Deutschland ist Exportland. Die deutsche Bundeskanzlerin musste sich beim Treffen der G-20 Staaten in Seoul einiges an Kritik anhören. Der steigende deutsche Exportüberschuss war der Grund für die schlechte Stimmung. Die zentrale Forderung einiger Staaten mit Handelsbilanzdefiziten war es künftig Exportgrenzwerte festzulegen, um gefährliche Ungleichgewichte im Welthandel auszugleichen. Doch Angela Merkel blieb standhaft und lehnte derartige Limite ab. Mit Recht, denn das wäre zu kurz gesprungen.

Die zentrale Kritik an exportstarken Ländern lautet, dass durch extreme Handelsbilanzüberschüsse und Defizite der Länder ein Ungleichgewicht im Freihandel entsteht, welches ein nachhaltiges Wachstum der Weltkonjunktur gefährdet. Hohe Exportüberschüsse machen abhängig von der Weltkonjunktur, heißt es von Experten. Doch wer ist das nicht ohne dauerhaft auf Pump zu leben? Volkswirte sind des Weiteren davon überzeugt, dass ein permanentes Ungleichgewicht im Welthandel zu unkontrollierbaren Geldströmen führt. Diese Ströme können langfristig Spekulationsblasen und Währungskapriolen verursachen. Ökonomisch ist das alles eher unbestritten. Doch was sind die Gründe für das Ungleichgewicht? Entstanden sie durch unlautere Wettbewerbsvorteile oder aus ökonomischen Weichenstellungen heraus? Welche Lehren sind daraus zu ziehen, um die Verzerrungen im Welthandel zu beseitigen? Eine Lösung scheint kompliziert.

Um einer Antwort dennoch näher zu kommen greifen wir doch einfach zwei Beispiele für eine Aktive (Überschüsse) und Passive (Defizitäre)  Handelsbilanz einer Volkswirtschaft heraus. Die USA importiert bereits seit Jahrzehnten viel mehr als sie exportiert. Der Ursprung dieser verfehlten Entwicklung liegt in den siebziger Jahren. Bis dahin wies Amerikas  Handelsbilanz höchstens kleinere Defizite aus. Die erste Ölkrise 1973 und die daraus resultierende Rezession der Weltwirtschaft trafen die USA völlig unvorbereitet und darum besonders hart. Als politische Antwort darauf sollte der Konsum der Bürger fortan die US Wirtschaft stabilisieren und unabhängig von externen Wachstumsfaktoren machen. Auch das ist ein Grund für die chronisch niedrige Sparquote der US Bürger. 1977 kam es erstmals zum großen Einbruch der US Handelsbilanz. Die von der Krise hart getroffene US Industrie konnte sich auch in der Folgezeit nicht wieder vom Ölschock erholen, da eine staatliche Förderung von „Made in USA“ ausblieb. Stattdessen wurde eine schnelle Lösung des Problems gewählt und die Finanzwirtschaft wurde nun massiv unterstützt. Somit wurde die Deindustrialisierung der US Volkswirtschaft vorangetrieben. Seit 1985 schrumpfte so der Anteil der industriellen Fertigung am US BIP von 23,2% auf 12,8%. Mit dem Niedergang der Industrie stieg nun auch das jährliche Handelsbilanzdefizit der USA. Die Exportquote ging zurück und die Importquote zog an. Aber diese Fehlentwicklung wurde bewusst ignoriert. Bezahlt wurde der Konsum der Amerikaner durch den staatlich subventionierten Immobilienmarkt mit der bekannten Preisblasebildung. In der Folge dieses Ungleichgewichts entstanden Auslandsschulden. Als die Immobilienblase platze geriet die gesamte Welt in diesen Strudel. Das Handelsbilanzdefizit der USA lag in der Spitze bei über 600 Mrd. US Dollar.

Deutschlands Wirtschaft hingegen erzielt traditionell hohe Exportüberschüsse. Die starke Exportorientierung des Landes liegt zunächst einmal an der geografisch günstigen Lage im Zentrum Europas. Darüber hinaus hat sich Deutschland durch Blut, Schweiß und Tränen nach dem 2. Weltkrieg politisch neu erfunden, ohne die ökonomischen Stärken der Vergangenheit preiszugeben. Ein wirtschaftlicher und politischer Kraftakt. Ein starker Industriezweig bildet somit das Rückgrat der deutschen Wirtschaft und die Marke „Made in Germany“ steht mittlerweile weltweit für Qualität. Besonders die Bereiche Automobil, Maschinenbau und Pharma wurden weiter ausgebaut. Deutschland hat wirtschaftspolitisch immer an der eigenen Industrieproduktion festgehalten und die eigene Wirtschaft immer wieder modernisiert um wettbewerbsfähig zu bleiben. Selbst während der Boomjahre an den Finanzmärkten -als man im Ausland Deutschland als kranken, alten Mann Europas beschimpfte- erlag man nicht der Versuchung die deutsche Wirtschaft in eine übergroße Investmentbank umzuwandeln. Der Handelsbilanzüberschuss beträgt dieses Jahr voraussichtlich 134 Mrd. Euro und soll 2011 sogar noch weiter steigen. Die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands entsteht nicht durch Währungsmanipulationen oder andere Taschenspieler Tricks. Der Exporterfolg der deutschen Wirtschaft liegt in der enormen Wettbewerbsfähigkeit deutscher Unternehmen begründet. Diese entstand aus einer Reihe von richtig gefällten ökonomischen Grundsatzentscheidungen. Im Verbund mit dem Fleiß der Menschen und der Innovation von Unternehmen erarbeitete sich Deutschlands Wirtschaft - ohne unlautere Mittel-  einen Wettbewerbsvorteil gegenüber anderen Volkswirtschaften. Einige dieser Länder zeigen sich nun als schlechte Verlierer und fordern beispielsweise eine Begrenzung der deutschen Exporte. Unter dem Strich versuchen sie Deutschland (Japan, China u.a. ) für die eigenen ökonomischen Fehlentscheidungen der Vergangenheit verantwortlich zu machen.

Es muss zwar eine Lösung für das Ungleichgewicht des Welthandels gefunden werden, sonst könnte Protektionismus eine Folge der Verwerfungen sein und das würde das Wachstum der Weltwirtschaft gefährden. Doch ist keinem damit geholfen, dass mit dem Finger auf den anderen gezeigt wird.  Ein Ungleichgewicht im Welthandel kann nur gemeinsam ausgeglichen werden. Die Lösung des Problems liegt in einer kombinierten internationalen Zusammenarbeit. Handelsbilanzdefizitäre Länder - beispielsweise die USA- müssen ihre Verschuldung radikal bekämpfen um ihre Importquoten zu senken. Die Exporte müssen durch die Reindustrialisierung des Landes angekurbelt werden. Exportstarke Nationen hingegen müssen ernsthaft beginnen ihren Binnenmarkt zu stärken in dem sie strukturelle und auch steuerliche Anreize dafür schaffen. Sobald Defizitländer ihre Fehler der Vergangenheit korrigieren und Überschussländer den Binnenmarkt stärken kommt langfristig der Welthandel wieder ins Gleichgewicht. Doch das wird Zeit brauchen.