In der Tradition von Keynes und Tobin

Mit dem neuen Monat wechselt US-Notenbankchef Ben Bernanke in den (Un)-Ruhestand. Ihm folgt Janet Yellen als erste Chefin der US-Notenbank (Federal Reserve/Fed).  Damit wird Yellen als zum jetzigen Zeitpunkt mächtigste Frau der Finanzwelt in die Geschichtsbücher eingehen. Mit Yellens Kür wollten Politik und Geldpolitik aber keine neuen Maßstäbe setzen. Sie wollen vor allem eines: Kontinuität in der Geldpolitik. Ein Portrait..

Die Stoßrichtung ist klar: Die Fed müsse “mehr Arbeit in die Erholung” der US-Wirtschaft investieren, hatte Janet Yellen kurz nach ihrer Kandidatenkür in einer Rede vor dem US-Senat gesagt. Damit reihte sich die Ökonomin in die Linie ihres kommenden Vorgängers, aber auch in die Linie von Mario Draghi ein. Der Präsident der Europäischen Zentralbank hatte im Sommer 2012 bekräftigt, dass die EZB alles unternehmen werde, um den Euro zu bewahren.

Die EZB ist für stabile Preise zuständig, die Fed begreift ihren Auftrag etwas weiter. Aus diesem Grund hat Ben Bernanke die Richtung der US-Geldpolitik an die Entwicklung am Arbeitsmarkt geknüpft. Janet Yellen hat als Mitglied des Offenmarktausschusses diese Strategie mitentwickelt und -getragen. Damit zieht eine “Taube” auf den Chefsessel der Fed. Als solche werden im Finanzsprech Vertreter einer laxen Geldpolitik bezeichnet, die eine hohe Arbeitslosigkeit mehr fürchten als hohe Inflationsraten.

Fed als Inlflationstreiber?

Der ehemalige Bundeskanzler Helmut Schmidt hatte einmal gesagt, er wolle "lieber fünf Prozent Inflation als fünf Prozent Arbeitslosigkeit." Am Ende bekam er beides. Genau dieses Szenario befürchten auch die Kritiker  Yellens, zumal die Wirtschaftsprofessorin aus der entsprechenden Schule zu stammen scheint.In ihrer Doktorarbeit hatte sie Ursachen und Kosten der Arbeitslosigkeit untersucht. Ihr Doktorvater damals war James Tobin, jener Wirtschaftswissenschaftler, der die “Tobin-Steuer” entworfen hatte. Mit einer niedrigen Abgabe auf Währungsgeschäfte wollte Tobin kurzfristige Spekulationen auf Wechselkurse eindämmen. 

Die Idee hat während der Finanzkrise an Aktualität gewonnen. Mehrere Regierungen erwogen die Einführung einer Börsenumsatzsteuer auf alle Finanzgeschäfte, und Globalisierungsgegner sehen Tobin gar als Heilmittel gegen die von ihnen generell verurteilte Spekulation. Tobin hatte sich als Befürworter freier Märkte stets gegen eine solche Vereinnahmung gewehrt. Das Thema gewinnt gerade wieder an Aktualität. China erwägt eine “Tobin-Steuer” auf Devisengeschäfte. So soll der erwartete Zufluss ausländischen Kapitals eingedämmt werden.

“Deficit Spending” als Leitmotiv

Ob Janet Yellen solche fiskalischen Maßnahmen befürwortet, ist nicht bekannt. Auch bei der Anhörung vor dem US-Senat, gab sie sich in dieser Frage bedeckt. Sicher ist aber, dass ihr Doktorvater Tobin in der Tradition des Ökonomen John Maynard  Keynes steht, der ebenfalls in der Finanzkrise an Aktualität gewonnen hat.

Keynes ist der Verfechter des “Deficit Spending”, nach dem der Staat in Krisenzeiten durch erhöhte Ausgaben die Wirtschaft stimulieren sollte. Auf der anderen Seite könnten durch niedrige Zinsen  Unternehmen ermuntert werden auf Kredit zu investieren. Ziel ist es dabei immer, dass mehr verfügbares Einkommen in den Taschen der Verbraucher landet, das dann in den Konsum fließt.

Eine Beraterin Clintons

Das klingt alles schon sehr nach der aktuellen Agenda der Federal Reserve. Allerdings übersieht die Politik gern eine Kleinigkeit im Keynesianismus. Im Aufschwung müsse dann nach der Ausgabenschwemme gespart werden. Danach hat es im US-Haushalt bislang nicht ausgesehen.

Janet Yellen teilt aber neben der Tendenz zu einer eher lockeren Geldpolitik noch eine weitere Gemeinsamkeit mit Keynes.  Beide suchten die Nähe zur Politik. John Maynard Keynes war nach dem ersten Weltkrieg als Vertreter des britischen Schatzamts Mitglied der britischen Delegation bei den Versailler Vertragsverhandlungen zugegen und beriet zeitlebens Politker vor allem der Labour-Partei, der er auch angehörte. Yellen wurde 1997 in den Wirtschaftsrat von US-Präsident Bill Clinton berufen. Die Berkeley-Professorin war damit daran beteiligt, dass eine US-Regierung erstmals seit 1969 einen ausgeglichenen Haushalt vorlegen konnte.

Verheiratet mit einem Nobelpreisträger

Das Auftreten Janet Yellens wirkt stets bescheiden. Dabei kann die 67jährige stolz auf ihre steile akademische Karriere sein. Die Tochter eines jüdischen Arztes ist im New Yorker Stadtteil Brooklyn aufgewachsen. Während ihres beruflichen Aufstiegs lernte die den Ökonomen George A. Akerlof kennen, den sie 1978 heiratete. Es steht außer Zweifel, dass sich das Paar beruflich maßgeblich beeinflusst hat.

Akerlof erhielt im Jahr 2001 den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften. Zu seinen bekanntesten Veröffentlichungen gehört “Markets for Lemons”, in der der Ökonom nachwies, dass freie Märkte nicht funktionieren, wenn Käufer und Verkäufer nicht auf dem gleichen Informationsstand sind. Die sozialen Umstände im Spiel von von Angebot und Nachfrage beschäftigen Akerlof ebenso, was ziemlich nah am Arbeitsgebiet Yellens liegt.

Helmut Kohl war interessiert

Gemeinsam haben sich Yellen und Akerlof mit den Auswirkungen der Währungsunion nach der deutschen Wiedervereinigung beschäftigt. Ihre These gegen eine schnelle Angleichung der Löhne in Ost und West untermauerten sie mit der  Prognose, dass Menschen aus dem Osten niedrigere Löhne als Preis dafür akzeptieren würden, um in der Heimat bleiben zu können. Der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl soll aufmerksam zugehört haben.

Akerlof sieht sich als Ideengeber Yellens. Der Berkeley-Professor war aber auch einer der schärfsten Kritiker der Wirtschaftspolitik von US-Präsident George W. Bush, die er als die schlechteste in der Geschichte der Vereinigten Staaten bezeichnete. Diese Haltung erklärt sicherlich die Skepsis, die die republikanische Partei gegenüber Janet Yellen hegt.

Keine zweite Wahl

Spürbare Auswirkungen hat diese Skepsis jedoch nicht gehabt. Yellen erhielt mühelos die erforderlichen Stimmen. So wirkt sich der Malus, vermeintlich zweite Wahl zu sein, nicht aus. Ursprünglich hatte US-Präsident Obama den ehemaligen US-Finanzminister Lawrence Summers favorisiert, doch dieser hatte seine Kandidatur überraschend zurück gezogen.

Auf Yellen kommen schwierige Zeiten zu. Die US-Notenbank hält seit nunmehr fünf Jahren die Leitzinsen nahe der Nullinie. Auch im laufenden Jahr dürften die Dollar-Hüter diesen Korridor zwischen 0,0 Prozent und 0,25 Prozent nicht verlassen. Die Fed-Präsidentin wird also auf andere Weise dem Umstand Rechnung tragen, dass sich die Situation der US-Wirtschaft verbessert hat. Bis Dezember vergangenen Jahres hat die Fed Monat für Monat Anleihen und Immobilienpapiere im Wert von 85 Milliarden Dollar aufgekauft. Diese Programm wird nun langsam zurück gefahren.

Immobilienpreise und Arbeitslosigkeit

Fingerspitzengefühl ist da gefragt. Ein zu fester Tritt auf die Bremse könnte die Finanzmärkte in tiefe Depressionen stürzen. Bleibt die Geldpolitik zu lange locker, kann sie den Grundstein für die nächste Krise legen. Das Beispiel von Yellens Vor-Vorgänger Alan Greenspan ist noch allgegenwärtig. Der “Magier der Märkte” hatte die Zinsen nach den Krisenjahren zu lange zu niedrig gehalten und so den Grundstein für die Immobilienblase gelegt. Diese platzte, als die Zinsen zu spät und zu schnell angehoben wurden.