Der Rechtsanwalt Andreas Vgenopoulos ist einer der illustren Unternehmer, die in der Zeit der so genannten „Euro-Party“ das wirtschaftliche Geschehen in Griechenland maßgeblich beeinflussten. Um seine Person entwickelt sich ein Skandal, dessen Auswirkungen die Regierung Tsipras in Erklärungsnot bringen. Vgenopoulos selbst ist die Inkarnation des Klischees eines Teflon-Mannes, nichts scheint an ihm hängen zu bleiben. Die Geschichte um ihn liest sich wie ein Plot aus einem B-Movie aus der Cine Noir Ära. Und doch spiegeln sich in ihr viele exemplarische Eigenheiten der jüngsten griechischen Geschichte wieder.

Ein Selfmade-Manager

Fast aus dem Nichts stieg er zur Zeit des griechischen Wirtschaftswunders als der damalige Premier Kostas Simitis das Land in die Eurozone brachte, in die erste Liga der griechischen Unternehmer auf. Als die Wirtschaftskrise im Land ausbrach, Ende 2009, Anfang 2010, befand sich Vgenopoulos auf dem bisherigen Höhepunkt seiner Karriere. Er hatte die staatliche Fluggesellschaft Olympic, die von Aristoteles Onassis an den Staat übertragen worden war, aufgekauft. Sein Investment Funds, die Marfin Investment Group, hatte ein Vermögen von knapp 15 Milliarden Euro gesammelt. Eigenes Kapital riskierte Vgenopoulos bei seinen Aktivitäten kaum. Er sammelte Gelder von anderen griechischen und internationalen Unternehmern. 2008 war Vgenopoulos vom stellvertretenden CEO zum CEO aufgestiegen.

Auch heute noch ist die MIG, deren Börsenwert mittlerweile auf 192.574.045,13 Euro (Stand 9,6.2016) abgesunken ist über ihre Unternehmensbeteiligungen eine Größe im griechischen Wirtschaftsmarkt. Sie ist auf dem Lebensmittelsektor, in der Schifffahrt (Super Fast Ferries, Blue Star Ferries), im Privatkrankenhaussektor, im Hotelgewerbe und in der IT-Branche als Mehrheitsaktionär an marktführenden Unternehmen beteiligt.

Das ist kein Vergleich zu dem, was einst MIG ausmachte. Vgenopoulos hatte bei der Privatisierung des griechischen Telekommunikationsmonopols OTE zugegriffen. Den Griechen gegenüber war es seinerzeit leichter zu vermitteln, dass ein einheimisches Unternehmen das Staatsunternehmen übernahm. Vgenopoulos jedoch verkaufte seine Anteile schnell an die Deutsche Telekom und gewann dabei 140 Millionen Euro. Die Öffentlichkeit war entsetzt, galt der Kauf von OTE durch die MIG doch zunächst als Abwehr einer Übernahme durch die ungeliebte Telekom.

Auch im Fall der von der MIG 2009 erworbenen Olympic landete das privatisierte Staatsunternehmen schließlich genau in den Händen, in die es angeblich nicht sollte. Den einstigen Stolz der griechischen Luftfahrt verscherbelte Vgenopoulos 2013 an die Aegean Airlines. Diesmal war es ein Deal mit erheblichem Verlust. Dazwischen lagen für den Unternehmer Vorfälle, welche ihn ins Visier der Justiz brachten.

Die Schattenseiten des Finanzgenies

Während der Abstimmung über Griechenlands Gang unter den Rettungsschirm von IWF, EU und EZB gab es in Athen einen Generalstreik. Hunderttausende protestierten auf den Straßen. In den zur MIG gehörenden Filialen der Marfin Bank war eine Teilnahme am Streik verboten worden. Die Angestellten mussten arbeiten. Dabei lag eine der Filialen an der Stadiou-Straße mitten im Brennpunkt der Demonstrationen. Molotow-Cocktails wurden von immer noch unbekannten Tätern in die Filiale geworfen. Das Gebäude selbst verfügte über keinen den Gesetzen entsprechendem Brandschutz. Zudem waren Notausgänge von der Direktion verschlossen worden. Drei Menschen, darunter eine Schwangere, kamen bei dem Desaster ums Leben. Für die Verstöße gegen Arbeitsrechte und Brandschutzbestimmungen wurden niedrigere Chargen der Bank verurteilt. Vgenopoulos selbst blieb unangetastet.

Vgenopoulos Ansehen bei der Bevölkerung litt auch unter seinen Aktivitäten im Profisport. 2008 spielte er sich als Retter der Traditionsmannschaft Panathinaikos Athen auf. Zunächst bescherte sein Engagement dem Team 2010 das Double aus Meisterschaft und Pokal. Ein Jahr später verließ Vgenopoulos im Streit die Clubführung und hinterließ einen Scherbenhaufen.

Endgültig zu Unperson wurde er durch seine Rolle in der Pleite Zyperns. Die MIG hatte unter dem Namen Marfin Popular Bank ihre Aktivitäten im Banksektor zusammengefasst. Die griechische Marfin ging dabei in der zypriotischen Popular Bank, der seinerzeit zweitgrößten Bank der Insel, auf. Der Hauptsitz des Bankengeschäfts wurde nach Zypern verlegt.

Zypern – das Waterloo für Vgenopoulos

Das Bankengeschäft wurde nachhaltig durch den griechischen Schuldenschnitt für private Gläubiger, das so genannte Private Sector Involvement (PSI) geschädigt. Zudem hatte die Marfin Popular Bank neben den von anderen europäischen Großbanken aufgekauften griechischen Staatspapieren auch Milliardensummen von Krediten an griechische Wirtschaftsunternehmen in den Büchern. Allein der Schaden durch den Schuldenschnitt der griechischen Staatspapiere wurde von der Marfin Popular Bank Ende Februar 2012 auf 2,5 Milliarden Euro beziffert. Anders als den griechischen Geldhäusern standen der nominell als zypriotische Bank operierenden Marfin keine Ausgleichszahlungen aus dem europäischen Bankenrettungsfonds zu. Die Bank geriet hoffnungslos in Schieflage und musste vom zypriotischen Staat gerettet werden. Zypern bezifferte den Schaden auf knapp vier Milliarden Euro, ungefähr ein Fünftel des BIPs der Insel. Die Marfin-Pleite trug somit maßgeblich zur Zyperns Finanzkrise, die sich im Frühjahr 2013 manifestierte, bei. Die Bank wurde zerschlagen. Das griechische Geschäft ging an die dortige Konkurrenz, auf Zypern gab es eine Spaltung in deine gute und schlechte Bank. Sparer mussten auf den Großteil ihrer Einlagen verzichten.

Vgenopoulos selbst präsentiert sich als Opfer dieser Pleite. Der zypriotische Staat jedoch hatte Ermittlungen gegen ihn eingeleitet, konnte dem Manager jedoch keinen konkreten Gesetzesverstoß persönlich anlasten. Angeklagt und noch nicht rechtskräftig verurteilt sind in diesem Fall ehemalige Mitarbeiter von Vgenopoulos.

Ein juristisches Nachspiel gab es allerdings auch in Griechenland. Die dortigen Ermittlungen waren im Winter 2015 von der zuständigen Staatsanwältin Georgia Tsatani zu den Akten gelegt worden. Tsatani sah keine Indizien für strafwürdiges Verhalten bei Vgenopoulos. Dies wiederum goutierten weder der stellvertretende Justizminister Dimitris Papangelopoulos noch die Oberste Richterin von Griechenlands höchsten Gericht, dem Areopag, Vassiliki Thanou. Sie leiteten ein Disziplinarverfahren gegen Tsatani ein und setzten diese, nach deren eigenen Aussagen unter Druck. Papangelopoulos soll Tsatani gegenüber wörtlich gesagt haben, dass sie kein Weihnachtsfest feiern könne, wenn sie ihre Entscheidung nicht revidieren würde. Die Oppositionsparteien wittern eine verbotene Einflussnahme der Regierungsgewalt in die Justiz und nutzen die Affäre zur eigenen Profilierung aus.

Das juristische Nachspiel

Zu den kursierenden, wilden Verschwörungstheorien passt, dass Vassiliki Thanou vor den vorgezogenen Neuwahlen des Septembers 2015 zur Interimspremierministerin wurde, weil Tsipras außer ihrem Posten keines der anderen Ämter der obersten Richter des Landes neu besetzt hatte. Der in westlichen Ländern verpönte Hang hinter jedem dubiosen Vorgang eine Verschwörung zu sehen, zählt in Ländern wie Griechenland zum salonfähigen, alltäglichen Small-Talk.

Thanou selbst hatte zu Tsipras Oppositionszeit mit dem damals linken Politiker nahe stehenden eigenen Positionen auf sich aufmerksam gemacht. Sie ist gegen jegliche Kritik empfindlich, und schreckt auch nicht davor zurück Blogbetreiber für ihrer Ansicht nach beleidigende Kommentare zu ihrer Arbeit mit Klagen zu überziehen. Papangelopoulos war zur Zeit der Regierungsgewalt des konservativen Kostas Karamanlis (2004-2009) Chef des Geheimdienstes.

Den vorläufigen Schlusspunkt setzte jedoch Vgenopoulos. Er trat vor Monatsfrist vor die Presse und veröffentlichte, dass er selbst eine Klage gegen Thanou eingereicht habe. Vgenopoulos wirft der obersten Richterin vor, dass diese ihn gegen Bestechungsgelder Straferlass versprochen habe. Der Erpressungsversuch, zu dem Vgenopoulos nach eigenen Angaben stichhaltige Beweise besitzt, soll über eine Mittelsfrau stattgefunden haben.

Juristisch stellt Vgenopoulos Anzeige die griechische Justiz vor erhebliche Probleme. Anklagen gegen oberste Richter müssen laut Verfahrensordnung vom Areopag bearbeitet werden. Dessen Mitglieder gelten jedoch im vorliegenden Fall als befangen. Es auch nicht einfach, Ersatz zu finden. So konnte zum Beispiel eine für den Fall vorgesehene Staatsanwältin die Akte nicht annehmen, weil ihr Sohn in einem Arbeitsverhältnis zu Vgenopoulos Unternehmen steht.

Sollten sich Vgenopoulos Vorwürfe bestätigen, dann wird dies die politische Landschaft in Griechenland nachhaltig erschüttern. Anhänger aber auch erklärte Feinde von Vgenopoulos gehen davon aus, dass der Mann, der bis jetzt geschickt jeder juristischen Verantwortung aus dem Weg ging, kaum so dumm sein kann, eine so schwerwiegende Anklage ohne Beweise zu erheben. Letztere möchte Vgenopoulos erst veröffentlichen, wenn die Justiz das Verfahren gegen Thanou zu lange verzögert.