Dr. Harald Wozniewski – Jahrgang 1959 - schildert unsere Welt so, dass sie unzählige Menschen wiedererkennen - in ihrem ganz persönlichen Dasein. Aber sein Weltbild ist völlig anders, als es uns von Medien, Verbandsfunktionären, Politikern, Wissenschaftlern - kurz von unseren Eliten dargestellt wird. Das Karlsruher Institut für Wirtschaftsforschung - KIWIFO - hat es sich zur Aufgabe gemacht, tiefer in Zusammenhänge einer Volkswirtschaft zu schauen, als dies üblicherweise geschieht.

H. Reinhardt: Guten Tag, Herr Dr. Wozniewski. Sie sprechen auf Ihrer Webseite http://www.meudalismus.dr-wo.de und in Ihrem Buch „Wie der Nil in der Wüste“ von einem modernen Feudalismus, - nicht nur in Deutschland sondern weltweit - den Sie Meudalismus nennen. Ist es nicht ein bisschen albern, die heutige Zeit mit dem Mittelalter zu vergleichen?  
     
Dr. Wo: Guten Tag, Herr Reinhardt. Ich kenne Ihren Einwand gut. Er ist mir in den letzten zehn Jahren, in denen ich diesen Ausdruck für unser aktuelles Gesellschaftssystem verwende, immer wieder begegnet - sowohl von Wissenschaftlern als auch von gebildeten Bürgern. Allerdings soll der Zusatz "modern" verdeutlichen, dass es heute freilich nicht völlig dasselbe wie noch vor 210 Jahren ist. Einen Vergleich mit dem klassischen Feudalismus erlaube ich mir in meinen Schriften demgemäß dennoch, nämlich in ökonomischer Sicht:

Der klassische Feudalismus zeichnete sich dadurch aus, dass die “Rechtsordnung” dem Feudalherren die Macht über ein großes Gebiet einräumte, welches Lebensraum vieler Menschen war, und diese Menschen lebenslang der rechtlichen und faktischen (ritterlichen) Macht des Lehnsherrn unterworfen waren. Waren auf der einen Seite die Untertanen recht- und besitzlos und tagein tagaus mit (Sklaven-) Arbeit beschäftigt - um überleben zu können, natürlich! -, bezogen die Lehnsherren die Früchte der Arbeit der Untertanen. Die Einzelheiten waren zu allen Zeiten und in allen Ländern verschieden. Das System war aber insofern leicht zu überschauen, weil das geographische Gebiet des Lehnsherren zugleich den Kreis seiner Lehnsmänner abgrenzte (im wesentlichen jedenfalls).

Der moderne Feudalismus unterscheidet sich davon dadurch, dass es keine geographische Abgrenzung mehr gibt. Der/die moderne Feudalherr/in besitzt nicht ein zusammenhängendes Land von beachtlicher Größe, sondern einige hundert Mietshäuser und/oder vor allem ein oder mehrere Unternehmen mit tausenden oder hundertausenden Arbeitnehmern. Das kann über ganz Deutschland und die ganze Welt verstreut sein und mit zahlreichen juristischen Gesellschaftsformen und -konstruktionen vor der Öffentlichkeit versteckt sein.

Es gibt allerdings auch längst Anzeichen dafür, dass der moderne Feudalismus oder "Meudalismus", wie ich kurz sage, nicht ökonomisch über uns gekommen ist, sondern auch politisch. Denn der Einfluss unserer modernen Feudalherren auf unsere Politiker und damit auf unsere Rechtsordnung ist enorm groß. Hinter dem sog. Lobbyismus stehen fast immer unsere superreichen Meudalherren.

In den letzten Jahrzehnten war der Ausdruck der Refeudalisierung zur Beschreibung der Gegenwart in Wissenschaftskreisen, insbesondere von Ökonomen und Soziologen, nur selten verwendet worden. Inzwischen aber gibt es zunehmend Wissenschaftler, die diese Vokabel nutzen - auch in unseren Nachbarländern der Schweiz und Österreich. Sogar SPD-Chef Sigmar Gabriel schrieb 2008 mal einen Artikel, in dem er den Ausdruck Neofeudalismus gebrauchte. Auf meiner Internetseite finden Sie die Literaturhinweise.

Ich benutze den Begriff auch deswegen mit Überzeugung, weil es m. E. heute nicht mehr um die Frage "Sozialismus oder Kapitalismus?" geht, sondern um die Fragen "Meudalismus: ja oder nein?" bzw. "Soziale Marktwirtschaft oder moderner Feudalismus?"

H. Reinhardt:
Wie kam es denn Ihrer Ansicht nach dazu, dass sich der Meudalismus weltweit entwickeln konnte? Und ist diese Entwicklung nicht logische Folge unseres Geldsystems, das beständig für einen Zuwachs an Vermögen bei einigen Superreichen sorgt, während der Rest der Menschheit - auch in Deutschland - beständig ärmer wird? Oder hat mal wieder einzig und allein eine falsche Politik Schuld? Konstantin Wecker sagte vor kurzem: "Ich bleibe dabei – auch wenn ich neulich wieder mal dafür gerügt wurde: fast alle politischen Entscheidungen der letzten Jahre sind ausschließlich für eine kleine Gruppe Superreicher gefällt worden. " Sehen Sie das auch so?

Dr. Wo: Der Meudalismus entwickelte sich weltweit unterschiedlich - je nachdem, wie die "Spielregeln" des jeweiligen Landes diese Entwicklung zuließ. Die USA hatte durch den "New Deal" von Franklin Delano Roosevelt quasi eine Stunde Null. Durch Roosevelt wurden in den USA die Superreichen der 1920er Jahre in ihrem Reichtum so stark reduziert, das Geld und Vermögen sich wieder breit in der amerikanischen Bevölkerung verteilten. So, wie diese Beschneidungen der Superreichen wieder nach und nach beseitigt wurden, konzentrierten sich Geld und Vermögen nach und nach bei einigen Wenigen.

Im Prinzip funktioniert das wie bei einem Monopoly-Spiel. Am Anfang haben alle gleich viel Geld und die gleichen Chancen; am Ende hat einer alles Geld und Vermögen und die anderen sind pleite und verschuldet. Bei uns war die Stunde Null das Ende des Zweiten Weltkriegs bzw. die - ebenfalls durch Roosevelt veranlasste - Währungsreform im Juni 1948. Auch dadurch wurde die große Kluft zwischen Arm und Reich, die in den 1920er und 1930er Jahren herrschte, erheblich reduziert. Die breite Bevölkerung sollte, wie Ludwig Erhard es nannte, eine "breitgeschichtete Massenkaufkraft" erhalten. Und auch hier ging dieses Ziel nach dem politischen Abgang Ludwig Erhard aus den Augen verloren. Heute gibt sich die breite Bevölkerung nur noch mit dem "Bodensatz" des vorhandenen Geldes zufrieden. Die anderen westeuropäischen Länder, Japan, Brasilien, Argentinien - wir erinnern uns an die Krise dort 2001 - haben seit Langem dasselbe Problem. Und zuletzt sind sogar die ehemals kommunistischen Länder - einschließlich Russland und China - in dieselbe ökonomische Falle des Meudalismus getappt.

Unser "Geldsystem" ist für diese Entwicklung hinein in den Meudalismus bzw. für die Vermögenskonzentration bei wenigen nicht wirklich verantwortlich. Einige - auch Wissenschaftler - denken so und kritisieren insbesondere Zinswesen und die Geldschöpfung durch die privaten Banken. Doch schauen Sie wieder auf das Monopoly-Spiel: Die Vermögenskonzentration passiert auch dann, wenn es nur eine begrenzte Menge Bargeld gibt.

M. E. ist hieran allein die Politik schuld. Der Gesetzgeber macht unsere "Spielregeln", auch wenn er längst die Vorlagen von "Lobbyisten" durchwinkt. Unsere Meudalherren mache ich nicht wirklich verantwortlich. Sie sind zumeist - oft ehrliche - Kaufleute und machen ihren Job. Dass sie freilich unsere Politiker beeinflussen, kann man ihnen zwar übel nehmen. Aber dazu, dass das funktioniert, gehören eben auch die Politiker. Unsere politisch Verantwortlichen heute und der letzten Jahrzehnte sind fast ausnahmslos Schönwetterpolitiker, die nicht viel mehr können, als darüber zu debattieren, wie die Staatsgelder ausgegeben werden. Ordnungspolitisch im Sinne von Ludwig Erhard haben sie Tomaten auf den Augen. Sie verlieren sich in zahllosen kleinkarierten Gesetzen und haben den Überblick verloren. Die Weltwirtschaftskrise, die ich auf meiner Internetseite schon 2002 prognostizierte und erklärte, haben unsere Politiker bis heute noch nicht begriffen. Sie glauben ja längst wieder an ein neues "Wirtschaftswunder". In Wirklichkeit stehen wir nach wie vor kurz vor dem Aus.

Konstantin Wecker konnte ich vor ein paar Jahren nach seinem Konzert hier in Karlsruhe sprechen. Leider hatte er nur wenig Zeit. Aber ich freue mich, dass er seither auf einer seiner Internetseiten schon über unseren modernen Feudalismus kritisch geschrieben hat. Sein Statement, das Sie zitieren, teile ich voll und ganz. Ich habe auch einige Belege für seine Behauptung.

H. Reinhardt: Das fatale am Monopoly-Spiel ist, dass in jeder Runde beim Überqueren des Startfeldes neues Geld ins Spiel kommt. Unser aktuelles Geldsystem verlangt beständig nach Neu- und Nachschuldnern, wie wir gerade in den letzten beiden Jahren beobachten konnten. Ohne die enorme Erhöhung der Staatsschulden weltweit zur Rettung der Banken und den dahinter stehenden Vermögen, hätten wir bereits das Game Over erlebt. Halten Sie unser aktuelles Geldsystem als Grundlage unseres Wirtschaftens tatsächlich für nicht fehlkonstruiert? Und wenn doch die reichen Meudalherren in der Regel ehrbare Kaufleute sind und die Vermögenskonzentration auch dann passiert, wenn die Geldmenge begrenzt ist muss doch folglich an der Konstruktion dieses Geldsystems, dass den dauerhaften, langfristigen Entzug von Geld (Sparen) mit Zins- und Zinseszins belohnt etwas nicht richtig sein. Liege ich da falsch?

Dr. Wo: Man kann das Auszahlen von Geld bei Los im Monopoly-Spiel – wie Sie – als Geldvermehrung, also aus der Bank in den Kreis der Spieler, ansehen. Man kann aber ebenso gut eine konstante Geldmenge behaupten, denn das Bargeld war von Anfang an im Spiel vorhanden. In der Wirklichkeit allerdings vermehrt sich die Geldmenge in der Tat ständig und zwar – von der Öffentlichkeit völlig unbemerkt – in großen Schritten.

In den ersten 60 Jahren seit der Währungsreform 1948, also bis Juni 2008, ist die Geldmenge M3 im Schnitt um knapp über 10 % jährlich gewachsen. Jeder Bürger hat also, wenn er diesem Geldmengenwachstum teilgenommen hätte, seinen (durchschnittlichen) Geldbesitz jährlich um 10 % vergrößert. Das Geldmengenwachstum bei M1 ist – insbesondere durch die "Rettungs"-Maßnahmen der Bundesregierung – zeitweilig mit einer Jahresrate von über 20 % gewachsen! Aktuell existieren in Deutschland pro Haushalt 4.904,86 € um laufendes Bargeld, also Bargeld ohne die Kassenbestände  der Kreditinstitute, pro Haushalt 27.948,65 € Sichtguthaben, das sind Girokontoguthaben und Tagesgeldguthaben sowie pro Haushalt 20.395,72 € Spareinlagen (= M2 - M1).

Das ist aber nicht das Geldsystem, das ein ständiges Wachsen der Geldmenge bei gleichzeitigen Wachstum der Schulden verlangt. Vielmehr ist es der wachsende Geldmangel in der breiten Bevölkerung – und dabei denke ich an Unternehmer, Arbeitnehmer, Rentner und Sozialhilfeempfänger gleichermaßen – sowie bei den öffentlichen Haushalten, der dieses Anwachsen der Verschuldung und damit der Geldmengen auslöst.

Das Geld stapelt sich bei unseren Meudalherren zu Türmen, nicht – wie die Volkswirtschaftslehre meint – um für künftige Investitionen zu sparen, sondern schlicht und einfach wegen der Tatsache, weil das Geld von diesen längst nicht mehr so schnell ausgegeben werden kann, wie sie es einnehmen. Ich nenne das seit 2002 den Meudaleffekt. Es gibt auf der Welt gar nicht mehr genügend attraktive Anlageobjekte für diese Geldmassen; der aktuelle Übernahmekampf bei Hochtief ist dafür nur ein Beispiel.

Dass all dem so ist, lässt sich auch an der dramatisch sinkenden Geldumlaufgeschwindigkeit feststellen. Während in den 1970er Jahren in der Bundesrepublik die Geldumlaufgeschwindigkeit von M1 zwischen 5,7 und 6,7 schwankte, ist sie seit etwa 1982 in fast gerader Linie gesunken: 2009 auf 2,0 und 2010 voraussichtlich auf 1,8. Eine ökonomisch gesunde Umlaufgeschwindigkeit bei M1 liegt bei 12, also bei einem kompletten Geldumschlag pro Monat!
Das Kreditwesen und die damit verbundene Giralgeldschöpfung ist aber kein Systemfehler, sondern vielmehr – wie auch in Ihrer Frage anklingt – eine Art Krisenpuffer. Hätten die amerikanischen Banken die Millionen Hauskredite, die 2007 auf einen Schlag notleidend wurden, vorher nicht ausgereicht – wie ja manche Schlauberger im Nachhinein meinen –, da wären zwar nicht zuerst die Banken umgegangen, aber Jahre zuvor schon die gesamte Wirtschaft rund um das Immobilienwesen, insbesondere die Bauwirtschaft. Wahrscheinlich hätte sich der durch die Kredite gepufferte Geldmangel in die gesamte amerikanische Binnen- und Importwirtschaft ausgewirkt. Für Oktober 2010 hatte ich kürzlich ermittelt und ausgerechnet: Es gibt in den USA pro Haushalt 15.493 $ M1 und 76.343 $ M2! Wäre das vorhandene Geld auch nur annähernd so verteilt gewesen, wären die Kredite nicht notleidend geworden, keine Banken Konkurs gegangen und keine Finanzkrise ausgebrochen.

Natürlich wird die Geld- und Vermögenskonzentration auch durch Zinsen und Zinseszinsen gefördert. Der hauptsächliche Antrieb dafür ist aber das Unternehmenseigentum. Bei unseren reichsten Deutschen, Karl Albrecht (Eigentümer von Aldi Süd), den beiden Söhnen von Theodor Albrecht (Eigentümer von Aldi Nord) und Dieter Schwarz (Eigentümer von Lidl u. a.) stehen die Menschen an den unzähligen Kassen Schlange, um dort von Früh bis Spät ihr Geld abzugeben! Das ist eigentlich ökonomischer Massenirrsinn. Ich hatte mal überschlagen, dass die Aldi-Brüder 50 Jahre lang einen Darlehenszins von über 22% p. a. gebraucht hätten, um damit ihr heutiges Vermögen zu erlangen. So hohe Zinsen werden bei uns wegen Wuchers für nichtig erklärt. Mit normalen 8% p. a. wäre heute Michael Schuhmacher reicher als beide Aldi-Brüder zusammen.

Zurück zum Monopoly-Spiel: Hat ein Spieler Schlossallee und Parkstraße im Besitz, hat er also ein sehr großes Vermögen erlangt, dann ist die sich anbahnende "volkswirtschaftliche Katastrophe" so gut wie sicher!

Der Fehler im System liegt in unserer einfachgesetzlichen Wirtschafts- und Eigentumsverfassung, weil sie – verfassungsrechtlich gar nicht notwendig – eine völlig unbeschränkte Vermögensanhäufung bei natürlichen Personen erlaubt, und nicht in unserem Geldsystem.

... wird fortgesetzt in Teil 2

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