Wissen Sie was genau heute vor 152 Jahren, also am 24. August 1857, geschehen ist? Eine New Yorker Filiale der Ohio Life Insurance Company musste an diesem Tag Zahlungsunfähigkeit gegenüber ihren Gläubigern verkünden. Dies war der Auslöser der ersten Weltwirtschaftskrise – der Weltwirtschaftskrise von 1857! Spekulationen der Banken führten schon damals zu einem Kollaps. Seither hat man offensichtlich nichts dazu gelernt.

Betrachten wir uns einmal die Zusammenhänge genauer. In den Jahrzehnten vor der Krise wurde der Westen der Vereinigten Staaten mehr und mehr besiedelt. Es war die Zeit, in der viele Siedler aus dem damals schon recht industrialisierten Nordosten regelrecht in den Wilden Westen strömten.

Die Folgen waren eine immer stärkere Nachfrage nach Land und ein damit verbundener deutlicher Boom bei den Landpreisen. Und schon waren die Banken auf dem Plan, die bei diesen Preissteigerungen das große Geschäft witterten.

Ab den Achtziger Jahren des Neunzehnten Jahrhundert wurde verstärkt mit Eisenbahnaktien spekuliert. Schließlich mussten Waren und Güter in dem riesigen Land verteilt werden. Baumwolle, Tabak und Zucker aus dem Süden. Rinder, Weizen und Mais aus dem Westen.

Alles musste in den Nordosten, mit seinen Fabriken, Fertigungsstätten und Hauptumschlagplatz des Überseehandels mit Europa und Asien, transportiert werden. Durch das rasche Wachstum der damals noch jungen Nation stellte sich ein ungebremster Warenstrom ein und die Eisenbahnunternehmen wuchsen unaufhörlich.

Und schon hatten sich Geschäftsideen entwickelt, die einzig darauf ausgelegt waren, dass Preise steigen – seien es die Landpreise im Westen oder die Aktienpreise der Eisenbahnunternehmen. Es wurde gekauft, nur um zu einem späteren Zeitpunkt wieder teurer weiterverkaufen zu können.

Eigentlich eine recht einfache Art Geld zu verdienen. Allerdings geht dieses Modell nur dann auf, wenn die Preise auch tatsächlich immer anwachsen. Das dies nicht immer der Fall sein kann, hätte jedem klar sein müssen. War es aber offensichtlich nicht.

In den Jahren 1856 und 1857 zogen weitaus weniger Menschen in den Westen als in den Jahren zuvor. Dementsprechend sank die Nachfrage nach neuem Land deutlich. Und mit sinkender Nachfrage sind natürlich immer auch fallende Preise verbunden.

Zusätzlich war in Europa im Jahr 1856 der Krimkrieg zu Ende. Somit konnte die alte Welt Weizen wieder wesentlich günstiger aus Russland und Osteuropa beziehen als aus den Vereinigten Staaten von Amerika.

Weniger neue Siedler im Westen und eine deutlich geringe Weizennachfrage aus Europa genügten damals schon, um das Transportaufkommen der Eisenbahnen zurückgehen zu lassen. Und wo weniger transportiert wird, wird auch weniger Umsatz generiert, der Gewinn bricht ein und die Aktienkurse fallen.

Alles ganz normal und auch überhaupt nicht bedenklich für ein Wirtschaftssystem, allerdings der Todesstoß für Geschäftsmodelle, die ausschließlich auf steigende Preise setzen. Und so kam es am 24. August 1857 dazu, dass die Ohio Life Insurance Company zahlungsunfähig wurde, weil sie sich vehement mit Eisenbahnaktien verspekuliert hatte.

Viele Banken und Versicherungen hatten selbst darunter zu leiden und hatten zu allem Überfluss der Ohio Life Insurance Company in großem Umfang Kredite gewährt, die sie jetzt erst einmal alle abschreiben konnten. Um an liquide Mittel zu kommen wurden Kredite von anderen Schuldnern zurückgefordert, vor allem Klein- und mittelständige Unternehmen, die dadurch in arge Bedrängnis gerieten.

Da das gesamte Finanzsystem miteinander verflochten war, wurde eine regelrechte Kettenreaktion ausgelöst und kleine Geschäftsbanken brachen der Reihe nach zusammen. Ein Bank Run setzte ein, da die Bevölkerung Angst um ihre Spareinlagen hatte.

Großbanken waren zuerst weniger betroffen, doch da auch sie herbe Spekulationsverluste erleiden mussten und mit deutlichen Mittelabflüssen zu kämpfen hatten, stellten sie die Kreditvergabe an Unternehmen fast vollkommen ein.

Die Bankenkrise an sich war relativ kurz, nur ein paar Monate und schon war der Bankensektor wieder liquide, doch die Nachwirkungen auf die reale Wirtschaft waren umso schlimmer. Die Industrie musste bestehende Kredite zurückzahlen und bekamen keine neue mehr. Unternehmen meldeten Konkurs, die Wirtschaft brach ein. Sogar die amerikanische Regierung geriet in Finanznot, ihre beiden Haupteinnahmequellen waren Exportzölle und Absatzprovisionen bei Landverkäufen. Beide gingen deutlich zurück.

Doch die Auswirkungen waren nicht nur auf Amerika beschränkt. Die Finanzzentren Europas waren ebenso wie heute mit den Banken in den Vereinigten Staaten verbunden. Handelswechsel platzen der Reihe nach. Die prall gefüllten Lagerhäuser in Hamburg fanden keine Abnehmer mehr, die Nachfrage blieb aus.

Die Parallelen zur aktuellen Krise sind erschreckend und ein deutliches Anzeichen für die Tatsache, dass Menschen offensichtlich nicht aus ihren Fehlern lernen. Es werden Geschäftsmodelle entwickelt, die ausschließlich von immer weiter steigenden Preisen ausgehen. Dann wird spekuliert, und zwar in einem vollkommen realitätsfremden Maße.

Sei es nun Spekulationen mit Tulpenzwiebeln im Holland des 17. Jahrhunderts, mit Eisenbahnaktien im 19. Jahrhundert oder mit Häuserpreisen auf dem US-amerikanischen Immobilenmarkt im 21. Jahrhundert.

Die Ergebnisse sind immer gleich: Wirtschaftskrise und Rezession.