Kurze Zeit nach meiner letzten persönlichen Begegnung mit Peter Scholl-Latour - im Sommer 2014 - flog ich nach Peking, von wo aus ich per Bahn nach Moskau reiste.

Nach meiner Rückkehr versuchte ich, Scholl-Latour telefonisch in Südfrankreich zu erreichen, wohin er sich meistens zurückzog, um dort seine Bücher zu schreiben.

Dort war er aber ebenso wenig anzutreffen, wie in Paris oder Berlin. Erst Ende Juli sprach ich Scholl-Latour dann wieder am Telefon. Ich erreichte ihn per Handy an seinem Wohnsitz am Rhein, die Verbindung war alledings sehr schlecht. Seine Stimme klang belegt. Ich sagte ihm, dass ich ihn nur schlecht verstehen kann, worauf er entgegnete, das liege daran, dass er gesundheitlich angeschlagen sei.

In den letzten Wochen hatten Sie es also nicht leicht?", erkundigte ich mich.
"Seit 1924, seit dem Tag meiner Geburt, habe ich es nicht leicht gehabt!", gab Scholl-Latour lachend zur Antwort...

"Kurz nach Ihrem letzten Besuch, bin ich in meiner Berliner Wohnung unglücklich gestürzt. Außer ein paar Platzwunden ging es noch einmal gut. Allerdings war der ganze Boden voller Blut. Wäre ja auch ein komisches Ende gewesen, wenn ich mir in meiner Wohnung das Genick gebrochen hätte, nach alldem, was ich im Laufe meines Lebens erlebt habe."

Wir lachten beide.

Schließlich kamen wir auf die aktuelle Weltlage zu sprechen und ich fragte den großen Chronisten und Publizisten unseres Zeitalters "Herr Scholl-Latour, wie würden Sie Ihr nächstes Buch nennen, wenn Sie noch eines schreiben würden?"

Seine Antwort kam unmittelbar "Die Katastrophe!".

Peter Scholl-Latour bezog sich in seiner damaligen Aussage, das ergab sich aus dem weiteren Inhalt des Gespräches, auf die katastrophale Außen- und Verteidigungspolitik des Westen gegen über den Staaten des Nahen und Mittleren Ostens, vor deren katastrophale Folgen er seit Langem gewarnt hatte.

In den Monaten vor seinem Tod, bei unseren letzten Begegnungen und Gesprächen, erlebte er noch den Aufstieg von ISIS und deutete eine Flüchtlingsproblematik unglaublicher Dimension an.

Heute, zwei Jahre später, herrschen Krieg in Syrien, Irak sowie im Jemen. Die Staaten der Region, aufgepeitscht durch diverse Regional- und Großmächte, stehen sich in unterschiedlichen Lagern gegenüber, tobt ein globaker Machtkampf, um diese rohstoffreiche Region, die strategisch von erster Bedeutung ist und deren Geschichte so alt ist wie die Menschheit selbst.
Unterstützt und aufgerüstet durch den Westen, fungieren die Türkei und Saudi-Arabien als dessen Allierte.

Iran stellt sich diesen Strategien entgegen, und wird dabei in Syrien und dem Irak von Russland, China und einer Reihe von anderen Staaten unterstützt. Das ganze Szenario wird überschattet, durch die mörderische Rivalität zwischen Saudi-Arabien und Iran, welche sich zunehmend auch auf Afghanistan auswirkt.
Sowohl für Saudi-Arabien als auch den Iran spielt die Vormachtstellung in Afghanistan eine zentrale geopolitische Rolle.

In dem US-Magazin "Foreign Affairs" war zu lesen, dass Afghanistan für Saudi-Arabien im Gegensatz zum Jemen eine nachrangige Machtsphäre darstellt. Bei dem Engagement Riads gehe eher darum, dem Iran möglichst viel Schaden bei geringem Aufwand zuzufügen, so Foreign Affairs... Allerdings sehe Riad seine Stellung auch als Druckmittel und Machtdemonstration für zukünftige Verhandlungen mit den USA, deren Beziehungen mit dem Königreich unter anderem auch aufgrund des Atomabkommens mit dem Iran deutlich abgekühlt ist.

Iran stellt für Afghanistan eine Art Schutzmacht da, insbesondere für die schiitische Minderheit dort, die etwa 20% der Bevölkerung ausmacht, sowohl für die Dari und Tadschik-sprachige Bevölkerung, aufgrund der ethnischen Verwandschaft zum Nachbarland. Über die schiitischen Gruppierungen in Afghanistan exportiert Teheran Politik und Ideologie der Iranischen Revolution. Das Land finanziert aber nicht nur Politik und Organisationen, auch durch Investitionen in Infrastruktur und Bildung Einfluss aus.

Russland hat unter Putin zu einer neuen Machtpolitik zurückgefunden, im Stile des "Great Game", welches von allen involvierten Mächten dort gespielt wird. Für Moskau präsentierte sich die Niederlage der westlichen Allianz als Genugtuung und Sorge zugleich.

Der geplanten Aufteilung der Levante, in westliche Interesenzonen, tritt Russland mit seinem militärischen Engagement in Syrien energisch entgegen.
Das Moskau in diesem Zusammenhang eine Schutzmacht darstellt, für die bedrohten Christen des Orients, während der Westen mit den Wahhabiten kollaboriert, sollte jedem neutralen Beobachter dieses Geschehens zu Denken gebe.

Aus den verheerenden Fehlern der vergangenen Jahre scheint die westliche Allianz nichts gelernt zu haben. Im Gegenteil.

NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg verkündete am Dienstag in Brüssel herrisch, dass nun auch AWACS-Aufklärungsflugzeuge im NATO-Auftrag Syrien und den Irak ausspionieren. Ferner werde die NATO außerdem ihre Präsenz im Mittelmeer und in der Schwarzmeerregion »verstärken«, um die »weitere Nachbarschaft« zu »stabilisieren«. Der Kampf gegen den IS wolle das Kriegsbündnis »forcieren«, so Stoltenberg. Die »Unterstützung« für den Irak soll ausgebaut werden Die NATO folgt damit den Kriegsspuren und militärischen Fehlleistungen, den die USA, Deutschland, Großbritannien und Frankreich mit ihren regionalen Verbündeten schon begonnen haben.

Vor 100 Jahren waren Frankreich und Großbritannien schon einmal an der Aufteilung der Region beteiligt, nachdem sie in dem abgeschlossenen geheimen Sykes-Picot-Abkommen ihre nationalen »Interessensphären« im »fruchtbaren Halbmond« abgesteckt hatten. Heute, ein Jahrhundert später, findet eine militärische Auseinandersetzung und ein Gemetzel darum statt, was von den Trümmern dieser Ordnung noch zu retten ist.

Peter Scholl-Latour hatte in diesem Zusammenhang immer Paul Valery zitiert, der es einst so fomulierte:

"Et nous voyons maintenant que l'abîme de l'histoire est assez grand pour tout le monde" (Und wir sehen jetzt, dass der Abgrund der Geschichte Raum hat für alle).