Aktienmärkte: Von nun an geht es bergab?

Es wird Zeit, Zeit für eine anständige Korrektur an den Aktienmärkten, oder? Denn wir befinden uns seit März 2009, also seit viereinhalb Jahren in einem Bullenmarkt. Seit damals ist der DAX um immerhin durchschnittlich 20 Prozent pro Jahr gestiegen.

Müssen wir jetzt nicht endlich die rosarote Brille, die Scheuklappen abnehmen? Haben wir etwa alle kollektiv den Neuen Markt und die Immobilienblase geistig verdrängt, die 2000 bzw. 2008 der deutschen Aktienkultur den Garaus bereiteten und auch mir persönlich arge Schmerzen zugefügt haben?

Übrigens, blicken wir denn realwirtschaftlich wirklich auf „La vie en rose“? Politische Disharmonien in der Eurozone, große Reformmüdigkeit in Euro-Süd mit der Folge mangelnder Wettbewerbfähigkeit und -willen gegenüber der globalen Konkurrenz sowie für Euroland insgesamt vergleichsweise schwache wirtschaftliche Perspektiven sind wohl kaum der Stoff, aus dem die fundamentalen Aktien-Träume sind. Vor diesem Hintergrund sind die aktuellen Aktienbewertungen von DAX, MDAX und Euro Stoxx tatsächlich sportlich.

Also alle anschnallen und fertig machen für den Einbruch an den Aktienmärkten?

Bullenmärkte können lang und zäh sein

Nun, fangen wir einmal so an: Bullenmärkte von Aktien haben in der Vergangenheit schon deutlich länger angedauert als der aktuelle. In den USA gab es sogar Superzyklen. Einer dauerte von Anfang des letzten Jahrhunderts bis zur Weltrezession 1929 und trug den Namen „Amerikanische Industrialisierung“. Und ein weiterer verlief vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis Anfang der 70er-Jahre und beruhte auf einer langen Periode mit ungewöhnlich hohen Wachstumsraten.

Aber auch in Deutschland hatten wir es von 1982 bis 1989 und von 1993 bis 2000 mit immerhin zwei Bullenmärkten von jeweils acht Jahren zu tun. Der erste basierte auf dem Inflationsrückgang, der über insofern sinkende Renditen das Zinsvermögen unattraktiver machte. Nicht zuletzt kam Aktien die marktwirtschaftliche Renaissance der Reagonomics zugute. Für die zweite lange Sternstunde des DAX waren die Globalisierung und die technologische Revolution verantwortlich.

Und jetzt könnte man dem Bullenmarkt wohl den Namen „Rettung der Finanzwelt“ verleihen.

Die Zinsstrukturkurve bleibt steil

Die eigentlichen Lebensadern von Bullenmärkten sind steile Zinsstrukturkurven, d.h. die Renditen deutscher Staatsanleihen liegen oberhalb der Notenbankzinsen.

Sie scheinen auf Aktienmärkte eine ähnliche Wirkung zu haben wie Gaspedal und Bremse auf die Geschwindigkeit von Autos. Solange geringe Notenbankzinsen eine steile und damit wirtschafts- und börsenfreundliche Zinsstrukturkurve begünstigen, kann Aktien offenkundig wenig passieren. Denn es lohnt sich, Geld kurzfristig günstig aufzunehmen und längerfristig in höher rentierliche Anlagen und auch in Aktien zu investieren. Dann ist Liquiditätshortung uninteressant. Genau dieses Szenario war der Hintergrund für die Bullenphasen 1982/1982 und 1993/2000.

Erhöhen Zentralbanken dagegen zur Inflationsbekämpfung bzw. Wirtschaftsabkühlung ihre Notenbankzinsen auf oder über das Niveau von Renditen von Staatsanleihen - flachen sich also Zinsstrukturkurven dramatisch ab oder werden sogar negativ - ist das sichere Parken von Geld lukrativer als Investitionen in länger laufende oder riskantere Anlageklassen wie Aktien.

Genau dieses Zinsszenario markierte ab 1990 einen lustlosen Seitwärtstrend des DAX. Noch klarer konnte dieser Zusammenhang ab 2000 festgestellt werden: Über vorher einsetzende Zinserhöhungen der damaligen Deutschen Bundesbank flachte sich die bis dato steile Zinsstrukturkurve rapide ab und brach der deutschen Dotcom-Blase schließlich das Genick.

Besonders eindrucksvoll zeigte sich dieses Strukturkurvenphänomen bei der Immobilienblase. Eine sich über Zinserhöhungen der EZB stark einebnende, später sogar negative Zinsstruktur bereitete der Immobilienblase 2008 - die Fed hat kräftig mitgeholfen - ihr Waterloo.

Der Superzyklus der geldpolitischen Rettung

Und auch der aktuelle Bullenmarkt beim DAX seit März 2009 geht mit einer steilen Zinsstrukturkurve einher. Denn die Rettung der Euro-Welt erforderte historisch niedrige Notenbankzinsen der EZB.

Wenn die historische Lehre insgesamt ist, dass Aktienbullenmärkte erst dann wirklich enden, wenn sich die Zinsstrukturkurven mindestens dramatisch abflachen, ist die entscheidende Frage: Wann erhöht die EZB ihre Notenbankzinsen?

Das ist so unwahrscheinlich, wie deutsche Weihnachten ohne Tannenbaum. Angesichts der Hauptrolle der EZB bei der Krisenprävention und der Konjunkturstabilisierung in der Eurozone sind Zinsrestriktionen auf unabsehbare Zeit unmöglich. Auch das nenne ich einen Superzyklus, der Superzyklus der geldpolitischen Rettung.

Tapering kann zwischenzeitlich Wasser in den Aktien-Wein gießen

Natürlich wird die Diskussion über das Wann und Wie des Tapering der Fed - die Mutter aller Notenbanken - zwischenzeitlich Wasser in den süßen Aktien-Wein gießen. Schließlich wirkt die US-Liquiditätsschwemme wie eine hochprozentige Punschbowle auf einer Weihnachtsfeier. Dennoch wäre es mir sehr recht, wenn das Tapering bald beginnt und somit nüchterne Fakten geschaffen werden. Dieses unselige „Sie tut es, sie tut es nicht“ sorgt nur für Anlegerverunsicherung. Da die US-Notenbank aber weiß, dass im Extremfall bereits das Husten von Flöhen in den Parkanlagen vor dem Fed-Gebäude ausreicht, um die sensible Finanzwelt aus den Fugen zu bringen, wird das Tapering nur in schwacher Dosierung betrieben. Der Kelch des Liquiditätsschocks wird an uns ganz sicher vorüber gehen.

Entscheidend ist, dass sich am aktienfreundlichen Basisszenario einer steilen Zinsstrukturkurve nichts ändert. Da kommt Tapering-bedingten, zwischenzeitlichen Kursrückgängen die Bedeutung von vorübergehenden Reibereien zwischen der Liebsten und dem Liebsten zu. Deswegen bricht man doch nicht gleich die Beziehung ab.

Die Gelddiplomatie sorgt hüben wie drüben dafür, dass die Beziehung der Anleger zu Aktien intakt bleibt. Dagegen bringt das Fremdgehen mit anderen Anlageklassen, mit Zinsvermögen, keinen Lustgewinn.

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