Neben vielen praktischen Anwendungen möchte Ich Ihnen heute gerne auch einmal ein wenig aus der Theorie des Value-Investings vorstellen.

Benjamin Graham gilt als Urvater des Value-Investings, also der Methodik Unternehmen aufzuspüren, die an der Börse deutlich unter ihrem Wert gehandelt werden und somit Aufholpotential bieten. Diese Art der Geldanlage hat er damals bereits an der Columbia University in NY seinem heute wohl bekanntesten Schüler Warren Buffett gelehrt.

Bei der bereits angesprochenen Methodik verfolgte Graham unter anderem das sog. Net-Net-Prinzip. Bekanntermaßen ist das Value-Investing an sich als schon eher konservativer und häufig sogar langweiliger Investmentstil verrufen. In Zeiten von fallenden Kursen und Panikzeiten jedoch, sind es eben diese Art von Investoren, die beständige Kursgewinne erwirtschaften.

Das angesprochene Net-Net-Prinzip geht im Vergleich zur einfachen konservativen Suche nach unterbewerteten Titeln noch einen Schritt weiter. Dabei wird das Liquidationsprinzip (der Wert eines Unternehmens, wenn es nicht mehr weiter agiert und am Markt zu Geld gemacht werden muss) angewandt und setzt voraus, dass bereits der Wert des Umlaufvermögens minus der kurzfristigen und langfristigen Verbindlichkeiten höher ist als der aktuelle Wert des Unternehmens an der Börse.

Solche Unternehmen zu Zeiten Grahams nach dem Börsencrash 1929 ausfindig zu machen war ein Leichtes. Heute ist dies bedeutend schwieriger, wenn nicht sogar unmöglich. Wo jedoch solche Unternehmen zu finden sind lässt sich vorab eingrenzen. Diese müssen folglich über hohe Umlaufvermögen (z.B. ist das Unternehmen gerade erst an die Börse gegangen oder hat große Töchter verkauft) und demnach ebenso über wenig Schulden in der Bilanz verfügen.

Mit dieser einfachen Rechnung können auch Sie sich also stets auf die Suche nach solchen Unternehmen machen, denn bekanntermaßen machen viele Hände leichte Arbeit und vier Augen sehen mehr als zwei usw.

Beispiele:

Im Falle Osram geht dieses Prinzip nicht auf, und das, obwohl das Unternehmen über eine unglaublich geringe Verschuldung im Verhältnis allein zum Umlaufvermögen verfügt. Dies zeigt weiterhin ja auch eine Eigenkapitalquote von fast 50 % an. Nach meinen allgemeinen Studien lässt sich sagen, dass es bereits unglaublich schwer ist, ein Unternehmen zu finden, das noch einen positiven Net-Net Value aufweist, da die Verbindlichkeiten das Umlaufvermögen in den meisten Fällen übertreffen.

Bei dem chinesischen Anbieter von Mobilfunk-Datenkartenlösungen zur mobilen Nutzung von Computern über Mobilfunknetze jedoch ist es derzeit möglich den Titel unter Net-Net Wert zu erhalten. Allerdings muss man sich natürlich berechtigterweise die Frage stellen, warum dies der Fall ist. Bei Vtion fallen vor allem die hohen liquiden Mittel von über EUR 123 Mio. auf, die allein den größten Teil der kompletten Bilanzsumme ausmachen. Nun muss man sich demnach fragen, warum diese so hoch sind. Evtl. kann es z.B. der Fall sein, dass ein Unternehmen keine geeigneten Investitionen findet oder vom falschen Management geführt wird. Weiterhin verschlechtert das Unternehmen seine Ergebnisse zusehends. Die Dividendenrendite ist recht mager und auch das KGV ist mit über 11 nicht unbedingt als Schnäppchen zu bezeichnen. Sollte das Unternehmen allerdings zum heutigen Tag liquidiert werden, würden die Anteilseigner alleine aus den liquiden Mitteln ca. 8,50€ erhalten, was zum derzeitigen Zeitpunkt eine Rendite von 183% bedeuten würde. Jedoch ist dies nur in der Theorie der Fall, sodass dieses Papier als höchst riskant angesehen werden dürfte.

Auch in dem PC-Technologie Spezialisten Kontron, welches bereits über sehr geringe langfristige Verbindlichkeiten verfügt, haben wir kein Unternehmen unter Net-Net Wert gefunden. Sie sehen also es ist nicht immer leicht solche Unternehmen ausfindig zu machen.

Wozu dieses Prinzip?

Bekanntermaßen suchen wir beim Value-Investing nach deutlich unterbewerteten Titeln. Fraglich ist jedoch, was genau unterbewertet bedeutet. Ist es ein Konzern mit geringem KGV oder einem KBV von kleiner als eins. Um dies zu ermitteln gibt es also viele Methoden und eben eine davon ist das Net-Net-Prinzip, welches diese Unterbewertung unglaublich vorsichtig und konservativ darstellt. Wenn man nun also ein Unternehmen findet, welches die oben beschrieben Kriterien erreicht und auch weiterhin einen soliden Eindruck macht, oder vielversprechende Chancen für einen Turnaround besitzt, hat man ein wahres Schnäppchen gefunden. Es ist also nicht nur unter dem Eigenkapital bewertet sondern eben noch viel geringer, wodurch die Sicherheits-Margin deutlich anwächst und somit genug Sicherheiten gegeben sind, selbst, wenn die Company liquidiert werden sollte. Zum Liquidationsprinzip kommen wir dann aber gerne beim nächsten mal, wenn es in die Theorie des Value-Investings geht.

Ihr Andreas Meyer

Quelle: Investor Relations: Osram, Vtion Wireless und Kontron

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