - Interview mit Dr. Harald Wozniewski vom Karlsruher Institut für Wirtschaftsforschung (Teil 1 mit Helmut Reinhardt)

H. Reinhardt: Sie sprachen davon, dass es sich bei den Meudalherren größtenteils um ehrbare Kaufleute handelt. Diese Menschen sind durch beste Geschäftsideen, Erfindungen, Schweiß und in den Nachkriegsjahren durch harte Arbeit so erfolgreich geworden. Kurzum: diese Menschen haben doch eigentlich alles richtig gemacht. Was wollen Sie tun? Möchten Sie die Vermögen dieser Menschen zurecht stutzen oder sie gar enteignen, so wie es die Partei Die Linke vorschlägt? Möchten Sie tatsächlich wieder zurück zum Kommunismus, der auch niemals funktioniert hat?

Dr. Wo:  Ihr Einwand, dass unsere Meudalherren aufgrund "genialer" Ideen, unendlichen Fleißes, höchster Verantwortung und trotz des angeblich so hohen Unternehmerrisikos zu ihrem Reichtum gekommen seien, ist mir in der Vergangenheit oft begegnet. Das hatte mich 2002 auf die Idee gebracht, einmal auszurechnen, welcher Stundenlohn anlässlich dieser brillanten Geschäftigkeit der Meudalherren zum Tragen gekommen war. Mit anderen Worten: Welchen Stundenlohn braucht man, um in, - beziehungsweise mit 40 Jahren Arbeit, bei 230 Tagen im Jahr, 8 Stunden am Tag und natürlich mit bravem Bezahlen der Einkommensteuer zu einem Vermögen zu kommen. Ich rechnete mit dem Einkommensteuersatz von 48,5 %, auf den die Schröder-Regierung damals den Spitzensteuersatz gesenkt hatte und bevor sie ihn später weiter senkte. Die Berechnungen mache und veröffentliche ich seither jedes Jahr, wobei ich die vom manager-magazin ermittelten Vermögenswerte zu Grunde lege. Dass man nebenbei auch noch von ein paar Euro leben muss, ist klar. Das rechne ich aber nicht mit, denn die paar Euro kann sich jeder selbst dazu denken. Der schon genannte Karl Albrecht führte die Liste der reichsten Deutschen seit Jahren an. Im letzten Heft manager-magazin Spezial vom Oktober 2010 wurde das Vermögen von Karl Albrecht mit 17,10 Mrd. € Wert angegeben. Nach meiner Rechnung ergibt sich dazu ein Stundenlohn über 40 Jahre – also der Einfachheit halber von der ersten Stunde an – von 479.045,00 €, in Worten: vierhundertneunundsiebzigtausendfünfundvierzig Euro. Sein Bruder Theodor lag nur knapp darunter. Unsere höchsten Richter in Karlsruhe beim Bundesverfassungsgericht und beim Bundesgerichtshof, die ich gerne zum Vergleich heranziehen, weil sie ebenfalls eine sehr hohe Verantwortung tragen und sicherlich auch hart arbeiten, verdienen im Jahr (!) ungefähr 130.000,00 €. Das "verdiente" jeder der Albrecht-Brüder also binnen einer Viertelstunde - 40 Jahre lang. Und unbestritten hatten die Albrecht-Brüder mit einem bescheidenen Vermögen, nämlich mit dem Krämerladen ihrer Eltern angefangen. Ich gestehe jedem Superreichen gerne zu, dass er ein Leben lang hart und verantwortungsvoll gearbeitet habe. Aber ich bewerte diese Arbeit nicht höher als etwa die unserer höchsten Richter. Alles, was über diese rund 130.000,00 € pro Jahr hinausgeht, ist kein Einkommen aus eigener Arbeit, sondern das sind Kapitaleinkünfte, so wie beispielsweise Dividenden oder Zinsen. Es sind Einkünfte aus der Arbeit anderer.

Ich habe nichts gegen Kapitaleinkünfte an sich. Deswegen verstehe ich mich auch als "Kapitalist". Denn unter Kapitalismus verstehe ich nicht mehr nicht weniger als ein Rechtssystem, das den Individuen privates Eigentum – auch sogenannten Produktionsmitteln – zugesteht und das es erlaubt, mithilfe von Eigentum Einkünfte zu generieren, also beispielsweise Dividenden, Miet- und Darlehenszinsen.

Dieser Kapitalismus bedeutet ja nicht, dass wir auch in einem – wie ich es ja nenne – modernen Feudalismus beziehungsweise einem realen Monopoly-Spiel leben müssen. Der sogenannte rheinische Kapitalismus nach Ludwig Erhard wurde auch zu Recht als soziale Marktwirtschaft bezeichnet. Danach sollen alle (!) Bürger am Vermögen und am wirtschaftlichen Erfolg des Landes teilhaben und nicht nur eine kleine Gruppe von vielleicht 10.000 Meudalherren. Auch der allseits bekannte Heiner Geißler sagt seit Jahren zutreffend, dass wir längst keine soziale Marktwirtschaft mehr haben; er spricht von einem Raubtierkapitalismus. Mir ist die Bezeichnung moderner Feudalismus oder Meudalismus lieber.

Der Unterschied zwischen dem rheinischen Kapitalismus und dem modernen Feudalismus ist nicht prinzipieller, sondern gradueller Natur. Es ist eine Frage des wie viel und eine Frage der Brüderlichkeit im Sinne des berühmten Dreiklangs: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit! Wie viel des in einem Land vorhandenen Vermögens konzentriert sich bei den Reichsten und wie viel bei den Ärmsten? Wie viele Menschen arbeiten für einen einzigen Herrn? Und aus binnenwirtschaftlicher Sicht: Wie gut partizipiert jeder an dem vorhandenen Geldfluss?

Wenn Sie mich nach der Partei Die Linke fragen, dann fällt mir zwar ein, dass sie gelegentlich die zutreffend ist Devise vertritt: Wer die Armut (vieler) erfolgreich bekämpfen will, muss den Reichtum (einzelner) beseitigen. Allerdings habe ich bei der Linken – ebenso wenig wie bei den anderen etablierten Parteien – ein klares Konzept entdeckte, dass den Meudalismus beseitigen könnte. Das hatte Roosevelt in den 1930er Jahren besser gemacht. Die Lösung des Meudalismus-Problems ist einfach oder vielleicht sogar einfach wie die Lösung des Kartellproblems, das Ludwig Erhard in den 1950er Jahren mit dem Verbot von Wirtschaftskartellen gelöst hatte. Unsere Lösung heute steht sogar explizit in Artikel 14 Absatz 1 Grundgesetz. Der lautet: "Das Eigentum und das Erbrecht werden gewährleistet. Inhalt und Schranken werden durch die Gesetze bestimmt." Was wir brauchen, ist gesetzliche Beschränkung von inländischem gewinnbringendem Vermögen bei natürlichen Personen. Wenn ein einzelner Bürger inländisches gewinnbringendes Vermögen im Wert von beispielsweise maximal 50.000.000 € besitzen dürfte, dann hätte er einerseits zwar immer noch in der Regel Kapitaleinkünfte, von denen die allermeisten von uns heute nur träumen können. Andererseits würde sich das im Land vorhandenen Vermögen aber zwangsweise in der Bevölkerung breit verteilen. Zugleich wäre das genannte feudalistische Problem des Verhältnisses von der Anzahl von Herren zu Dienern reduziert oder sogar gelöst. Infolge der breiteren Verteilung gewinnbringenden Vermögens innerhalb der Bevölkerung würde sich automatisch der heute total verengte Geldfluss über die gesamte Bevölkerung verbreitern können. Etliche ökonomische und soziale Probleme von heute wären gelöst. Mir ist bislang nur eine – unbedeutende – Partei bekannt, die sich das Ziel einer Vermögensbeschränkung auf die Fahnen geschrieben hat.

H. Reinhardt: Man hat es noch nicht einmal geschafft, in den Ländern, die der Währungsunion beigetreten sind eine einheitliche Steuergesetzgebung durchzusetzen. Meudalherren würden sicherlich immer ein Land finden, in dem ihre Vermögen unangetastet bleiben und von dem aus sie agieren könnten. Große Geldvermögen gehen schließlich auch immer mit großer Macht und Einflussnahme einher. Glauben Sie tatsächlich, dass sich ohne Änderung der Geldordnung insgesamt die bestehenden Probleme der Vermögensverteilung beseitigen lassen? Würde durch eine neue weltweite Geldordnung mit  Geldhortungsgebühr verhindert, dass langfristig in Geld gespart werden kann, würde sich doch das Vermögen ganz von allein in der Bevölkerung verteilen und der Geldfluss wieder in Gang kommen? An dieser Stelle sei auch gefragt, welchen Sinn es überhaupt macht, wenn eine natürliche Person Ersparnisse in Milliardenhöhe anhäufen kann, die im eigentlichen Sinn nichts anderes als virtuelle Bits & Bytes in einem Computer sind und mit Druckerschwärze auf einem Stück Papier sichtbar gemacht werden? Brauchen wir nicht in erster Linie tatsächlich einen weltweiten Bewußtseinswandel in Bezug auf die Bedeutung von Geld, damit sich überhaupt etwas ändern kann auf Planet Erde?

Dr. Wo: Sie werden bemerken, dass ich bei meinem Vorschlag der Vermögensbeschränkung nur auf das inländische gewinnbringende Vermögen abstelle. Dem liegt der Gedanke zu Grunde, dass ich den modernen Feudalismus in Deutschland beseitigen möchte, mir aber nicht anmaße, anderen Völkern deren Rechtsordnung vorzuschreiben. Gleichzeitig spielt es bei meinem Vorschlag keine Rolle, wo ein Meudalherr seinen Wohnsitz hat, im In- oder im Ausland. In jedem Fall würde eine Vermögensbeschränkung greifen. Mein Vorschlag hat sogar noch den Reiz, dass man sich einmal darüber bewusst wird, dass und inwieweit unsere Bevölkerung Tag für Tag für ausländische moderne Feudalherren arbeitet. Heute werden diese Leute regelmäßig als ausländische Investoren gefeiert. Ich bin aber sicher, dass wenn Deutschland eine Vermögensbeschränkung einführen würde, andere Länder dies schnell nachahmen würden. Denn der Erfolg für die Binnenwirtschaft wäre immens.

Die in diesem Zusammenhang auch oft angeführte Gefahr der Kapitalflucht besteht hierbei nicht; dieses Gespenst dient allenfalls dazu, die Bevölkerung und die Politiker zu verschrecken. Wie soll beispielsweise der – von mir schon so viel strapazierte – Karl Albrecht all seine Läden ins Ausland schaffen, dazu noch seine für das Unternehmen so wichtige Kundschaft und all seiner Lieferanten! Er könnte nichts anderes tun, als seine Läden zu verkaufen, um mit dem Erlös im Ausland neue Läden aufzubauen, was er übrigens mit seinem Gewinn ohnehin längst tut. Dann ist aber genau das erreicht, was mit meiner Verfügungsbeschränkung bezweckt ist, nämlich die viel breitere Verteilung des gewinnbringenden Vermögens in Deutschland unter der Bevölkerung.

Soweit Sie bei ihrer Frage auf das reine Geld abzielen, ist Folgendes zu bedenken. Freilich ist der Geldfluss in unserem Land ebenso wie weltweit völlig krank, weil sich das Geld bei nur wenigen hortet und die übrige Bevölkerung nur mit einem Bodensatz an Geld zurechtkommen muss. Ich verwende deshalb immer gerne das Bild vom Nil in der Wüste, wo wenige im Geld schier ertrinken und die übrige Bevölkerung in der Wüste auf dem Trockenen sitzt. Dieses Nil-Problem lässt sich mit einer "Geldhortungsgebühr" oder eine "Geldumlaufsicherung" aber nicht wirklich beheben. Denn es wäre allzu leicht, aufgrund entsprechenden Verträgen zwischen Kunde und Bank das Bankgeld ständig automatisch so zu buchen, dass keine Umlaufsicherung greifen würde. Zum Beispiel sind sogar Vertreter der Geldumlaufsicherung der Ansicht, Sparguthaben müssten von einer Umlaufgebühr freibleiben, weil sie zur Kreditvergabe genutzt würden.

Geld selbst fällt übrigens nicht unter meiner Vermögensbeschränkung, da es nicht gewinnbringend ist. Erst die mit Geld gekauften oder errichteten Unternehmen oder Mietshäuser oder verzinsliche Darlehen können zu den und mir kritisierten feudalistischen Verhältnissen führen, wo Hunderte oder Tausende Menschen für den Reichtum eines einzelnen arbeiten. Das Nil-Problem ist auch nicht die Krankheit unserer Volkswirtschaft selbst, sondern nur ein Symptom dieser Krankheit, nämlich der unbeschränkten Vermögensanhäufung bei den Meudalherren. Diese gilt es zu bekämpfen. Der löst sich das Nil-Problem von selbst. Eine symptomatische Behandlung dagegen kann echte Heilung nicht bewirken.

Ihre Frage, welchen Sinn es habe, dass einzelne natürliche Personen Geldbeträge in Milliardenhöhe anhäufen, würden sogar diese Personen – ich bin sicher – so beantworten: keinen! Das Problem ist ja gerade, dass sich das Geld dort nicht deshalb anhäuft, weil – wie unseren Studenten der Volkswirtschaftslehre immer wieder eingetrichtert wird – auf geplante Investitionen gespart werde, sondern weil unserer modernen Feudalherren das Geld faktisch längst schneller einnehmen, als sie es ausgeben können. Stellen Sie sich vor, Sie hätten aus Ihrem Vermögen jährlich einen Gewinn von 500.000.000 € müssten jedes Jahr überlegen, was Sie mit diesem Geld anfangen. Sie schaffen es vielleicht mit Mühe und Not, für ihren privaten Lebenswandel jährlich eine Million auszugeben. Und den Rest wollen Sie – kaufmännisch klug, wie Sie denken – natürlich nur für Gewinn versprechende Anlageobjekte ausgeben. Die gibt es auf dem freien Markt allerdings nur selten im Angebot. Deshalb und nur deshalb häuft sich das Geld dort so krankhaft an.

 Natürlich brauchen wir mehr Bewusstsein ob dieser Probleme. Dabei sollten wir aber gerade bei unseren Politikern anfangen, die anderen – natürlich nicht sich selbst! – beinahe täglich mehr Bildung verordnen wollen. Auf meiner Internetseite habe ich dazu vor Jahren eine bisher leider wenig erfolgreiche Kampagne gestartet.

... wird in Teil 3 fortgesetzt.

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